Generationswechsel im Austropop

Austropop

Während viele österreichische Austropop-Legenden das Pensionsalter erreicht haben oder kurz davor stehen, boomt die Szene mit jungen, spannenden Acts!

Seiler und Speer

Nicht nur international dünnt (altersbedingt) die Riege der Superstars nach und nach aus. Auch Österreich kann sich dem natürlichen Generationswechsel in der Musikszene nicht entziehen, meistert die Übung aber mit Bravour: Seit Jahrzehnten floriert beinah ohne Unterlass die Live-Community, und auch in den Charts können mittlerweile die jungen, wilden Künstler reüssieren.

Ostbahn Kurti
Einer der erfolgreichsten Künstler seit Jahrzehnten ist Kurt Ostbahn, vormals Ostbahn Kurti oder einfach Willi Resetarits. Er unterbricht wiederholt den Ruhestand, um in homöopathischen Dosen seine Fans bei „Klassentreffen“ zu begeistern. „Früher war es ja schon eine Sensation, wenn man ein Tonstudio betreten durfte“, erinnert er sich an die Anfangstage und weiß um die Vorteile moderner Technik: „Es ist mittlerweile viel leichter, zu Hause aufzunehmen in guter Qualität.“ Auch das Konsumverhalten habe sich dramatisch verändert, analysiert Ostbahn: „Beschallung durch die eigenen Kopfhörer und in öffentlichen Räumen ist allgegenwärtig. Der Zugang zu Musik ist viel einfacher.“

Er sagt es nicht explizit, doch diese Erinnerung dürfte wohl aus seiner eigenen Jugend stammen: „Wenn sich im Jänner 1964 ein 15-Jähriger die neue EP der Rolling Stones ,You Better Move On – Poison Ivy – Bye Bye Johnny – Money‘ leisten konnte, dann traf sich die ganze Band bei ihm, um bei Kerzenlicht die EP fünf Mal durchzuhören.“ Derart „auffälliges Verhalten“ deutet auf eine Leidenschaft hin, deren Credo sich durch die Jahrzehnte nicht verändert hat. „Wenn man Musik zum Lebensmittelpunkt erwählt, macht man das nicht, um reich zu werden“, ist Kurt Ostbahn überzeugt, „Es ist eher eine Berufung.“

Wanda
„Popmusik mit Amore“ katapultierte das Quintett um Frontmann Michael Marco Fitzthum alias Marco Wanda mit nur zwei Alben durch die Decke und Fans im gesamten deutschsprachigen Raum kennen kein Halten mehr.
Einem verklärten Blick auf die gute alte Zeit des Austro-Pop kann der Sänger nichts abgewinnen. „Nix war jemals einfach“, meint er, „ich betrachte nichts durch die Linse des Neides, aber leiwand muss es schon gewesen sein, Millionen an Tonträgern zu verkaufen und nicht nur Zigtausende.“ Die Voraussetzungen seien jedoch immer schon die gleichen gewesen: „Es erfordert zu jeder Zeit das gleiche Maß an Begabung, Berufung, Disziplin und Glück, um sich im Musikgeschäft zu etablieren.“

Das Phänomen der Liedermacher will der „Bussi Baby“-Macher nicht nur auf die Alpenrepublik begrenzt sehen. „Für mich waren die österreichischen Liedermacher dieser Zeit immer Spiegelungen der italienischen Liedermacher“, zieht Marco internationale Vergleiche, „In Lokalen oder im Taxi frag’ ich die Leute mit ausländischem Akzent immer nach den Liedermachern ihres Landes und ihrer Generation. Jetzt habe ich den Eindruck, es gibt in jeder Kultur einen Ambros, einen Danzer und so weiter. In Italien nennt man diese Musiker Cantautori, also von ,cantare‘, dem Singen und von ,autori‘, den Schriftstellern. Ich bin vielleicht auch so einer, wer weiß.“

Dem Hackel-ins-Kreuz-Werfen geht der Shootingstar aus dem Weg: „In einer Branche, in der hinter vorgehaltener Hand jeder über jeden schimpft, halt ich mich aus so was lieber raus. Ich muss ein drittes Album schreiben. Das ist mein Leben, Musik schreiben, nicht schimpfen. Mit Dingen, mit denen ich nix anfangen kann, beschäftige ich mich erst gar nicht.“

Boris Bukowski
Er hatte den „Fritze mit der Spritze“ im G’nack und beschwor in seinem größten Hit „Kokain“. So verankerte er den Namen Boris Bukowski fest in der Austro-Pop-Geschichte. Junge Musiker haben es heute schwerer, im Business Fuß zu fassen, zieht der jung gebliebene 70-Jährige einen Vergleich: „Das Internet seh’ ich als riesige Auslage, in der fünf Millionen Alben stehen. Wie soll ein Künstler da gefunden werden?“ Dennoch würde Boris heute wieder versuchen, mit Musik sein Geld zu verdienen, denn: „Ich war Gott sei Dank wenigstens so erfolgreich, dass ich das für mich wichtigste Privileg hatte, immer ausschließlich Musik machen zu können.“ Mit dem Wissen aus einer Jahrzehnte dauernden Karriere kann Bukowski die Veränderungen im Musikgeschäft von der ersten Reihe heraus analysieren. „Der Künstler muss heutzutage die gesamte Produktion selbst bezahlen. Von den Tonträgerfirmen bekommt er meistens nichts für seine Auslagen und muss meist auch Musikvideos aus eigener Tasche finanzieren. Dafür kriegt er eine minimale Beteiligung an kaum ins Gewicht fallenden Umsätzen, muss als Urheber seine Verlagsrechte abgeben und oft noch einen Prozentsatz seiner Konzertgagen an die Tonträgerfirma abliefern“, umreißt er die heute schwierigen Rahmenbedingungen. Eine Band, die es auch jenseits der Grenzen Österreichs zu respektablem Erfolg gebracht hat, gefällt dem Austro-Pop-Urgestein besonders gut: Bilderbuch. „Geile, minimalistische Arrangements, die gut abfahren und entzückend klingen. Ein guter Sänger, der keine blasse Semmel ist!“, freut sich Boris über dieses frische Blut.

Seiler und Speer
„Ham Kummst“ – nur ein Song katapultierte Christopher Seiler und Bernhard Speer aus dem Comedy-Eck in die höchsten Gefilde der Charts. Mit ihrem YouTube-Sensationserfolg um die Serie „Horvathslos“ waren sie Insidern längst bekannt – nun reihen sich die zweifachen AMADEUS-Gewinner in die Riege der Pop-Elite des Landes ein. Die Altväter der Austro-Szene haben es in den 70ern aber nicht leicht gehabt, meint Christopher. „Ich glaub’, es war alles schwieriger damals, sich grundsätzlich in diesem Bereich zu etablieren, da hat es das Internet noch nicht gegeben. Durch das Medium Internet ist es sicher leichter geworden, weil man in kürzester Zeit viel mehr Leut’ erreichen kann. Wenn das, was du machst, auch Qualität hat, wird es sich durchsetzen“, meint Seiler und ist überzeugt: „Ich glaub’ schon, dass wir es wesentlich leichter haben als damals.“

Klar, dass auch Seiler und Speer vom boomenden Austro-Pop der 80er geprägt wurden: „Ja, ich kann mit den österreichischen Musikern auf jeden Fall etwas anfangen. Ludwig Hirsch ist für mich einer der größten Geschichtenerzähler und Schauspieler“. Mit dem Wort „Vorbild“ hat Seiler seine Probleme: „Vorbilder seh’ ich immer kritisch, denn Vorbild heißt dann für mich, dass ich dem irgendwie nacheifere. Das haben wir nie gemacht. Das hab’ ich auch als Kabarettist oder Schauspieler nie gemacht. Aber unterbewusst werden wir durch vieles geprägt.“ Gerne erinnert er sich an seine Kindheit, als es ihm vor allem der dunkelgraue Poet angetan hatte: „Ich war einer der wenigen, glaub’ ich, die mit zehn schon Ludwig Hirsch gehört haben“, schwärmt Christopher und legte sich erst vor Kurzem die neue Hirsch-Compilation zu. „Natürlich bin ich dann auch mit Ambros und so in Berührung gekommen. Für mich hat Österreich sowieso so viele großartige Singer-Songwriter, Danzer und Cornelius zum Beispiel. Wir brauchen uns vor niemandem verstecken!“

Mo
„Send Me Roses“, „Smile“, „Spanish Harlem“ oder „Face Of Love“ – Günter „Mo“ Mokesch hat wie nur wenige andere Musiker der heimischen Szene seinen Stempel aufgedrückt. Vom Engagement bei der Hallucination Company in den frühen 80er-Jahren bis zur „Schönste(n) Band von Welt“, der er heute vorsteht. Im heutigen Getümmel sieht er Parallelen zu seinen Anfangstagen. „Die letzten Jahre waren meiner Meinung nach von einer lange nicht dagewesenen neuen Welle an bemerkens- wie teils gleichermaßen hörenswerten Bands, Einzelinterpretinnen und deren Werken gekennzeichnet“, beobachtet Mokesch. „Als zwischenzeitlich erfahrener Herr in den besten Jahren erlaube ich mir dieses durchaus auch für mich immer noch inspirierende Phänomen mit dem der frühen Achtziger zu vergleichen.“

Die Rolle der Medien sieht er gelassen: „Nicht vorrangig Medien, sondern primär die Künstler selbst sind für ihren mehr oder minder großen Erfolg verantwortlich. Junge Kreative erfahren durch die mannigfaltigen Möglichkeiten des Internets mit Sicherheit mehr Freiheiten. Gelichzeitig bedarf es jedoch ebenso mehr Eigeninitiative und ökonomischer Risikobereitschaft.“ Die Währung des Erfolgs hat sich ebenfalls verschoben, so Mo weiter: „Immer häufiger tragen in erster Linie die Anzahl von Klicks, Likes, etc. zur Bekanntheit eines Songs bei und erst in weiterer Folge diverse Hitparaden und das Radio-Airplay.“ Mehr Unabhängigkeit ist die Folge: „Die Künstler bestimmen anfangs selbst über ihr Schicksal oder das ihres Werkes, und nicht, wie im vergangenen Jahrhundert, sehr oft kaffeesudlesende A&R-Leute.“ Mit Präferenzen für aktuell angesagte Acts hält Altmeister Mokesch hinter dem Berg: „Ein derartiges Urteil überlasse ich den zumeist selbst ernannten Experten und Musik-Wurstfachkräften“, kann er sich eine Prise Ironie allerdings nicht verkneifen.

Das diesjährige „Klassentreffen“ von Kurt Ostbahn findet am 19. und 21. August auf der Kaiserwiese im Wiener Prater statt, die Klassenreise führt nach Imst und Klam. Wanda und Seiler & Speer spielen im Juni am burgenländischen Nova Rock, während Bilderbuch im August das FM4 Frequency etwas bunter gestalten werden. Wanda spielen gemeinsam mit Seiler & Speer im Juli auf Burg Clam. Am 8. Juli gibts in Schwarzenbach das große Seiler & Speer Open Air, wo unter anderem auch die AMADEUS-Gewinner Turbobier mitlärmen und -trinken. Einzeltermine von Seiler & Speer gibt es bis Herbst in ganz Österreich. Günter Mokesch spielt mit Fredi Jirkal im Oktober und November im Wiener Rothneusiedlerhof und im Haus der Regionen.

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