Gianna Nannini: Rock kennt kein Alter

Mit 58 Jahren gehört Gianna Nannini noch immer zum Feinsten, was die Rock-Szene Italiens zu bieten hat. Allerdings ist die Musik nicht mehr alleinig ihre Hauptrolle – denn neben der Produktion des aktuellen Albums Inno spielt seit drei Jahren Töchterchen Penelope die erste Geige.

Ciao! Wie geht es dir und deiner Tochter?

Gianna Nannini: Ich bin ein Bisschen verkühlt, das kannst du ja hören. Meiner Tochter geht es fantastisch, sie ist der Boss, sie sagt mir, was ich zu tun habe. Das war’s mit der Unabhängigkeit (lacht). Bist du gerade in Wien?

Ja, klar…

(Gianna beginnt den Ultravox-Hit zu singen: „Oh Vienna. This means nothing to me, oohhhh Vienna!“)

Gianna: Wir singen das immer wieder. Midge Ure ist ein Freund von mir und erst vor kurzem habe ich den Titel mit ihm gesungen, als wir gemeinsam den Potsdamer Platz eröffnet haben. Ich komme jetzt bald endlich wieder nach Wien.

Das neue Album beginnt mit einem Choral, einem Männerchor. Das ist ungewöhnlich.

Gianna: Ich wollte etwas Neues auf das Album bringen und klassische Männerstimmen mit Rock verbinden. Bei Inno erwartest du etwas Überraschendes am Beginn.

Du hast ja bereits Stücke für Opern geschrieben. Siehst du in der Klassischen Musik eine mögliche Zukunft für dich?

Gianna: Mein Weg ist Opern-Rock und nicht die Rock-Oper. Eine Oper mit Rock zu infizieren, ist etwas Völlig anderes. Meine Wurzeln liegen in der italienischen Musik, bei Puccini, Verdi und die Melodien, die ich schreibe, entstammen dieser Welt. Rock begräbt normalerweise die Melodie mit dem Rhythmus, denn der steht im Vordergrund.

Ein Song heißt Danny. Wer ist das?

Gianna: Danny war ein guter Freund, der mir sehr nahe stand und vor Kurzem gestorben ist. Wir haben einige Abenteuer zusammen erlebt, er war ein echter Kumpel. Er war wie ich, voller Liebe, hatte eine Menge Erfahrung im Leben und mochte das Risiko. Im Song spreche ich über ihn. Er ist sehr schnell gestorben…

Beim Video zu Nostrastoria hast du zum ersten Mal selbst Regie geführt. Wie war das?

Gianna: Die Vision, die ich hatte, ist eine zutiefst menschliche. Die Eisenkette steht für die Unfreiheit, in der wir uns alle befinden. Im Text geht es zwar um eine Liebesbeziehung, aber im Grunde ist die Freiheit eine Illusion, wir stecken alle in unserem eigenen Gefängnis. Die Kette schleppst du, wie im Video, immer mit dir herum. In unserer heutigen Welt kann doch niemand mehr das machen, was er möchte. Das Gefängnis ist die Globalisierung, die neue Weltordnung. Beim Dreh hatte ich Hilfe, denn ich bin technisch nicht versiert genug. Die Inspiration kam von den Filmen von Danny Boyle.

Der Titel Sex, Drugs and Beneficenza ist eine Abwandlung des alten Rock ’n‘ Roll-Mottos?

Gianna: Da geht es um das neue Geschäft mit der Charity. Früher war das große Business „Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll“, heute ist es die Wohltätigkeit. Der ehrlichste Weg wäre, einfach mit einer SMS Geld zu schicken und nicht im Fernsehen zur Schau zu stellen, wie toll man ist. Klar muss man Wege finden, Menschen zu helfen, aber Charity wurde zu einem Riesengeschäft gemacht und ist heute eine große Industrie. Der Song soll die Augen öffnen und ist auch ein wenig ironisch gemeint.

Vor zwei Jahren haben wir darüber gesprochen, dass du das ganze Leben im Musikgeschäft verbracht hast. Wie fühlt es sich an, mit Rock zu altern?

Gianna: Giuseppe Verdi hat ja auch im Alter von 85 noch Musik komponiert. Ich denke, wenn man seinen Platz gefunden hat… Rock ’n‘ Roll ist ein alter Slogan für ein amerikanisches und englisches Lebensgefühl. Meine Musik ist anders, sie ist näher an italienischen Melodien und Melodrama. Solange ich neue Ideen habe und tolle Menschen, die meine Kreativität unterstützen, ist es ein Vergnügen, weiter zu machen. Es wäre dumm, das Rock ’n‘ Roll -Klischee zu leben, das ist vorbei. Man muss immer etwas Neues für sich finden, neue Wege, Songs zu schreiben und den Sound zu gestalten.

In wie weit lässt sich die Mutterrolle mit der Musik vereinbaren?

Gianna: Das hat natürlich jene Zeit, die ich für mich hatte, sehr eingeschränkt. Meine Tochter ist die absolute Nummer eins, meine große Liebe. Sie inspiriert mich sehr und hat mir neuen Enthusiasmus für das Leben gegeben. Ich habe mehr Freude am Leben. Alles, was ich mache, erkläre ich ihr ganz genau. Es ist meine Mission, ihr meine Lebenseinstellung mitzugeben. In letzter Zeit wacht sie am Morgen auf und schreit „Inno! Inno! Numero Uno!“ Ich habe ihr das nie aufgedrängt, aber sie hört ständig mein neues Album.

Sollte deine Tochter einmal den Entschluss fassen, ebenfalls Rock-Star werden zu wollen – wie wäre deine Reaktion?

Gianna: Ich glaube nicht, dass sie in diese Richtung geht, sie ist eher eine visuelle Person. Wenn sie das aber machen will, dann ist sie auf sich alleine gestellt. Von mir gibt es keine Unterstützung. Sie müsste hart arbeiten, genauso wie ich es musste.

Freust du dich schon auf die Tournee?

Gianna: Ja, denn meine Tochter wird dieses Mal auch mit sein, auf jeden Fall bei den Italien-Konzerten. Meine aktuelle Band ist unglaublich und es wird einige Überraschungen geben. Zum ersten Mal habe ich eine eigene Choreographin, die sich nur um mich kümmert und mir zeigt, wie ich meinen Körper einsetze und die Musik damit umsetze. Ich glaube, auf der Bühne kann man uns nicht widerstehen (lacht).

Wussten Sie schon?

  • Gianna Nannini wurde in Österreich 1986 mit dem Hit Bello e impossibile bekannt.
  • Ihr neues Album heißt Inno, zu Deutsch „Hymne“.
  • Inno ist bereits ihr 18. Studioalbum.
  • Nannini wurde mit 54 Jahren schwanger. Auf dem Cover der italienischen Vanity Fair posierte sie im Jahr 2010 mit Babybauch.
  • Nanninis Bruder Alessandro wurde in den 1980er-Jahren als Formel-1-Fahrer bekannt.

Italo-Rock von Gianna Nannini gibt es am 8. Mai in der Wiener Arena.  

Inno ist bei Smi Col (Sony Music) erschienen.

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