Gift und Gallagher

Er ist hoch geflogen und niemals wirklich tief gefallen – Ex-Oasis-Mastermind Noel Gallagher ist mit seinen High Flying Birds immer noch dick im Geschäft. Die ständigen Begleiter der Weltkarriere des 48-Jährigen: Exzesse, Gewalt und die Gier nach Luxus.

 

Wie so oft ist die Krux schon in der Kindheit begraben. Während der junge Liam bei gewalttätigen Ausritten des Vaters von der Mutter in Schutz genommen wurde, bekam Noel Gallagher den vollen Zorn des alkoholkranken Familienoberhauptes zu spüren. Den Prügeln folgten Diebstähle und eine sechsmonatige Bewährungsstrafe mit 13 – schon früh war das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern in der Kindheit angespannt, der gemeinschaftliche Zusammenhalt gegen den Feind im eigenen Haus eine Illusion. Getreu dem Grundsatz „man kann den Jungen aus dem Proletariat holen, das Proletariat aber nicht aus dem Jungen“ ziehen sich Schlägereien, verbale Entgleisungen und verwerfliche Verhaltensmuster fortan wie ein roter Faden durch die beeindruckende Karriere des Multimillionärs aus Manchester.

Kampf um den Thron
Dabei war es Noel einst vorbehalten, die Popwelt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Als sich Grunge-Ikone Kurt Cobain Anfang April 1994 aus dem Leben schoss, starb auch eine von ihm mitgeprägte Musikkultur – von nun an hieß es Lederjacke statt Flanellhemd und stylische Mod-Frisur statt fettigem Zottelhaar. Mit nur drei Monaten Zeitunterschied erschienen „Parklife“ von Blur und das Oasis-Debüt „Definitely Maybe“. Es war der Beginn der „Battle Of The Bands“ um den Britpop-Thron, quasi die Insel-Version von Qualtingers „Kapfenberg gegen Simmering“. Auf der einen Seite die von den Gallaghers verkörperte Arbeiterschicht aus dem nördlichen England, auf der anderen Damon Albarn und Alex James aus dem gepflegten Mittelstand im Süden.

Unaufhörlicher Zwist
Am Höhepunkt der Gehässigkeiten wünschte Noel dem Blur-Gespann sogar den Aids-Tod an den Hals, wofür er sich später reumütig entschuldigte. Den längeren Atem hatten ohnehin Oasis – vor allem aufgrund des Nachfolgers „(What’s The Story) Morning Glory?“, der sich mit Songs wie der Überhymne „Wonderwall“ oder „Don’t Look Back In Anger“ zu einem der wichtigsten Alben der Musikgeschichte entwickelte. Oasis wurden als die neuen Beatles gefeiert, verkauften mühelos Arenen und Stadien aus und hätten in Knebworth vor 2,5 Millionen Menschen spielen können, wäre die Kapazität dafür gegeben gewesen. Interner Zank und Schlägereien standen aber weiterhin an der Tagesordnung, die Gallaghers ließen sich zahllose Liebesbotschaften zukommen, wie etwa: „Liam ist rüde, arrogant, einschüchternd und faul. Er ist der wütendste Typ, den man finden kann und wie eine Gabel in einer Welt aus Suppe.“

Mondän und unbescheiden
Gitarrist und Bandchef Noel hatte im Direktvergleich zu Liam aber einen entscheidenden Vorteil: Er war der Songwriter und kassierte für die Urheberrechte fast doppelt so viel wie der Rest der Band, hatte keine Scheu, seinen Reichtum zu zeigen. Auf seinem „Supernova Heights“ getauften Anwesen in einer Londoner Nobelgegend kaufte er – führerscheinlos – einen Fuhrpark an Luxuskarossen und ließ sich einen Swimming Pool bauen, ohne schwimmen zu können. Für seine Gitarren buchte er in Flugzeugen gewöhnlich Erste-Klasse-Plätze, doch der kreative Absturz folgte nach den ersten beiden Jahrhundertalben schnell und Oasis hielten sich mehr durch Skandal- und Exzessmeldungen denn durch musikalische Höchstleistungen in den Medien.

Money, Money, Money
2009 implodierte die Band endgültig und Noel verkündete während einer Tour seinen Ausstieg. Zwei Jahre lang schraubte er an seinem eigenen Projekt und erschien mit den High Flying Birds wieder auf der Bildfläche, während Bruder Liam mit Beady Eye nach nur vier mäßig erfolgreichen Jahren Schiffbruch erlitt. Währenddessen bewies Noel mit dem aktuellen Album „Chasing Yesterday“ unlängst eindrucksvoll, dass er das Musikgeschäft vielleicht nicht mehr revolutionieren, aber immer noch ordentlich durchrütteln kann. Eine Oasis-Reunion könnte sich Noel mittlerweile vorstellen: für 10 Mio. Pfund Gage. Auch der arbeitslose Liam hätte sicher nichts dagegen, wäre da nicht die lebenslange Blutfehde im Familienbündnis – doch Geld heilt im Musikbiz bekanntlich seit jeher alle Wunden …

 

Neben den Branchengrößen Oasis, Blur, Pulp und Co. gab es in den 90er-Jahren auch unzählige Britpop-Perlen aus der zweiten Reihe zu bestaunen. Hier haben wir für euch drei subjektiv zusammengebastelte Tipps parat:

gallagher_cover_the_lasThe La’s – The La’s (1990)
Die Single „There She Goes“ kennt jeder, der ein Radio besitzt, doch
ansonsten fungierte die Band rund um Frontmann und Perfektionist Lee
Mavers unter ferner liefen. „The La’s“ blieb 1990 das einzige Album –
für viele die wahre Geburtsstunde des Britpop.

gallagher_cover_dodgyDodgy – Homegrown (1995)
Mit ihrem zweiten Album „Homegrown“ gelang ihnen der perfekte
Brückenschlag zwischen den beiden Topsellern Oasis und Blur. Von der
Öffentlichkeit leider unbemerkt, obwohl ein Song wie „Staying Out For The Summer“ zeitlos großartig ist.

gallagher_cover_embraceEmbrace – The Good Will Out (1998)
Irgendwo zwischen der „Fuck You“-Attitüde von Oasis und der sanften
Verspieltheit von Coldplay reihen sich Embrace ein, deren Debüt
„The Good Will Out“ in England auf Platz eins landete und Platin abräumte.
In Resteuropa bleibt die Band aber völlig unbemerkt.

 

Am 12. April erleben Sie einen der Größten der Britpop-Geschichte im Wiener Gasometer: Noel Gallagher’s High Flying Birds. Tickets gibt es auf oeticket.com und unter 01/96096.

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