Glasnost durch Kalaschnikow

Sputnik und Gagarin: Die sowjetische Raumfahrt gilt als weltweit führend – wenn auch zeitweise vom amerikanischen Apollo-Programm eingeholt. Russkajas Energia! ist nun ein neuer Meilenstein in der russischen Raumfahrtshistorie, denn der Rückstoß, den Georgij und seine Mannen damit vorlegen, donnert selbst die Weltmacht Amerika zurück in die Steinzeit.

 

Georgij, du kamst 1989 aus der damaligen Sowjetunion nach Österreich. Warum Österreich?

Georgij Makazaria: Warum ich nach Österreich kam, ist weniger spektakulär. Meine Mutter hat im Außenministerium gearbeitet, ihr wurde ein Geschäftsmann, den sie als Dolmetscherin zu betreuen hatte, zugewiesen. Wie das Leben so spielt: Sie lernte ihn auch lieben und holte mich dann nach meinem Schulabschluss zu ihnen nach Österreich. Eigentlich habe ich ja Spanisch gelernt und hoffte, eines Tages in Kuba zu landen, aber hier ist es auch sehr schön. Österreich ist mittlerweile meine zweite Heimat geworden, insbesondere, da sich meine erste Heimat, die Sowjetunion, ja in Russland verwandelt hat.

Der junge Georgij landet also von Moskau in Wien-Schwechat. Staunen?

Georgij: Der erste Flash war gleich am Flughafen: Ich will einen Zebrastreifen überqueren und ein Auto bleibt stehen. Ich dachte schon, das ist ein Hinterhalt – wenn ich gehe, fährt er los (lacht)! Der zweite Flash war dann in einem Geschäft, wo ich erstmals Käsesorten noch und nöcher sah. In der Sowjetunion hattest du ein Geschäft – viel Vodka, eine Sorte Käste, eine Sorte Klopapier. Ich verstand damals nicht, wer so viel verschiedenes Zeug essen soll. Oder Mehl! Ich kannte Mehl, aber griffig, glatt? In Russland war Mehl einfach Mehl. Diese Vielfalt! In der Sowjetunion waren wir auf das Rudimentärste beschränkt – wenn Bananen kamen, die musste man nicht einmal ausladen, die wurden direkt aus dem Lieferwagen raus verkauft. Und wenn du Glück hattest, war Klopapier immerhin einlagig! Wenn bei uns in Babuschkinski Klopapier geliefert wurde, gab es Schlägereien darum. Ich hatte einen sehr schnellen Wechsel vom Nichts in den Überfluss – natürlich auch bei der Musik, bei Instrumenten: In Russland habe ich einmal aus einem Kofferraum illegal eine Gitarre gekauft! Bei uns im Musikgeschäft gab es Geigen und akustische Gitarren – aber E-Gitarre und Verzerrer? (schnaubt verächtlich) In Moskau gab es tatsächlich einen Musiker-Schwarzmarkt, in Österreich unvorstellbar!

Und Russland heute?

Georgij: Moskau ist mittlerweile die drittteuerste Stadt der Welt, viele brauchen bis zu drei Berufe, um über die Runden zu kommen – außer, du schlägst dich mit illegalen Sachen durchs Leben. Mein Vater könnte sich mit seiner Pension allein die Wohnung nicht leisten, er braucht die Unterstützung meiner Schwester, die reich geheiratet hat. Eine Unterstützung wie hier in Österreich gibt es in Russland nicht!

Energia RusskajaDu giltst hierzulande als Beispiel gelungener Integration, bist leider aber einerseits Glückspilz und andererseits ein Paradiesvogel. Was läuft hier im Kreislauf der Globalisierung falsch?

Georgij: Damals war vieles noch leichter. Ich habe bereits nach fünf Jahren die Staatsbürgerschaft bekommen – unser Bassist kommt aus der Ukraine, seine Frau aus Russland, sie haben ein Kind zusammen. Sie darf aber hier noch nicht arbeiten, obwohl sie will! Es ist zum Verzweifeln. Richtige Integrationspolitik wäre, nicht nach einem Muster zu verfahren sondern individuell zu durchleuchten. Eine meiner Bekannten will auch arbeiten, bekommt vom AMS aber nur Kurse vermittelt – und das mit einem abgeschlossenen Jusstudium. Statt zu arbeiten näht oder häkelt sie nun blöd herum – und kommt sich dabei gehäkelt vor. Das ist reine Beschäftigungstherapie, von der keiner etwas hat. Die meisten Leute, glaube ich, kommen nach Österreich, um sich ein besseres Leben zu erarbeiten – nur wenige, um auf der faulen Haut zu liegen oder zu stehlen. Wir leben eh in so einem Überfluss, teilen wir!

Russland – ein Land, in dem bereits zum Frühstück Vodka gebechert wird und ein Mensch, der mit bloßen Händen Bären zähmt, das Land beherrscht. Was ist Russland für dich?

Georgij: Russland ist ein starkes, stolzes Land, das sich ungern irgendwo reinreden lässt. Das russische Volk hat immer schon einen besonders starken Führer gebraucht – und Putin ist so einer. In Wahrheit sind die Leute dort glücklich, dass sie ihn haben – auch wenn er im Westen zerrissen wird. Jeder schwache Zar wurde niedergemetzelt. Päpstliche Staatsoberhäupter gab es in der Sowjetunion, in Russland braucht es Machetscheks, so wie Putin.

Du sprachst es vorhin bereits an – der Musikschwarzmarkt in Russland. Nicht erst seit Pussy Riot weiß man, dass Kunst und Kultur in Russland anders laufen.

Georgij: Pussy Riot wurde in den Medien aufgeschaukelt – die sind schon lange so unterwegs und provozieren ständig. Jetzt sind sie zwar unglücklicherweise erwischen worden – aber das hat eine Fanbewegung ausgelöst, hat sie zu Märtyrerinnen gemacht. Also ob das alles nicht geplant war …? Der größte Unterschied verglichen zu Mitteleuropa: Ein öffentliches Kritisieren kennt Russland nicht – das gab es in der Sowjetunion schon nicht, da wurdest du dann nach Sibirien zum Hasenfüttern geschickt. Im modernen Russland herrscht halt ein bisschen ein Zwiespalt – europäische Freiheit oder starker Führer?

Willkommen Österreich wäre also in Russland eher undenkbar?

Georgij: Nun, die ganzen Anschläge, die Stermann und Grissemann hier angedroht bekamen, wären in Russland halt auch wirklich passiert (lacht).

Das Russische: Welche Rolle spielt die Sprache, welche Emotionen evoziert es?

Georgij: Das Russische ist, nach den asiatischen Sprachen, eine der reichsten Sprachen der Welt. Wir haben viel mehr Substantive als das Deutsche, das Deutsche hat viele Verben, ist eine „Befehlssprache“. Ich spiele mit der Sprache, vor allem mit Wörtern, die man versteht, auch wenn man kein Russisch kann: Bakenbardy sind zum Beispiel die Koteletten, der Backenbart. Auch der Traktor ist so entstanden, Energia auch. Ich kokettiere mit den Ähnlichkeiten – und sage ja auch auf der Bühne: „Sie müssen nicht Russisch sprechen um uns zu verstehen.“ Andererseits versteht man ja auch viele deutsch- und englischsprachige Bands rein akustisch schon gar nicht (lacht). Russisch hat vor allem viele Facetten, wir arbeiten viel mit Intonation – es ist aber immer singbar, egal ob es hart ist oder weich, schön und romantisch.

Ist das Russische daher tragendes Konzept von Russkaja?

Georgij: Unser Konzept ist, selber dabei eine gute Zeit zu haben – und das auf das Publikum überschwappen zu lassen.

Von Volksgesundung auf Russian Voodoo hin zur Energie-Auffrischung mit Energia! – wie werden die sieben esoterischen Chakren durch die Alternativmediziner Russkaja bedient?

Georgij: Wir sind sieben Mitglieder … Vielleicht sollte man jedem von uns ein Chakra zuweisen?

So wie die Power Rangers, Captain Planet, …

Georgij: (lacht) Genau, und jeder bekommt sein eigenes Kostüm. In jeder Gruppe gibt es ja bestimmte Rollen, die untereinander eine gewisse Dynamik auslösen – und genau so ist das bei Russkaja. Durch die verschiedenen Rollen, die zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Präsenzen haben, entsteht Reibung, und das ist schließlich die „Energia“, um die es geht.

Eine Energie, die natürlich im Kollektiv besser funktioniert, als allein mit der CD zuhause …

Georgij: Grundsätzlich ist das so, ja, außer, du drehst so laut auf, dass die Nachbarn vorbeikommen und tanzen (lacht).

Ihr habt letztes Jahr Filmgeschichte mit Panzerkreuzer Potemkin neu vertont – was wäre ein Film, den du gern vertonen würdest?

Georgij: Irgendetwas von Tarantino – sein Konzept, mit Musik umzugehen, finde ich fantastisch. Und dann nach Waltz einen Oscar kassieren, das tät mir echt taugen.

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