Gott ist tot

Black Sabbath gelten mit ihren schwerfälligen Sounderuptionen, die durch die Düsternis wabern, als die Gründerväter des Heavy Metals. Nun bettet man sich zur ewigen Ruhe: This is the end, beautiful friend. This is the end, my only friend, the end.

Black Sabbath

Black Sabbath sind eine Institution. Insbesondere den Frühwerken ist eine Nachhaltigkeit anheim, wie sonst nur dem fiesen Winterspeck, ihr Einfluss auf die Musikhistorie nicht minder bedeutsam wie jener der Beatles. Schwanzvergleich im Triumvirat, wer hat das weißeste Näschen und selbiges vorn: Led Zeppelin, Deep Purple oder Black Sabbath? Kapitalistisch eindeutig der Zeppelin, in Punkto historischer Nachhaltigkeit darf man aber die Frühphasen der beiden letztgenannten nicht unterschätzen. Am wenigsten an Aktualität eingebüßt hat zweifelsohne die Formation aus Birmingham – gilt sie immerhin als unverzichtbare Inspirationsquelle, ja, vielmehr oft gar als direkte Blaupause nicht für die hippe Proto- und Retro-Welle allein, für dröhnenden Doom oder geifernden Sludge – sondern vielmehr für alles zwischen Soundgarden und Metallica. Freilich: Schon vor Sabbath gab es „heavy stuff“, die Jimi Hendrix Experience oder beispielsweise Cream. Aber nichts vor dem selbstbetitelten Debüt (1970) war düsterer, elementarer.

Tony Iommi (Gitarre) penetrierte feist mit sinisteren, dabei aber nicht selten überaus zephiren Tönen, während die Rhythmusfraktion Bill Ward (Schlagzeug) und Geezer Butler (Bass) mondäne Katakomben, triefend vor pulsierender Lava und schwefeligem Stank erbauten. In diesem Tartaros hauste ein wütender Zerberus, der durch die Höllenfeuer angestachelt heulend begehrte, sich loszureißen, die Zähne durch Mark und Bein zu schlagen und unschuldige Seelen hinab in die Unterwelt zu ziehen: Ozzy Osbourne.

Der Bruch

Diese kongeniale Urbesetzung zerbrach freilich nach „Never Say Die!“ (1978): Das viele Weißpulver machte Ozzy etwas mehr daneben als die Kollegenschaft, der Split war unaufhaltsam. Ihm folgte Ronnie James Dio, kleiner Mann mit großer Wirkung. Bis heute und wohl auf ewig ist dies eine Glaubensfrage, welche die Geister scheiden wird: „Dio oder Ozzy?“ Insbesondere darf man nicht vergessen: Erstgenannter hat bereits den De-Mortuis-Bonus verliehen bekommen. Dass dabei andere, so auch Ian Gillan („Born Again“), aber auch Glenn Hughes (beide Deep Purple) oder Tony Martin für Sabbath hinterm Mikro standen, wird nicht ganz zu Unrecht gern vergessen. Tatsächlich ist Dio selig natürlich der stimmlich gefestigtste, wandelbarste Sänger von allen, doch darum geht es hier nicht wirklich. Für die wahren Sabbath – und hier geht Slash mit uns d’accord – kann es nur eine Stimmlage geben, nämlich Ozzys Geseiere.
Jenes wurde einstweilen von den Gitarristen Randy Rhoads (ex-Quit Riot, bis 1981) und fortan von Zakk Wylde (Black Label Society) kunstvoll unter dem Egobanner in Szene gesetzt, eine Szene, die jedoch ab 2002 von einer ziemlich abstrusen Szenerie überschattet wurde: „The Osbournes“, die MTV-Doku-Soap über die Chaosfamilie. Dieser tattrige, verwirrte Stolperer soll der vormalige Fürst der Finsternis sein? Der, der dereinst lebenden Tauben und Fledermäusen den Kopf abbiss? Wie genau passierte der Schwenk von Ozzy zu Fozzy? Die Antwort liegt vielleicht in folgender Textzeile versteckt: „Feeling happy in my vein, icicles within my brain – cocaine!“ Kinder, Kinder, keine Macht den Drogen!

Die Wiedervereinigung

Daher war wohl die Heavy-Metal-Welt auch zwiegespalten, als Black Sabbath 2011 ihre Wiedervereinigung – neues Album inklusive, allerdings Bill Ward schließlich dann doch exklusive – bekanntgaben. Dass sich der bornierte Kern bereits Wochen im Vorfeld der Veröffentlichung 2013 derart unisono einig war, dass das Album lediglich „ein ordentlicher Schaß“ werden könne, war zuletzt wohl bei den letzten vier Metallica-Alben so. Nicht unbeteiligt wohl auch die Tatsache, dass Sabbath im Zuge ihrer Wiederkehr mittlerweile einem Schwall an „Generation-2.0“ gegenüberstand, die allesamt – von Orchid über Graveyard bis hin zu Kadavar – die Ära “Black Sabbath” bis “Masters of Reality” in Reinkultur zelebrieren, Erkennungsmerkmal: süßlicher Dunst, Schlaghose, Schnauzer und verkehrtes-Kreuz-Kettchen.

Aber: Gerade “13” zeigte, dass die alten Herren immer noch Relevanz haben, auch wenn sich in der bewegten Karriere mit 19 Alben nicht nur Gold findet. Ungewohnten, wenn auch rauen Charme hat zwar das gern verrissene “Deep Sabbath”-Album “Born Again”, hingegen vor “Forbidden”, “Tyr” und “Headless Cross” möchte man sich in Acht nehmen. Und bekanntlich lieferten auch Dio und Ozzy nicht immer ausschließlich “Ecstasy” … Wenngleich auch unwahrscheinlich ist, dass Ozzy außerhalb des Studioumfeldes auch nur eine Zeile derart gerade zu artikulieren vermag, so ist mit “13” das stärkste Album seit “Dehumanizer” gelungen, zumal es sich zu weiten Stellen wie eine „rubinisierte“ Variante von “Masters Of Reality” anhört – und auch anfühlt. Die überwiegend überlangen Stücke gerieten kleinteilig, wirken dabei in der Gesamtbetrachtung etwas austauschbar, der Jam-Charakter verleiht dafür aber eine gewisse gelöste Attitüde, die zu Dio-Zeiten stellenweise gemisst wurde. Insgesamt ist das nietzscheske “God Is Dead” ein gelungener Vorbote gewesen, der aber das Spektrum nicht vollends abzudecken vermochte: Von grollenden bis verzehrenden Momenten pendelte sich “13” irgendwo zwischen Hysterie und Depression ein, als Highlight entpuppte sich dabei “Zeitgeist” mit einer “Solitude”-Schlagseite und das überaus zähflüssige Finale “Dear Father”. Der einzige Grund, “13” mit einem verächtlichen Schnauben abzuschieben, konnte lediglich eine schwere Triskaidekaphobie gewesen sein. Aber dann hat man im Heavy Metal ohnehin sein schweres Los!
„13“ war zweifelsohne formidabel gelungen, und ja, selbst auf der Bühne konnte man überzeugen: Tony Iommi spielte trotz seiner Krebserkrankung meisterhaft, und selbst Ozzy verstörte weitaus weniger als zuletzt bei “Ozzy and Friends”. Freilich, es mag komisch wirken, dass gerade er Bill Ward attestierte, nicht mehr die erforderliche Leistung für Sabbath bringen zu können und er dementsprechend von Rage Against The Machines Brad Wilk (Studio) beziehungsweise Tommy Clufetos (Ozzy Osbourne, Rob Zombie, Alice Cooper et al, live) ersetzt wurde. Im Enddefekt wird wohl doch lediglich die liebe Sharon wieder einmal wegen irgendwas tierisch angepisst gewesen sein. Dennoch: Anhänger, die nicht in den Sechzigern geworfen wurden, mussten nehmen, was sie bekamen – und das war durchaus befriedigend.

Das Ende

Doch nun, zwei Jahre später, die Hiobsbotschaft: Ozzy Osbourne, Tony Iommi und Geezer Butler schließen das letzte Kapitel ihrer unglaublichen Geschichte – für immer. Und vielleicht darf ja sogar Bill Ward ebenfalls als Sargträger fungieren, denn trotz aller Dispute: ganz ausgeschlossen wurde es noch nicht. Gott mag zwar bereits tot sein, Sabbath lebten gewaltvoll wieder auf – und wenngleich es nur ein kurzes Aufbäumen war, ein letzter Seufzer, bevor das EKG nur mehr den einen, gleichbleibenden penetranten Ton von sich gibt. Aber vielleicht ist’s auch nur das Ziel, für ein Kurzweil in den Himmel aufzufahren und Gottvater mit Pauken und Trompeten dorthin zu jagen, wohin er wirklich gehört: ins lodernde Höllenfeuer. Eben getreu dem Motto: „Is this the end of the beginning? Or the beginning of the end?”

Black Sabbath: interpretiert

So prägend Sabbath für ein ganzes Genre waren, gibt es derer natürlich auch einige kongeniale, eigenwillige Neuinterpretationen ihrer Klassiker. Wir haben euch eine kleine YouTube-Playlist zusammengestellt.

https://www.youtube.com/playlist?list=PLWTenulLGN5gI0IdDnSvgy9MEjakwdwCD

 

Black Sabbath spielen am 28. Juni in der Wiener Stadthalle.

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