Gottfried Helnwein

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Helnwein, so das grobe Urteil, ist ein Maler des Widerwärtigen – sein Grundtenor: „The world is a dead carcass and the purpose of human beings is as maggots“.
Gottfried Helnwein: Im Gegenteil. Ich glaube absolute an den Menschen und an die Ästhetik. Ästhetik ist das Allerwichtigste. Auch wenn man es nicht annehmen mag, ich habe keine pessimistische Weltsicht – langfristig zumindest nicht, kurzfristig vielleicht schon. Wir befinden uns in einer überaus dekadenten und destruktiven Phase, wo unsere psychische Situation kurz vor dem Zusammenbruch steht. Ich denke an die ganzen Länder, die kurz vor oder bereits im Bankrott stehen. Die Zeit ist geprägt, von einer maßlosen Gier, die dabei ist, unsere Zivilisation zu vernichten. Aber ich glaube trotzdem an die Kraft der Kunst und der Ästhetik, irgendwann Einhalt gebieten zu können.

Dennoch: Während Sie und viele andere Künstler früher, in den Siebzigern, verpönt, ja, als „obszön“ ins Eck gestellt wurden – mittlerweile scheint man künstlerisch abgestumpft zu sein. Ein Aufschrei? Minimal vielleicht.

Gottfried Helnwein: Abstumpfung hinsichtlich der Kunst glaube ich nicht, vielmehr der Realität gegenüber. Kunst wird immer bewegen, Emotionen auslösen.

In der aktuellen Burgtheater-Fassung von Raimunds Der Alpenkönig und der Menschenfeind heißt es, Bilder seien angemalte Leichen. Eine Bezeichnung, die Sie auch Ihren Bildern umhängen würden?

Gottfried Helnwein: Meine Bilder sich Versuche. Versuche, etwas zu formulieren, zu kommunizieren. Da ich dies mit visuellen Mitteln am ehesten kann, entstehen eben diese Bilder. Würde ich nicht malen können, würde ich wahrscheinlich schreiben.

Und was steckt hinter dem, das sie als „Versuche, etwas zu formulieren“ bezeichnen? Eine Kollegin meinte kürzlich zu Ihnen, sie träume von Ihren Bildern. Wie geht es Ihnen? Entsteht das Bild vor dem inneren Auge und Sie versuchen, es von sich zu lösen, indem Sie es auf die Leinwand projizieren, oder versuchen Sie, es damit gleichermaßen in- wie auswendig fest zu halten?

Gottfried Helnwein: Es ist eine Reaktion auf die Zumutung der Zeit, der vergangenen und der gegenwärtigen. Seit meiner Kindheit empfinde ich die Welt als bedrohlich, vor allem, was die so genannte „Erwachsenenwelt“ betrifft. Erwachsene korrumpieren, sie sind Bedrohung für das, was das Kind verkörpert: potentielle Unschuld. Es ist nicht die Politik allein, in der Korruption ungeahnte Ausmaße annimmt.

Inwiefern empfanden Sie als Kind damals die Erwachsenenwelt als Bedrohung?

Gottfried Helnwein: Ich wuchs in Favoriten auf und sah als sechsjähriger ein Paar auf der Straße, bleich, abgemagert. Sie wurden vom Umfeld gleichermaßen ignoriert wie ins Zentrum gerückt, es war für mich ein ungutes Gefühl dabei vorhanden, ich verstand es aber nicht. Erst später wurde mir kommuniziert, dies seien Juden gewesen, erst später wurde mir erklärt, was der Holocaust bedeutete. Es war also eine beeindruckende, erschütternde Informationsleere, die mir als Kind aufgetischt wurde.

Der Holocaust ist auch Kernthema Ihrer Arbeiten, die Sie zudem gern als Gesamtkunstwerk betrachtet sehen möchten. Darf man also Parallelen zur Romantik ziehen, in der die Dichter auf der Suche nach der „blauen Blume“ waren – dem metaphysischen Symbol einer Wanderschaft ins Unendliche? Immerhin ist die Farbe Blau omnipräsent in Ihrem Werk.

Gottfried Helnwein: Ich habe eine ganz große Nähe zum Geist der Romantik, die erste Kunstrichtung, die mich zutiefst berührt hat. Ich fühle mich dem Geist der Künstler von damals durchaus sehr stark verbunden, sowohl in der Malerei, wie der Schriftstellerei und der Musik. Romantik ist vielleicht die Form der Kunst, die mir am nächsten ist. Caspar David Friedrichs Eismeer findet man in meinem Werk zum Beispiel mehrfach zitiert.

Kommt bei Ihnen eigentlich porträtierter Charakter eines Menschen oder Idee des Motives zuerst?

Gottfried Helnwein: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, das kommt alles irgendwie … gemeinsam. Zuerst erfolgt die Intuition, und dann, im Prozess entstehen dann die Figuren und die ausformulierten Motive.

Ihre Bilder bestehen aus tausenden und abertausenden Strichen und Schichten. Woran merken Sie, dass das Werk vollbracht ist?

Gottfried Helnwein: Gar nicht. Müsste ich nicht meine Bilder verkaufen, um zu leben, so stünden wohl alle bei mir zu Hause herum. Tatsächlich arbeite ich ja auch nicht immer nur an einem Bild, sondern an mehreren parallel. Irgendwann komme ich bei einem an einen toten Punkt an, dann wandere ich zum nächsten und so weiter. Irgendwann, dann werden sie halt verkauft – es kann aber gut sein, dass ich Jahre später auf eines meiner Bilder bei einem Sammler stoße und in Versuchung gerate zu fragen, ob ich es kurz, für ein, zwei Wochen, zur Nachbearbeitung ausborgen dürfe.

Da muss ja die Gelegenheit im Rahmen der Retrospektive in der Albertina ein gefundenes Fressen für Sie sein.

Gottfried Helnwein: Sie werden lachen: Aber meine Farben habe ich dabei.

Stichwort „verkaufte Bilder“. Vermissen Sie eines?

Gottfried Helnwein: Tatsächlich bin ich auf der Suche nach einer kleinformatigen Zeichnung, die ich wohl irgendwann in den Achtzigern anfertigte – ein kleines Mädchen, das gerade Maschinengewehrsalven abfeuert. Damit griff ich bereits damals der heutigen Situation in Amerika vor, etwas, das damals noch unvorstellbar war, ist heute leider Realität geworden.

Beschäftigen Sie sich eigentlich mit Ihrem Marktwert?

Gottfried Helnwein: Ich weiß, dass kürzlich eine mittelgroße Donald-Zeichnung für etwa 120.000 Euro versteigert wurde, ja, aber mein Marktwert ist nicht etwas, das ich wirklich verfolge, nein.

Die Person Helnwein ist, das zeigt die nähere Betrachtung, kein destruktiver Griesgram – sondern einer, der die Beschäftigung mit seinen Kindern und Enkeln als „schönste Augenblicke des Lebens“ bezeichnet und durchaus positive Ambitionen in sich trägt. Was ist jene Vorstellung über sich, die Ihnen am meisten lachen machte?

Gottfried Helnwein: In der Kunstschule malte ich damals ein Bild, das den Holocaust zum Thema hatte – kein besonders gutes Bild, aber auch nicht sonders abstoßend. Aber dennoch: Es sorgte dafür, dass der Lehrer aus dem Raum stürmte, wenig später mit der Kollegschaft wiederkehrte, die uns belehrten, wir verstünden den Krieg nicht, was der Kampf geleistet hätte, und dürften demnach auch nicht künstlerisch aburteilen. Mein Bild wurde zerrissen und später hieß es, ich hätte dieses Bild damals mit meinem Blut gemalt, was natürlich ein Blödsinn ist. Nachdem die Geschichte so aber viel spektakulärer war, ließ ich es lange Zeit so stehen.

Was viele vielleicht auch verwundern mag: Sie bezeichnen Donald Duck als größten Lehrmeister, besitzen mehrere Komplettausgaben. Als welche Figur würden Sie sich in Entenhausen einschreiben?

Gottfried Helnwein: Ich wäre wohl gerne der Dagobert, aber ich fürchte, dass ich der Donald bin – leider auch nicht der Gustav Gans. Damals, als Kind, war der Gedanke, in Geld tatsächlich schwimmen zu können, überaus faszinierend für mich. Donald bin ich aber charakterlich sehr verbunden, habe ich immer schon geliebt. Im Gegensatz zu den anderen amerikanischen Comics mit ihren Helden, Superman, Spiderman, Batman und so weiter, ist er ein herrlicher Anti-Held. Die Geschichte von Donald ist meine Heilige Schrift, die zuhause herumsteht und auf die jederzeit Zugriff besteht. Meine Hoffnung ist, wenn ich das Zeitliche segne, ins ewige Entenhausen eingehe und zur Rechten von Onkel Dagobert sitze und in seinen Talern wühlen kann.

Haben Sie sich keinen eigenen Charakter in Entenhausen verdient, müssen Sie in einen bestehenden schlüpfen?

Gottfried Helnwein: Der Mensch denkt, Gott lenkt.

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