Hai Society

Postkarte im Briefkasten. Abgenudelte Ecken, kitschiges Motiv, krakelige Handschrift mit der leicht verdaulichen “Short Message”, der Absender übersende dem Empfänger “liebe Grüße aus Punkt-Punkt-Punkt”. Und doch: Dank diesem alten Medium tut man auch dann eine kleine Reise, wenn man keine tut – nach Saygon oder Vorchdorf, ganz egal. Unser Kolumnist Biron schrieb uns erst kürzlich gleich dreiundzwanzig Karten an der Zahl, und verließ dabei nicht einmal Wien.

 

Dunkel habe ich noch im Hinterkopf, als ich vor einem guten Jahrzehnt zu fortgeschrittener Stunde fortgeschritten illuminiert von der Würstelbude in der Schottengasse vor an den Ring wankte, eine Postkarte mit der Oper nebst Briefmarke drauf erwarb und mit einem ausgeborgten Kuli nebst Empfängerinnenadresse auf die Rückseite kritzelte: “Hast du Wien schon bei Nacht gesehn?” Vermutlich waren der eine oder andere Rechtschreibfehler inkludiert, aber heute schreibt man in solchen Momenten dafür lieber SMS oder What’s-App und ist am nächsten Tag peinlich berührt. Die Karte hatte wenigstens noch Charme.

Ähnlich charmant sind die hier in Buchform unter dem Titel Hai Society vorliegenden Postkarten aus den Wiener Gemeindebezirken geraten. Bereits vor ein paar Jahren entführte Tex Rubinowitz in Das staubige Tier Touristen und Einheimische gleichermaßen an jene Schauplätze Wiens, die es bisher (gerechtfertigt oder “a net”) noch nicht in den Wien-Baedeker schafften. Birons Streifzüge durch unsere geliebte Stadt sind nun weniger surreal geraten, enden zumeist an Orten oder in Spelunken mit Zweck (und seien es jene der lukullisch-dionysischen Vernichtung), während Tex dem Irrsinn nachhoppelte. Aber doch: Anstatt mit großen Augen blöde auf eine der zehn Must-Sees der “lebenswertesten Stadt” zu starren und hektisch das iPhone zu zücken, darf man ruhig auch einmal zum Bleistift in den 49er steigen, um sich am Ziele eine Eitrige mit Bugl in den Wamst zu schieben. Oder eine Liebelei am Spittelberg wagen.

Hai SocietyDas größte Problem von Postkarten ist: Es hat sich eingependelt, saloppe Prosa mit nur bedingtem Tiefgang und mit geringen Ausschweifungen niederzuschreiben, selbst wenn der transportierte Inhalt über die eingangs erwähnten “lieben Grüße” hinausgeht. Auch findet der Gedanke meist ohne Umschweife den Weg auf den Karton: Da schreibt der Sohnemann aus dem Ferienlager, “es sei scheiße, wie er ohnehin vorher schon wusste”, oder der am fernen Sandstrand urlaubende Arbeitskollege zieht sich Rachetaten zu, wenn er an die Hinterbliebenen von den plagenden Sandkörnchen und stechenden Sonnenstrahlen berichtet.
Dieses Problem teilt sich Hai Society. Man bekommt den Eindruck, dass manche Bezirke mit mehr, andere wiederum mit weniger Esprit und Elan bereist wurden. Und dann hat man bei einigen wiederum den Eindruck, dass leider das Format der Postkarte die Erzählung vom Ort des Geschehens rapide kappte und man sich dann doch besser auf den erzählerischen Diavortrag freuen sollte.
Aber vielleicht ist dies auch ein geschickter Schachzug von Lord Biron, zumindest geschickter als seiner gegen Scheich Fatih: Wenn schon alles gesagt wäre, würde kein Leser wohl auf die Idee kommen, den Autor anzuschreiben, ob er denn nicht gern auf ein paar Fluchtvierterl ins Chérie oder hinter den Narrenturm kommen möge.

Das ist das beste an Postkarten: Meistens reicht alle Kürze dank der Würze schon aus, um Fernweh zu entfachen. Und wenn es nur das Fernweh ist, mit Biron Urlaub am Wasserbett zu machen.

Mit lieben Grüßen aus dem EC “Polonia”, Höhe Judenburg.

 

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