Hatzius und seine Echse

Die Echse ist das Urgestein der internationalen Kulturlandschaft, hat vor mehr als 2.000 Jahren damals mit Aristoteles das Theater begründet. Heute macht sie sich einen Spaß daraus, gemeinsam mit dem Berliner Michael Hatzius über die Probleme der Welt zu parlieren. Das kann unter Umständen ziemlich komisch werden, vor allem, wenn wieder eine Überschwemmung kommt …

Herr Hatzius, Sie sind Puppenspieler-Comedian. Worin liegen die interaktiv-komischen Unterschiede, auf der Bühne mit einem nicht lebenden Objekt anstatt mit einem menschlichen Duett-Partner in Zwiegespräche zu treten?

Michael Hatzius: In meinem Comedyprogramm trete ich mit meinen Puppen nicht in ein Zwiegespräch, wohl aber manche Puppen untereinander. Generell liegt ein „interaktiv-komischer“ Unterschied eines Gesprächs zwischen Mensch und Puppe sicherlich in dem Widerspruch, dass der Spieler seine Darstellung derart spalten kann, dass im Kopf des Zuschauers der Eindruck entsteht, hier kommunizieren zwei autonome Lebewesen. Derselbe Zuschauerkopf aber weiß zugleich, dass dem eben nicht so ist. Unlösbare Widersprüche löst das Gehirn gern mit Lachen.

Wie weit sind ihre Figuren – allen voran die Echse – als „Alter Ego“ von Ihnen zu sehen, wie weit muss man, um als Puppenspieler glaubwürdig zu sein, auch im tatsächlichen Leben ein bisschen mehr als nur „eine Seele in der Brust“ haben?

Michael: Ich glaube, jeder gute Darsteller – ob Puppenspieler oder Schauspieler – hat die entsprechende Fantasie, sich in mehrere Rollen, Denk- und Ausdrucksmuster einzufühlen und Freude daran, diese (zeitlich begrenzt!) auszuleben. Es ist ja vor allem die Freude an der Spielvereinbarung, die einen vorantreibt und weniger ein psychopathologischer Befund. Mit anderen Worten: Wenn ein Schauspieler einen Vergewaltiger spielt, würde man ihn vermutlich nicht fragen, „wie viel Vergewaltiger“ denn so in ihm privat steckt.

Warum ausgerechnet Echsen?

Michael: Es gab zuallererst eine Grundidee für den Charakter und den Wunsch, dass es ein Tier sein soll. Die Puppenbauer schlugen dann vor, einen Leguan zu bauen, so hieß „Die Echse“ am Anfang auch. Bei den anderen Figuren in meinem Programm habe ich andersrum gearbeitet. Da gab es zuerst die Puppe und dann habe ich einen Charakter aus ihr heraus erspielt.

Wenn Sie in Ihre Kindheit zurück blicken: Haben Sie damals schon eine Vorliebe für Puppen gegenüber Matchboxautos, eine Faszination für (Ur)echsen gehabt?

Michael: Die meisten Jungs haben irgendwann eine Dinophase. Besonders in den 90ern war das so. Die hatte ich auch. Ob mich das geprägt hat – keine Ahnung, ist ein schöner Gedanke. In den Kindertagen habe ich Puppenspiel im „Normalmaß“ betrieben, aber als Jugendlicher bin ich in eine Jugendtheatergruppe gegangen, die von Puppenspielern geleitet wurde. Da hat mich die Faszination gepackt. Ach ja, meine Mutter war zu DDR-Zeiten Redakteurin beim Kinderfernsehen und u.a. auch für Puppenspiele verantwortlich. Vielleicht liegt ja da doch eine frühkindliche Schädigung vor, die mir nicht mehr so bewusst ist …

Würden Sie Kabarett und Comedy als Umsetzung Derridas Begriffs der „Dekonstruktion“, der „Différance“ sehen?

Michael: Möglich. Ich denke dabei aber eher an den jungen Jacques Cirot, der gerade in den frühen Jahren stark vom Pirazentismus geprägt wurde und den bis heute bekannten Begriff der Buloskatie geprägt hat, der mir immer sofort in den Sinn kommt, wenn ich an Comedy denke.

Gibt es einen Charakter Mensch, den Sie nicht in der ersten Reihe sitzen haben möchten?

Michael: Männlich, alt, humorlos und befriedigt. Drehen Sie die Begriffe um und Sie haben meine Traumbesetzung für Reihe Eins. Nein, im Ernst: Es macht Freude, wenn die Leute offen sind, auch körperlich und mimisch. Das sieht und spürt man. Wer regungslos mit verschränkten Armen und Beinen da sitzt und die Mundwinkel bis zum Boden zieht, macht es einem auf der Bühne nicht leicht. Interessanterweise bedanken sich genau diese Leute aber oft im Nachhinein für den schönen Abend.

Gibt es in Ihrer Form der Kleinkunst ein Sicherheitsnetz, einen Kunstgriff, der immer funktioniert?

Michael: Ja, klar! Eine Gesetzmäßigkeit gibt es. Man öffnet eine Flasche voll mit Wasser, ob still oder mit Sprudel ist erst einmal egal. Wenn man diese Flasche nach dem Öffnen um 180 Grad dreht, fließt das ganze Wasser raus. Klappt fast immer. Ich weiß jetzt aber nicht, ob die Kollegen mir das übel nehmen, wenn ich Geheimnisse so offen ausplaudere.

Ihre Echse kommentiert die Evolution. In Bewerbungsgesprächen wird gern die Frage gestellt, wo man sich in fünf Jahren befindet. Wo sehen Sie – und Ihre Echse – die Menschheit in 50, 500 und 5.000 Jahren?

Michael: Ich lasse die Zeit, die mir bleibt, gern auf mich zukommen. In 50 Jahren sitze ich wahrscheinlich mit der Echse auf einer Hollywoodschaukel in meinem Altersruhesitz und sie hilft mir bei den täglichen Arbeiten des Haushalts. In 500 Jahren sitzt sie allein auf dieser Schaukel und versucht voller Wehmut, im Gedenken an mich, irgendwo unsere alten DVDs auf das dann gängige Format zu überspielen. In 5.000 Jahren wird die Echse die zugemüllte Erde verlassen haben und im Untergrund auf dem Planten K/4/$ leben, wo sie die dort herrschende Monarchie bekämpft, die aus einer Art nordkoreanischer Zebramutation besteht, die das Volk mit drakonischen Strafen peinigt, wenn sie keine Autobahnmaut zahlen.

Stellen Sie sich vor, Ihre Echse wäre auf Partnersuche und würde sich bei einem dieser zahlreichen Partnersuchbörsen anmelden. Was würden die Profilinformationen verlautbaren?

Michael: Sie würde einfach ein Foto reinstellen. Dann wär der Briefkasten in Sekunden voll.

Sie sind geborener Berliner. Es heißt, dass in Punkto Humorverständnis Berlin und Wien auf einer ähnlichen Welle schwimmen. Welche Parallelen sehen Sie zwischen den beiden Städten?

Michael: Man merkt die Parallelen in der Gastronomie. Ich wollte bei einem meiner letzten Wienaufenthalte ein Stück Sachertorte essen, hatte ein schönes Café ausgesucht und mich auf den heiligen Moment des ersten Bissens gefreut. Die Torte schmeckte eiskalt und sautrocken. Als ich den Kellner darauf ansprach, antwortete jener ebenso kalt und trocken: „Tja, die war halt zu lange in der Kühlung,“ und ließ mich sitzen. Bei einem Frühstück in Berlin bat ich neulich um etwas mehr Brot, obgleich ich noch einen Rest Brot auf dem Teller hatte. Der Kellner pfiff mich an: „Ditt isste erstma uff und dann sehn wa weiter!“ In beiden Fällen musste ich die gleiche Form von Humor aufbringen.

Wie weit variieren Sie Ihr Programm je nach Auftrittsort im In- und Ausland? Schon mal darüber nachgedacht, international zu werden?

Michael: Wenn ich in der Schweiz oder Österreich spiele, gehe ich schon auf die dortigen Besonderheiten ein. Als ich zum Beispiel in Österreich eine Apfelschorle bestellte, notierte der Kellner offen: „Apfel gespritzt“. Das finde ich besonders, denn in Deutschland wird einem oft verschwiegen, wenn chemisch behandelte Lebensmittel angeboten werden. Mein Programm und mein Humor sind schon sehr an den souveränen Umgang mit der deutschen Sprache gebunden, deswegen sehe ich die Echse noch nicht so in Paris oder Budapest. Die visuelle Sprache von Puppenspielkunst allerdings ist sehr international.

Mit großem Erfolg und immensen Kultfaktor tritt der Amerikaner Jeff Dunham mit seinen Handpuppen auf, auch Ihr Landeskollege Sascha Grammel spielt vor vollen Häusern. Was sind in Ihrem Genre Ihre Vorbilder und wie weit sehen Sie in der Kleinkunst ein Konkurrenzdenken?

Michael: Es gibt Puppenspieler, Regisseure und Lehrer, die meine Arbeit sehr geprägt haben. Dazu gehören der Regisseur, Spieler und Professor für Puppenspielkunst Hans-Jochen Menzel, der Holzfeuerwerker Hans Krüger, oder der australische Puppenspieler Neville Tranter. „Vorbilder“ finde ich aber keinen günstigen Begriff, das sind eher Leute, die mir den Weg geebnet und Impulse gegeben haben, meine eigene, unikate Begabung auszubilden. Was den Kleinkunstbereich, also in dem Falle Kabarett und Comedy, betrifft, ist eine Puppe momentan noch ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal. Daher ist das Konkurrenzdenken noch nicht so ausgeprägt, wie es eventuell bei den vielen klassischen Stand-Up-Comedians in Jeans und T-Shirt ist.

Woher kommt eigentlich das Genre des Puppenspiels und wie weit ist es heute noch „aktuell“?

Michael: Puppenspiel ist eine jahrtausend Jahre alte Kunst, die vermutlich aus religiösen Ritualen hervorgegangen ist. Die deutsche Puppenspielszene bildet eine unglaubliche ästhetische Vielfalt ab, die viele Varianten anbietet, wie man anhand eigentlich leblosen Materials das Lebendige beschrieben kann. Intensiv, emotional, poetisch, humorvoll und sinnfällig. Dabei eröffnen sich viele Ebenen, auf welche Weise man Theater erzählen kann, u.a. warum der Mensch zum Objekt greift oder andersrum. Ich glaube, die Puppe kann das Menschliche hervorragend darstellen, der Clou liegt in der Verfremdung, denn die Puppe ist ja per se kein Mensch. Mehr und mehr begreift das auch die größere Theaterszene und Puppen werden in Schauspielproduktion oder der Oper eingesetzt. Stück für Stück werden sie die Macht übernehmen, aber pssst, der Schauspieler hört das nicht gern und bis zur Machtergreifung brauchen wir ihn noch.

Wer bekommt am Abend eigentlich den meisten Applaus – Sie oder die Echse?

Michael: Quantitativ auf jeden Fall die Echse, denn sie schmeißt ja die Show. Aber ich kann mich über die Qualität des Applauses für mich selbst nicht beschweren, wenn ich am Ende des Abends die Echse offen auf der Bühne ablege. Das genieße ich natürlich.

Sie stehen nicht nur auf der Puppenspieler-, sondern auch auf der „seriösen“ (Kinder)theater-Bühne. In wie weit ergänzen sich die Bereiche, wie setzen Sie Ihre Schwerpunkte (z.B. Broterwerb vs Hobby)?

Michael: Für mich ist es sehr wichtig, den Kontakt zur Arbeit im Theater zu halten. Ob es meine noch bestehenden Gastengagements am städtischen Theater sind oder meine freien Kinderstücke. Es besteht da nochmal eine ganz andere inhaltliche und theaterästhetische Reibungsfläche. Das Spiel im Ensemble – in Richard III. zum Beispiel sind wir neun Puppenspieler auf der Bühne – hat ganz andere Gesetzmäßigkeiten, die Sprache Shakespeares stellt andere Anforderungen als die meiner Echse. Dieses Jahr habe ich auch endlich mal einen Lehrauftrag an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin angenommen. Diesen Luxus, etwas anderes als Comedy zu produzieren, leiste ich mir mindestens einmal im Jahr. Das ist eine wichtige gegenseitige Bereicherung.

Abschließend: Wenn Sie eine Figur der Muppet Show sein könnten – welche wären Sie dann?

Michael: Jim Henson.

Tickets bei oeticket.com

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!