Herzflimmern

Ganz gleich ob als Musiker bei Cardiochaos oder als Filmschaffender: Peter Brunner entwirft “abgeschlossene, eigene Welten”. Einen Ort, an dem Fantasien für Dritte erlebbar werden. In Kürze wird sein Zweitling “Those Who Fall Have Wings” auf monkey. veröffentlicht, 2016 steht sein dritter Spielfilm “To The Night” ins Haus.

 

Du bist gleich in zwei Sparten der Kunst tätig, der Musik und im Film. Die Musik spricht primär das Ohr, der Film klarerweise in allererster Linie den Sehsinn an. Musst du demnach inhaltlich unterschiedliche Akzente setzen?

Prinzipiell ist der logistische Aufwand einen Film zu machen etwas ganz anderes als sich vor ein Klavier zu setzen. Musik bietet mir die geniale Möglichkeit, Gefühle unmittelbar kommunizieren zu können. Beim Film muss ich mir der Liebe zu der Idee wirklich sicher sein, weil die Herstellung in etlichen Fällen viele Jahre dauern kann. Musik gibt mir die Möglichkeit einer anderen Vielfalt von Freiheit. Wo Musik manchmal wie Planschen an einem heißen Sommertag sein kann, ist Film meistens wie das Finden einer Strategie um den Lauf durch die Wüste zu überleben. Aber beides ist eine Sucht.

Wie reagierst du im Film und Musik auf dein Umfeld, wie spiegelst du es wieder?

Mein Zugang ist sehr persönlich und ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Inhalte für andere universeller erlebbar werden und die Chance des Echos höher ist, wenn man man von etwas erzählt, das man kennt und das man erzählen muss. Ich schätze Menschen, die sehr konzeptuell arbeiten und etwas auf diese Weise bearbeiten. Bei mir ist es aber immer ein verarbeiten. Ich lebe gerne.

In der Literatur, im Film schwebt immer die Frage im Raum: Welche Zeitdauer benötigt man, um eine Geschichte zu erzählen. Kurzfilme und Kurzgeschichten sind ebenso anerkannte Gattungen, wie ihre Langformen. Das Medium der EP ist jedoch am Aussterben. Erzählt die Musik “zeitlos”?

Musik und Film sind miteinander sehr verwandt, weil sich beide der linear verlaufenden Zeit bedienen um Ideen erlebbar zu machen. Ein radikaler musikalischer Ansatz, der mir hierzu einfällt, ist Steve Reich’s “Proverb”, in dem er den Inhalt einer Frage von Wittgenstein in der musikalischen Form spiegelt. Also das, was zeitlos an der Musik sein kann, ist wahrscheinlich wie bei allem anderen immer der Ansatz. Es kommt immer auf den Blickwinkel und die Vision an. Wie erzählt man etwas und welche Mittel kann oder muss man dafür verwenden.

Siehst du in der Wirkungsmächtigkeit der Musik, die extra für einen Film neu geschrieben wurde, und Musik aus bereits bestehenden Stücken rein prinzipiell einen Unterschied?

Das Ziel ist eine abgeschlossene, eigene Welt zu entwerfen. Einen Ort, an dem die Fantasien für Dritte erlebbar werden. Ein in sich schlüssiges Wesen, das einem begegnet, soll geboren werden. Andrei Tarkovsky bedient sich dafür bei J.S. Bach. Tarantino beispielsweise plündert auf Anraten seines Produzenten bereits verwendete Songs und generiert einen “Recyclingtrend”. In wie viele Filme wurde Arvo Pärts “Spiegel im Spiegel” hineingenudelt? J.L. Godard, P. T. Anderson, Gus van Sant … Auf welche Ideen hat Angelo Badalamenti David Lynch mit seiner Musik gebracht, wenn Lynch ihn im Studio beim Komponieren besucht hat? Oder A.G. Iñárritu, der sich mittels Songs mit seinem Kameramann an den Inhalt und die Atmosphäre von Szenen annähert? Warum wählt jemand den Prozess, den er wählt? Wie sehr will sich die Person, die einen Film macht, anderen kreativen Menschen aussetzen? Wie viel Risiko ist man prinzipiell bereit einzugehen, um die Vorstellungen umzusetzen?

Für zum Beispiel deinen Film “Mein blindes Herz” zeichnest du auch für die Filmmusik verantwortlich, die Musikvideos wiederum bilden eine wichtige Ergänzung zu deinem Audio-Repertoire. Wie greifen die gestalterischen Ebenen bei dir ineinander? Ist dies ein Frage-Antwort-Spiel, ein Geben und ein Nehmen, ein Herr und ein Diener, …?

Film und Musik sind bei mir ein kreatives Ping-Pong-Spiel von Ideen. Mein Schreibtisch ist wie ein Ort, an dem miteinander verbundene Geschichten passieren, auf die ich eine neue Perspektive bekomme, je nachdem aus welchem Blickwinkel beziehungsweise durch welches Medium ich sie betrachte. Denn die Musik entsteht oft parallel zum Schreibprozess der Drehbücher, zur Finanzierung, zum Dreh und der Postproduktion oder den Filmfestivals. Die Songs sind zunächst wie Studien der Figuren (aus deren Sicht, aus deren Leben), mittels eines anderen Zugangs: Musik. Die Songs handeln von allen Höhen und Tiefen, die auch in den Filmen vorkommen, von deren Grundthemen, und stellen auch ähnliche Fragen, doch verändert sich die Ästhetik des Produkts durch meinen Zugang zum Musikmachen extrem. Mit den Songs habe ich die Möglichkeit, einzelne Aspekte, die im Bogen des Films keinen Platz haben, Ideen, die ökonomisch nicht realisierbar wären, oder Figuren, die in einer möglichen Backstory vorkommen, zu realisieren. All dies sind Fantasien von mir, die mich inspirieren und mir helfen, mich weiter mit dem Werk auseinanderzusetzen, sprich in Bewegung zu bleiben und es anders zu sehen. Die Songs sind aber keineswegs notwendig um den Film zu verstehen und vice versa. Dies ist lediglich ein Prozess, der mir hilft auf Ideen zu kommen. Das ist zumindest mein gegenwärtiger Ansatz.

Michael Haneke setzt Filmmusik ja höchst spärlich ein, es widerspricht seinem “realistischen” Konzept vom Filmemachen – einfach, weil selbige “in der Realität” auch nicht ständig passiert. Was leistet eigentlich die Filmmusik für einen Film?

Prinzipiell ist Filmmusik keineswegs abzulehnen, wenn sie nicht nur eingesetzt wird um etwas zu verschönern oder um den Zuseher übermäßig zu sentimentalisieren. In Genrefilmen ist Musik natürlich nicht wegzudenken und notwendig, damit die Filme ihr Ziel treffen. “Der Weiße Hai” ohne “da, da, da, da, da, da” geht nicht. Ich denke, dass immer sehr viel von dem Setup abhängt, beispielsweise wenn man einen Film über eine Musikerin macht hat man eine ganz andere Möglichkeit mit Musik umzugehen und sie im Film einzusetzen. Gegenwärtig gibt es ja unglaublich viele unterschiedliche Ansätze und Strömungen, wie und warum Musik auf welche Weise eingesetzt wird. Ich sehe das wie bei sehr religiösen Menschen: Ich habe null Problem was, wie, wer, whatever, solange sie mich nicht überzeugen wollen, was gut für mich oder mein Leben oder meine Arbeit ist. Und oft ist es auch einfach nur sehr schade, wenn großartige Musik in Filmen vergewaltigt wird.

In deinem kommenden Film “To The Night” spielt Michael Pitt die Hauptrolle. Ihn kennen wir u.a. aus der Serie “Hannibal”. 2014 wurde von Invada Records der von Brian Reitzell komponierte OST der Serie veröffentlicht, der es spielerisch schafft, allein mit Tönen chronologisch die atmosphärischen Bilder der TV-Serie detailliert erneut vor dem inneren Auge zu evozieren. Wie gelingt dies?

Wenn ein Soundtrack diese Qualität aufweist von der du sprichst, dann Hut ab. Ich habe diesen Soundtrack nicht gehört. Aber das letzte Mal, als ich an “Hannibal” dachte, war, als ich Scott Walkers Album “Bish Bosch” gehört habe. Was für eine physische Musik, und die Texte! Kein Wunder, dass David Bowie sich viel von Dr. Musikgenius Walker abgeschaut hat. Walker hat unter anderem auch die Filmmusik für Léos Carax’ Film “Pola X” gemacht. Dieser Soundtrack kann einem Angst machen, in einem guten Sinne, weil er einen auf etwas zurückwirft, das man mit Worten nicht sagen kann. Für diese Qualität von Musik bin ich extrem dankbar, ob beim Machen oder beim Erleben.

Nicht selten wird von der Presse auch die Musik von Cardiochaos als “suggerierend” beschrieben. Präsentiert “gelungene” Musik generell Leerstellen, die beim Rezipienten erst gefüllt werden müssen – und wenn ja: wie passiert sowas, aus “handwerklicher” Perspektive?

Wenn du mit Leerstellen unter anderem “persönlich tragische Makel” meinst, dann hat das sehr viel mit dem Ansatz zu tun Musik zu machen, die sehr persönlich ist und Gefühle vermittelt, die jeder in sich trägt. Also Musik, die in einem ein Echo erzeugt weil sie den zuhörenden Menschen nicht ins ABBA-Land oder auf die Backstreet Boys-Insel schickt. Handwerklich kann ich nur sagen, dass ich mit 16 in den Bands immer der war, den die “geskillten Musiker” belächelt haben. Ich bin der Typ, der jeden Tag einen Song schreiben und aufnehmen muss, um den eigenen Zweifel ab und zu zu widerlegen. Außerdem hilft das, um sich akustisch und kompositorisch an etwas heranzutasten, das immer wieder auch etwas der Vorstellung entspricht, die man hat. Manchmal gelingt es mir dann das Glück soweit einzuschränken, dass ein Song entsteht, der für mich besser funktioniert als andere.

 

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“To The Night” erzählt die Geschichte von Norman, einem Lichtinstallationskünstler, der besessen von Licht ist und verfolgt davon, was er zerstören kann. Dieser Fokus auf das “Lichte” machte mich aufhorchen – spielt doch sowohl die Reizung von Film, aber auch von Musik auf ein dunkel-düsteres Umfeld an. Ist da ein Hintergedanke, eine tiefere Aussage deinerseits zu finden?

Der Film erzählt von der Heilungsgeschichte eines Menschen, der als Kind seine Eltern bei einem Brandunfall verloren hat. Er versucht sich von einer Schuld zu befreien, von der er nicht weiß, ob er sich wirklich trägt. Es ist der emotionale Überlebenskampf eines jungen Vaters, der die Familie sucht, die er niemals hatte. Der Aspekt den Film durch die Augen eines Lichtinstallationskünstlers zu erzählen, wirkt sich natürlich stark auf die Ästhetik des Films aus und hilft, das zentrale Thema zu verdichten: Innere und Äußere Realität.

Gedreht wird in New York, einer durchaus belebten Metropole. Wie musikalisch ist der Lärm der Natur?

Bei der Motivsuche ist mir schnell aufgefallen, dass sich die Stadt wie ein Rockkonzert anhört. Es ist sehr laut. Je nachdem wo man ist und wie sich das Umfeld anhört, überträgt sich das durch den inneren Filter, den man hat, natürlich auch auf das was man macht. Ein Album, das in einem fiktiven Studio im Lavakern der Erde entsteht, oder am Nordpol, klingt sicher anders, als eines von David Bowie aus den Hansa Studios. Geräusche und Natursounds können immer große Inspiration sein, siehe John Cage oder Murcof.

Im Film gibt es Haupt- und Nebendarsteller, sowie Komparsen. Könntest du im Klangspektrum von Cardiochaos – von der Stimme bis hin zur Instrumentierung – ebenfalls eine Hierarchie erbauen?

Das ist schwierig, weil jedes Lied anders entsteht. Je nachdem, ob ein Song am Klavier oder der Gitarre entsteht, oder sich aus einem Melodiefetzen aus einem Traum oder einer Melodie, die sich aus Obertönen im Straßenlärm ergibt, entwickelt. Das Übertragen der Ideen, und das Filtern der Ideen durch Instrumente und Effekte benötigt dann immer ein Ordnungsprinzip, das immer von der Stimmung und Atmosphäre des Songs ausgeht. Jeder Song, wie jeder Mensch den ich kenne, braucht etwas anderes. Ich habe es immer gehasst, wenn die Mitschüler aufgestanden sind, wenn ein Lehrer den Raum betreten hat. Eine Hierarchie und Regeln in dem Sinne lehne ich absolut ab.

Wie viel Raum bleibt für Improvisation – hier, in der Musik, wie dort, im Film?

Improvisation ist immer ein schwieriger Begriff, weil es für viele auch zu einer Ausrede werden kann, im Sinne von “da improvisieren wir dann einfach…”. Improvisation ist in meiner Arbeit aber extrem wichtig, weil ich sehr assoziativ und intuitiv arbeite. Der Zufall ist mein Freund und das schwierige ist immer wachsam zu sein, um die Chance zu erkennen, die er für die Arbeit mit sich bringen kann. Die Improvisation bedingt bei meiner Arbeit aber immer eine genau Planung der Rahmenbedingungen, weil es sonst unscharf und beliebig werden würde.

Abgesehen von deinem Filmprojekt: Was steht bei Cardiochaos 2016 ins Haus?

Im Februar 2016 wird mein zweites Album “Those Who Fall Have Wings” physisch via monkey. und rough trade released. Wir haben zwischen Februar und Mai wegen Vorbereitungen zum Filmdreh eine Live-Pause, werden im Sommer dann aber etliche Konzerte spielen. Ich arbeite seit Jänner intensiv am dritten Album.

 

Cardiochaos erlebt man am 15. April im Wiener Chaya Fuera. Infos und Tickets gibt es hier und via oeticket.com bzw. unter 01/96 0 96.

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