Hip-Hop Backstage

Dicke Goldketten und fette Autos, Macho-Posing und dralle Hintern – Klischeebilder der Marke Hip-Hop? Ja, aber da steckt mehr dahinter!

Während mindestens 70 Prozent hierzulande sich im Fußball besser auskennen zu scheinen als der ÖFB-Teamchef selbst, ist es nur wenigen vergönnt, ein Fachwissen über Hip-Hop zu haben. Das mag wohl daran liegen, dass die massentaugliche mediale Gesellschaft sich, abgesehen natürlich von Skandalen, mit dem Lebensstil des Reimens und Breakdance kaum beschäftigt. Zwei, die ein solch seltenes Expertentum besitzen, sind Trishes
und Phekt, Kenner der Hip-Hop-Szene und ihres Zeichens das Moderatoren-Team rund um die Sendung Tribe Vibes auf Radio FM4.

(c) Christof Moderbacher christofmoderbacher.com

Phekt & Trishes
(c) Christof Moderbacher
christofmoderbacher.com

Jeden Donnerstag zwischen 22 Uhr und Mitternacht werden hier Gustostückerln des heimischen und die neuesten Sounds des internationalen Hip-Hop vorgestellt. Beide sind auch selbst musikalisch tätig und entführen uns in ihre Untergrundwelt, oder auch Nerdblase, um selbst Otto Normalverbraucher über die Ursprünge, die Entwicklung und vor allem auch die Bedeutung des Hip-Hop zu informieren.

Die Ursprünge

Letztes Jahr feierte der Hip-Hop sein 40-jähriges Jubiläum, ausgehend von einer Party, bei der DJ Kool Herc zum ersten Mal Platten so auflegte, dass er einfach nur Beats aneinanderreihte, Stücke sampelte und nicht komplett zu Ende spielte. Medien malen oft ein Bild von Hip-Hop, das geprägt ist von Künstlern, die nach Aufmerksamkeit, Superstar-Sein und Glanz und Glamour streben. Das trifft allerdings nicht auf die Ursprünge zu beziehungsweise auf die Message, die Pioniere des Genres verbreiten wollten.
Die meisten wollten Wissen durch ihre Lyrics verbreiten, auf Missstände hinweisen und Menschen neuen Lebensmut verschaffen. Es geht also nicht um dicke Goldketten, ein fesches Outfit und Poserei. Hip-Hop entstand aus Armut und daraus, aus den geringsten Mitteln etwas zur Unterhaltung zu schaffen und gleichzeitig auch auf gesellschaftliche Probleme hinzuweisen. Phekt gibt hierzu einen Einblick: „An der breiten Masse geht komplett vorbei, dass Hip-Hop aus dem Nichts kam. Er ist in den Armenvierteln Amerikas entstanden, in den desolaten Gegenden von New York und Philadelphia. Da sah es ziemlich apokalyptisch aus und die Rassentrennung war noch sehr aktuell. Heutzutage nimmt die Masse Hip-Hop von außen durch Frauen, Autos und Materialismus wahr. Obwohl es eigentlich genau das Gegenteil ist! Die Künstler hatten Jogginganzüge, improvisierte Jacken und selbst genähte Hosen an, weil sie sich nichts anderes leisten konnten und trotzdem einen coolen Style haben wollten. Im Prinzip ging es darum, dass jeder mitmachen kann, ob du rappst, tanzt, malst oder DJ bist – für alle kreativen Menschen gab es einen Output. Aber natürlich auch intellektuell – Hip-Hop ist eine tief gehende, teilweise sogar wissenschaftliche Subkultur, bei der verschienede Figuren als Autoren auftreten.“

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Der Hip-Hop-Typ

Die Zeiten, als man die Musik, die jemand hört, noch am Kleidungsstil festmachen konnte, sind längst vorbei. Ein Hip-Hop-Fan muss nicht unbedingt an Baggyhosen inklusive hervorblitzender Boxershorts und Hoodies erkennbar sein. Er muss auch nicht zwangsweise die Kunst des Graffitis oder Breakdance beherrschen. „ Der Hip-Hop-User ist nicht mehr spezifisch einordenbar – mittlerweile weder optisch noch sonst wie. Da ist alles dabei, vom Rechtsanwalt bis zum freischaffenden Künstler. Da Hip-Hop aber eine relativ junge Bewegung ist, könnte man sagen, dass das Fantum so ab 50 ausdünnt“, bestätigt Trishes. Hip-Hop ist natürlich noch immer eine Jugendkultur, auch wenn einige Protagonisten selbst hierzulande schon jenseits der vierzig sind. Wie es sich für eine Jugendkultur gehört, hat man in der Szene auch eine eigene Sprache. „Es ist schwierig, das Vokabular an einem einzigen Ding festzumachen. Es gibt viele verschiedene Trends wie beispielsweise „derbe“, das aus der Hamburger Szene kommt. In Wien wiederum werden Dialektausdrücke ganz speziell betont. Generell kann man sagen, dass viele Anglizismen verwendet werden, weil die meisten Fans oder Künstler auch sehr viel amerikanischen Hip-Hop hören, und dort ist die eigene Sprache viel ausgeprägter“, bringt es Trishes auf den Punkt. Und wohin geht man eigentlich aus, wenn man auf Hip-Hop steht? Sieht man sich die Bundeshauptstadt an, gibt es in den verschiedensten Locations Konzerte aus dem Genre. Ein Lokal, das in Sachen Hip-Hop immer schon vorne dabei war, ist beispielsweise das Roxy. Durch die Verschmelzung mit elektronischer Musik wurde aus Hip-Hop durchaus eine Musikrichtung, die viele Leute interessiert, und die aus heimischen Underground-Dancefloors nicht mehr wegzudenken ist.

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Kultur und Kritik
„Hip-Hop is something you live, Rap is something you do.“ Die Songzeile aus „9 Elements“ von KRS-One drückt das aus, worum es Protagonisten und Usern geht: Hip-Hop ist eine Kultur, die weit darüber hinausgeht, “nur“ Musik zu sein. „In gewisser Weise geht es schon um eine Lebenseinstellung, die klar antifaschistisch und antirassistisch ist. Hip-Hop kommt aus einer Bürgerrechtsbewegung in den USA, behandelt unter anderem auch die Geschichte der Sklaverei und beschäftigt sich generell mit den verschiedensten Lebensumständen und den damit verbundenen Problemen. Sich von Homophobie und Sexismus zu entfernen, dauerte ein bisschen länger, aber auch hier hat sich einiges verändert, und es geht heutzutage vor allem um Offenheit. Hip-Hop ist ein leicht angreifbares Genre, weil es leider noch immer einige Dodeln gibt, die ihr Macho-Ding durchziehen und die wahren Hintergründe und die Message einfach nicht verstehen“, weiß Trishes. Auch Phekt kann hier einiges aus dem Nähkästchen berichten: „Es passiert manchmal, dass wir (Tribe Vibes; Anm.) Songs zugeschickt bekommen, die wir einfach nicht spielen können. Solange Metaphern nicht als solche zu verstehen sind und Texte einfach vordergründig sexistisch oder auch rassistisch rüberkommen, ist das ein absolutes No-Go. Auch wenn es uns muss eine gute Mischung haben, was man echt vielleicht musikalisch gefallen würde, zu dumme Sprüche gehen einfach nicht. Ein verborgenes Augenzwinkern checkt der 0815-Hörer nicht.“
Es scheint so, als würden Gesellschaft und Medien sich fast ausschließlich in diesen negativen Aspekt verbeißen und selten neutrale oder positive Berichterstattung abliefern. Durch dieses Phänomen erhalten auch oftmals Künstler mehr Aufmerksamkeit, die genau in dieses Klischee passen. Aber auch hier ist ein positiver Wandel erkennbar, denkt man nur an Cro oder auch Casper, die ihr Ding ohne gängige „Hip-Hop-Skandale“ durchziehen.

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