„Homohalal“ doch noch auf der Wiener Bühne

Vor zwei Jahren wurde die Uraufführung des Flüchtlingsstücks „Homohalal“ in Wien abgesagt. Gestern feierte das Werk von Ibrahim Amir im Werk X seine österreichische Erstaufführung.

© Werk X

Das WERK X macht in dieser Spielzeit einen neuen Anlauf, das angeblich so brisante Werk in Wien vorzustellen. Ali M. Abdullah versucht dabei, Menschen als Gattungswesen zu betrachten, die überall auf der Welt ähnliche Fehler und Probleme haben und sich darin letztlich weniger unterscheiden, als manche Zeitgenossen glauben. Das wird man ja wohl noch inszenieren dürfen!

2012, Wien, Votivkirche

Am 24. November 2012 marschierten Flüchtlinge von Traiskirchen nach Wien und errichteten vor der Votivkirche ein Zeltlager. Die allgemeine Forderung der Menschen war klar: Leben. Dafür gingen manche von ihnen sogar in den Hungerstreik. Was wurde aus den ProtagonistInnen des sogenannten Refugee Protest Camp Vienna? Gewährte man ihnen den Aufenthalt in Österreich? Konnten sich die Menschen ein adäquates Leben aufbauen und ihren Platz in der Gesellschaft finden? – Diesen Fragen geht der syrisch-kurdische Autor Ibrahim Amir in seinem Theaterwerk Homohalal nach.

Heile Welt mit tiefen Rissen

Das dystopische Stück ist im Österreich des Jahres 2037 verortet. Die Heimat großer Söhne und Töchter wurde zum links-liberalsten Land der Welt erklärt, unterschiedliche Kulturen leben friedlich und tolerant miteinander. Darin eingebettet treffen sechs ProtagonistInnen von früher bei einer Trauerfeier aufeinander: darunter der Iraker Said, der mit der Homosexualität seines Sohns nicht zurechtkommt, die Imamin Barbara, die ihren Freund der Abschiebung preis gab und der syrische Schauspieler Jonim, der endlich Hamlet und Medea spielen darf anstatt seine Geschichte erzählen zu müssen.

Dass die Zukunft der mittlerweile integrierten Flüchtlinge und engagierten HelferInnen auf einer dunklen Vergangenheit fußt, wird klar, als die Trauerfeier am Rande des Swimmingpools kippt und der schöne Schein langsam sein wahres Sein – ausgehend von früheren Erinnerungen – offenbart.

Soll unsere Gesellschaft da wirklich hin?

Vor zwei Jahren in Wien vom Spielplan genommen und die Uraufführung schließlich Ende März in Dresden, fand die restlos ausverkaufte österreichische Erstaufführung gestern doch noch statt. Ibrahim Amir hat Homohalal für das Werk X, beziehungsweise vor alledem an die gegenwärtigen, politischen Gegebenheiten angepasst. „Die Situation ist heute eine andere als 2015 – ‚Homohalal‘ lebt von der jetzigen politischen Situation. Die Politik hat sich ja in Österreich komplett verändert, und das muss man im Stück erwähnen“, erläutert der Autor im Gespräch mit Ö1.

Der Künstlerische Leiter des Werk X, Ali M. Abdullah, versucht bei der aktualisierten Fassung Menschen als Gattungswesen zu betrachten, die unabhängig von ihrer Herkunft, von ihrer Kultur ähnliche Fehler begehen. Letztlich unterscheiden sich die Menschen darin nicht so stark voneinander und das soll Fragen in uns aufwerfen, wie Abdullah gegenüber Ö1 betont: „Das wär schön, wenn so eine Inszenierung dazu anregt, dass man sich fragt: Wohin könnte das führen, wie sieht die Zukunft aus und wollen wir wirklich, dass unsere Gesellschaft dorthin sollte?“

Pressestimmen

Mit einer famosen Inszenierung von Ali M. Abdullah kehrt die Komödie nun nach Wien zurück. (derStandard)


Ali M. Abdullah, Regisseur und Co-Leiter des ambitionierten Theaterhauses, macht es richtig. Er lässt die im Prinzip klassisch gebaute und ziemlich finstere Konversationskomödie des aus Syrien stammenden Autors Ibrahim Amir heftig an die Kanten des Genres schrammen, ohne dieses auszuhebeln. (Tiroler Tageszeitung)


In Wien flicht Regisseur Ali M. Abdullah nun gewandt die gegenwärtige innenpolitische Lage in eine stark bearbeitete Fassung ein. Überhaupt findet er für das Stück, das zwischen Komödie und Tragödie changiert, eine überzeugende Umsetzung. Der Coup der Inszenierung ist ein Swimmingpool in der Mitte der sonst leeren Bühne (Ausstattung Renato Uz). […] Das Spiel unter Wasser hat was: Blitzartig können die Akteure zwischen Spaß – einander anspritzen – und Ernst – den anderen grob unter Wasser tauchen – wechseln. Auch an Land wirkt das Bühnenspiel mit verronnenem Make-up, derangierten Frisuren und tropfenden Anzügen gleich viel aufrichtiger und kraftvoller. (Wiener Zeitung)


Die Typen, die Schauspieler sind allerdings köstlich. Constanze Passin als Gutfrau Albertina („Wer hat seinen Bausparvertrag zur Verfügung gestellt? Undankbare Brut!“) erlag dem Macho-Charme Abduls (Arthur Werner), Werner spielt auch Said, den Angepassten, Stephanie K. Schreiter seine blonde Frau, Ghazala. Yodit Tarikwa gibt Barbara, die schwarze, katholische Österreicherin, die sich kurz in Said verliebte, konvertierte und Imamin wurde. (DiePresse)


Der Abend funkelt in seinen akkuraten Dialogen und performativen Wendungen. Die grandiosen Performer (Constanze Passin, Yodit Tarikwa, Daniel Wagner, Arthur Werner, Stephanie K. Schreiter, Christoph Griesser) opfern ihre Schauspielkunst nie der kabarettistischen Karikatur. (derStandard)


„Homohalal“ ist ein kluges Stück. (DiePresse)

Ibrahim Amir musste sein Studium der Theater- und Medienwissenschaft wegen politischer Gründe in Aleppo abbrechen. 2002 kam der Kurde nach Österreich und studierte Medizin. Neben seiner Arbeit als Arzt wurde Amir verstärkt als Theaterautor bekannt, von welcher Tätigkeit er heute leben kann. 2009 erhielt er den Exil-Literaturpreis „schreiben zwischen kulturen“. Überdies erhielt sein Stück „Habe die Ehre“ den Nestroy-Preis für die „Beste Off-Produktion“.

Quellen: wortstaetten.at, oe1.orf.at, heute.at, Bilder: © Yasmina Haddad

Homohalal ist noch bis 31.03.18 im Werk X zu sehen. Hier geht’s zu den Tickets!

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