Hosea Ratschiller: besser arm dran, als Arm ab

Morgen wird heute gestern sein. Gestrig ist Hosea Ratschiller dennoch nicht, auch wenn sein neues Programm Heute heißt. Erst im letzten Jahr begeisterte er mit der FM4 Ombudsmann Dienstreise, im Jahr zuvor mit Das gehört nicht hierher. Nicht zu vergessen, dass er mit Welt Ahoi! Mitschuld am Herzkasper zahlreicher Ö1-Hörer trug.

Sprichwörtlich heißt es, es gebe keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Kannst du das nach Jahren als FM4 Ombudsmann noch unterstreichen?

Hosea Ratschiller: Dummheit hat für mich viel mit Wegschauen zu tun. Und wer eine Frage stellt, hat sich ja dazu durchgerungen, irgendwo hinzusehen. Damit verkompliziert er sein Leben zwar kurzfristig, macht es mittelfristig aber interessanter oder zumindest zwangloser und langfristig vielleicht sogar schöner. Wenn wir schon bei Sprichwörtern sind: Ich glaube, das von den glücklichen Dummen, denen angeblich die Welt gehört, ist nur halb richtig.

Hattest du als Kind eigentlich einen ausgeprägten Wissensdurst, eine lang anhaltende „Warum?“-Phase?

Hosea: Was heißt, als Kind? Mein Leben ist eine einzige „Warum?“-Phase! In mutigen Momenten unterbrochen von vereinzelten „Wie?“s.

Michael Niavarani hat sich in einem seiner Programme einmal aufgeplustert, es sei modern, stets „Sachen zu machen“, Sachen mit „Hand und Fuß“. Was sind Hand und Fuß eines Satirikers?

Hosea: Es stimmt! Auch Satiriker müssen Hände und Füße haben. Die Branche sieht vieles nach, aber in Punkto Gliedmaßen ist sie knallhart. Also, dass jemand einen schlimmen Unfall mit dem Mähdrescher hat und dann noch Satiriker wird, das ist im Medienzeitalter fast unvorstellbar. Traurig!

Muss man als Satiriker zu allem eigentlich seinen Senf abgeben können?

Hosea: Ein guter Freund hat einmal angesichts einer wohltätigen Kabarett-Veranstaltung gemeint: Wenn die Leute, die da auf der Bühne stehen, alle ihre Taschen ausleeren und nur das Geld, das sie ohnehin nicht mehr tragen können spenden, dann kommt mehr zusammen, als bei der ganzen Charity. Und die Künstler könnten die Bühne aufrecht verlassen und nachdenken, wie sie ihre Nummern in Zukunft lustiger gestalten.

Zurück zum Radio: Vorrangig als „Ombudsmann“ hast du dir einen Namen gemacht – läuft man da Gefahr, wie auch Kulis als „Callboy“ stets mit jenem Untertitel transportiert zu werden?

Hosea: Dieser Gefahr blicke ich todesmutig ins Auge und denke dabei an die vielen Künstlerinnen und Künstler, deren Arbeiten absurderweise überhaupt gar nicht transportiert werden.

Du hast einmal gesagt, du wolltest nie einen „üblichen Bubenberuf“ ergreifen, sondern wolltest immer so werden, wie die Figuren aus deinen Kinderbüchern. Was war denn dein liebstes Kinderbuch, die Gestalt, in dessen Haut oder Schuppen du am liebsten geschlüpft wärst?

Hosea: Ich wollte auch keinen Mädchenberuf ergreifen. Ronja Räubertochter hätte mich aber schon interessiert. Am liebsten wäre mir aber eine Mischung aus Pumuckl und Robin Hood gewesen. Also eh Kabarettist.

Bühne versus Radio: Die Vor- und Nachteile der beiden Auftrittsebenen?

Hosea: Auf die Bühne treten und einen Abend die ungeteilte Aufmerksamkeit rechtfertigen ist schon ziemlich aufregend. Im Radio fällt viel Adrenalin weg, weil ich Aufnahmen wiederholen kann. Dafür kann gutes Radio eine sehr intime Angelegenheit werden. Es hören zwar viel mehr Leute zu als in ein Theater passen, aber die meisten davon sind beim Hören allein und keiner Gruppendynamik ausgeliefert.

Künstler und ihre Bühnen: Hader spricht in Privat darüber, dass er als Jungkabarettist gleich im Niedermair anfangen wollte; Auch dein Heute premiert im Niedermair. Andere Künstler sind mit dem Orpheum oder dem Rabenhof eng verbandelt. Wie schaut die Beziehung von Künstlern zu Häusern aus?

Hosea: Damit Unterhaltung ein hohes Niveau erreichen kann, braucht es entweder sehr viel Freiheit oder sehr viel Geld, am besten beides, aber das ist mir noch nicht untergekommen. Eine künstlerische Leitung können sich Kabarettbühnen in der Regel nicht leisten. Insofern ist es kein Zufall, dass die spannenden Sachen dort entstehen, wo die Geschäftsführung Geschmack hat.

Der Heute-Pressetext spricht, wie die meisten Kabaretttexte, nur Schwammiges über das, was passieren wird. Es heißt, du „remixt“ deine letzten 15 Jahre. Wie wichtig sind für dich vom künstlerischen Aspekt her eigene Werkschauen?

Hosea: Bisher habe ich auf der Kabarettbühne immer Theaterstücke gespielt. Heute wird klassischer Stand-Up. Das wollte ich immer gerne mal machen. Ein Mensch kommt auf die Bühne und erzählt dem Publikum lustige Sachen, die überraschende, rasante Wendungen nehmen. So eine Form geht nur mit Material, das man extrem gut im Griff hat. Und das steht mir nach 15 Jahren zur Verfügung. Ich denke, der Abend wird ziemlich lustig. Auch für Menschen, die meine bisherigen Stücke schon kennen.

Was findest du privat lustig?

Hosea: Privat bin ich ein tieftrauriger Mensch, der nur lacht, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Zum Beispiel über Will Ferrell, Bill Hicks, Gerhard Polt, Georg Schramm, Woody Allen, Ricky Gervais, Helge Schneider, Andy Kaufman oder Flüsterzweieck.

Siehst du im Bereich der (heimischen) Kleinkunst eigentlich einen Wettbewerb, ein Konkurrenzdenken, oder ein gemeinsames Miteinander, in dem man mal solo, mal zusammen die Süppchen kocht?

Hosea: Ganz ehrlich? Ich kriege nicht mehr so viel von der heimischen Szene mit, seit ich hauptsächlich in Las Vegas auftrete.

An welchem Punkt startet die Selbstzensur?

Hosea: Ich würde in Las Vegas zum Beispiel nicht mehr Travestie-Nummern mit weißen Tigern bringen. Ein absolutes No-Go.

„Ich habe fertig.“ ist ein berühmter Sager von Trappatoni. Wann sagst du selbiges?

Hosea: Hin und wieder an Wahlabenden.

Die Figur Ilse, sagtest du, sei von Columbos Gattin inspiriert. Was macht die Figur des Columbos so besonders und was war deine Lieblingsfolge?

Hosea: Die Welt ist kompliziert. Die Polizei bringt das wieder in Ordnung. Konventionelle Krimiserien bauen auf dieses Erfolgsrezept. Die Ordnung, die uns bei Columbo vorgeschlagen wird, ist aber ein perfekter Mord im Upper-Class-Milieu. Der abgesandelte Columbo kommt dann und sorgt für Unordnung. Das ist das Revolutionäre und Literarische an der Figur. Mir gefällt natürlich die Episode mit Oskar Werner sehr gut.

Apropos Columbo: Als Fan weiß man, dass Columbo selbst auf das Requisit des abgenudelten Mantels kam. Wie entsteht eine satirisch verklärte Identität wie der Ombudsmann und wie lebt man mit „ach so vielen Seelen in der Brust“?

Hosea: Ich empfehle: Verbringen Sie viele lustige Stunden mit Martin Puntigam und vergessen Sie nicht aufs Mitschreiben. Mein Vorteil als Radiofigurendarsteller ist: ich werde selten als FM4 Ombudsmann erkannt. Sogar wenn ich auf einer Party damit angeben will, glaubt mir selten jemand.

Abschließend: (Exil)kärntner haben stets Erklärungsbedarf. Wie gehst du mit der vererbten Last um?

Hosea: Wenn es wenigstens irgendwas zu erben gebe! Ich stamme aus einer bitterarmen Familie. Urlaub war ein Fremdwort. Und nicht nur, weil die meisten von uns Slowenisch als Muttersprache hatten.

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