Hot Metal & Methedrine

Sie sind eine Rock-‚N‘-Roll-Band. Und eine Pop-Band. Sie sind eine „Industrial Groove Machine“ und „Intellectual Love Gods“: The Sisters Of Mercy, eine der wichtigsten Bands der Achtziger. Alles, nur kein Gothic.

 

Licht aus, Rotwein entkorken und Regler aufdrehen: Neben Ikonen wie Joy Division, Bauhaus oder The Cure waren es vor allem auch The Sisters Of Mercy (und allen voran Andrew Eldritch), die die Musik der Achtziger maßgeblich prägten.  Zumindest dann, wenn man bei dem Jahrzehnt nicht ausschließlich an schwachgeistige Discostampfer denkt.

 

Musik – ein Rauscherlebnis. Die Namen deiner Dealer?

Andrew: Motörhead, Gary Glitter, David Bowie, Suicide, Ramons, Sex Pistols, Pere Ubu – die waren allesamt jedermanns Liebling in Leeds, damals.

 

Und aktuellere, neuere Namen?

Andrew: Da tue ich mir schon schwer, drei auszumachen. Ich folge den musikalischen Entwicklungen nicht so sklavisch wie die anderen in der Band. Nichts desto trotz gefällt mir Little Boots sehr, sehr gut – insbesondere, was die Produktion betrifft. Und Dubstep taugt mir. Erst kürzlich spielte mir Chris auch The Bronx vor, eine amerikanische Punk-Band. Sensationell. Allein der Basssound ist ein Wahnsinn!

 

Gerade die Bonzen der Musikindustrie lamentieren gerne darüber, dass die intensive Auseinandersetzung mit und somit der Kaufrauschmit von Musik schwindet. Wie weit beobachtest du sowohl als Musiker als auch als Privatperson, wenn schon nicht neuere Bands, so zumindest die Umwälzungen in der Musikindustrie?

Andrew: Thatchers Kinder sind Dummbeutel, wir die Genies. Aus die Maus.

 

Obwohl du Brite bist, hattest du auch Wohnsitze in unter anderem Hamburg und Amsterdam. Sind diese sozio-kulturellen „Fluchten“ auch kreative Anreize für dich?

Andrew: Meine Vorstellung von „Heimat” oder „Zuhause” ist eine andere als die landläufige; Ich lebe dort, wo es warm ist und wo ich ununterbrochen problemlosen Internetzugang habe. Ich bin schlichtweg Europäer und somit überall dort „zuhause“.

 

Tust du dir somit mit auf Deutsch oder Englisch geführten Interviews leichter?

Andrew: Ich bin sowohl als auch befähigt, fließend zu antworten. Manchmal fühlt sich Deutsch jedoch ein bisschen „heimeliger“ an.

 

Welchen Bedürfnissen gehen die Sisters auf Tour nach – oder ist dies ein rein berufliches Unterfangen?

Andrew: Sightseeing, so viel als möglich. Das ist ein Privileg, das tourende Musiker haben – insbesondere, wenn man einen Status hat, wo die Crew sich um den Bühnenaufbau kümmert.

 

Auf welche Sonderwünsche muss sich der Veranstalter einstellen?

Andrew: Vodka und Zigaretten. Und wir erwarten, dass zumindest der Vodka bereitgestellt ist.

 

Bevorzugtes Tourgebiet?

Andrew: Südamerika.

 

Wenn man dann doch einmal „zuhause“ ist: Dein Tagesprogramm?

Andrew: Ich ziehe mir Filme rein. Und füttere die Katze.

 

Stichwort Filme: Welches Zitat umschreibt deiner Meinung nach den Sound der Sisters am treffendsten?

Andrew: Eines aus den „Blues Brothers“: Elwood sagt: „It’s 106 miles to Chicago, we got a full tank of gas, half a pack of cigaretts. It’s dark … and we’re wearing sunglasses.” Darauf Jake: „Hit it.”

 

Eines deiner Steckenpferde ist der asiatische Horrorfilm, du hast die chinesische Kultur studiert; Warum ist der Fernost-Horror allein heute noch befähigt, wahrhaftig zu schockieren?

Andrew: Das ist allein dem Geschick und Genie von Takeshi Kitano anzulasten.

 

„The Simpsons“ stehen bei dir hoch im Kurs, zahlreiche Künstler wurden bereits „vergelbt“. Wären die Sisters dafür zu haben?

Andrew: Nachdem „The Simpsons“ eine der großartigsten Serien überhaupt ist, zweifelsohne! Aber immerhin haben wir es schon einmal nach South Park geschafft.

 

Du betrachtest dich nicht als einen „guten Frontmann“. Woran mangelt es dir denn?

Andrew: Die konventionelle Weisheit gibt vor, dass ein guter Frontmann einen Handstand beherrschen muss, während er sieben Oktaven spielerisch überwindet. Sowas tangiert mich jedoch nicht im Geringsten – und ich glaube auch nicht, dass sowas von den Sisters erwartet wird. Licht und Schatten, Performance, Kunst, Spirit – das sind unsere Ingredienzien.

 

Indiskutabel ist jedoch die Tatsache, dass du mehr an die Qualität eines Dichters denn eines reinen Texters heranreichst. Wie weit denkst du beim Verfassen schriftstellerisch, wie weit agierst du songdienlich?

Andrew: Sowohl als auch. Es muss rocken, und es muss rollen.

 

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In wie weit korrelieren bei den Sisters Musik und Artwork?

Andrew: Ich bin zwar durchaus versiert im Photoshop, aber ich denke nicht, dass es da bei den Sisters großartige Wechselbeziehungen zur Musik oder den Texten gibt.

 

Was der Mensch von „seinem“ Künstler erwartet, ist klar – was erwartet man jedoch als Kunstschaffender von seinem Publikum?

Andrew: Alles und nichts. Wir sind, wie wir sind, weil wir es genau so mögen. Und natürlich, weil wir großartig darin sind.

 

Abseits des Hörgenusses standen und stehen gerade in der Populärmusik auch körperliche Tête-à-Têtes hoch im Kurs – das beste Souvenir: „Sex mit dem Star“. Nachvollziehbar für dich?

Andrew: Absolut. Hast du unseren Gitarristen Ben gesehen?

 

Die Sisters sind dafür bekannt, Aversionen gegen die Schublade der „Gothic Culture“ zu verspüren. Ist der menschliche Zwang, alles zu kategorisieren, nicht doch irgendwie nachvollziehbar?

Andrew: Nö.

 

Abseits jener Einordnung schwingt bei euch selbstredend der „Kult-Faktor“ mit. Ab welchem Zeitpunkt ist ein derartiger gerechtfertigt?

Andrew: Menschen bezeichnen alles, wie es ihnen in den Kram passt. Wie werden sowohl von Hausfrauen, als auch von Bikern gehört – aber niemand betitelt uns dann als „Hausfrauen-“ oder „Biker-Band“.

 

Drogen: Kreativer Ansporn oder im Enddefekt ruinöser Faktor?

Andrew: Das kommt auf die Drogen an.

 

Das letzte Studioalbum „Vision Thing“ ist nun beinah ein viertel Jahrhundert alt, und wenngleich ihr live nach wie vor neue Musik vorstellt, so misst man doch aktuellere Studioaufnahmen …

Andrew: Wir haben keine Eile. Aber: Sag niemals nie.

 

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