How to … Pressereise

In einem Journalistenleben kommt es neben Schreiben, Recherche, Redigieren und all den Office-Agenden auch ab und an zu Pressereisen. Gestern wurde ich nach Berlin zu einem Presseevent eingeladen, um mir vorab einen Eindruck der Jubiläums-Show „Holiday On Ice – Platinum“ verschaffen zu können. Hier ein Auszug aus meinem „Pressereise-Tagebuch“.

04:45

WeckerUnfassbar! Der Wecker läutet! Zu dieser Uhrzeit kommt man doch meistens erst nach einem lustigen Fortgeh-Abend nach Hause.

Nun gut, es hilft alles nichts. Das Morgenritual muss beginnen. Nach der Körperhygiene wird noch schnell alles in den Rucksack geworfen, was man so braucht. Unter anderem natürlich ein Reisepass – ich habe schon am Vorabend online eingecheckt, das war zumindest erledigt. Interessant: Den Reisepass hätte ich gar nicht benötigt, den wollte nämlich niemand sehen, weder in Wien, noch in Berlin. Schengen sei Dank!

 

05:30

StraßeIch eile die Landstraße entlang Richtung Wien Mitte. Es ist stockfinster, keine Autos auf der Straße, alles ein bisschen spooky! Am Bahnhof Wien Mitte geht es aber um diese Uhrzeit schon richtig zu! Ich steige in die S7 Richtung Wolfsthal (wer braucht schon den CAT?) und versuche nicht einzuschlafen, um auch wirklich am Flughafen auszusteigen!

06:30

Ich bin verwirrt! Ja, mir ist bewusst, dass der Flughafen Wien schon seit Längerem „neu“ ist, aber irgendwie konnte ich mich daran noch nicht so ganz gewöhnen. Früher ging man einfach Richtung „Abflug“, nun kann man sich da aber entscheiden, ob man in Richtung „Abflug Check In 1-2“ oder „Abflug Check In 3“ gehen will. AbflugAber ich muss doch gar nicht einchecken! Es ist eindeutig noch immer zu früh, um einen klaren Gedanken zu fassen. Nun gut, ich habe eine 50/50 Chance, in die richtige Richtung zu gehen. Der Aufzug beim Abgang „Check In 3“ hat mir die Entscheidung allerdings abgenommen: Kaputt, Dead End. Wieder retour.

 

06:45

DepartureHolla die Waldfee! Eine Hatscherei ist das bis zum Gate F 36! Egal, ich bin dort angekommen, treffe meine Mitreisenden, bin wider meine Natur ungesprächig und schmähstad. Es ist noch immer zu früh. Ich finde meinen Platz im Flieger, ärgere mich wie jedes Mal, dass Menschen einfach zu blöd sind, ihr Handgepäck effizient in die oberen Gepäckfächer zu packen und habe vor, ein Schläfchen zu machen. Daraus wird nichts, da ich erstens von den Gesprächen der hinter mir Sitzenden abgelenkt werde und zweitens eine Zimtschnecke verspeisen muss.Essen1

 

 

09:00

So, da stehen wir jetzt in Berlin Tegel, warten auf ein Taxi, gähnen um die Wette und sind gespannt, was uns im Berliner Sofitel so erwartet. Nach der Taxifahrt durch Berlin erkennen wir – oh Wunder – dass es hier auch Morgenverkehr – im Stausinne – gibt. Dafür scheinen die Taxometer etwas langsamer zu laufen als in Wien. Im Sofitel genießen wir dann unseren Kaffee – der für deutsche Verhältnisse wirklich ausgezeichnet war – und stoßen auf zig Journalisten, Kamerateams und Fotografen, die allesamt ziemlich aufgeregt vor einem lebensgroßen Poster von Harald Glööckler auf Einlass zum Presseevent warten.

11.00

BühneEs geht los! Ein roter Teppich, eine Bühne mit Harald Glööcklers Kostümen, eine große Anzahl an Journalisten, eine pompöse (das musste sein!) Lichtshow und Dancemusic paaren sich in einem Raum. Der Moderator betritt die Bühne und wird alsbald von einem sympathischen und vor allem auch moderationssicheren Norbert Schramm unterstützt. Wir sehen Zusammenschnitte der Show – sehr beeindruckend, was die Protagonisten so auf das Eis zaubern können! Außerdem bekommen wir auch noch einen Eindruck der Musik von „Holiday On Ice – Platinum“. Ich bin überrascht! Dubstep scheint auch bei solchen Shows ein großer Faktor zu sein! Wenn man sich so überlegt, wer sich aller schon in diese Gefilde getraut hat (von Korn über Lindsey Stirling), dann ist man doch erstaunt … ich schweife gedanklich ab! Und Potz-Blitz, da geht es schon los! Der exzentrische Designer Harald Glööckler betritt – nein: schwebt über – den roten Teppich. Eine skurrile Erscheinung, unfassbar dünne Beinchen, ein unfassbares Haupt! Er posiert für einige Fotografen, die die perfekte Ellbogentechnik besser als ich beherrschen und gesellt sich mit auf die Bühne. Es folgen Erklärungen zu Designs der Show, ein paar Witzchen – Harald Glööckler ist wirklich sehr schlagfertig und schafft es, fernab von gewollten Schenkelklopfern, lautes Gelächter zu provozieren – und wie bei einer Pressekonferenz üblich: eine Fragestunde. Diese fällt ein bisschen kürzer als geplant aus, da viele der Anwesenden sich auch noch über Einzelinterviews freuen dürfen. Danach gibt es einen „Fotocall“. Sowas sieht man sonst nur in Sendungen von E! Entertainment: An die 30 Fotografen, oder eigentlich schon Paparazzi, tummeln sich vor der Bühne, geben Anweisungen wo sich wer hinstellen soll, ein Geschreie und Gedränge vor dem Herren! Ich versage kläglich, die nichtvorhandene Ellbogentechnik ist ein Hund! Aber gut, Paparazza ist im Prinzip auch nicht meine Berufung.Glööö

12:15

Weiter geht es mit Interviews! Angefangen wird mit einem Gespräch mit den Eislaufstars Ingrid Wendl und Norbert Schramm, danach geht es noch einen Sprung zu Michael Duwe, dem Geschäftsführer von Stage Entertainment Touring Productions Deutschland, der uns spannende Hintergrundfragen beantwortet. Die Zeit bis zum Gespräch mit Harald Glööckler versüßt uns auch noch nach dem Interview die sympathische und – man kann es nicht anders sagen – entzückende Ingrid Wendl. Sie plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen und führt uns zurück ins Jahr 1958, zur ersten Eisrevue in Wien und erzählt uns, warum ihr Kragen auf nur einer Seite hochgestellt ist: „Wenn Herr Glööckler da ist, dann muss man selbst auch ein bisschen extravagant sein.“

Herr Glööckler … den treffen wir nach einer längeren Wartezeit und sind gespannt, wie er im Zwiegespräch auftritt. Fazit: Natürlich ist er exzentrisch und wird von seiner Entourage begleitet, ja fast schon umzäunt, dennoch: Ein Sympathieträger auf seine Art! Vor allem die Antwort auf die Frage, was ein Fashion-No-Go ist, hat mich als Anti-Fashionista besonders überrascht: „Gibt es nicht! Dieses „No-Go“ ist ein „No-Go“! Ich finde das unmöglich! Das sind alles frustrierte Menschen, die meinen sie müssen ein „No-Go“ auf die Beine stellen.“

14:00

Ein bayrisches Lokal mitten in Berlin! Genau das Richtige für ein verspätetes Mittagessen und mich persönlich – mit der leichten Kost habe ich es im Allgemeinen nicht so. Böse Zungen haben schon behauptet, dass mir wohl mal die Seefahrerkrankheit Skorbut diagnostiziert werden wird, aber das ist eine andere Geschichte – und im übrigens schmeckt der Schweinsbraten mit Kraut und Knödel hervorragend! Die Vitamine gibt’s von der Zitrone in meinem Sprudel (Soda kennen die dort nicht). Die Gespräche und Rauchpausen mit meinen Branchen-KollegInnen gestalten sich kurzweilig und interessant, die Stimmung passt! Ein kurzer Eklat darf natürlich nicht fehlen: Der nette Kellner hat ein Großraum-Taxi für uns bestellt. Hat er wirklich, wir haben es gehört! Sein Chef glaubt’s ihm aber nicht, da ein „normales“ vor dem Lokal wartet und zetert lautstark dahin, dass er den „Oberchef“ holen wird! Alles easy, das Großraum-Taxi wartet an der anderen Ecke! Von wegen Berliner Lockerheit in einem bayrischen Lokal, eher deutsche Korrektheit. Bisserl mehr Gmiadlichkeit könntat scho sei!

16.45

Fugazis „Waiting Room“ brennt sich in meine Hirnrinde – „I’m a patient boy (naja), I wait, I wait, I wait, I wait (oh ja!)“–, als ich am dichtgedrängten Tegeler Gate auf das Boarding warte. Ich stelle mir die Frage, ob nun Fugazi oder doch eher Black Flag die Erfinder der Straight-Edge-Bewegung waren, frage mich gleichzeitig, ob ein Asketen-Dasein überhaupt Sinn macht, eine Kollegin erzählt mir vom Münchener Oktoberfest, ich will instantly ein Bier, allerdings ohne Oktoberfest. Dann fällt mir wieder ein, dass Henry Rollins ja nix mit Straight Edge zu tun hat, auch gut, mit ihm würde ich jetzt gerne auf ein Bier gehen. Essen2Auf die Frage, ob man kurz das Gate verlassen kann, um auf das Flughafengelände eine rauchen zu gehen, kommt – no na ned – ein schlichtes „Nein“. Eh, aber wir warten schon 40 Minuten auf unser Boarding. Es ist aber alles nicht so schlimm, ich raunz einfach gerne! Und schon sitzen wir im German-Wings-Flieger, mit dem wirklich freundlichsten Flug-Personal aller Zeiten, und bekommen ein Sandwich. Ich frage mich noch kurz, ob das noch in meinen Schweinsbratenbauch passt und bevor ich diesen Gedanken zu Ende denke, respektive bevor ich wieder in irgendwelche veganen Straight Edge Gedanken verfalle (ist Analog-Käse eigentlich vegan?), hab ich es gegessen auch schon.

20:15

Couch, zu Hause, nach S-Bahn Fahrt und Flugzeugknacksen im Ohr. Puh, wie gut! Das waren anscheinend doch zu viele spannende Eindrücke, interessante Menschen und seltsame Gedanken für mein Hirn heute. Tilt! Ich sehe mir noch irgendeine (grottenschlechte) Serie an, die auf eine seltsame Art an „Die Schöne und das Biest“ angelehnt sein soll, denke darüber nach, dass die Schauspielerin doch die aus „Smallville“ ist und noch immer gleich dümmlich grinst, und ich glaube, dass ich dann, als ich in einer gedanklichen „Was macht eigentlich der Superman-Schauspieler aus „Smallville“ mit den feschen Augen gerade?“-Endlosschleife gefangen bin, einschlafe.

So ist das also mit Pressereisen! Und „Holiday On Ice – Platinum“ hat weder etwas mit Hardcore-Punk, noch mit dem Oktoberfest zu tun, wird aber eine wahnsinnig beeindruckende Show werden, über die es in unserer Novemberausgabe einen entsprechenden Bericht gibt.

Tickets bei oeticket.com

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!