Hugh Laurie

OPERIERT AM OFFENEN HERZEN. AM KLAVIER.

Hugh Laurie wurde nicht gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Alabama geboren. Er hat nie Schrot gefressen, eine Ernte eingetragen oder ist in einem Güterwaggon durchs Land gefahren. Hugh Laurie ist nicht dunkelhäutig und musste nie Rassendiskriminierung am eigenen Leibe erfahren – er ist ein Mittelklasse-Engländer, der aber dennoch gekonnt in die Musik und den Mythos des amerikanischen Südens einbricht.

TICKET: Sie sind seit Jahren ein sehr erfolgreicher Schauspieler, wollten aber insgeheim auch immer gern Musiker sein. Wie fühlt es sich an, wenn mit Anfang 50 plötzlich das eigene Debütalbum vor einem liegt?

Hugh Laurie: Es ist schon immer mein Traum gewesen – ein Traum, von dem ich nie dachte, dass er wahr werden würde. Nun ist es passiert und während ich rede, sehe ich mein Gesicht auf dem Cover einer CD und kann  es nicht glauben. Ich kann es nicht glauben. Ich schaue mir dieses Ding an, als wäre es etwas, worauf ich mein Glas Wasser abstellen könnte. Ich kann nicht glauben, dass das wirklich ein echtes Album ist. Außerdem erscheint es ja auch noch auf Vinyl, es ist also ein echtes echtes Album. Ich hätte nie gedacht, dass das passiert. Das ist eine großartige Erfahrung für mich.

TICKET: Wie hat Ihr Gastsänger Tom Jones auf Ihr Album reagiert? Er selbst musste 70 Jahre alt werden, um mit seinem aktuellen Album endlich zu seinen musikalischen Wurzeln zurückzukehren, zu Gospel, Folk und Blues – war er ein bisschen neidisch, dass Sie das schon mit Anfang 50 schaffen?

Hugh: Zuerst muss ich ja sagen, dass er nur den Song gehört hat, auf dem er singen sollte – und der hat ihm gefallen. Er muss ihm gut genug gefallen haben, um vorbei zu kommen und ihn zu singen. Das ist eine gute Frage – ich weiß nicht, was er gedacht hätte. Ich meine, er hat so eine enorme Begabung und ist so ein enormer Sänger, dass es keine Musikrichtung gibt, mit der er nicht fertig werden kann. Aber es stimmt – ich denke, das hier liegt ihm sehr am Herzen. Er liebt all diese Sachen, er hat immer gesagt, dass er diese Art von Jerry Lee Lewis-Ding sehr mag, dass ihm das sehr am Herzen liegt. Aber seine Stimme ist so gewaltig! Er hat einfach mehr Auswahl. Mit dieser Gabe kann er in alle möglichen Richtungen gehen, und ich vermute, dass das manchmal auch ein Fluch sein kann. So, als wäre die Speisekarte einfach zu groß.

TICKET: Beim Schauspielern müssen Sie so tun, als wäre Sie ein anderer, beim Musikmachen können Sie Sie selbst sein. Ist das der große Vorteil der Musik gegenüber der Schauspielerei?  

Hugh: Das stimmt. Erst vor Kurzem kam mir der Gedanke, dass die Musik das Gegenteil von Schauspielen ist. Beim Schauspiel verkleidet man sich, und wenn Musik wirklich etwas bedeuten soll, dann versucht man, jede Verkleidung abzulegen. Man kann sich zwar hinter den Instrumenten verstecken oder hinter extravaganten Spielereien, aber egal, was du machst, oder wie du es machst: Am Ende enthüllst du etwas von dir. Es ist einfach die wahrhaftigere Ausdrucksform. Dieses Album ist jedenfalls eine wahrhaftigere Darstellung von mir, ohne Zweifel. Das ist sehr nah dran an meinem wahren Ich.

TICKET: Warum ist Ihr Album ausgerechnet ein Bluesalbum geworden?

Hugh: Ich glaube, die Menschen reagieren auf das, was aufrichtig ist. Wenn es wahr ist und so gemeint und aufrichtig, dann hast du zumindest eine Chance. Aber wenn die Menschen denken, du tust nur so, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, oder du versuchst etwas, von dem du denkst, dass es ihnen gefallen könnte, dann wird sich keiner dafür interessieren. Das ist zumindest mein Gefühl.

TICKET: Können Sie sich noch an den Moment erinnern, in dem der Blues Sie erwischt hat?

Hugh: Kann ich. Ich weiß nicht mehr ganz genau, welcher Song es war, aber ich habe das Gefühl, es war Willy Dixon. Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, er war es. Ich erinnere mich an meinen Bruder, der mich im Auto durch die Gegend gefahren hat, und dann kam dieser Song im Radio. Es war wie ein Stromschlag, der mich da erwischt hat und ich habe gesagt: „Oh mein Gott, was ist das für ein Klang?“ – und das hatte zu tun mit den blue notes, die mich haben erzittern lassen und sie tun es bis heute. Ganz egal, woher, es kann eine Mundharmonika sein, eine Gitarre, die menschliche Stimme, ein Saxofon – komischerweise kann es nicht das Klavier sein, denn da sind keine blue notes drauf, aber wenn ich diesen Klang höre, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Er lässt mich erschauern.

TICKET: Stört es Sie, dass die meisten Menschen nur zum Konzert kommen, weil sie Sie als Schauspieler kennen?

Hugh: Nein, dazu habe ich kein Recht. Darüber darf ich mich nicht beschweren. Wenn die Menschen zum Konzert kommen, dann freue ich mich, dass sie zum Konzert kommen. Wenn sie kommen, weil sie mich als Schauspieler kennen, hoffe ich, dass sie am ende gehen und die Musik mögen. Dafür gibt es keine Garantie, aber das hoffe ich. Aber natürlich habe ich kein Anrecht darauf, mich zu beschweren, wenn die Menschen kommen, weil sie mich im Fernsehen gesehen haben.

TICKET: Dürfen die Fans nach dem Konzert nach medizinischen Diagnosen fragen?

Hugh: Danach sollten sie zu keinem Zeitpunkt fragen, denn ich weiß absolut nichts über Medizin. Ich kann es mir für zehn Minuten merken und dann ist es weg. Also, sie sollten mich nichts fragen.

TICKET: Empfehlen Sie uns bitte zum Schluss noch einen Musiker, der Sie bei der Arbeit für Ihr Album besonders inspiriert hat.

Hugh: Ich bitte Sie dringend, das Klavierspiel von Professor Longhair zu erforschen, wenn Sie es noch nicht getan haben. Er ist einer der Giganten der New-Orleans-Klaviermusik und er hat eine Art gefunden, das Klavier als Melodieinstrument zu spielen und auch als Perkussionsinstrument, als Schlagzeug. Er hat im Klavier Rhythmen gefunden, die eine höchst eigentümliche Mischung waren aus kubanisch, spanisch, karibisch und afroamerikanisch … Da geht rhythmisch jede Menge ab und das finde ich bis heute absolut mitreißend. Professor Longhair – los, holt ihn euch!

Interview: Simon Bauer

Hugh Laurie hat am 22. Juli im Wiener Konzerthaus den Blues!

Let Them Talk ist bei Warner Music erschienen!

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