Im Reich der Träume

Titelbild produced & powered by visionenhaendler.at, Artikelbilder vom Autor selbst

„Burning since 2012“: Zum vierten Mal in Folge ging mit dem Lake On Fire im abseitigen Waldhausen unter der lodernden Sonne das wohl kostbarste Kleinod der heimischen Festivallandschaft über die Bühne – und das unter der „Schirmherrschaft“ von Granden wie Kadavar und Elder.

 

Der Städter – insbesondere, wenn er sich bereits im fortgeschrittenen Alter befindet – vollzieht zum Wochenende ja gern seine Stadtflucht, entweder ins Wochenendhaus im Speckgürtel vor Wien, nach Laab im Walde oder Kaltenleutgeben, oder ins Burgenland, um auch den heimischen Weinkeller mit ein paar edlen Tropfen wieder aufzufüllen. Selten aber doch rafft sich der Senior gerade im Sommer auch auf – gerne mit dem Schiff – zudem die Wachau zu beehren. Seit 2012 gewinnt jenes Grätzel überdies auch einen Aufschwung durch eine diverse Zielgruppe, denn seit eben diesem Jahr lässt hier, am Nepomukteich in Waldhausen im Strudengau, der Verein Seitwärts für zwei Tage und Nächte im August „atemberaubende Klänge und schwebende Melodien“ durch die malerische Kulisse gleiten.

Wahrlich "burning since 2012": früh übt sich!

Wahrlich „burning since 2012“: früh übt sich!

Waldhausen im Strudengau also. Aufmerksamen Beobachtern der österreichischen Kulturlandschaft könnte die verschlafene oberösterreichische Marktgemeinde mit niedlichen knapp 3.000 Einwohnern durchaus ein Begriff sein: Am überaus schneereichen 14. Februar 1962 wurde hier nämlich der Kabarettist Josef Hader geboren, wie er einleitend in seinem Programm „Privat“ biographisch stringent zu berichten weiß. Demnach war die Anfahrt selbst für verwöhnte Bundeshauptstädtler ein leichtes – in Ybbs (und nicht Amstetten) bei der Autobahn abfahren, empfiehl Hader, anschließend durch Ybbs durch, beim Kraftwerk dann die Donau überqueren und beim Kreisverkehr nicht nach rechts Richtung Persenbeug, sondern nach links, die Donauuferstraße gen Linz via Weins und Samingstein befahren – und dann schließlich noch vor Grein rechts „auffe“.

 

Lake on Fire: Panta Rhei

Während ein „typischer“ Festivalbesuch – gerade bei den Granden des Landes – nicht selten auch einen Tumult, eine beinahe hysterische Massenansammlung bedeutet, in Rahmen welcher der Exzess und das Tralala des Rahmenprogrammes beinahe schon die Musik überschattet, und sich zudem auch das Preisniveau der Kulinarik vielmehr an die gehobene Schweizer Gastro annähert, so fiel beim Lake On Fire augenblicklich – und mehr noch als bei vergleichbaren Kleinfestivals wie dem parallel stattfindenden Sauzipf – das soziale Engagement der Veranstalter positiv auf. Bewusst wird die Besucherzahl knapp vierstellig gehalten und es wird versucht, nicht nur den Erlös wohltätigen Zwecken zuzuführen, sondern auch für den Besucher vor Ort eine Wohltat zu erwecken. Dies beginnt beim niedrigen Preis des Festivals selbst, das zieht sich über die Preise für Speis und Trank, bis hin zum Ambiente selbst – sei es das Campinggelände, das Konzertareal am Nepomukteich oder auch das überaus gastliche Dörfchen und den Badesee Waldhausen samt seiner zuvorkommenden, hilfreichen Einheimischen. Und schließlich: Die Auswahl der Künstler ist alljährlich von oberster Güte, durften bisher bereits Monkey3, Red Fang oder The Atomic Bitchwax auf der zu Wasser gelassenen Bühne Fuzz und psychedelisches Allerlei feilbieten, geriet dieses Jahr das Billing international und hochwertig wie nie zuvor. Dass dabei – gerade bei einer Zielgruppe, die zum Gros aus feinsinnigen Connaisseuren besteht – ein rahmenprogrammlicher Unsinn, der vielmehr an Jahrmarktsgaudi und Oktoberfest erinnert, nicht von Nöten war, versteht sich von selbst. Vielmehr konnte man im Rahmen einer offenen Jamsession am zweiten Tag unter der prallen Mittagshitze sein eigenes Können an den Instrumenten beweisen, sich von den Klängen tragen lassen – „panta rhei“, wie es bei Heraklit schon heißt.

Gutes Stichwort übrigens, waren dieses Jahr mit Mother’s Cake und Parasol Caravan gleich zwei Künstler des heimischen Labels Panta R&E vertreten. Erste mit ihrem aktuellen Album „Love The Filth“ im Gepäck, das zurecht Lobeshymnen von der Fachpresse verliehen bekam, zweite stehen kurz vor der Veröffentlichung ihres Debüts „Para Solem“, auf welchem die vier Kosmonauten gewiss für einen neuen Aufschwung in der Raumfahrt sorgen werden.

Klein, aber fein: Direkt vor der Bühne lud der Nepomukteich zum Plantschen ein

Klein, aber fein: Direkt vor der Bühne lud der Nepomukteich zum Plantschen ein

Zugegeben: Mother’s Cake fielen mit ihren Shuffleriffs und dem (im Vergleich zum Debüt „Creation’s Finest“ mittlerweile etwas zurückgeschraubten) Funkanteil etwas aus dem Programm, es sind eher The Mars Volta, Red Hot Chili Peppers oder auch Porcupine Tree, die den Sound der drei Tiroler geformt haben. Doch: Nicht California, sondern „Aufgeschlossenheit über alles“, und so musste man auch hier zwangsweigerlich zu exaltierten Luftsprüngen ansetzen. Das agile Trio ist nicht nur charismatisch, sondern der Sound auch durchdringlich, beinahe allem Dreck und Rotz zum Trotz jenseitig. Und gerade die Stimme von Yves Krismer führt derart verlockend durch das progressive Treiben, dass man vermeint, es stünde der Erlkönig leibhaftig auf der Bühne. Einzig, dass die neue Lichtshow für Störungen in den Tonkanälen sorgte, war ein kleiner Wehmutstropfen auf dem heißen Stein.

Die Linzer Parasol Caravan hingegen passten mit ihren energetischen Fuzzorgien und psychedelischen Klecksereien wie die Faust aufs Auge ins Programm, man dürfte hier gut und gerne Motörhead nach einer Doppelpartie Jack & Jolly mit „stoned dead forever“ bewusst falsch zitieren. Es muss nicht das Death Valley sein, auch die voest scheint nach Dienstschluss an einer Variante des DeLorean gesessen zu sein, der zwar nicht mit Fluxkompensator, dafür mit ordentlich Schwammerl Marke Eigenbau und Sand im Getriebe durch die Siebziger rotzt. Nicht nur Altbewährtes – wie „Psychotic Fever“ und „Chinese Eyes“ von der fabelhaften Split mit Cachimbo De Paz –, sondern auch Novitäten wie „Take Off“ waren gekonntes Dokument für die bodenständige Authentizität der vier Herren, und dies sollte Überzeugungsarbeit genug geleistet haben, sich im Oktober umgehend „Para Solem“ zu sichern – vermutlich neben der neuen Pastor-Langrille „Evoke“ eine der bedeutsamsten heimischen, genrespezifischen Veröffentlichungen dieses Jahres. Was für eine Supernova!

 

Diversität pur

Freilich waren es aber auch (und insbesondere?) die internationalen Künstler, die den regen Zufluss rechtfertigten. Erst kürzlich konnte man sich in den heiligen Hallen der Wiener Arena im Rahmen der RTOS-Reihe von der intensiven auditiven Penetration der Amerikaner Elder und Mos Generator überzeugen – elegisch, ja beinahe magisch war das Fazit des damaligen heißen Juli-Abends. Bemerkenswert bei Elder ist, dass die ausufernden Nummern absolut keine Hänger zu vermelden haben – derart gekonnt weben sich proggige Krautröck-Fitzeleien in die schweren Melodien ein, die jedoch die Augenlider auch ohne unterstützende süßliche Rauchschwaden schwer werden lassen und dazu anregen, mit verträumten Gesichtsausdruck in sanfte Schwankungen zu verfallen, als donnere man gemeinsam mit Indiana Jones auf einer Lore, so auch der Titel des aktuellen Albums, durch die Untiefen des „Tempel des Todes“. Aber auch Mos Generator beschlossen ihre Tour in Waldhausen fulminant, mit sludiger Schwere, dabei aber überaus fetzig – immerhin ist gerade Frontmann Tony Reed dem Whisky durchaus zugetan, und Kenner wissen ob der Auswirkungen von uisce beatha: ein Stimmungsexzess bereits zur frühen Stunde!

Easy going, das Festivalmotto.

Easy going, das Festivalmotto.

Doch was im Anschluss Greenleaf nachlegten, ist kaum dingfest zu machen. Die epische Ekstase der Schweden – Dokument dafür, wie haptisch (!) schön Töne sein können! – wurde im Rahmen dieser zwei Tage vielleicht noch von Kadavar erreicht, jenen drei (Wahl-)Deutschen, die soeben mit „Berlin“ ihre dritte Scheibe veröffentlichten. Wenngleich sich selbige zwar mittlerweile weit vom anfänglichen „Okkult“-Sound entfernt haben, ist der Retro-Dreck hierbei nach wie vor immanent, wissen gerade flehentliche Nummern wie das neue „Lord of the Sky“ fesseln machen, während die Performance ohnehin allen Zweifeln erhaben ist. Kadavar sind eine der wenigen Neuzugänge der Wilden Siebziger, denen zuzutrauen ist, wie auch die ehrwürdigen Altherrenpartie Melodien nicht nur für den Moment, sondern gar für die Ewigkeit zu schreiben, „Rhythm For Endless Minds“, sozusagen.

Schließlich war der viskose Sound, die dahinwabernde Lava Belzebongs das perfekte Abschlussgeschenk der Veranstalter an das rundum befriedigte Publikum – nicht nur, weil die Polen schlichtweg sensationelle Tonkünstler sind, sondern vor allem auch programmatisch platziert wurden: Ein „Bong Thrower“ ist kein unguter, harscher Sperrstunden-Rausschmeißer, wie es die kadaverösen Berliner beispielsweise gewesen wären, sondern ein omnipotentes Geleit, das mit auf den letzten Weg zum Schlafplatz gegeben wurde. Mit wuchtigen Schritten, schweigend, durch die Untiefen und das Auf und Ab des Waldweges – bei spärlicher Beleuchtung, leicht schwingend – stapfte das Quintett auf der Bühne gleichermaßen wie die paar hundert Besucher im Anschluss heimwärts.

 

Die bessere Zukunft

Das Lake On Fire ist somit – von der Auswahl der Künstler, der Location, des Publikums, der Preisstruktur und auch ob des Anspruches und sozialen Engagements – vielleicht Anstoß für eine bessere Zukunft der heimischen Musiklandschaft: Während sich die Großbetriebe gegenseitig auf die Füße steigen, rempeln und boxen und in der gemeinsame Sandkiste blödsinnig mit Sand um sich schmeißen, und dabei schließlich doch nur eine laute Jahrmarkt-Sandburg bauen, zeigt der Verein Seitwärts, wie es wirklich geht. Trotz der Wespen, aber dafür können die drei sympathischen Herren ja nichts, und deswegen sehen wir uns 2016 definitiv wieder. „Sweet leaves are made of this / who am I to disagree?“

 

Fotos Tag 1 (produced & powered by visionenhaendler.at, Maximilian Rosenberger)

Fotos Tag 2 (produced & powered by visionenhaendler.at, Maximilian Rosenberger)

Weitere stimmungsvolle Bilder findet man zum Beispiel bei Through The Haze (Julian Haas).

 

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