Im Taumel der Lust am Lake on Fire

Lake On Fire

In seiner fünften Saison geriet das Waldhausener Lake of Fire mit Künstlern wie sunnata, Uncle Acid und Radio Moscow zur Geliebten meiner siebenundzwanzig Sinne: „Ich liebe dir!“

Lake On FireGespielt plakativ überhöht ist man versucht, im postkoitalen Taumel der Lust zu reüssieren, ein bewusst verallgemeinerndes Resümee (die Bonzen in Brüssel! die Ausländer!) zu ziehen: Die (warte, es kommt gleich) Festivals weltweit buhlen wie billige Großstadthuren marktschreierisch in grellste Neonfarben gehüllt um ihre Freier, mit überdimensionaler Leuchtreklame gaukeln sie einen Lustgewinn vor gegen ein Bisschen nur des schnöden, hart erarbeiteten Mammons, mit Pauken und Trompeten krakeelen sie Sensationen von einem Five-Finger-Death-Punch-Handjob. Demnach scharen sich dort allein die verzweifelten Gestalten in ihrer Wollust ums geheuchelt lustvolle Gestöhne, „Bussi Baby!“ und so weiter.

Lake on Fire, ein Reich der Träume

Ganz im Gegenteil das Lake On Fire Festival, im malerischen, oberösterreichischen Waldhausen – der Heimat Josef Haders – gelegen: Dieses Festival ruht in seinem Inneren, und aus selbigem heraus ist es ohne großartige Kinkerlitzchen einfach nur grundexzellent, und fernab jedwedes schnöden Großstadtgeflüsters. „Waldhausen, das werden Sie nicht kennen“, vermutet Hader in seinem Programm „Privat“ und leitet das Publikum via das Kraftwerk Ybbs/Persenbeug und Ansiedlungen wie das klingende Sarmingstein in seinen Strudengau, und tatsächlich: Bereits die Anreise ins lange, enge, waldige, mäandernde Tal am Nordufer der Donau entschleunigt, wirkt auf die grob 800 gemächlich eintrudelnden Gäste ähnlich der Windows-Meldung mit den zu installierenden Updates für die hassgeliebte elektronische Datenverarbeitungsanlage ein – nur, dass die Updates hier wieder deinstalliert werden. Spätestens, wenn man die Donauuferstraße verlässt und über die geschlungene Steigung langsam ins Tal vorstößt, bröckelt sukzessive all der Lärm, die Hektik, der Missmut, der Grant ab. Irgendwann ist dann noch dazu der Internet-Empfang am Mobiltelefon verschwunden, und man ist auch faktisch nicht mehr wirklich für den alltäglichen Trott erreichbar. Das ist Stadtflucht de luxe. Und schließlich tut er sich beinahe schüchtern-keck auf, am Fuße des Stiftes Waldhausen gelegen: der Nepomukteich, 1992 vom ansässigen „Schlüsselwirt“ Gottfried Hader und seiner Familie angelegt – und nicht nur alten Freudianern muss man den Wunsch, ins kühle Nass eintauchen zu wollen, nicht sonders erklären. Drei Jahre später wurde dann wie ein Sahnehäubchen noch eine Seebühne mit Kuppeldach aufgesetzt, eine Plattform, auf der mittlerweile nicht nur „die kleinsten Seefestspiele Österreichs“ – Abende mit Kleinkunst und Kabarett im Juni – stattfinden, sondern mit dem Lake on Fire zum Augustanfang auch ein Festival zum Wochenausklang mit einerseits flirrend-hypnotischen Tönen, die sanft über die Wasseroberfläche gleiten, andererseits grollenden Sounderuptionen, die einen wäldlichen Kahlschlag vermuten lassen.

Lake On Fire

Lake on Fire: denn das Gute liegt so nah

„Burning since 2012“ vermeldet der hierfür verantwortliche Verein Saitwärts und darf aus den letzten Saisonen bereits auf vielfach gerühmte, stimmungsvolle Momente zu Klängen von Szenegrößen wie Monkey3 und Samsara Blues Experiment, Red Fang, The Atomic Bitchwax, The Vintage Carvan und Colour Haze, oder auch Kadavar, Greenleaf, Elder und Belzebong zurückblicken: So einladend die Umgebung, so ausgesucht auch die Musiker – edle Tropfen wie einen Château Margaux 2009 genießt man ja auch nicht mit einem Schuss Coca-Cola aus einem Pappbecher. Bei all den klingenden Namen von fern vergisst die künstlerische Festivalleitung freilich nicht, dass das Gute oftmals näher liegt, als man zu glauben vermag – und bittet von daher alljährlich auch eine Vielzahl heimischer Künstler zu sich an den Teich.
In diesem Jahr taten sich zur nachmittäglichen Stunde neben der extravaganten Laszivität der White Miles – ein krosses Potpourri irgendwo zwischen Queens of the Stoneage und White Stripes – vor allem auch der schier endlose, beinahe kafkaesk verhangene Trip der Linzer Ceveo, der sich fragil und sphärisch – in etwa ein Destillat aus Mogwai, God Is An Astronaut und Swans – einem Schmetterling gleich aus dem feinfadigen Sound-Kokon kämpfte, als auch die zehrende Odyssee der Steirer Savanah hervor: Letztgenannte dehydrieren mit ihren Eskapaden, die gekonnt Black Sabbath in Kyuss wabern lassen – panta rhei, meine Herren, euer gelungen geschwungener Spannungsbogen zwischen drückenden Melodien und mitreißend depressiv-hypnotischen Stimmen ist ein Klangerlebnis von absoluter Profundität, unglaublicher Schönheit und ein Feingefühl gleichermaßen!

Lake On Fire

Lake on Fire: zwischen Licht und Dunkel

Freilich: Die durchdringendsten Momente passieren insbesondere erst dann, wenn sich die Dunkelheit über den Nepomukteich legt und das Kunstlicht einem Maelstrom gleich durch die Nacht schleicht – am fieberhaftesten und magischsten dieses Jahr vielleicht im Zuge der abstrakten Instrumentalpassagen der Dänen Causa Sui: das zwanglose Improvisieren tänzelte gelöst irgendwo zwischen den abgedrehten Welten aus Pink Floyd, Emerson, Lake & Palmer, Yes und Can, allerdings ohne diesem lästig geifernden, semiintellektuellen Bombast, dafür mit einem gelungenen Taumel zwischen ungestümer Aggression und beinah pastoraler Feinfühligkeit, zwischen Chaos und Ordnung.
Oder auch bei Radio Moscow, die bereits tags zuvor in Begleitung der Finnen Kaleidobolt (welche in Waldhausen für die energetische, überaus schneidige Festival-Ouvertüre verantwortlich zeichneten) die kleine Arena Halle in Wien – an jenem Abend Tropfsteinhöhle wie nur selten – sexualisierten, als Taktgeber stets mit dabei: das Wah-Wah. Mal geht es hemmungslos und dreckig zur Sache, dann prescht gar wieder orientalische Exotik ins schweißtreibende Spiel: „Quietsch … Quietsch … Wer bohrt denn da nach Öl?“ Beim Anblick von Parker Griggs – mit dünnen, formlosen Strähnchen bis zur Hühnerbrust und seinen quer aus dem Gitarrenkopf ragenden Saiten – mag man gar nicht glauben, welches Heavy-Blues-Ungestüm er von der Leine lassen vermag, und scheinbar von nebenher kraulen dann smoothe Bässe an den Eiern, während die Schmetterlinge im Bauch ohnehin schon benebelt wie blöde gegen die Bauchdecke flattern. So muss es all den verführten Damen gegangen sein, als sich Gottvater Zeus Heras maßloser Eifersucht zum Trotz mehrfach in Gestalt eines Adlers, Stiers, eines Schwans oder als goldener Regen gar auf die Erde begab und mit Sterblichen in wilden Liebschaften ergoss!

Lake On FireWo Licht, da aber auch Dunkel: Beinahe durchgehend in purpurrote Nebelschwaden getaucht, schmiss die britische Formation Uncle Acid and the Deadbeats einen (akustischen) LSD-Trip nach dem anderen, entführte in eine Welt dionysischer Epitheta wie Wein, Stier, Trunkenheit und Taumel. So schrieb der Gnostiker Alfred Schuler dereinst in den „Fragmenta Neronis Domini“ von einem sich aufbäumenden Stier, der sein Herzblut gibt – ein besonders absonderlicher bacchantischer Taumel der Lust: „Stierwut / bereit zum Herzblut / Schalen zu füllen für Trunk‘ne / Versunkene / Heiße / dampfende Herblutschalen …“ Hypnotisierend sind der jenseitige Gesang und Gitarren gleichermaßen, nehmen sich dabei aber stets ausreichend zurück, um bei all der drohenden Fährde, die von Stücken wie „I’ll Cut You Down“ ausgeht, doch eine unschuldige Süße nicht missen zu lassen: So waren es ja auch bei Charles Manson die mit Gruppensex und Drogen geköderten und willig gemachten Mädchen, welche die Opfer um den Finger wickelten und einlullten, bevor auch hier das Blut zu fließen begann. Mit dem im feinen Zwirn gewandeten Teufel im Bunde und nebulöse Geschichten zu einem schrägen, aber distinguierten Konstrukt verwoben, wirkt man überaus subtil, wenngleich der schmale Grat der künstlerischen Verklärung nur allzu oft überschritten wird: die Trance ist hier wahrhaftig.

Lake On FireWar es hier noch purpurn, so ging bei den Polen sunnata der Himmel schon vom bildlichen Drommetenrot ins Licht durchzuckte, feurig lodernde Grollen über, das die himmelhochjauchzende Apokalypse ankündet. „Climbing the Colossus“ hieß ihr Debüt, auf der aktuellen LP „Zorya“ wird die Jenseitsfahrt gleich bildlich ausgedrückt – treffender könnte man die Eckpunkte jenes Ungetüms tatsächlich auch nicht dingfest machen, fühlt man sich hier erneut an Schuler erinnert, wenn er von einem verschlingenden „Glutmund“ fabuliert: „Diese flammende / schäumende / brausende / träumende / schwertblitzdurchfunkelte / schildüberdunkelte Korybantiasis.“ Es ist ein ohrenbetäubendes Dröhnen, das durch beinah versöhnliche Kontrastpunkte unterbrochen wird, aufbäumende, monolithische Klangwände mit einem kraftstrotzendem Charakter, die zum Grande Finale den Strudengau noch ein paar Meter tiefer ins Gestein hämmern, bevor sie ihn bersten machen – landläufiger Sludge/Doom vermag nicht, was diese eindrückliche Urgewalt vermag, die vor allem durch das unterkühlte, stakkatoartige Geprügel, aber auch durch das gelungene Wechselspiel mit sphärischen Passagen einen unaufhaltsamen Marsch gen Erlösung vorgaukelt, bevor all die irdische Existenz doch nur in gleißendem Rauch aufgeht und verpufft. sunnata, das ist wie die ewige, beschwerliche, qualvolle Wanderung Roland Deschains gen Dunklen Turm, der Dreh- und Angelpunkt des Raum-Zeit-Kontinuums in Stephen Kings Universum: Dies ist der Gral, den der Irrende besteigen will, um den ganz oben residierenden Dämon gegenüber zu treten – während neben ihm seine Welt aus den Fugen gerät, strukturelle Labilität lässt die Existenz zu einer Schwachstelle gereichen, die langsam aber sicher in blubbernden, heulenden Nebelsümpfen verschlungen wird und schließlich ihr Ende in einem finsteren Nirgendwo findet. Das ist Ka, von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt wunderschön selbst in der absoluten Verdammnis.

Lake On Fire

Lake on Fire, die Geliebte „under der linden“

Apropos wunderschön: Es ist ein Leichtes, unter Optimalbedingungen zu glänzen – so herrschte in der letzten Saison Kaiserwetter, von daher lud der Teich naturgemäß zum ständigen Verlustieren ein. Jedoch in der Diesjährigen fand man zumindest am Eröffnungstag das kühle Nass des Nepomukteiches vielmehr von oben, aus den Himmelsschleusen kommend, vor – was der gelösten Stimmung jedoch keinen Abbruch tat, eines der beliebtesten Schuhwerke war wie auch im Jahr zuvor der bloße Fuß, und ein paar sonders Mutige gingen trotzdem mit leichtem Bibbern auf Tauchstation.

Lake On FireLake On FireZudem bewies man erneut – was bei der obigen, selektiven Retrospektive ohnehin schon angedeutet wurde – ein außerordentliches Gespür für die Zusammenstellung des Programms – mit rotem Faden einerseits, aber auch Mut, hier und da das Erwartete zu dekonstruieren: Insbesondere die deutschen Nachbarn Coogans Bluff stießen mit ihrer verqueren Blech-Sektion und mantrischen Wiederholungen, die hie und da von barschen Eruptionen unterbrochen wurden, aus dem Naheliegenden hervor. Und galt in der letzten Saison noch ein zaghafter Fokus der Schwermut, so öffnete man sich zum halben Jubiläum mit den Australiern Filthy Lucre, den Griechen Naxatras, den Niederländern Gomer Pyle und den Amerikanern The Flying Eyes dem beschwingt-leichtfüßigen Freigeist („musikalischen Metaebenen“, wie der Szeneexperte und A&R des heimischen Labels PANTA R&E, Prof. Dr. Jonathan Gabler gerade bei den Griechen zu hören vermeinte) und ließ selbige ihre Töne durch den Tag und die frühen Abendstunden schwirren, gleich den Motten, die nächtens den Lichtprojektorstrahl etwas aufgeregt kreuzten und sie für einen Moment zu Lampyridae gereichen ließen. Am Lake on Fire ist es das stets Unerwartete, das ein nagendes Gefühl des Gewöhnlichen nicht einschleichen lässt, dabei aber in jedem Moment vertraut genug bleibt, auf dass man sich nicht unliebsam vor den Kopf gestoßen fühlt – ja selbst Conan, die als kurzfristiger Ersatz für die verlustig gegangenen Lowrider einspringen durften, fügten sich aller Spontaneität zum Trotz mehr als nur gelungen ans erste Tagesende ein: Denn hier wird der Brückenschlag zwischen düsteren, drückenden und hypnotisch-erstarrten Tönen auf den Punkt getroffen, paaren sich abgespacte Klarklänge gekonnt mit zentnerschweren, monotonen Ungetümen.
Es ist gerade in der heutigen, wirtschaftsorientierten Zeit mehr als nur ein Geschick, sondern vielmehr ein hehres Ziel der Saitwärts-Kulturorganisation, dass man sich nicht Trendbewegungen anbiedert oder zwanghaft verstellt, um etwas zu lukrieren, sondern schlichtweg Freude am Lustgewinn hat und diese Momente gerne miteinander teilt – von daher vermag man kitschbefreit, aber doch entflammt und ergriffen eingestehen, dass ein Besuch dieses Festivals beinah dem Aufwachen neben einer geliebten Person gleichkommt, wissend, dass es heute Mußestunden werden und man diese – ganz gleich, ob es draußen stürmt oder strahlt – tunlichst gemeinsam im Bett verbringen wird, einer Bettstatt wie im Gedicht des mittelalterlichen Minnedichters Walter von der Vogelweide, wo „under der linden“ zum vertrauten Beischlaf frohlockt wird. Lake on Fire, im post scriptum gestehe ich dir – da du glänzt, in jedem einzelnen Mitarbeiter, Musiker und Besucher gleichermaßen – beschwingt von der Leber weg mit den Worten Kurt Schwitters: „O du, Geliebte meiner siebenundzwang Sinne, ich liebe dir!“

PPs.: Zum nächsten Jahrestag wünsche ich mir Demon Lung, Weedpecker, Bad Acid, Lord Of The Grave, King Buffalo, Mountain Dust, Psychedelic Witchcraft und Gorilla Pump – ja, Schatz?

Bewertung des Lake on Fire:

Essen: 1
Sound: 1-2
Ambiente: 1+
Publikum: 1
Wetter: 2-3
Organisation: 1
Service (Einlass, Beschilderung, Beleuchtung, Informationen): 1
Preisgestaltung am Gelände: 1
Location: 1
Bandauswahl: 1

Stefan Kuback hat für euch das Lake On Fire fotografisch eingefangen, ihr findet die Fotos in unserem Album auf Facebook! Klickt einfach auf das untenstehende Bild!

Lake On Fire

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