Jetzt geht’s looos!

Apres-Ski und Ballermann sind die zwei Jahreszeiten für Feierfreunde. Aber was passiert, wenn die Sau wirklich von der Leine gelassen wird?

 

Die kalte Progression, die uns die Kohle vom Konto nimmt. Der Stress im Job, das Lechzen nach Leistung. Die Mehrzahl der Landsleute wird in diesen Situationen nicht düringerartig die Wut rauslassen. Dazu haben die Österreicher einen zu starken Hang zu Autoritäten, wie eine Studie des Sora-Institutes eben ergab. Wir haben eben unsere eigene Art mit dem Stress umzugehen: Feiern bis der Arzt kommt!

Zwei statt vier Jahreszeiten
Noch bevor die erste Schneekanone verkabelt wird werden in den Après-Ski-Zonen schon die Tresen poliert. Mallorca im Frühjahr? Aufmarschgebiet der Kegelclubs und am Ballermann werden die Sonnenschirme aufgespannt. Dazu Sangria aus dem Eimer. Zwei Jahreszeiten gibt es für das Feiervolk: Après Ski und Ballermann. Wer sich daran stößt, an der Hemmungslosigkeit, die zum Ventil wird, zum Katalysator gegen den Frust, der soll doch bitte zu Hause bleiben.
Für Nachwuchs ist auch gesorgt: Das Jungvolk hat die dereinst brave Maturareise als Einstieg in die Wir-Lassens-Krachen-Erwachsenenwelt entdeckt: Summer Splash!
Auch zumindest in der Großstadt muss niemand darben. Denn in Clubs wie der Wiener Bettelalm lässt sich gut vorglühen: „Wo ein Absturz zum Erlebnis wird“  ist der Werbeclaim, mit dem die Alm den Takt vorgibt.

Lieder, Liebe,Sprit
Die Rezepte sind einfach: Lieder, Liebe und Sprit für die Kehle. Rhythmus und Texte, die sich auch jenseits von 0,8 Promille mitsingen lassen. Eine Woche Anarchie in der Badehose oder im Schianzug. Die Prinzen der Partyreiche heißen Micky Krause, Markus Becker oder Peter Wackel. Der König ist Jürgen Drews. Die Garde ist eine große Anzahl Bands, darunter viele Österreicher, die sich jedes Jahr in Clubs wie Riu Palace oder Oberbayern dem Partyvolk stellen. Egal, die wahren Helden stehen sowieso an den Turntables.
Alles steht und fällt mit der Musik: „Zehn nackte Friseusen“, „Das rote Pferd“, „Ein Stern…“, „Fliegerlied“, „Wahnsinn“, „Dragostea din tei“: Die Liste der Hits ist ellenlang. „CDs wie Après-Ski-Hits oder Ballermann-Hits sind Dauerbrenner“, sagt Universal Music Marketing Direktor Peter Draxl. Und zwar „sowohl auf CD als auch digital. Gekauft werden diese CDs unserer Erfahrung nach oft von DJ-losen Bars, Skihütten- oder Strandbar-Betreibern, die sich damit zwei Stunden Gute-Laune-Musik in den Player legen können. Und natürlich von allen Konsumenten, die auf Grill-, Geburtstags- und sonstigen Partys, ähnlichen Effekt erzielen wollen.“, so Draxl.
In der Tat kann man die Uhr danach stellen: Sobald die Weihnachts-CDs aus den Charts verschwunden sind, tauchen die Après-Ski-Sampler auf. Seit Jahren sind sie für die Musikwirtschaft gern gesehene Umsatzbringer im sonst eher mauen Januar. Darauf folgt im Frühsommer der Ballermann. Berühmt-berüchtigt die Parties auf Mallorca, Playa de Palma, El Arenal, den Strandabschnitten 4 bis 7. Sie sind legendär. Der Teil der Insel ist seit über 20 Jahren fest in deutscher Hand und die Strandbude Balnearo ist die Quelle, aus der seinerzeit alles entsprang. Kurios: Das spanische „Balnearo“ steht eigentlich für „Heilbad“. Geheilt werden da aber nur gestresste Seelen, malträtiert wird die Leber, geboren werden neue Hits, die dann ihre Schunkelschneise quer durch die deutschsprachigen Länder ziehen. „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ war zehn Jahre alt, als er am Ballermann entdeckt wurde und sich zum kommerziell erfolgreichsten Hit der vergangenen Jahre in Deutschland entwickelte – und Nik P. den endgültigen Durchbruch bescherte.

Jetzt geht’s los…
Der Ballermann hat mittelweile zahlreiche Satelliten entwickelt. Am schwarzen Meer, am Balaton oder auch in Kroatien – das Rezept hat sich auf die Reise gemacht und dort, wo alles begonnen hat, werden heute Überlegungen umgesetzt, dem Ganzen nun den Riegel vorzuschieben. Die Stadtverwaltung von Palma de Mallorca hat eben ein neues „Sittengesetz“ verabschiedet.  Wer dagegen verstößt, muss mit empfindlichen Geldstrafen rechnen. Unter „unzivilisiertes Verhalten“ fällt alles, was das Partyvolk auf die Insel gezogen hat: Die lärmenden Bier- und Sangria-Exzesse wurden im Vorjahr schon verboten, dieses Jahr machen die Behörden nun endgültig Klarschiff. Die Schonzeit für Touristen die sich noch nicht an die neue Situation gewöhnt haben, die läuft bis Mitte Juni. Anschließend wird dann kein Auge mehr zugedrückt. Nach dem Schock müssen wir aber noch einen trinken.

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