Jochen Auer und seine Wildstyle-Freaks

Wildstyle Tattoo Messe

Erstmals gastiert die alljährliche Wildstyle & Tattoo Messe, der „Jahrmarkt der Freaks“, aufgrund des großen Besucherandrangs in der Wiener Stadthalle: Ein Gespräch mit Initiator Jochen Auer über Trends, Schmerzen und Geschlechterrollen.

Wildstyle Tattoo MesseDie Zeiten, in denen extravaganter (und mehr oder weniger permanenter) Körperschmuck als direkter Verweis auf eine Häfenbrüder- oder, um genderkorrekt zu formulieren, -schwesternschaft gedeutet werden konnte, sind glücklicherweise längst passé. Gerade Tätowierungen und Piercings gelten heute durchaus als „vertretbares Accessoire“, das sich geschlechtsunabhängig durch die meisten Alters- und Gesellschaftsschichten zieht. Natürlich ist klar: „Body Modification“, also die „Körperveränderung“, ist eine Frage des Geschmacks. Gerade wenn man sich die Stargäste der Wildstyle & Tattoo Messe, der erfolgreichsten Tattoo-Show Europas, vor Augen führt, wird schnell augenscheinlich, dass Trends auch ins Extrem katapultiert werden können. Während bei der netten, zierlichen Arbeitskollegin ab und an vielleicht eine kleine Blumenranke am Ärmchen aufblitzt, versammeln sich hier Menschen, deren Körper mit Tätowierungen, Piercings, Implants, Brandings, Skarifizierungen und wer weiß noch was überhäuft sind – teilweise in einem Ausmaß, dass der eigentliche, „natürliche“ Körper unter einer Kunstschicht verschwindet.

Aber: Das Schöne an der Kunst ist ja, dass sie die Mannigfaltigkeit der Natur gekonnt nachzuahmen weiß. Oder wie Wildstyle-Initiator Jochen Auer vor einigen Jahren einer Tageszeitung erklärte: „Man will zunächst anders sein, rebellisch sein, aus der Masse hervorstechen. Und irgendwann erkennt man die Kunst dahinter, der man nicht mehr abschwören kann.“ Wir haben uns mit Jochen Auer über seinen eigenen Kunstkörper, über Trends, Schmerzen, Geschlechterrollen und natürlich seine Messe unterhalten.

Welches war dein erstes Tattoo?

Mit 18 ein Tribal am rechten Oberarm – weil Max Cavalera von Sepultura auch so eines am Oberarm hatte.

Und dein aktuellstes?

Ein Portrait auf meiner Wade eines meiner ältesten und besten Freunde Clayton Patterson, der auch dieses Jahr wieder bei allen Wildstyle & Tattoo Messen mit dabei sein wird. Clayton ist bekanntlich America’s Underground Reporter No.1, ehemaliger Präsident der N.Y.C. Tattoo Society und seit 1995 das wichtigste Bindeglied zwischen der Wildstyle und amerikanischen und auch japanischen Tattoo-Künstlern.

Tribals und Arschgeweihe, geschwungene, nachdenkliche Sprüche, drei Sternchen: Trends kamen und gingen, waren plötzlich auch einmal peinlich: Hast du schon Tätowierungen bereut – und gegebenenfalls überstochen?

Nein, ich bereue selten etwas (lacht). Aber ich habe tatsächlich eines meiner ersten Tattoos covern lassen weil es scheiße aussah, danach war es ein bisschen besser. Und zwei kleine Schädel habe ich ebenfalls covern lassen, weil ich ganz einfach keine Schädel mehr mag.

Wie viele Künstler haben sich seitdem auf deiner Haut verewigt?

12 Künstler, darunter unter anderem Tattoo-Legende Bernie Luther, Mäx von Tattoos To The Max, Ishi aus Japan, Brad Bako aus Australien und „Puzzleman“ The Enigma aus Amerika.

Gibt es derer Künstler, die bei dir noch auf der „to-do“-Liste stehen?

Nicht unbedingt. Ich nutze die Gelegenheit, wie sie kommt. Und ich muss ohnehin in der richtigen Stimmung sein, weil mir das Ganze eigentlich schon viel zu weh tut (lacht).

Wenn nicht tätowierte Menschen zu einem Tätowierer gehen, ist oft nicht nur die Frage nach dem Preis das erste, sondern auch: „Wie weh tut das eigentlich?“ Nun schmerzt jede Stelle am Körper anders, aber wie würdest du das Gefühl beschreiben?

Ja, es tut weh (lacht). Komischerweise tut mir jedes Tattoo noch mehr weh – und jetzt im Alter noch viel mehr. Fuck!

Wildstyle & Tattoo Messe

Jochen Auer und Ozzy Osbourne

Es gibt derer einige wenige Menschen, die sich auf so empfindlichen Stellen wie Penis und Augäpfel tätowieren lassen. Wie zur Hölle funktioniert sowas genau?

Beim Penis ist es tätowieren as usual – habe ich mir sagen lassen. Bei den Augäpfeln wird mit einer Art Kanülle die Farbe in den Augapfel gespritzt. Das ist absolut nicht zu empfehlen! Alle mir bekannten Menschen mit Augapfel-Tattoos haben damit massive Probleme, Schmerzen und tragen schon bei geringstem Licht Sonnenbrillen. Es ist daher absolut ernst gemeint: Auch wenn es sehr cool ausschaut, lasst die Finger davon. Die Chance der Erblindung liegt nach wie vor bei 50 Prozent!

Aus deiner Erfahrung: Sind Männer oder Frauen unter der Nadel wehleidiger?

Männer, weil Frauen die härteren Männer sind (lacht).

Welche anderen Body-Modifications hast du an dir durchführen lassen?

„Scarification“ – im Kampf und somit nicht beabsichtigt (lacht).

Bald feiern wir ein viertel Jahrhundert Wildstyle – was war 1995 Beweggrund, die Messe ins Leben zu rufen?

Ich war damals 23 Jahre alt und wollte in der Showbranche etwas bewegen, etwas Einzigartiges schaffen. „Nur“ Konzerte veranstalten war mir schon damals zu einfach und zu langweilig. Ich wollte Spuren hinterlassen und natürlich auch meine Leidenschaft einer breiten Masse präsentieren und die Welt bunter machen!

Wodurch unterscheidet sich die Wildstyle von Giganten wie in London, Berlin oder Amsterdam?

Die Wildstyle ist ein völlig anderes Konzept, als es „herkömmliche“ Tattoo-Conventions verfolgen: Conventions haben zu 90 Prozent Tätowierer und die restlichen 10 Prozent sind nicht von Bedeutung. Das Konzept der Wildstyle hat mehrere Säulen: Weltklasse Tätowierer, als Stargäste die aktuellen Topstars der weltweiten Tattoo-Szene wie u. a. Zombie Boy, The Mexican Vampire Woman oder The Enigma, ein grandioses Showprogramm mit ca. 20 Bühnenkünstlern und mit sehr vielen Ausstellern aus über 25 Ländern und vier Kontinenten!

Gibt es aktuell Tattoo-Trends, die du feststellen kannst?

Der große Unterschied zu früher ist, dass sich immer mehr Menschen Gesamtkonzepte stechen lassen – weg vom kleinen Tattoo am Oberarm und hin zum ganzen Arm. Gut so!

Tattoos ziehen sich durch die meisten Alters- und Sozialschichten. Merkst du bei deinen Messen dennoch explizite Zielgruppen?

Wir haben Besucher aus allen Schichten und Altersgruppen, aber was auffällt, ist die Tatsache, dass sich das Publikum derzeit verjüngt. Interessierter und motivierter Nachwuchs ist wichtig – nicht nur für die Wildstyle!

Wo würdest du in Österreich die Tattoo-Hotspots sehen?

Bei der einzig wahren österreichischen Tattoo-Legende Bernie Luther in Wien, in Bad Ischl bei Tattoos To The Max und im Wildstyle & Tattoo Studio sowie dort, wo die Messe gerade aufschlägt!

Was hebt dein Studio von anderen Studios – insbesondere auch im Umfeld – ab?

Das Konzept vom Wildstyle & Tattoo Studio ist an die Messe angelehnt. Neben unserer ständigen Crew tätowieren hier auch viele Gasttätowierer aus aller Welt. Wir verkaufen aber auch Klamotten, Schmuck und Piercings und veranstalten diverse Shows und Konzerte im „House of Wildstyle“. Das ist die Basis für alle Wildstyle-Projekte, und somit war es natürlich auch naheliegend, das Studio dort zu etablieren.

Die Wildstyle ist bekannt dafür, jedes Jahr eben nicht nur das ewig Gleiche zu bieten. Auf welche Besonderheiten können wir uns dieses Mal in der Wiener Stadthalle freuen?

Der einzigartige Lucky Diamond Rich, der meist tätowierte Mensch der Welt – seit 2008 unangefochten im Guinness Buch der Rekorde – ist endlich wieder zurück. Eigentlich wollte er nie wieder auftreten, aber es ist mir gelungen, ihn für die Wildstyle exklusiv nach Österreich zu bringen. Seine Show wird das Publikum in seinen Bann ziehen – er jongliert mit Schwertern und Kettensägen – und als ob das nicht genug wäre, tut er dies auf einem vier Meter hohen Einrad. Ein Wahnsinn!

Im Frühjahr gastiert die Messe neben Wien auch in Innsbruck und Salzburg, im Herbst in Linz und Bad Ischl. Wie weit unterscheiden sich die einzelnen Stationen?

Die Show wird prinzipiell überall die selbe sein und das Publikum definitiv überall gleich begeistert, allerdings sind wir in Wien dieses Jahr zum ersten Mal in der Wiener Stadthalle und in Bad Ischl wieder im Haus unserer eigenen Firma – dem House of Wildstyle. Es ist somit von familiärem Flair bei uns „zuhause“ bis zur großen Show in der Wiener Stadthalle alles dabei.

14. und 15. April • Wiener Stadthalle (E)
21. und 22. April • Innsbruck, Messehalle D
28. und 29. April • Salzburg, Sporthalle Alpenstraße
03. und 04. November • Tabakfabrik Linz
10. und 11. November • Bad Ischl, House Of Wildstyle

Öffnungszeiten: Samstag 12 bis 24 Uhr, Sonntag 12 bis 20 Uhr.
Tickets für die Wildstyle & Tattoo Messe sind bei oeticket.com erhältlich.

 

Fotos: Mike Auer

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