Joris und der Herz-Schmerz

Joris

Drei Jahre nach dem Knaller-Debüt mit der Single „Herz über Kopf“ und dem Gewinn von drei Echos im Jahr 2016 meldet sich der heute 28jährige Joris mit einem neuen Longplayer und einer Tournee zurück. Der Titel: „Schrei es raus“.

Joris„Schrei es raus“ ist nicht nur der Titel des Albums, sondern auch Programm. Nebst den gewohnten Melancholie-Faserschmeichlern setzt der deutsche Musiker auf verzerrte Gitarren und brüllende Stimmen. Eine deutliche Weiterentwicklung in Richtung seiner Jugend-Idols Limp Bizkit, U2 und Konsorten. Die 13 neuen Lieder von Joris gibt es ab 5. Oktober zu kaufen, das einzige Österreich-Konzert geht exakt ein Monat später im Wiener WUK über die Bühne – und das !ticket-Telefonat gibt’s schon jetzt!

Für dein zweites Album „Schrei es raus“ hast du dir drei Jahre Zeit gelassen. Spielte da auch der Erfolgs- und Erwartungsdruck mit?

Joris: Ja und nein. Ich habe in zweieinhalb Jahren mehr als 300 Konzerte gespielt und war immer unterwegs. Das hat mir sehr gut getan und hat mich sehr erfüllt. Ich mache ja seit über neun Jahren Musik, da konnte ich anfangs aber noch nicht so große Konzerte spielen und auch nicht so oft auftreten. Insofern war das für mein Musikerherz genau das Richtige. Und dann war es wichtig, dass ich einen Schlussstrich gezogen habe und mich auf etwas Neues einlasse, ich hätte sonst ewig so weitergemacht. Da habe ich mir Zeit gelassen, für das erste Album hatte ich ja vier Jahre Zeit. Damit etwas Neues entsteht brauchte ich ein bisschen Abstand zum Alten, brauchte aber gleichzeitig auch Zeit und Muße, um Neues ausprobieren zu können. Das ist für mich total wichtig. Insofern gab es da ein bisschen mehr Zeit, aber gerade am Ende dieser Live-Zeit hab‘ ich mich unglaublich oft damit beschäftigt, wie das weitergehen soll, wo ich gerade stehe. Da habe ich relativ schnell gemerkt, dass Druck ein schlechter Begleiter für kreative, neue Arbeiten ist.

Ist ein Überhit wie „Herz über Kopf“, an dem man gemessen wird, eher Fluch oder Segen?

Joris: In Deutschland gab’s zum Glück noch ein paar mehr Singles (lacht). Aber ich bin da trotzdem guter Dinge. Ich denke, dass es für mich als Musiker etwas super Besonderes ist, dass meine erste Single in Österreich, Deutschland und der Schweiz jeder kennt und der Song war auf jeden Fall mein großer Türöffner. Ich finde es nach wie vor als etwas Besonderes wenn ich Konzerte gebe, dass wirklich jeder im Publikum, egal wo man steht, den Text auswendig kann. Das ist ja etwas Schönes. Es gibt auch andere Stücke vom letzten Album, die auf Konzerten genauso mitgesungen werden, die abseits von Konzerten aber weniger Menschen kennen.

Wenn man dich vor allem von „Herz über Kopf“ her kennt, dann ist man vom Druck deiner Stimme auf dem neuen Album überrascht und meint, mach‘ doch mal leiser, Junge.

Joris: Das Album heißt „Schrei es raus“, da steckt unheimlich viel Energie dahinter. Aber es gibt nach wie vor auch sehr, sehr introvertierte und ruhige Momente, „Unerreichbar weit“ oder „Glück auf“, die neue Single, die das Bergwerksthema, das in meiner Heimat ein großes Heiligtum ist, ins echte Leben übersetzt. Dass man im Leben für einander da ist und sich gegenseitig ein wenig Licht spendet wenn es mal dunkel wird. Das sind die ruhigen Momente, die nach wie vor dazugehören.

Das Album beginnt mit drei sehr kraftvollen Nummern, vor allem beim Titelsong wird man geradezu von einer Soundwelle überrollt. Ist das ein Stilmittel?

Joris: Ich habe schon immer Kontraste geliebt und glaube auch, dass das Leben voller Kontraste ist, und dass Musik schon immer eine große Spannweite und Dynamik hatte, schon vor hunderten Jahren. Ich glaube, das hält es so lebendig. Bei einem Album wie „Schrei es raus“ muss der Titelsong quasi auch ein Stück weg überrollen, sonst wär‘ es des Namens nicht würdig.

Spätestens bei „Unerreichbar weit“ merkt man, dass du eine große Liebe für E-Gitarren aller Art hast. Woher kommt diese Liebe zur Stromgitarre, die ja auch nicht so ganz zum „Herz über Kopf“-Klischee passt?

Joris: Da gibt es auch viele Gitarren auf dem ersten Album „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“. Es ist dieses Gesamtbild das einen darstellt, und auch „Herz über Kopf“ hatte diese E-Gitarren-Melodie. Wichtig ist die ganze Farbe dieses Albums zu sehen. „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“ war ein schlüssiges Album, das seine rockigen Momente hat und das neue Album ist eine gewisse Weiterentwicklung hin zu noch mehr progressiven Sounds. Die erste Single „Signal“ hat quasi angedeutet, in welche Richtung es geht.

Aber was genau fasziniert dich so an Gitarren?

Joris: Ich hab‘ schon immer Gitarrenmusik um mich herum gehabt, ich hab‘ früher zu Green Day und Linkin Park angefangen Schlagzeug zu spielen, dann kam irgendwann mal Limp Bizkit dazu, da waren viele verzerrte Gitarren um mich herum. Später waren das Bands wie Coldplay und U2, die die Gitarren wiederum ganz anders einsetzen, als Lead-Gitarre quasi. Das sind sicher auch Einflüsse, die mit ins Songwriting rein kommen. Die Gitarre ist für mich ein großes Ausdrucksmedium, weil ich sie einfach gut spielen kann, genauso wie das Klavier. Ich habe auf dem Album viele Gitarren auch selbst eingespielt. Insofern ist das eine Art von Kommunikation.

Nach dem kräftigen Anfang kommen einige ruhigere Titel, beinahe so, als ob du dem Hörer eine Pause gönnen willst. Gab es einen Masterplan zur Reihenfolge der Songs oder war das bloß Zufall?

Joris: Es ist immer beides. Es gibt eben diese Nummer „Glück auf“, die das Herzstück darstellt, die die erste große Single zum Album ist. Ich glaube nicht, dass die zwischen „Schrei es raus“ und „Signal“ funktioniert, die braucht ein kleines Bett. Deshalb muss man da schon drüber nachdenken. Mit „Feuerwesen“ und „Unerreichbar weit“ wird sie eingeleitet und danach quasi wieder ausgeleitet. Das ist so etwas wie der Ruhepol der Platte bis zu „Glück auf“, das eben diesen Platz für sich braucht. Für mich war es wie schon beim der letzten Platte wichtig, mit einem großen Impuls anzufangen und am Ende wird sie auch wieder intensiver. Da kommen die mutigeren Seiten. Die letzte Nummer ist für mich auch eine große letzte Nummer, darüber denke ich dann immer noch einmal nach: Was möchte ich hier erzählen? Es ist ja wie ein Buch, man fängt an zu lesen und am Ende steht so ein Resümee, weshalb ich das Buch gelesen habe. Das findet heut zu Tage kaum noch statt, dass ein Album auch als ganzes Album gesehen wird. Da haben wir uns ganz viele Gedanken gemacht. Ich glaube, dass „In all den Augen“, die letzte Nummer, die Gleichzeitigkeit der Dinge die im Leben passieren, auf den Punkt bringt. Gleichzeitig ist sie für mich sehr fragil und meine ganzen Zweifel im Leben ausdrückt, ich aber trotzdem weiß, dass ich das Leben liebe.

Bei „Glück auf“ drängen sich zwei aktuelle Themen auf, zum einen die Schließung von Bergwerken in Deutschland, zum anderen die Rodung des Hambacher Forstes für den Kohleabbau. Gibt es von deiner Seite dazu etwas zu sagen?

Joris: „Glück auf“ ist natürlich das Heiligtum des Bergbaus, ich komm‘ aus Nordrhein-Westfalen, daher bekomme ich auch mit, dass mit Ende dieses Jahres die letzte Mine geschlossen wird. Das ist tragisch auf der einen Seite, doch auf der anderen gibt es neue Dinge, die auf uns zu kommen. Die meisten Leute kennen das, dass etwas im Leben aufhört und etwas Neues anfängt. Aber das Heiligtum, dieses „Glück auf“, habe ich in diesem Kontext genommen. Mich hat es fasziniert, dass man sich beim Schichtwechsel „Glück auf!“ zuruft und dann runter fährt, unter Tage. Und dass auch viele unten geblieben sind. Das ist schön auf das Leben übersetzbar, dass, wenn Leute durch dunkle Zeiten gehen man sich oft alleine fühlt, als ob es keinen Weg hinaus gibt. Ich glaube, dass dieser Satz „Glück auf!“ im wahrsten Sinne des Wortes auf das echte Leben zutreffen kann.

Der Gedanke des Aufhörens und des Neubeginns zieht mit Trennungs- und Post-Beziehungssongs durch deine Musik. Beschäftigt dich das so?

Joris: Ich bin unglaublich lebensfroh, habe aber auch eine melancholische Seite an mir und, es ist nun einmal so, dass ich mit einigen Erlebnissen oft erst in der Retrospektive klar komme. Das gilt für den Wahnsinn, der da 2015 rund um das Debütalbum abgegangen ist um 2015, wenn man da drauf schaut wie krass die Zeit damals war, wie schön das war. Gleichzeitig gilt das auch für zwischenmenschliche Beziehungen.

Die Melancholie wird also immer durch böse Frauen ausgelöst?

Joris: (lacht) Nein, ich glaube, Melancholie kann durch sehr, sehr vieles ausgelöst werden. Vorgestern ist meine Schule, an der ich Abi gemacht habe, 150 Jahre alt geworden. Bei der Feier war es ein wahnsinnig intensives Gefühl auf einmal die Leute von früher wieder zu sehen und zu merken, dass ich irgendwie noch dorthin gehöre, auch wenn ich zehn Jahre nicht mehr da war. Für mich ist auch eine Art der Melancholie, dass ich in einem Moment, in dem ich gerne gewesen wäre, schwelge und das auch zuzulassen.

Das neue Album heißt „Schrei es raus“, am Cover verschwindest du in Weiß und bist geknebelt …

Joris: Nicht geknebelt, in keinster Weise. Alles ist weiß eingefärbt, das ist eine gewisse Reduzierung, das ist auch bei den sechs Single-Cover so. Es gibt bei jedem Single-Cover eine Farbwelt, die den Song ausmacht. Zum Album kommen alle Nummern musikalisch zusammen und bilden eben die bunten Augen. „Schrei es raus“, wenn alles trist und weiß ist, wenn man sogar etwas vor dem Mund hat und nicht mehr schreien kann, gibt es immer noch die Augen und Möglichkeiten zu kommunizieren.

Joris Schrei es raus„Schrei es raus“ erscheint am 5. Oktober, live werden die neuen Songs und altbekannten HIts am 5. November im Wiener WUK präsentiert. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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