Rostfreies Schwermetal

Ian Hill zupft bereits seit 1970 seine Bass-Saiten für die Heavy-Metal-Legenden Judas Priest. An den wohlverdienten Ruhestand denkt er aber noch lange nicht …

Seit die Single „Breaking The Law“ 1980 an die Spitze der Charts kletterte und kommerziellen Erfolg verzeichnen konnte, sind Judas Priest bei der Aufzählung britischer Metal-Helden nicht mehr wegzudenken. Für manch einen haben die Band und ihre Mitglieder Legendenstatus – so auch Bassist Ian Hill, der den Aufstieg von Judas Priest von Anfang an miterleben durfte und das Saitenzupfen ebendort seit über vierzig Jahren zu seinem Brotberuf zählen darf.

Gehen wir mal ein bisschen in der Zeit zurück – damals in den Siebzigern, wie waren da das Touren und die Konzerte so?

Ach, in den Siebzigern – sehr anders (lacht). Auf die Bühne zu gehen ist sehr ähnlich zu heute, die Bühne, das Publikum, aber die Art und Weise, wie wir zum Konzert und wieder weggekommen sind oder wo du übernachtet hast, das hat sich stark verändert. Die Tourbusse sind um einiges komfortabler heutzutage. Sie haben Stockbetten, eine Küche, die Hotels gehen auch mit der Zeit. Es gibt überall Säfte, eine Minibar, Internet und so Zeug (lacht). Das wichtigste Element, also die Performance, die war immer gleich und wird gleich bleiben, wir wollen ja unser Publikum begeistern. Es ist einfach zeitlos.

Kannst du dich an dein erstes Konzert erinnern, das du mit Judas Priest gespielt hast?

Ja, ich kann (lacht), es war im Essington Working Men’s Club, in den Midlands. Es waren circa fünfzehn Leute anwesend, der erste Schritt einer wirklich langen Reise. Aber es hat sehr viel Spaß gemacht, das ist der Grund, warum wir noch immer auftreten. Sogar die schlechteren Zeiten, wenn kein Geld da war und du dich gefragt hast, ob du dir ein Stück Bacon zu deinen Würstel mit Pommes leisten kannst und du schlussendlich nur Pommes hattest, selbst diese Zeiten waren mit sehr viel Spaß verbunden, es war immer lustig. Wenn man so zurückblickt, merkt man auch, welches Privileg es ist, so etwas als Job zu haben all die Jahre. Die meiste Zeit war einfach fantastisch und ich habe sie genossen.

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Du stehst jetzt seit über vierzig Jahren auf der Bühne. Hast du jemals daran gedacht, in Pension zu gehen?

Man denkt manchmal darüber nach, aber nicht sehr lange. Der Spaßfaktor hält mich wirklich, der Gedanke daran, nicht mehr auf der Bühne zu stehen, der jagt uns Angst ein. Bis jetzt ist alles einfach toll, die Reisen, die Leute die du kennenlernst, die Auftritte. Sollte ich das einmal nicht mehr tun können, vielleicht auch, weil es gar nicht in meiner Macht liegt, das ist wirklich etwas, woran ich gar nicht denken möchte. Was zum Teufel soll ich denn sonst tun? Wir sind vergleichsweise noch immer ziemlich fit, deshalb sehe ich noch keinen Grund aufzuhören. Wir werden
weitermachen, solange es geht. Im Prinzip geht es nur darum, ein bisschen vernünftig zu sein. Man muss etwas zurückstecken und sollte nicht übertreiben. Nicht zu viel essen, nicht zu viel trinken und ein bisschen nachdenken. Manche Sachen, die man früher gemacht hat, gehen heute nicht mehr so einfach – wie zum Beispiel Klippenspringen oder irgendetwas Verrücktes. Man braucht auch keine strikten Pläne, ich denke noch immer, dass der gesunde Menschenverstand einem sagt, was geht und was nicht, man sollte sich vielleicht nicht jeden Abend mit Hamburgern vollstopfen …

Als du jünger warst, warst du wahrscheinlich nicht so vorsichtig?

Wenn du jung bist, kannst du es dir auch noch erlauben (lacht). Du hast einfach so viel Energie übrig … aber selbst damals. Niemand von uns hat es bis zur Besinnungslosigkeit übertrieben, im Vergleich mit anderen Bands waren wir eher immer die Vernünftigen.

Wie sehr hat sich die Metal-Attitüde im Laufe der Zeit verändert?

Als wir angefangen haben, hat es Metal ja noch gar nicht gegeben – es hat ein bisschen gedauert, um sich zum Heavy Metal zu entwickeln. Es hieß damals Progressive Rock, Progressive Blues oder Heavy Rock. Dann ist die Zeit ins Land gezogen und es war Heavy Metal – wahrscheinlich erst irgendwann um 1980 herum. „British Steel“ war unser Heavy-Metal-Moment – ab diesem Zeitpunkt waren wir eine Metalband. Damals war Metal sehr vielschichtig und auch variierbar. Wir haben Songs angefangen von Balladen, wo du einfach nur weinen möchtest, bis hin zu Zeug, das dir wirklich Angst einjagt. Und dann noch alles dazwischen. In den Neunzigern zersplitterte das alles ein wenig. Die Bands haben sich in die verschiedensten Richtungen entwickelt, es gab Speed Metal, Death Metal, Goth Metal – es war auf einmal ganz schön viel los in diesem Genre. Wir sind immer ganz stolz auf uns, dass wir noch immer vielschichtig geblieben sind. Wir hatten auch ein paar kommerzielle Hits, die jeder vergessen zu haben scheint. Aber auch das war sehr wichtig! Ohne den kommerziellen Erfolg wäre Heavy Metal vielleicht jetzt nicht da, wo er ist. Die Kategorisierung ist vorherrschend heutzutage. Wir haben immer von einem musikalischen bzw. Performance-Blickwinkel darauf geschaut. Das hat sich ein bisschen verändert … Mir kommt manchmal vor, dass Attitüde viel wichtiger ist als die Musik an sich …

Redeemer of Souls ist bei Smi Col (Sony Music) erschienen.

Redeemer of Souls ist bei Smi Col (Sony Music) erschienen.

Für „Redeemer Of Souls“ gibt es nun eine Deluxe Version – wie viele Songs habt ihr wirklich dafür geschrieben?

Ich glaube es gibt genau einen mehr (lacht). Wir hatten sehr viel Material, wir wollten allerdings kein Doppelalbum herausbringen, die sind immer relativ teuer. Wir wollten, dass unsere Musik so viele Menschen wie möglich erreicht. Deshalb haben uns dann dafür entschieden, ein „normales“ Album heraus zu bringen. Die fünf Songs, die nur auf der Deluxe-Version sind, haben wir nicht weggelassen, weil sie schlechter sind, wir haben uns nur dafür entschieden, weil die Balance des Standard Albums durcheinander gebracht worden wäre. Aber sie waren zu gut, um sie einfach zu ignorieren. Deshalb haben wir dann noch eine Deluxe Version rausgebracht. Wir fanden es ganz wichtig, dass Menschen die Möglichkeit bekommen, die Songs zu hören.

Werdet ihr das ganze Album auf der Tour spielen?

Ich wünschte wir könnten! Das Problem ist, für jeden neuen Song, den du in deine Setliste aufnimmst, einen alten kicken musst. Und somit auch jemandes Lieblingssong. Es wird immer schwieriger mit all unseren Alben eine gute Setlist zusammen zu stellen. Die Balance zwischen alten und neuen Songs muss stimmen. Wir spielen aktuell vier Songs vom neuen Album, das kann sich ändern. In Europa spielen wir ja auch viele Festivals, da ist die Auftrittszeit dann manchmal verkürzt … unsere Standard-Setlist ist circa 1 Stunde 45 Minuten, manchmal kannst du aber höchstens nur 1 Stunde 30 spielen.

Wird es Feuer und Motorräder geben bei eurem Konzert am Seerock?

Ja – viel Musik, viel Drumherum!

Welche Band, mit der ihr auf Tour wart, mochtest du am liebsten?

Huch, das ist schwierig. Wir waren mit so vielen guten Bands auf Tour! In letzter Zeit sind wir viel mit Whitesnake unterwegs, sie sind mittlerweile gute Freunde von uns. Natürlich Lemmy und die Jungs von Motörhead – wir haben viel mit ihnen zusammengearbeitet in den letzten Jahren, es ist immer super, sie dabei zu haben. Ozzy natürlich auch … ich kann mich wirklich nicht für einen Favoriten entscheiden, es sind einfach zu viele. Wir kommen eigentlich mit allen ganz gut aus, solange sie darauf vorbereitet sind, mit uns auszukommen. Wir versuchen mit jedem Spaß zu haben, der mit uns unterwegs ist.

Wie fühlt es sich an, eine Legende zu sein?

Ich habe keine Ahnung, sag du es mir (lacht). Wir sehen uns selbst nicht so. Wir fühlen uns aber sehr geschmeichelt, wenn Leute das über uns sagen. Wir sind schon lang unterwegs, vielleicht sieht man uns deshalb als Legenden an. Es ist aber wirklich rührend auf so eine Podest von Menschen gehoben zu werden, wir finden, wir haben das gar nicht verdient. Mal sehen, was man über uns in dreißig Jahren sagt, wenn wir alle nicht mehr sind.

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