Kadavar: “Ich bin ein Berliner”

Kadavar

2015 veröffentlichten die Retro-Rocker Kadavar mit “Berlin” ihre Hommage an die Bundeshauptstadt unseres großen Nachbarn. Nach Auftritten beim Mind Over Matter und dem Lake On Fire sowie ihrer umjubelten Tour mit den Labelkollegen Blues Pills kehren sie nun wieder.

KadavarFür „Wie wir leben wollen“ gingen Tocotronic ins Candy Bomber-Tonstudio in Berlin-Tempelhof, weil: Analog ist besser. Auch Die Ärzte setzten für „auch“ auf das Uralt-Equipment von Paul Lemp und Ingo Krauss, die das Studio im ehemaligen Flughafen-Bau führen – wohlgemerkt, es handelt sich hierbei nicht um die Ruine “Berlin Brandenburg”, die den deutschen Steuerzahler vor Eröffnung bereits mehr als 5 Milliarden gekostet hat. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Durch das Tonstudio unweit der Tempelhofer Landebahnen weht der faulige Atem der deutschen Geschichte, der seinen Höhepunkt im Neubau 1934 fand und den größenwahnsinnigen Vorstellungen der Nazis entsprechend zu einer faschistischen Monumentalarchitektur geriet. Die Berliner selbst verbinden Tempelhof eher mit der Luftbrücke der Westalliierten zur Zeit der Berlin-Blockade durch die Sowjetunion: Militärmaschinen, liebevoll „Rosinenbomber“ – „Candy Bomber“, eben – genannt, versorgten die eingeschlossene Stadt ab Juni 1948 über ein Jahr lang mit Lebensmitteln. Seit seiner Schließung vor knapp acht Jahren erfuhr der Flughafen eine Bedeutungsänderung gen Kultur- und Freizeitoase. Dort, im Rosinenbomber, checkten die Retrorocker Kadavar ein, um „Berlin“ seinen dementsprechenden Sound zu verpassen.

Woher kommen eigentlich eure tierischen Pseudonyme: Tiger, Lupus, Dragon – beziehungsweise euer alter Bassist Mammut?

Tiger: Als wir beide, Lupus und ich, uns kennenlernten fanden wir das einfach eine lustige Idee, weil wir beide Christoph heißen. Hinter den Tiernamen selbst steckt aber keine Geschichte.

Lupus: Ein Wolf und ein Tiger sind einfach cool. Als Simon in unsere Band kam, wollten wir ihn Ratte nennen (lacht).

„Delfin“ war auch im Gespräch, heißt es …

Lupus: Ja (lacht). Er hat sich dann aber doch für den Drachen entschieden.

Dragon: Eigentlich wollte ich ja „Kippe“ heißen.

Lupus: Aber das ist kein Tiername, Simon … „Kippe“ übrigens deswegen, weil er den ganzen Tag raucht – aber das tut ein Drache ja irgendwie auch. Es gibt da noch ein paar Namen, die wir intern verwenden (lacht schelmisch), aber der offizielle ist eben „Dragon“ …

Gebt ihr beide euch daheim in den eigenen vier Wänden auch Tiernamen?

Lupus und Tiger: (lachen)

Lupus: Nein, das machen wir nicht. Vielleicht, wenn einer sauer wird …

“Tiger, bei Fuß!“?

Lupus: Das wird er nicht machen, der ist ja einen Kopf größer als ich (lacht). Der sagt dann nur, „Fick dich!“ (lacht). Ne, wir sprechen uns mal so und mal so an, wie es gerade passt, das ist relativ locker. Am Anfang war es einfach ein Spaß, wir fanden es lustig – aber dann stand es auch auf der ersten Platte drauf und dann blieben wir halt dabei. So gibt es wenigstens auch keine Irritation, wenn da zwei Christoph mit von der Partie sind.

Ihr seid alle zugezogene Berliner, dennoch gibt’s mit dem dritten Album eine Hommage an die deutsche Bundeshauptstadt. Welchen Stellenwert hat die Stadt selbst für euch, wie stark ist sie mit euch als Individuen und eurer Musik verbunden?

Lupus: Tiger und ich wohnen seit fast 10 Jahren da, wir sind damals nach Berlin gezogen, um Musik zu machen. Wir haben unsere Band da gegründet, wir haben da unseren Proberaum, Berlin ist unsere Base – und von daher mit der Band eng verbunden. Wenn man so wie wir zuletzt das ganze Jahr unterwegs ist, dann ist das ein angenehmes Nachhausekommen, so ein Fluchtpunkt, wenn man die gelbe Berliner Ortstafel sieht. Von daher ist Berlin wichtig für uns, einfach, um den Ausgleich zu schaffen.

Wie lässt sich eure Wahrnehmung der Stadt auf die unterschiedlichen Bilder und Perspektiven in der Sonnenbrille am Cover zu „Berlin“ umlegen?

Lupus: Als wir angefangen haben, die Platte zu schreiben, haben wir uns überlegt, was der Arbeitstitel und die Idee dahinter sein sollte – und relativ rasch kam da Berlin als roter Faden auf, einfach aus dem Grund, weil wir nach langer Zeit auf Tour endlich wieder zuhause waren und wieder das tun konnten, was uns schon eine halbe Ewigkeit abging: Musik, einfach so zum Spaß.

Beim Cover haben wir schlichtweg im Hinterkopf gehabt, dass Berlin eine geschichtsreiche Stadt ist – im Zentrum davon der alte Flughaften Tempelhof, in dem wir auch „Berlin“ aufgenommen haben. Tempelhof existiert seit der Weimarer Republik, wurde im Dritten Reich dann aber neu gebaut und war später für die Luftbrücke, die den Westsektor versorgte, wichtig. Seit der Wiedervereinigung ist es nun einer der größten Parks, die es in der Metropole gibt. Es gab sogar ein Bürgerbegehren, wo entschieden wurde, dass er nicht bebaut werden darf, die ganze Fläche brach bleiben muss. Das zeigt auch, wie sich die Leute mit der Stadt identifizieren und dafür sorgen, dass sie so bleibt, wie sie sie erleben wollen.

Die Idee hinter den Brillengläsern und den Motiven darin war die, dass jeder die Stadt anders sieht. Als Tourist bewegt man sich zum Beispiel am Brandenburger Tor, oder beim Fernsehturm – als Einheimischer kennst du deinen eigenen Kiez wie die Westentasche. Jeder entscheidet, wie und was er von der Stadt wahrnimmt, und das haben wir versucht, mit den unterschiedlichen Reflexionen in der Brille zu verbildlichen.

Losgelöst von Kadavar kommt mir vor, dass Berlin das musikalische Pendant zum literarischen Prag ist, das Franz Kafka als „Mütterchen“ bezeichnete – keiner anderen Stadt wurde derart oft eine Ehrerbietung kredenzt, gleich ob von David Bowie, Lou Reed, Iggy Pop oder auch Nick Cave. Was macht ihren künstlerischen Reiz aus?

Tiger: Ich glaube, das Interessante an Berlin ist, dass niemand so genau weiß, wo es hingeht. Es gibt eine Co-Existenz von allem und es gibt für jeden irgendwie seine Nische, jeder schwimmt in seinem kleinen Teich herum und kann machen was er will. Es ist einfach eine lockere Atmosphäre, weil du musst dich nicht mit irgendwas Bestimmten identifizieren, jeder kann seinen eigenen Kram machen. Ich glaube, das haben wir gesucht, als wir nach Berlin gezogen sind: So eine Stadt mit einem Groove, der nicht fertig ist, wo jeder machen kann, worauf er Lust drauf hat. Das macht’s für mich aus.

Lupus: Der Vorteil von Berlin ist auch, dass obwohl es eine weltweit angesagte Metropole ist, sie nach wie vor relativ billig ist. Das ist natürlich für Künstler angenehm, wenn man in einer Stadt lebt, in der man noch überwiegend aktiv Musik machen kann und nur wenige Tage nachts in einer Bar oder so jobbt. In London, Paris oder New York zahlst du dich allein für einen Proberaum dumm und dämlich, musst den noch dazu mit anderen Bands teilen und hast selber nur wenige Stunden in der Woche davon. In Berlin bist du künstlerisch und finanziell frei, auszuprobieren – da muss es nicht einmal irgendwo hin führen. Dieses Experimentieren und Übergreifen, wie Christoph gesagt hat, ist es dann, was den Reiz ausmacht.

Lupus, du bist ja aus Thüringen, Tiger, du aus dem Westen – Simon ist aus Frankreich, und euer ex-Bassist Mammut war sogar aus Kärnten. Gibt es da einen Culture-Clash zwischen der deutschen und österreichischen Mentalität, oder zwischen Ost und West?

Tiger: Mittlerweile sind wir schon so nah, da merkt man das eigentlich nicht mehr – aber hie und da gibt es dann doch kleine Missverständnisse, je nachdem, wie man Sachen ausdrückt. Das ist aber alles überbrückbar und überschaubar, man muss sich nur anschauen, an welchen Stellen man selbst dann doch ein bisschen anders tickt.

Lupus: Es sind Nuancen. Bei den wichtigen Punkten, da stimmen wir überein – ansonsten würde das auch nicht funktionieren (lacht). Der eine steht halt lieber als erstes auf und geht duschen, und der andere pennt halt lieber bis fünf Minuten vor der Zeit. Scheißegal. Das sind Kleinigkeiten, da spielt man sich ein und nach ein paar hundert Tagen auf Tour ist dann eh alles egal (lacht).

Seid ihr damals eigentlich mit dem österreichischen Humor auch in Verbindung gekommen, oder war Mammut einberlinert?

Lupus: Nene, natürlich – da hat er schon Wert drauf gelegt. Keine Integration (lacht)!

Auch du bist ein „Lindemann aus dem Osten“ – sind da irgendwelche Verwandtschaftsbeziehungen zu Till von Rammstein vorhanden?

Lupus: Ich bin mir dessen nicht bewusst, vielleicht über viele Ecken – aber: ne. Ich wurde ständig drauf angesprochen, als in allen Städten Plakate für seine Soloplatte hängen, von der ein paar dachten, es wäre meine (lacht). Getroffen habe ich ihn noch nie, aber vielleicht ist, da es jetzt nicht so viele Lindemanns gibt, irgendwie eine Verwandtschaft vorhanden …

Wenn wir jetzt wieder auf Lou Reed zurückkommen – mit dem Cover von Nicos „Reich der Träume“ habt ihr erstmals einen deutschsprachigen Song aufgenommen. Was hat ihn dafür qualifiziert?

Lupus: Wenn man ein Album „Berlin“ nennt und selbst eine deutsche Band ist, dann liegt es nahe, etwas Deutsches zu probieren. Wir hatten zuerst die Idee für ein eigenes Stück, aber so richtig habe ich mich da nicht herangetraut. Englisch ist für mich einfacher, da kann man viel sagen ohne wirklich was zu sagen. Deutsche Wörter, also ihre Bedeutungen, wiegen schon schwerer als im Englischen. Da kam dann relativ rasch die Idee auf, etwas zu covern und wir haben wochenlang überlegt, welches Stück mit Berlin-Bezug es sein könnte. Es ging auch wieder weg vom Deutschen, bis hin zu den Sex Pistols mit „Holiday In The Sun“, wo es um die Mauer geht. Eines Tages kam dann Simon mit „Reich der Träume“ von Nico. Das Stück ist relativ unbekannt, aber hat gepasst: Ihre Stimme ist auch tief, ich fand den Text cool und die Musik gibt uns genug Spielraum, um selber zu interpretieren. Dadurch, dass Nico in Berlin begraben liegt und der Autor des Stückes selbst auch Berliner ist und in der Krautrock-Szene mit Ashra Temple und Agitation Free in den Siebzigern großen Einfluss auf die Szene hatte, hat es gleich doppelt gepasst.

Hast du damit jetzt die Furcht vor einem eigenen deutschen Song verloren?

Lupus: Ne (lacht). Noch nicht, ich lass das mal setzen. Wenn man so intensiv an einer Platte arbeitet, verliert man sowieso erst einmal den Überblick und ist total fokussiert. Ich habe jetzt auch einmal so eine Phase, wo ich mir die Platte erstmal nicht mehr anhöre – ich mache gern die Promo, spiele die Stücke live, aber die Platte selbst ist mal abgeschlossen und fertig.

Kadavar - BerlinEuer Label Nuclear Blast ist ja zweifelsohne eines der führenden Labels im „Vintage-Rock“-Bereich. Habt ihr da im eigenen Haus besondere Favoriten?

Lupus: Allen voran Graveyard, die mit „Hisingen Blues“ die Türen aufgestoßen haben für alle anderen. Blues Pills sind gute Freunde von uns, mit Scorpion Child waren wir auf Tour, und Orchid haben großen Anteil daran, dass wir überhaupt bei Nuclear Blast sind. The Vintage Caravan haben wir jetzt ein paar Mal kennen gelernt, mit ihnen werden wir auch schon langsam warm. Es ist jetzt nicht wirklich eine Familie, aber ich habe da schon irgendwie das Gefühl, dass da zwischen den Nuclear-Blast-Bands eine gewisse Bindung vorhanden ist, auch, weil wir wissen, dass wir ein bisschen anders sind als der Rest dort (lacht). Es herrscht da eher so ein gegenseitiger Support, als ein Neid oder Konkurrenzdenken … Wir schreiben uns auch in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen untereinander, man hält sich gegenseitig am Laufenden oder spielt neue Stücke vor, holt Meinungen ein. Wir fühlen uns da ziemlich wohl und sind dankbar, wie es gekommen ist.

Schon mal über Splits mit Labelkollegen nachgedacht?

Lupus: Es gab am Anfang mal eine Überlegung für eine EP mit Blues Pills, aber wenn man dann ein paar Stücke geschrieben hat, will man die meistens dann doch eher auf einem vollem Album unterbringen. Das Label ist auch eher interessiert an Alben – die bringen die Presse, die sorgen für Verkäufe und für Touren. Aber grundsätzlich sind wir nicht abgeneigt, wir haben ja schon mit Simons alter Band Aqua Nebula Oscillator eine Split gemacht.

Wie du vorhin bereits angedeutet hast, sind Orchid ja gewissermaßen auch „schuld“ an eurem Deal mit Nuclear Blast …

Lupus: Ja, wir sind früher viel in Berlin auf Konzerte gegangen und haben unsere Platte diversen Leuten in die Hand gedrückt – eben auch Orchid, als sie vor Jahren da spielten. Die Jungs haben sie dann an Nuclear Blast weitergeleitet, die wiederum haben sich wenige Wochen später bei uns gemeldet und dann ging alles eigentlich ziemlich schnell. Also ja, Orchid haben schon einen besonders großen Anteil daran, dass es so gekommen ist …

Du hast vorhin gemeint, du seist mit dem „Feeling“ bei Nuclear Blast ganz zufrieden – einzig hat euch in der Vergangenheit stets gestört, als Okkult- und Satanisten-Rock-Band tituliert zu werden …

Lupus: Das hat sich mit der aktuellen Platte endgültig erledigt, und wir haben damals bei der zweiten schon klargestellt, dass wir da ein bisschen reingedrängt wurden. Aber gut, vielleicht war es auch die Zeit – wir haben ein bisschen Doom gemacht, und mit den düsteren Texten bist du dann gleich ein Satanist (lacht). Aber auf die Kategorisierung habe ich keinen Bock, mir fällt es einfach nur schwer, über lustige und spaßige Situationen zu schreiben – wenn ich einen guten Tag habe, dann habe ich die Notwendigkeit, zu schreiben nicht. Aber nur weil ich ausschließlich in einer miesen Stimmung schreiben kann, mache ich nicht gleich okkulten Satanisten-Rock. Klar, Spielereien mit Symbolen gehören irgendwie dazu – aber keine Messen mit Opfern (lacht). Ich habe irgendwie nicht so sehr Bock auf Blut.

Bisher habt ihr die Aufnahmen bei dir, Tiger, im Studio abgewickelt – für Berlin” nur die Vorproduktion. Wie ist es da für dich, in der Rolle zwischen Produzent und Musiker zu wechseln?

Tiger: Das ist eine Sache, an die ich mich ganz gut gewöhnt habe. Ich finde, da musst du gar nicht so sehr springen, wenn das deine eigene Band ist, weil du dir ohnehin immer Gedanken darüber machst, wie etwas klingen soll. Wir nehmen ja auch im selben Raum auf, in dem wir proben – das ist der Ort, in dem es nur um die Musik geht. Da verschwimmt die Trennlinie zwischen Produzent und Musiker rasch. „Berlin“ haben wir nur bei mir vorproduziert und sind dann in den Tempelhof gegangen, weil die einfach mehr von dem Equipment hatten, das wir benutzen wollten. Ingo Kraus, mit dem wir die Platte aufgenommen haben, hat auch persönlich zu uns gepasst – von daher war es diesmal ein bisschen anders als sonst.

Lupus: Das ist vielleicht auch unser großer Vorteil gegenüber anderen Bands, weil wir können ohne großartig Geld auszugeben jederzeit aufnehmen. Das Zeug steht da, wir müssen nur auf „Record“ drücken. Da kann man sich dann in aller Ruhe Gedanken machen, wohin man mit den Songs will, ob das so überhaupt funktioniert und was man gegebenenfalls machen muss, damit es besser klingt – ob man eventuell die ganze Songstruktur neu überarbeiten muss. Das ist bei anderen Bands schon schwieriger und kostenintensiver. Deswegen haben wir auch das Arrangement von „Berlin“ im Vorfeld schon bei uns in aller Ruhe getestet und sind dann nur mehr zur finalen Aufnahme in Tempelhof gewesen.

Kannst du mir als Laien die Vorteile einer analogen Aufnahme gegenüber einer digitalen erklären – abgesehen davon, dass sie zwangsweigerlich „natürlicher“ wirkt?

Tiger: Ich habe einmal ein ziemlich interessantes Interview mit einem DJ gelesen, dem in den Neunzigern die Musik auf Partys mehr und mehr auf den Sack ging. Irgendwann war er dann wieder in einem Club, wo sie noch altes Vinyl aufgelegt haben – und plötzlich waren seine Ohren nicht mehr genervt. Das beschreibt die Sache eigentlich ganz gut, das ist wie bei einem alten Foto, das nicht ganz scharf ist, aber irgendwie einfach ein schöneres Bild abgibt – so ist das auch bei analogen Aufnahmen. Das Klangspektrum ist schon irgendwie vorgefärbt und eingeengt, aber es ist angenehmer, „wärmer“ fürs Ohr.

Gewissermaßen ein „körniger“ 3D-Effekt fürs Ohr …

Lupus: So in der Art, ja. Man will ja keine originalgetreue Wiedergabe, eben nur einen gewissen Frequenzbereich, der fürs Ohr angenehm ist – und das macht eben dann das Band, weil dort das Spektrum vorgegeben ist.

Selbst im Studio behaltet ihr den „Live-Effekt“ zumindest weitestgehend bei – versucht etwa nicht, eine zweite Gitarre mittels Overdubs bei den Soli vorzutäuschen. Ist das für euch ein Aufnahmeanspruch, „live“ zu klingen?

Tiger: Im Großen und Ganzen ist das so, ja. Da legen wir auch beim Songschreiben sehr viel Wert drauf. Es gibt hie und da Stellen, wo wir einen Sound nachträglich ausprobiert und ausgetauscht haben, bei „Berlin“ haben wir es diesmal nicht ganz so eng gesehen, aber immer mit dem Fokus, dass es ganz klar sein muss, dass man zu dritt die Platte aufgenommen hat. Also: Eine andere Farbe dazu nehmen ist dann schon mal okay, wichtig ist einfach, dass man das live dann so auch reproduzieren kann.

Hat sich der Erfolg von Kadavar auch auf dein Studio ausgewirkt?

Tiger: Ja, ich wäre massiv überbucht, wenn ich die Zeit dazu hätte – aber ich kann das meiste gar nicht erst annehmen. Ich mach nur mehr das, was mich selbst interessiert und meistens auch nur Bands aus Berlin – einfach weil ich oft auf einem Konzert bin, mir eine Band anschaue und die dann für wenige Tage später ins Studio einlade, um aufzunehmen, weil ich grad spontan nichts zu tun habe. Aber ich würde das echt gern wieder verstärkt betreiben …

In einem älteren Interview habt ihr euren Stil auf Geldnot und das Angebot in Berliner Second-Hand-Läden zurückgeführt. Wie hättet ihr euch gekleidet, wäre die Geldnot nicht gewesen?

Tiger: Wir hätten einfach mehr gekauft (lacht).

Lupus: Es gibt in Berlin viele Second-Hand-Läden, wo man nach Kilo bezahlt und da gab es dienstags und mittwochs von 11 bis 1 sogar Happy-Hour. Da sind wir dann hin und man hat ein paar Kilo Klamotten gekauft – so war das halt, und da sind wir nicht die einzigen, das machen sogar relativ viele Leute. Das hat sich dann in Interviews teilweise ein bisschen aufgepauscht, aber in Berlin ist das tatsächlich kein Ding.

Ihr habt ja tatsächlich auch teilweise Frauenkleidung gekauft.

Lupus: Ja, da macht man schon mal keinen Unterschied – wenn die Bluse gut aussieht, ist das scheißegal (lacht).

Zusammen mit dem Kleidungsstil, den engen Jeans und den Bärten könnte man aber auch sagen, ihr wärt bei der Bandgründung 2010 unter den Pionieren der Hipster-Kultur gewesen.

Lupus: Mittlerweile wird man als solcher abgestempelt, das ist klar, ja. Ich weiß bis heute aber nicht einmal genau, was Hipster sind, um ehrlich zu sein. Aber meine Crusty-Freunde in Leipzig, die kotzen da total ab, wenn man sie als Hipster bezeichnet, die rasten dann total aus (lacht). Mir ist einfach nicht ganz klar, was das sein soll. Aber eigentlich ist es mir auch wurscht, das legt sich in zwei Jahren auch wieder, so wie jeder Trend ist auch das irgendwann vorbei.

„Trend“ ist ein gutes Stichwort – sind immerhin „Retro“, „Vintage“ und „Proto“ im Verbindung mit „Rock“ derzeit die In-Worte schlechthin – es gibt auch unzählige, sich qualitativ stark unterscheidende Bands in diesem groß zusammengefassten Sektor. Wo trennt sich für euch als Hörer die Spreu vom Weizen, und wohin seht ihr dieses Revival gehen?

Lupus: Das „Wohin?“ und „Wie lange?“ sind zwei Fragen, die wir uns stellen, seitdem es Kadavar gibt, seitdem alles ins Rollen gekommen ist, seitdem man gemerkt hat, dass es die Leute auch immer mehr interessiert hat, wir plötzlich Touren spielen konnten und dort dann auch immer mehr Leute aufgetaucht sind. Da fragt man sich jedes Jahr, wann Schluss ist. Bei der „Hisingen Blues“ von Graveyard dachten wir, das sei der Zenit – aber dann waren Blues Pills sogar an der Spitze der deutschen Charts. Das wäre vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen, und da denkt man sich jedes Jahr, dass es dann mal langsam eigentlich abflauen muss, es sich wieder auf den Kern konzentriert – aber es scheint sich doch irgendwie zu etablieren. Wir haben da vielleicht auch einen Anteil daran, und natürlich sprießen immer wieder Bands aus dem Boden, aber das ist auch wichtig, dass die Szene immer wieder belebt wird. Wo das Ganze endet, wird die Zeit zeigen – aber bisher ist da noch kein Ende in Sicht. Inzwischen nehmen wir einfach alles mit, was kommt und von daher ist es auch egal, wo das Ende ist, weil es jetzt einfach massig Spaß macht (lacht).

Wenn man sich diese Musik anhört, oder auch ältere Filme ansieht, bekommt man ja vielleicht durchaus Lust, in diese Epoche zurück zu reisen. Könntet ihr euch an einen Moment zurückbeamen – wohin ginge die Reise?

Lupus: Die Frage kommt oft – ich weiß gar nicht, ob ich das will. Ich fühle mich in 2015 eigentlich ganz wohl. Ich habe alle Freiheiten, die ich mir wünsche – dadurch, dass ich aus dem Osten bin, ist es vielleicht noch etwas anderes. Natürlich, wenn mir jemand so eine Maschine hinstellen würde, würde ich auch nicht Nein sagen – vielleicht würde ich mir dann einfach Woodstock anschauen, oder die Rolling Stones-Show in Altamont 1969. Einfach nur, um den Vibe mitzubekommen, wie ein Haufen Leute unorganisiert so ein Ding da im Chaos durchziehen, mit Freude an der Musik und mit schlechtem Sound. Aber unterm Strich können wir alle glaube ich ganz froh sein, dass wir im 21. Jahrhundert leben.

Tiger: Die Vergangenheit ist irgendwie romantisch verklärt, man sagt ja auch immer, die schlechten Erinnerungen werden nicht so intensiv im Hirn abgespeichert wie die positiven. Ich glaube, wenn man da irgendwann die Gelegenheit zu so einer Zeitreise hätte, würde man doch wieder ganz schnell ins Hier und Jetzt zurückwollen.

Lupus: Vielleicht hätte man Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger mit einem Album noch schnell ein paar Millionen machen können und hätte sich dann ein Hotel gemietet und für ein Jahr einfach total abgeschossen (lacht).

Im Gegensatz zu vielen anderen Bands in eurem Genre seid ihr den bewusstseinserweiternden Substanzen jedoch nicht sonders zugetan …

Lupus: Ja, wir arbeiten einfach zu viel und nehmen das Ganze einfach viel zu wichtig, als dass wir uns jeden Tag irgendwie zurichten könnten. Es gibt schon Situationen, wo es passt und man Lust drauf hat, aber grundsätzlich steht die Musik im Vordergrund, und die können wir nur machen, wenn wir voll und ganz am Start sind. Ich selber würde mich schlecht fühlen, wenn ich auf der Bühne stehe und merke, dass ich durch mein eigenes Verschulden nicht 100 Prozent bringen kann. Wenn ich erkältet bin und meine Stimme nicht da ist, dann ist es halt so – dann kann ich es nicht ändern. Aber wenn ich einen Trip geworfen habe und da auf der Bühne herumtorkel, das wäre den Leuten, die Eintritt gezahlt haben und was sehen wollen, nicht fair gegenüber – das bin ich ihnen schuldig. Das verlange ich ja auch, wenn ich selbst im Publikum stehe. Was nach der Show passiert, ist dann natürlich unser Problem – aber grundsätzlich nehmen wir die Musik ernst und deswegen spielen Drogen auch keine primäre Rolle.

Wobei es durchaus Musiker gibt, die sagen, sie benötigen eben genau diese Substanzen, um für sich selbst dieses „psychedelische Feeling“ heraufzubeschwören.

Lupus: Wenn man so 20-Minuten-Jams hat oder stundenlang auf E herumhämmert, klar. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass gute Platten auf Drogen entstanden sind – das ist definitiv schon Fakt, aber ich glaube nicht, dass ich persönlich das könnte. Allerdings muss ich auch sagen, ich habe es nie wirklich ausprobiert, mich reizt es einfach nicht. Ich habe lieber einen klaren Kopf, und auch wenn es doof klingt: Musik ist meine Droge, die ruft für mich Emotionen und Gefühle hervor. Von daher brauche ich das nicht durch Drogen verstärken. Noch nicht (lacht).

Mittlerweile seid ihr Vollzeit-Musiker, oder?

Lupus: Genau, wir machen inzwischen nichts anderes mehr nebenbei. Das würde von der Zeit her auch nicht funktionieren. Christoph war ja vorher mit seinem Studio selbständig, und da hat er eh schon erzählt, dass da mittlerweile kaum mehr Zeit dafür übrig bleibt. Ich habe in einer Bar gearbeitet – und Simon ist aus Paris gekommen, er war dann anfangs unser Fahrer. Du findest einfach keinen Job für 50 Tage im Jahr, außerdem: Wenn du nach einer Tour zurückkommst, hast du echt keinen Bock, dass wieder dauernd Leute auf dich einprasseln. Irgendwann bist du am Ende, musst dann eine Entscheidung treffen: Entweder widmest du dich der Musik nur begrenzt, oder du ziehst das Ding durch. Wir haben uns entschieden, das Ding durchzuziehen und mussten da anfangs natürlich kürzer treten, zogen zusammen und sowas. Aber mittlerweile geht das ganz gut.

Thema „Zeitproblem“: Tiger, dein Projekt NOEM ist auch in die ewigen Jagdgründe verschollen?

Tiger: NOEM ist auf Eis gelegt, ja. Und es ist unrealistisch, dass da in nächster Zeit was passiert. Nach unserer letzten Single, die wir rausgebracht haben, haben wir uns nur noch einmal getroffen und angefangen, an einem Song zu arbeiten – allerdings ist unser Sänger Lennard zu seiner Freundin nach Köln gezogen, weil er Vater geworden ist, der Gitarrist hat geheiratet, und vorher lag es hauptsächlich an mir, dass wir nicht viel weiter gebracht haben. Wir haben alle immer noch Bock, aber zurzeit geht es einfach nicht – wenn es irgendwann wieder passt, dann super gerne. Aber in den nächsten Jahren wird da wohl nichts passieren …

Lupus: Schade eigentlich, gute Band.

Ihr müsst einfach nur weniger erfolgreich sein …

Lupus: Wir arbeiten daran (lacht).

 

Bis Kadavar weniger erfolgreich sind, ist aber noch ein bisschen Zeit. Einstweilen beehren sie uns mit Death Alley im Oktober im Wiener Flex und im Grazer ppc. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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