Körperkunst und Kunstkörper

Die alljährliche Wildstyle & Tattoo Messe ist weit mehr als eine Ansammlung optisch auffälliger Menschen, die sich wild gebärden. Vielmehr ist sie ein Hochamt der Toleranz.

 

Die Zeiten, in denen extravaganter (und mehr oder weniger permanenter) Körperschmuck als direkter Verweis auf eine Häfenbrüder- oder, um genderkorrekt zu formulieren, -schwesternschaft gedeutet werden konnte, sind  glücklicherweise längst passé. Gerade Tätowierungen und Piercings gelten heute durchaus als „vertretbares Accessoire“, das sich geschlechtsunabhängig durch die meisten Alters- und Gesellschaftsschichten zieht.

 

Natürlich künstlich

Natürlich ist klar: „Body Modification“, also die „Körperveränderung“, ist eine Frage des Geschmacks. Gerade wenn man sich die Stargäste der Wildstyle & Tattoo Messe, der erfolgreichsten Tattoo-Show Europas, vor Augen führt, wird  schnell augenscheinlich, dass Trends auch ins Extrem katapultiert werden können. Während bei der netten, zierlichen Arbeitskollegin ab und an vielleicht eine kleine Blumenranke am Ärmchen aufblitzt, versammeln sich hier Menschen,  deren Körper mit Tätowierungen, Piercings, Implants, Brandings, Skarifizierungen und wer weiß noch was überhäuft sind – teilweise in einem Ausmaß, dass der eigentliche, „natürliche“ Körper unter einer Kunstschicht verschwindet. Aber:  Das Schöne an der Kunst ist ja, dass sie die Mannigfaltigkeit der Natur gekonnt nachzuahmen weiß!

 

Ein Bild der Extreme

Das breite Spektrum des Möglichen hinsichtlich Motivik und Ausmaß offenbart sich auf derartigen Happenings hingegen vor allem bei den Besuchern. Die Stargäste, das Aushängeschild, sind freilich ein Bild der Extreme – wenngleich auch Moderator Roman „Alkbottle“ Gregory mit drei Tattoos dezent unterwegs ist. Dezent zumindest verglichen mit Zombie Boy, The Mexican Vampire Woman und The Enigma, die dieses Jahr als „Schutzpatrone der Toleranz“ mit ihrem Namen und ihrer Anwesenheit wirken. Dezent auch verglichen mit John Kamikaze, der das schöne Zitat von Johann Wolfgang von Goethe in die Jetztzeit holt: „Die Schmerzen sind’s, die ich zu Hilfe rufe, denn es sind Freunde, Gutes raten sie!“ Und – schwupps! – schon lässt er sich an zwei in den Rücken geschlagenen Haken acht Meter in die Höhe ziehen. Das Publikum jubelt, applaudiert und schlendert durch die Halle, um sich an der Vielfalt an Tattoo-Künstlern,  die nicht nur ausstellen, sondern vor Ort tatsächlich auch stechen, zu delektieren: Österreich ist stark vertreten mit Bernie Luther und Tattoos to the Mäx, aus Deutschland hat sich u. a. Sidos Studio „Ich und meine Katze“ angekündigt, aus Neuseeland Brent McCown, aus Singapur Augustine Nezumi, Kei aus Thailand, aus Tahiti Vatea, aus Italien Gallo & Ugo TCB Tattoos – und mehr Granden aus 20 Ländern und vier Kontinenten.

 

Erlebtes sichtbar gemacht

„Auf meiner Haut findet man meine persönliche Geschichte, meine Tätowierungen sind Erinnerungen an meine bedeutendsten Erlebnisse – deshalb üben sie sicherlich eine bestimmte Kraft auf mich aus: Die Kraft der Erinnerung. Ich  vergesse niemals meine Herkunft.“ sagt The Mexican Vampire Woman über ihren Körperschmuck, der Zombie Boy führt aus: „Wer sich etwas sehr Persönliches, Bewegendes tätowieren lässt, fährt nie schlecht damit.“ Und so vielfältig wie Erlebnisse in einem Leben sein können, so bunt sind auch die Ausdrucksmöglichkeiten: von buchstäblich bunt bis einfarbig, von Biomechanik bis Asiatisch, Lettering, Tribals, Floral oder Chicano, Maori oder Dot-Work. Von Helix-Piercing über Nostril bis hin zum Septum. Oder auch Labret, Nippel-Piercing oder etwas weiter südlich im Intimbereich: Grenzen gibt es keine, und wenn doch, dann sind sie dazu da, um überschritten zu werden. Oder wie Wildstyle- Initiator Jochen Auer vor einigen Jahren einer Tageszeitung erklärte: „Man will zunächst anders sein, rebellisch sein, aus der Masse hervorstechen. Und irgendwann erkennt man die Kunst dahinter, der man nicht mehr abschwören kann.“

 

Zombie BoyZombie Boy
Im Alter von 15 Jahren wurde bei Rick Genest ein Hirntumor diagnostiziert. Die Operation überlebte er knapp, auch wenn man ihm das pulsierende Herz heute nicht gleich ansieht. Er ist jedoch überzeugt: „Meine Tattoos  zelebrieren das Leben!“ Und eben diese haben den ehemals Obdachlosen zum Superstar gemacht: Er ist Protagonist in Lady Gagas „Born This Way“-Video und neben Keanu Reeves in „47 Ronin“, gut bezahltes Model in Shoots für GQ Style und Vogue Hommes, sowie das Aushängeschild für L’Oreal und Rocawear, das Fashion-Label von Jay-Z. Schönheit liegt eben „im Auge des Betrachters“ – und Rick ist nun mal „keine Barbie, sondern ein Punk“, oder – mit Lady Gaga: „I’m beautiful in my way.“

The Mexican Vampire WomanThe Mexican Vampire Woman
Maria Jose Cristerna war früher Anwältin – und wurde von ihrem gewalttätigen Mann jahrelang misshandelt. Schließlich ließ sie sich scheiden und verwandelte sich sukzessive … in einen Vampir. Mit dem Wandel kam aber auch eine Medienpräsenz: „Jetzt, weil meine Stimme lauter geworden ist und die Menschen gelernt haben, dass ich Dinge zu sagen habe und gegen häusliche Gewalt kämpfe, hilft mir mein „Ruhm“, gegen den  Missbrauch einzutreten und kämpfen zu können.“ Im Gerichtssaal sitzt Maria (wie sie übrigens lieber angesprochen wird) jedoch nicht mehr: Sie hat ein eigenes Studio und trägt somit ihren Anteil dazu bei, dass auch andere Menschen ihre persönliche Geschichte „festhalten“ können.

The EnigmaThe Enigma
Paul Lawrences Körper ist übersäht mit einfarbigen Puzzlestücken. Er spielte in der Serie „Akte X“ den Rätselmann in der Episode „Der Zirkus“ und im Musikvideo „Fallen Leaves“ von Billy Talent. Er war Gründungsmitglied der Kultfreakshow Jim Rose Circus und ist mit einer weiteren Berühmtheit verheiratet, der „Tiger Lady“. Neben John Kamikaze ist er auch Teil der Modern Primitives Freakshow, neben Mike Patton, Sänger von Faith No More, spielte er im Film „Firecracker“. Aber warum sind alle seine Puzzleteile blau-grau? „Weil Puzzleteile hinten immer bläulich sind. Bunt ist nur das Bild vorne.“ Im Falle von The Enigma eben … innen. Denken Sie einmal über den tieferen Sinn dahinter nach!

 

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