Das Tabu der Herzlichkeit

Bereits 1999 lud Gunther von Hagens mit „Körperwelten“ in Wien dazu ein, den Körper zu bereisen. Nun kehrt er mit seiner „Herzensangelegenheit“ zurück nach Linz.

 

Explizite Crime-Serien wie „Bones“ erfreuen sich größter Beliebtheit, in „Hannibal“ wird der Leichnam gar zu Gustostückerln verarbeitet. Solange die Toten weit weg sind, zum Beispiel im Fernsehen oder in Geschichtsbüchern, ist für uns die Welt in Ordnung, an die eigene Vergänglichkeit wird ungern gedacht. Der Tod ist „schmutzig“, oder, wie der österreichische Anatom Josef Hyrtl 1860 schrieb: „Der volle Leichensaal ist kein Eden.“ Der Grund dafür ist naheliegend: Leichen kennt man aufgedunsen, entfärbt und von beißendem Gestank umweht – sie sind gruselig, ein nicht-wissenschaftliches Interesse daran gerät rasch zur „Perversion“. Wenn der ehemalige Sänger der Black-Metal-Band Mayhem, Per Yngve Ohlin, mit Schminke Leichenoptik nachahmte und sein Gewand für Auftritte gar im feuchten Erdreich vergrub, um einen „modrigen Geruch“ zu verströmen, ist Otto Normal versucht, die Männer mit den weißen Kitteln zu rufen. Auch wenn in Filmen wie „The Texas Chainsaw Massacre“ aus Leichenteilen Möbelutensilien fabriziert werden, ist das Kunstverständnis zweifelsohne ein morbides.

Zwischen Kunst und Wissenschaft
Im deutlichen Gegensatz dazu steht die „gestaltende Anatomie“ eines Dr. Gunther von Hagens, versteht sich eben nicht als morbide Schau. Die Ausstellungsreihe „Körperwelten“ hat die Vermittlung „anatomisch-funktioneller Einsichten“ zum Ziel und transformiert deshalb nicht anatomische Präparate zu Kunstobjekten, versucht aber andererseits auch, im Gegensatz zur wissenschaftlichen Fortbildung im Seziersaal beispielsweise, den Tod an das Leben anzunähern. In den Ausstellungsräumen mieft es nicht, fühlt man sich nicht in die Unterwelt hinab gezogen. Denn: So wie die Wirkung eines Bildes vom Rahmen und umgekehrt bestimmt wird, gehen auch Pose und Plastinat eine Wechselbeziehung ein. Das lebensnahe in-Szene-Setzen (wie auch in der Verfilmung von „James Bond: Casino Royale“ gezeigt) nähert den Toten so sehr dem Lebendigen an, dass der Betrachter in ihm seine eigene Leiblichkeit erkennen und sich mit ihm identifizieren kann. Gunther von Hagens Ausstellung reiht sich somit zentral in eine Zeit der Neubewertung des Körpers ein, die mit einer hohen Wertschätzung – Stichwort: gesunde Ernährung, vitaler Lebenswandel, Körperkult – einhergeht, und ist somit die Antwort auf die nicht mehr zeitgerechte christliche Körpernegation, als der Körper noch als vergänglicher „Madensack“ (Martin Luther) für die Seele verstanden wurde. Denn: Der Körper an sich ist schon ein Wunder der Schöpfung.

Lernen fürs Leben
„Tut das denn Not, tote Menschen zu zeigen?“, mag man fragen. Ja. Immerhin „zwingt der Tod den Menschen, das Leben auszukosten“ (Friedrich Nietzsche) und gehört somit zum Leben einfach dazu. Weiters ist das Kennen und Erkennen seines Körpers eine Notwendigkeit, um Körperbewusstsein zu erlangen. Nicht selten, dass Menschen nach einem Anblick an Raucherlungen selbst das Rauchen aufgaben. „Körperwelten“ kann somit durchaus mit der „Es war einmal … das Leben“-Serie für Kinder (1978-2008) gleichgesetzt werden, als Selbstentdeckungsreise, diesmal sogar für Jung und Alt gleichermaßen. Es ist ein Streifzug durch Organe, Knochen und Muskeln, ein Rutschen über Nervenbahnen – in Linz nun erstmals mit thematischem Schwerpunkt auf das Hochleistungsorgan schlechthin: das Herz.
Warum sind heute Schulbücher und Museen so viel besser als vor zwanzig Jahren? Weil sie auf Effekte und Geschichten setzen. Die Lernforschung hat bewiesen, dass das, was emotional positiv präsentiert wird, schneller erlernt wird und besser erinnerbar bleibt. In „Körperwelten“ lernen Sie somit tatsächlich fürs Leben: Wie bereits kleine Änderungen im täglichen Leben große Auswirkungen auf den Gesamtzustand Ihres Körpers haben – und damit Ihr Überleben sichern.

 

 

Eckart von HirschhausenWir haben mit Dr. med. Eckart von Hirschhausen über sein neues Programm „Wunderheiler“ (März bis Mai in Wien, Linz und Salzburg) gesprochen (!ticket Magazin, Ausgabe März 2015) und fragten auch gleich nach: „Was halten Sie von Gunther von Hagens „Körperwelten“?“

Ich habe mir die Ausstellung angeschaut und viel dazu gelernt, gerade was die Anatomie im Zusammenhang angeht, oder beeindruckende Präparate von Raucherlungen oder Nervenbahnen. Ich finde es wichtig, sich mit dem eigenen Körper, seinen Möglichkeiten und seiner Endlichkeit zu beschäftigen. Ein Leben ohne Tod wäre sterbenslangweilig.

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