Kreis neuer dunkler Kunst

Kreis neuer dunkler Kunst

Sechs Künstler hatten am 29. und 30. April im Shamante zur Vernissage geladen. Wie das Motto „Kreis Neuer Dunkler Kunst“ bereits sanft erahnen ließ, erwartete den geneigten Besucher eine eher düstere Atmosphäre und der Geruch von Weihrauch.

Kreis neuer dunkler Kunst

Begab man sich auf die Reise durch die ausgestellten Werke, so kam man als erstes an den Bildern des jungen steirischen Künstlers Irrwisch vorbei, der hauptsächlich Artworks für die Musikszene anfertigt. Im Rahmen der Ausstellung präsentierte er drei sehr körperliche Motive. Seine Arbeiten sind eine Mischung aus Handarbeit mit Tusche und anschließender digitaler Bearbeitung. Thematisch drehen sie sich um den Stellenwert des Menschen und seines Körpers in der Natur. Die Arbeiten von Irrwisch gibt es übrigens auch zum Anziehen, unter anderem griff die Salzburger Doom/Sludge-Metal-Band Our Survival Depends On Us zur Aufhübschung ihres Merchandise auf seine Dienste zurück. (Webpräsenz des Künstlers)

Als nächste Station bot dem Betrachter das Schaffen des Burgenländers Kvlt & Knochen einen nicht ganz alltäglichen Anblick, der junge Mann wählte als dominierendes Medium seiner Kunst nämlich – natürlich ethisch unbedenklich erworbene – Tierknochen. Seine Stücke reichen von eher minimalistisch gehaltenen weißen Knochen auf schwarzem Hintergrund, Relief-Bildern einerseits, andererseits bis hin zu sehr aufwändig gestalteten Skulpturen, in denen Glas, Holz, Knochen und Lichtquellen zu wirklich morbiden Ergebnissen kombiniert werden. Auch ein Stück Kunst zum Anfassen fand sich unter seinen Exponaten: ein an sich gewöhnlicher Schaukelstuhl – der des leider verschiedenen Großvaters des Künstlers – wurde unter seinen Händen zu einer „Mad Max meets Giger“-Sitzgelegenheit verwandelt, das „Ritvs“ genannte Stück durfte mit Zustimmung des Künstlers als Kulisse für Fotos verwendet werden und wurde auch zu diesem Zweck stark frequentiert. (Webpräsenz des Künstlers)

Kreis dunkler Kunst 1

Mit den Tuschebildern von Herbstkind wurde der Rundgang durch das sehr schicke Kellergewölbe fortgesetzt – es bleibt finster, jedoch fällt die Umsetzung der Thematik bei der Künstlerin fragiler aus. Die junge Frau präsentierte zwei ihrer Zeichnungen, wobei besonders die Kombination aus massiven schwarzen Flächen und den ansonsten zarten Linien und Schattierungen zu gefallen wusste. Hier kommen die großen Themen in den Sinn, wenn der Blick über ihre Arbeiten schweift: Gedanken zu Tod, Krankheit, Zerrissenheit – und doch auch etwas Tröstliches und Schönes sprechen aus den Bildern. (Webpräsenz der Künstlerin)

Kreis dunkler Kunst 2

Nach diesen sehr harmonischen Übergängen von Künstler zu Künstler war es an der Zeit, sich dem schroffsten stilistischen Bruch innerhalb der Exponate zu stellen: Von Knochen, Öl, Tusche und Leinwand kam man zu den schreiend bunten und sehr sexuellen Drucken des Grafikers und Tätowierers Bruno Richter aka Black Artz. Wie gut sich Genitalien mit Waffen kombinieren lassen, war dem Autor dieser Zeilen bis dato kaum bewusst – die Bilder von Richter fungierten diesbezüglich als eindrucksvoller Augenöffner. Die Drucke wirken fast trippig und fallen im Programm der Vernissage nicht allein durch die Farbenfrohheit etwas aus dem Rahmen, sondern auch durch eine angenehm humorige Note. Interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass sich die hier gezeigten Werke sehr deutlich von den Hautkunstwerken Richters unterscheiden, bei denen Farben eine wesentlich geringere Rolle spielen und Schwarz dominiert. (Webpräsenz des Künstlers)

Kreis dunkler Kunst 3

Der in Graz ansässige Claudio Petric, im Brotberuf Tätowierer in seinem eigenen Studio High Frequency, stellte eine Serie von Schädeln aus, gemalt mit Öl auf Leinwand und Holz, vom klassischen Skull bis zur geisterhaften Nonne. Sehr schön ließ sich hierbei der typische Stil des Künstlers von Bild zu Bild als roter Faden verfolgen und die bedachte, stimmige Festlegung auf den Kopf als bestimmendes Motiv erkennen. (Webpräsenz des Künstlers)

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Als Rausschmeißer fungierten gewissermaßen die beiden Taxidermie-Kunstwerke der deutschen Künstlerin und gelernten Tierpräparatorin Anne Jendretzki. Wie auch Kvlt & Knochen legt Jendretzki Wert darauf, dass die Tierkörper, mit denen sie arbeitet, aus ethisch unbedenklichen Quellen stammen. Die „Bürokratte“ fasste ich als Statement zum überblähten Verwaltungsapparat auf, der auf den Bürgern lastet. Das System wird durch eine Ratte dargestellt, die auf einer von Anträgen und Formularen überschwemmten Maus steht und diese gewaltsam runter ins Paragraphenmeer zu drücken versucht. Wer schon einmal die GIS vor der Tür stehen hatte, dem dürfte es ein Leichtes sein, sich mit der Intention der Künstlerin zu identifizieren. Ihr zweites Ausstellungsstück war ein klassischer Wolpertinger, ein Mischwesen, das sich vor allem im Süd-Deutschen Raum großer Bekanntheit erfreut und von gewieften Tierpräparatoren im 19. Jahrhundert ganz gern als authentisches Waldtier an ahnungslose Kundschaft verkauft wurde. (Webpräsenz der Künstlerin)

Kreis dunkler Kunst 5

Abschließend noch ein Wort zur Location und der Atmosphäre vor Ort während der Ausstellung: Das liebevoll renovierte Kellergewölbe des Shamante war natürlich prächtig geeignet, um für genau diese Art von Kunst als Forum zu fungieren, die Non-Profit Philosophie des Veranstalters tat noch das Ihre, um zwei sehr angenehme Abende zu ermöglichen. Alleine der Location wegen kann man es sehr empfehlen, der Weißgerberlände 22 in Wien bei anstehenden Veranstaltungen einen Besuch abzustatten. Künstler und Publikum standen in angeregtem Dialog miteinander und meinem Eindruck nach gab es unter den zahlreichen Besuchern wohl nur sehr wenige, die ihr Kommen bereut haben dürften.

Dieser, der ersten Ausstellung unter dem Schirm „Kreis Neuer Dunkler Kunst“, sollen laut den Beteiligten noch weitere folgen, Details konnten zum jetzigen Zeitpunkt leider noch keine angekündigt werden.

 

Gastbeitrag von Christian Primus, Sänger bei Annihilate(!).
Alle Fotos der Ausstellung (c) Katharina Schmalzhofer.

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