KREUZFAHRT EINMAL ANDERS

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„Reise, Reise, Seemann reise!“, tönten Rammstein anno 2004, wissend, dass „auch auf den Wellen wird gefochten, wo Fisch und Fleisch zur See geflochten“ – denn „wo die schwarze Seele wohnt ist kein Licht am Horizont“. Dass Licht und Dunkel durchaus in Harmonie schreiten können, das beweist der ehemalige Schweizer Konzertveranstalter, Agent und Tourleiter Andy Piller seit drei Saisonen mit seiner Firma Ultimate Cruises. 70000 Tons of Metal nennt sich sein Baby, und seit letzter Saison gibt’s mit der Barge to Hell Nachwuchs. Richtig gelesen: Traumschiff mit Krach von der Basis, irgendwo im Dreieck zwischen Miami, Kuba und den Bahamas, eine Freiluftbühne, zwei edle Theater im Schiffsbauch, in denen sich sonst Kleinkunst und Musicals die Klinke in die Hand geben. Abendgarderobe wird nicht benötigt, auch (oder gerade weil) hier alle VIP sind: Hier schnarcht, speist, sauft der Star noch neben seinem Fan.

Ultimate Cruises sind freilich nicht die einzigen, die zusammenbringen, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst – dabei aber die Größten, gleichzeitig auch Bodenständigsten. Verglichen mit der Tons und der Barge wirken „Mitbewerber“ (allein auch schon wegen der Route) wie schnöde Ausflugsdampfer, aber dennoch gerät das Event nicht zu einem „Wacken mit Seegang“, ist mit zweieinhalbtausend Besuchern intim und „locker“ genug – und viel wichtiger noch: Man bewegt sich in einem Umfeld mit gewissem Anstand und Anspruch. Zwar wird beim Frühstück nicht Harmonielehre diskutiert, sondern gegebenenfalls der Kater kuriert, aber das Publikum ist weit davon entfernt, anstatt gegen den Zaun gegen die Reling – verzeihen Sie den Ausdruck – zu brunzen. Die zumeist stereotyp auftretende Figur des Metallers mag im noblen Ambiente zwischen Stewards, Gold, Marmor und Mahagoni auf den ersten Blick zwar etwas deplatziert wirken, aber das sind Oberflächlichkeiten. Mit der Zeit verschmelzen die Schöne und das Biest, erscheint es gänzlich normal, mit Cocktail im Pool zu sitzen, während Sodom den Wachturm verdammen. Und selbst die raueste Seele muss zugeben, dass ein Getränkeservice bis direkt vor die Bühne, Heavy Metal auf einem schwimmenden Luxushotel durchaus seine Reize hat.

Dass jener Luxus auch einen Preis hat, versteht sich von selbst: Die preisgünstigste Kabine (inklusive Vollpension und sämtlicher Konzerte) schlägt sich inklusive Steuern mit etwa 550 Euro zu Buche, als größte Nebenkosten dürfen Alkoholika an Board (zu überaus moderaten Preisen; etwa 250 Euro) und freilich die Anreise (aus Österreich etwa 700 Euro) gerechnet werden. Dennoch findet man nicht lediglich betuchte, ältere Semester aus jenen Ländern, die astronomische BIPs aufweisen können an Board, im Gegenteil: Die letztjährige Barge to Hell vereinte Genre-Sympathisanten zwischen 3 (!) und 69 (!) Jahren, und das aus gar 44 Nationen. Spitzenreiter war freilich die USA, gefolgt von Deutschland, Kanada, Frankreich und – man höre und staune! – Australien.

Man mag nun das Preis-Leistungsverhältnis hinterfragen. Festivals am Land kosten im Schnitt um die 150 Euro und liefern zumeist während dreier Tage auf 50 Slots verteilt Megaseller, Leckerbissen und „ferner liefen“. Zwischendurch erfreut man sich an Marktmeilen, zumeist mit hinterfragungswürdiger Preisgestaltung sowohl den Hunger und Durst, wie auch Lebensunnotwendigkeiten befriedigend, oder am Freizeitangebot, bevor das am Acker, Furche 3B aufgestellte Zelt zur fortgeschrittener Stunde aufgesucht wird. Letzteres, wenn man ganz ehrlich ist, lieber auch allein, denn die Hygiene lässt doch gern einmal zu wünschen übrig. Jedoch: Ab einem gewissen Pegel ist zwischen Wind und Wetter auch der eigene Dreck irgendwann einmal herzlich egal.

Abblende, neue Aufblende: Die Majesty of the Seas, der kolossale Kreuzer der Reederei Royal Caribbean International; An Board findet eine gewaltige Party statt, der vom aufmerksamen Service auf sämtlichen Ebenen die nötige Zuwendung zuteilwird – bei knapp 1.000 Bediensteten muss man sich gerade einmal den Hintern selbst auswischen.
Den nötigen Ausgleich zu den auf drei Bühnen verteilten Künstlern – allesamt keine Megaseller, keine Metallicas, keine Iron Maidens: noch nicht! – holt man sich entweder im Fitnessstudio mit Meeresblick, im Spa-Bereich, in den Pools am Deck, abends vielleicht auch einmal im Casino oder bei einem gemütlichen Drink in einer der zahlreichen gediegenen Bars. Karnivoren, Herbivoren und Omnivoren finden beinahe rund um die Uhr im Restaurantbereich, was der Magen begehrt – und all dies ohne Erosion eines zivilisatorischen Mindeststandards, wie wir ihn ansonsten auf dem Acker gern erleben. Keiner der Teppichböden ist übersät mit Bierlachen, Erbrochenem oder anderem Dreck, selbst Alkoholleichen sucht man vergeblich – gar herumliegende Zigarettenstummel, obwohl: Rauchen ist erlaubt.

Es zeigt sich also: Den etablierten Festivals am Festland werden derartige Erlebnisse alleine wegen des Preises kaum den Rang ablaufen, doch allein die Vorteile der Luxusunterbringung und der einer überschaubaren Zuschauerzahl mit Manieren sind nicht von der Hand zu weisen. Selbiges gilt freilich auch für die Musiker, bezahlter Urlaub ist in der Kunstbranche bekanntlich tendenziell eher unüblich. Dass man dabei während der „Arbeit“ den Seegang durchaus merkt, nimmt man da nur zu gern in Kauf – und mischt sich anschließend „unters Volk“, denn diniert, relaxt und gefeiert wird hier prinzipiell gemeinsam, eine räumliche Trennung zwischen Fans und Künstlern gibt es nicht. Auf See funktioniert es noch, dass alle very important sind, ohne dass es zu Belagerungen kommt.

 „Heavy Metal auf Hoher See“ zelebrierst du nun seit 2011, zuvor sammeltest du jahrelang Erfahrung in der Branche in der Schweiz. Wodurch unterscheiden sich Konzerte auf Hoher See von denen am Festland?

Andy Piller: Die allergrößte Herausforderung ist die Logistik. Bei einem Festival am Festland hast du tagelang Zeit, die Aufbauten am Acker zu leisten, im Grunde eine ganz gemütliche Geschichte. Am Schiff schaut das anders aus, da ist das Zeitfenster ein kleineres: Das Schiff kommt früh morgens von der vorherigen Kreuzfahrt rein, die Passagiere müssen von Board, es muss entladen werden – erst wenn der Zoll das Schiff freigegeben hat, können wir an Bord gehen, das Equipment laden und anschließend die Umbauten tätigen. Innerhalb von sechs Stunden muss also nicht nur das ganze Material aufs Schiff gebracht werden, wir haben auch grob 80 Leute vom Land, die bei den Aufbauarbeiten helfen – die natürlich vor dem Auslaufen um 17 Uhr wieder von Board müssen. Jede Verzögerung kostet nicht nur Nerven, sondern vor allem auch ganz viel Geld.
Dieses Jahr hatten wir beispielsweise damit zu kämpfen, dass der Kranführer nicht abgesprochene Pausen einlegte, sodass wir massive Verzögerungen hatten – denn ohne Equipment können klarerweise keine Aufbauarbeiten vollzogen werden. Sobald wir abfuhren standen wir also mit weniger helfenden Händen da und mussten die Arbeit leisten, die mehrere Hände eigentlich im Hafen vollbringen hätten sollen.

Machen amerikanische Behörden die ganze Sache auch schwieriger als anderswo?

Andy: Ich will jetzt nicht unbedingt die anti-amerikanische Masche fahren, aber hier ist es schon wesentlich hürdenreicher, zwischen Vancouver und Barcelona habe ich noch nicht derart paranoide Sicherheitsvorkehrungen erlebt wie hier. Dieses Jahr passierte es mir sogar, dass ich, mein Produktionsleiter und ein Stagemanager von den Behörden von der Pre-Boarding-Liste gestrichen wurden, das ist allerdings sogar schon dem CEO von Royal Caribbean bereits einmal passiert – bei seinem eigenen Schiff! Mit allen Hebel in Bewegung setzen – Bestechung brauchst du da natürlich nicht versuchen – haben sie uns dann doch irgendwie aufs Schiff gebracht, unnütz herumgestanden sind wir eine Zeitlang dennoch.

Sind auf der anderen Seite auch gewisse Vorgänge einfacher als am Land abzuwickeln?

Andy: Einfacher ist bis zu einem gewissen Grad das Marketing, einfach, weil die Veranstaltung so speziell ist, dass mehr darüber geredet wird als bei „normalen“ Festivals. Wenn wir das gleiche Line-up irgendwo am Land hätten, dann würden kaum Leute aus 44 verschiedenen Ländern kommen. Die Location hilft natürlich auch so manch eine Band zu einer geringeren Gage als üblich zu gewinnen. Unterm Strich gibt es aber weitaus mehr Hürden.

Musikalische Kreuzfahrten sind an sich ja nichts Neues mehr. Wie weit konntest du da auf Erfahrungen zurückgreifen – oder ist dies verglichen mit deinen Anforderungen nicht einmal als „zwei unterschiedliche Paar Schuhe“ zu werten?

Andy: Musikkreuzfahrten gibt es nahezu so lange wie es die Kreuzfahrtbranche selbst gibt und ich habe mir freilich angeschaut, was da so passiert. Aber die zielen mit Schlager, Blues, Jazz und Klassik auf ein gesetzteres Publikum ab, meine Ansprüche und Dimensionen sind da ganz andere – sowohl von der Anzahl der Bands, als auch von den Bühnendimensionen her. Ich bin vermutlich der einzige Spinner, der eine derartige Bühne auf das Deck eines Kreuzfahrtschiffes baut. Es gibt ja mittlerweile auch Leute, die meine Idee bis zu einem gewissen Grad kopieren, sich aber nicht denselben Aufwand wie ich machen. Allein die Umbauten am Schiff sind ein fünfstelliger Betrag, den die Reederei vorgibt. Da ist nichts mit Alternativangeboten – du kannst zwar alles haben, bezahlst aber auch jeden Handgriff.

Weil wir gerade bei den Kosten sind: Du wirst natürlich nicht deine Kontoauszüge für uns auf den Tisch legen, aber wie kann man sich hier die Aufteilung deiner Ausgaben vorstellen?

Andy: Ganz grob gesagt geht mehr als die Hälfte meiner Einnahmen für das Schiff selbst drauf. Die Rechnung ist relativ einfach: Der durchschnittliche Ticketpreis beträgt ohne Steuern und Gebühren in etwa 1.000 Dollar, bei 2.000 Gästen liegen dann zwei Millionen Dollar am Tisch. Davon gehen über eine Million Dollar fürs Schiff drauf, der Rest teilt sich auf die Bands, die Produktion und das ganze Backoffice auf. Mit ein bisschen Verständnis ist klar: Reich werde ich damit nicht, zum Reichwerden hätte ich Banker werden müssen – das hätte meinen Vater gefreut, der war nie sonders glücklich über meine Berufswahl.
Ich habe nach dem Gymnasium mit Konzertveranstaltungen angefangen, parallel dazu war ich auf der Businessschool. Dann hat mich mein Vater vor die Wahl gestellt: Ein Leben auf seine Kosten und Studium, oder die Konzerte. Zu Monatsende war ich also von zuhause draußen …

Wenn du auf deine ersten Metal-Kreuzfahrt-Konzepte zurückblickst: Wie weit kommst du da zum Lachen, wie geduldig das Papier damals war?

Andy: Sagen wir es mal so: Die Illusion, dass es einfach werden würde, habe ich mir zu keinem Zeitpunkt gemacht. Wir haben von der Idee bis zur ersten Kreuzfahrt dreieinhalb Jahre gebraucht. Die allergrößte Hürde war natürlich die Finanzierung. Ich bin kein Millionär, musste also erst einmal Investoren finden …

Papa hat wohl nicht vorgestreckt …

Andy: (lacht) Selbst wenn er hätte wollen, so viel Geld hat er dann auch wieder nicht. Ich komme schon aus einer Familie, in der jedes Jahr genügend Geld für Urlaube da war, aber meine Familie ist keine der reichen Schweizer Familien. Ich habe jeden meiner Cents reingesteckt, habe mir Geld zu teilweise nicht sonderlich günstigen Konditionen geliehen und habe zwei Partner, die mit mir in der Firma drinnen sind.

Die, die damals, als die Idee geboren wurde, mit dir am Balkon in Vancouver gesessen sind und ein Bierchen zu viel hatten?

Andy: (lacht) Nein, die beiden waren damals nicht auf meinem Balkon.

Angefangen hast du ja mit der 70000 Tons of Metal. Was war der ausschlaggebende Grund, deinen Aufwand nun zu verdoppeln und nur ein Monat zuvor eine weitere Rundreise ins Leben zu rufen – freilich mit „etwas härteren“ Bands, anderer Route, aber dennoch …?

Andy: Ich glaube, wir haben hier wie dort ein relativ breites Spektrum. Ein Schiff mit nur Death Metal oder nur Thrash Metal würde nicht funktionieren, man muss schon breit streuen. Jede Band spielt zudem zweimal, damit man trotz mehrerer Bühnen möglichst keine Kompromisse machen muss. Wir schauen auch bei der Running Order, dass stilistisch ähnliche Bands nicht parallel spielen – was bei der Tons einfacher ist, als bei der Barge.
Um auf die Frage zurück zu kommen: Wir haben etwa 50 Prozent Wiederholungstäter auf der Kreuzfahrt, und ich höre durchaus auf meine Kunden. Eine der vielen Bitten war, auch eine „härtere Variante“ ins Rennen zu schicken. Wir sind diesmal nicht ausverkauft, aber selbst am Land braucht ein Festival in etwa drei Jahre, bis keine Verluste mehr geschrieben werden. Es wird also sicherlich wieder eine Barge geben, aber nicht zu dem Zeitpunkt. Die Terminwahl war ganz klar einer meiner Fehler, gerade weil wir einen großen europäischen Besucheranteil haben, der im Einzelhandel beschäftigt ist und keine Chance hat, im Dezember Urlaub zu bekommen.

Zurück zu den Künstlern: Die meisten Bands, die ich bisher sah, spielten zwei unterschiedliche Sets. Eine Vorgabe von dir?

Andy: Nein. Das wäre das allerletzte, dass ich Bands irgendwelche künstlerischen Vorschriften mache. Klar empfehlen wir, zwei unterschiedliche Sets zu präsentieren – viele spielen ein old-school-Set und eines mit aktuellen Stücken, andere spielen wieder ein Album komplett, aber das ist ihre künstlerische Freiheit. Einige hätten vielleicht auch nicht einmal Material für zwei komplett unterschiedliche Sets, und es kommt durchaus auch vor, dass zwei idente Sets gespielt werden. Genügend Fans sind derart hardcore, dass sie ihren Bands eine ganze Tournee folgen – also geht auch das. Ich fand das immer etwas kurios, aber warum auch nicht?

Viele der Künstler wurden erst in den letzten Tagen und Wochen genannt. Wie kann man sich den Entwicklungsprozess deines Line-ups vorstellen?

Andy: Wir machen zuerst einmal eine Wunschliste, dann holen wir uns Input von unseren Mediapartnern, reden mit Managements und Agenturen. Wie das mit Wunschlisten aber so ist: Draufstehen kann viel, was Santa Claus schlussendlich bringt, ist eine andere Geschichte: Bands sind nicht verfügbar, weil sie Tourneen oder Studiozeit haben, Managements treffen gewisse Entscheidungen für oder gegen dich. So besonders es ist, hier zu spielen: Die Bands spielen innerhalb von fünf Tagen auf nur einem Event – und darauf wollen sich manche Managements nicht schon lange zuvor festlegen, auch, weil ich nicht Gagen wie auf europäischen Festivals üblich zahlen kann. Wenn sie sich also ein Jahr oder ein halbes Jahr zuvor festlegen und anschließend ein Angebot für lukrativere Shows bekämen ist dies natürlich ein massiver Verdiensteingang. Deswegen wird bei uns manches auch erst relativ knapp angekündigt. Keiner bricht gerne Verträge – oder verliert Geld. Wir hatten in der Vergangenheit schon solche Vorfälle, wo wegen einer Tour dann der Auftritt bei uns gecancelled wurde. Ich persönlich finde sowas richtiggehend scheiße, gerade für die Kundschaft, die aus der ganzen Welt kommt und neben der Kreuzfahrt ja auch die ganzen Flüge zahlen muss. Bei uns kann man ja bis zu einer gewissen Zeit vorher vom Kauf zurücktreten und kriegt zumindest einen Großteil des Geldes zurück, aber wenn du schon einen Flug gebucht hast, bleibst zu drauf sitzen. Bisher ging das Procedere ganz gut auf, wir hatten je einen Ausfall auf den bisherigen Tons of Metal-Fahrten, leider drei jetzt auf der Barge: Hypocrisy aus familiären Gründen, Six Feet Under wegen einem Studiotermin und Belphegor aufgrund von Krankheit.

In wie weit stellen die großen europäischen Festivals eine Konkurrenz zu dir dar?

Andy: Ich glaube nicht, dass da eine große Konkurrenz ist – vor allem wegen des Zeitpunktes. Ich werde den Teufel tun und eine Kreuzfahrt im Sommer veranstalten. Weniger die Festivals an sich sind eine Konkurrenz, aber die Bands sind tendenziell weniger verfügbar, hier zu spielen, wenn sie gerade in Europa unterwegs sind. Zudem sind im Sommer die Flüge teurer, das Schiff wäre sogar wesentlich teurer – mit Garantie also keine Kreuzfahrt zwischen Mai und September. Während der Hurrikansaison wäre es auch ungeschickt, weniger wegen des Schiffes, sondern vielmehr wegen der Flüge. Wenn wir die Kreuzfahrt aufgrund geschlossener Flughäfen in Florida absagen müssen, würde dies mir das Genick brechen.

Wie kommen die Dauer und die Route deiner Fahrten zustande? Es sind ja stets fünf Tage, aber immer andere Zielhäfen. Hast du auch einmal dran gedacht, statt fünf Tage und einen Hafen vielleicht sieben Tage und zwei Zielhäfen anzufahren?

Andy: Bei einer längeren Tour würde das Publikum vermutlich noch weiter selektieren. Es gibt natürlich Leute, die haben Geld ohne Ende – das Schiff füllt sich immer von oben wie auch von unten, also von teuer und von billig. Aber ich bin mir durchaus bewusst, dass viele meiner Gäste ein Jahr oder länger auf meine Veranstaltung sparen müssen – und vielleicht einmal ein Jahr aussetzen müssen. Wenn die Fahrt sieben Tage dauern würde, würde das Ticket anderthalb mal so viel kosten. Die meisten Kreuzfahrten machen ja nahezu jeden Tag irgendwo einen Stopp. Was mir aber die Leute sagen ist, dass die Tage auf See „die Tage überhaupt“ sind, einfach speziell. Aus rechtlichen Gründen brauchen wir eine Destination, wir können nicht einfach eine Kreuzfahrt ins Nirgendwo machen, laut amerikanischem Recht müssen wir mindestens einmal außerhalb des amerikanischen Hoheitsgebiets an einem Hafen festmachen. Ich glaube, Zeitdauer und Bandanzahl ist ein guter Kompromiss, vor allem weil wir ja auch während wir im Hafen liegen keinen Lärm machen dürfen (lacht).

Glaubst du, würde diese lockere, gelöste Atmosphäre auch am Land funktionieren? Hier rennen die Künstler zwischen dem Publikum herum, stehen neben dir im Fitnessstudio am Laufband, essen neben dir im Speisesaal …?

Andy: Theoretisch ja. Aber am Schiff würde es definitiv nicht andersrum funktionieren, außer, du schließt dich den ganzen Tag in deinem Zimmer ein – und wer will das schon? Das ist freilich auch ein Grund, warum gewisse Bands nicht drauf einsteigen, weil ihnen das nicht recht ist, ständig „unter Leuten“ zu sein, auch wenn hier wirklich keiner belästigt wird. Wer sich einmal davon überzeugt hat, will üblicherweise auch wieder zurück (lacht).
Am Land kannst du wenn du willst dem Publikum „entkommen“  – hier fressen dich die Haie, wenn du das tust (lacht). Die meisten Bands bleiben ja auch nicht am Gelände, sondern ziehen weiter, spielen andere Gigs. Vielleicht könnte man sich ja einmal ein Zwischending überlegen, auf einer Insel zum Beispiel.

Oder einem Bohrturm …

Andy: (lacht)

Woher deine Idee, Metal-Kreuzfahrten zu machen, kommt, hast du ja bereits mehrfach in verschiedenen Medien zum Ausdruck gebracht. Aber: Wohin willst du?

Andy: Das genialste was ich mir vorstellen könnte wäre eine Atlantiküberquerung. Zwei Fahrten, eine von A nach B – die Künstler bleiben, das Publikum geht von Board – und eine von B nach A, mit neuem Publikum.
Natürlich gibt es auch Überlegungen, den Event in anderen Gewässern stattfinden zu lassen, allerdings brauchst du einen starken Heimatmarkt, so wie hier in Amerika. Eine Kreuzfahrt in Afrika kann ich vergessen, Australien würde vielleicht mehr internationale Gäste anziehen, in Südamerika würde ich Brasilianer, Argentinier, Chilenen gewinnen, die jetzt nur zu kleineren Zahlen am Schiff sind, weil ein Visa doch eine komplexe Geschichte ist. Europäer haben es mit dem ETSA ja relativ einfach. Ich bin aber immer wieder überrascht, wie viele dennoch die Komplikationen eines Visums auf sich nehmen – immerhin musst du Kreuzfahrt und Flug zuvor buchen und hast dann die Scherereien, wenn das Visum nicht bewilligt wird …

Weil du vorher die Nachahmer angesprochen hast – selbst Kiss haben vor kurzem ihre eigene Kreuzfahrt betrieben. Siehst du in diesen Band-Dimensionen die Zukunft?

Andy: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es sukzessive mehr und mehr geben wird, die sich so etwas zumindest überlegen. Es ist ganz klar eine geschäftliche Entscheidung, allein, weil der Gewinn verglichen mit Konzerten am Land deutlich geringer ist – allein weil du am Land die Crew einen Tag zu bezahlen hast, hier am Schiff ein paar Tage. Vielleicht, wenn die Karriere von gewissen Künstlern gegen Ende zugeht, dass man dann noch einmal mit ordentlich Pomp auffahren will …

Das heißt, Kiss befinden sich am Ende ihrer Karriere?

Andy: (lacht) Das habe ich so jetzt nicht gesagt! Wir haben freilich auch Pläne in diese Richtung, richtige Headliner zu buchen – wie weit die aber auf meine „alle sind gleich“-Ebene zumindest bis zu einem gewissen Grad einsteigen, ist fraglich …

Gerade im Pop regiert gerne der Pomp, die Show vor der Musik. Allein, noch gibt es keine Justin-Bieber- oder Lady-Gaga-Cruise …

Andy: Es gibt dafür zahlreiche andere Themenfahrten, von Kreuzfahrten mit Kochkursen oder Lesungen, bis hin zu Fernsehserien, wo die ganzen Schauspieler an Board sind und es gibt – ob du es glaubst oder nicht! – eine Harley-Davidson-Cruise! Die laden 400 Harleys aufs Schiff, fahren nach Jamaica und rotzen für einen Tag auf der Insel rum. Das Konzept, die See hat etwas Magisches an sich, das man vielleicht nicht einmal wirklich erklären kann, sondern schlichtweg erlebt haben muss. Die Kreuzfahrtbranche wächst unglaublich schnell, so wie die Branche Ferien/Tourismus generell. Ich kann mir also durchaus vorstellen, dass es irgendwann auch in anderen Genres Kreuzfahrten geben wird, wobei: Ich bin ein gebranntes Kind als Veranstalter, habe als Kleinveranstalter angefangen, bevor ich ins Tourmanagement reingerutscht bin und habe zwei, drei Sachen außerhalb meiner Bereiche probiert – aber das reizt mich nicht. Justin Bieber und Co. dürfen also ruhig andere veranstalten (lacht).

Abgesehen davon, dass dein Terminplaner gut gefüllt sein dürfte: Würde es dich überhaupt noch reizen, so ein richtig stinknormales Konzert zu veranstalten?

Andy: Reizen schon. Seitdem ich nach Kanada gezogen bin, habe ich stets überlegt, wieso man hier keine derartigen Festivals, wie wir sie in Europa haben, kennt. Ich glaube aber nicht, dass ich dafür noch Zeit und Energie hätte, vernünftiger ist es, mein Konzept zu verbessern und auszubauen. Auf Englisch gibt es das Sprichwort, „don’t bite off more than you can chew“.

Weil du nun schon öfters die europäischen Festivals angesprochen hast: In den letzten Jahren wurden die außermusikalischen Aktivitäten auf Festivals immer mehr – bis hin zu Bungee und Hochzeit. Was braucht ein gutes Festival tatsächlich?

Andy: Für mich persönlich eigentlich nur, dass die Bands eine gute Show spielen und dass das Bier an der Bar nicht ausgeht.

Wie bei deiner ersten Kreuzfahrt.

Andy: Ja, darauf habe ich leider sehr wenig Einfluss. Ich habe die Kreuzfahrtlinie gut darauf vorbereitet, was auf sie zukommt, aber die hören nur bis zu einem bestimmten Grad auf mich. Inzwischen haben sie gelernt, haben auch das Angebot an Biersorten erweitert – auch wenn es für viele Gäste schön wäre, wenn es noch mehr Biersorten gebe. Aber zurück zu den Aktivitäten: Wir haben ja auch einige andere Aktivitäten an Board, die aber zum Teil auch die Bands involvieren. Ich weiß nicht, ob man Bungee und Schlammcatchen auf einem Festival unbedingt braucht. Ich persönlich will Bands sehen und eine gute Zeit mit meinen Freunden haben, wenn ich Bungeespringen gehen will, dann nicht auf einem Festival. Offensichtlich gibt es aber eine Nachfrage, sonst würden es nicht so viele machen.
Achja, und der Sound muss natürlich gut sein. Deswegen geben wir auch ziemlich viel Geld aus, dass wir einen guten Sound an Board haben. Musik muss gut sein und fett tönen.

Nachdem du vorhin sagtest, das endgültige Line-up basiert auf einer deiner Wunschlisten: Wie viel Freizeit gönnst du dir schlussendlich an Board, um dir die Bands auch tatsächlich anzuschauen?

Andy: Ich habe es mir zum Ziel gesetzt, dass ich mir zumindest ein, zwei Songs von jeder Band anschaue.

Apropos Anschauen: Es fällt auf, dass auch das Personal gut und gerne mal verharrt, die Musik verfolgt – und das alles andere als angewidert. Wie würdest du den Response seitens der Kreuzfahrtlinie zusammenfassen?

Andy: Der meistgehörte Kommentar von der Crew ist: „Die Leute sind so freundlich, die reklamieren so wenig!“ Vor der ersten Kreuzfahrt waren sie sehr zurückhaltend weil sie nicht wussten, was auf sie zukommt. Das hat sich aber bereits nach dem ersten Tag verflüchtigt. Die wenigsten Angestellten sind Heavy-Metal-Fans, aber sie interessieren sich dafür und genießen es, etwas anderes als das restliche Jahr über zu erleben, in einer lockeren Atmosphäre.
Offensichtlich machen normale Gäste wesentlich mehr Stress. Natürlich gibt es hier auch einmal Problemchen, weil jemand zu viel gesoffen hat oder wenn ein Pärchen Streit hat, weil einer von beiden einen Schritt zu viel in eine fremde Kabine gemacht hat. Wir hatten bisher erst einen einzigen Fall, dass jemand in Gewahrsam genommen werden musste – und das, so sagen sie mir, ist außergewöhnlich. Die Metalszene versteht sich ja als Familie, die gemeinsam Spaß haben möchte – das ist am Land ja nicht anders. Natürlich geht es bei Metalkonzerten ordentlich zu, aber Eingriffe von Securities, so sagte man mir stets, sind bei anderen Musiken weitaus öfter vorgekommen.

Interview: Stefan Baumgartner

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