Landestheater Linz: Umjubeltes Premierenwochenende

Vergangenes Wochenende eröffneten das Linzer Schauspielhaus sowie die Kammerspiele Linz die neue Schauspiel-Saison. Die Kindertragödie “Frühlings Erwachen” sowie das zeitgenössische Stück “Geächtet” sorgten für Begeisterung im Publikum.

Der Vorhang geht auf und man blickt einem Bild entgegen, das eine/n selbst zeigen könnte: Die Füße am Tisch, die Brösel im curryfarbenen Retro-Sessel und die Augen manisch auf Astro-TV gerichtet. Ein gewöhnlich-gemütlicher Fernsehabend – würde die Tochter nicht um sexuelle Aufklärung bitten.

Der Gymnasiast Melchior Gabor (Lukas Watzl) hat sich die notwendige Aufklärung aus Büchern und Zeitschriften geholt, Wendla Bergmann (Anna Rieser) wendet sich mit ihren Fragen an ihre Mutter, die ihr Antworten schuldig bleibt und stattdessen von Liebe und Storchen berichtet. Der empfindsame Moritz Stiefel (Markus Pendzialek) wiederum eignet sich das nötige Wissen aus einer, von Melchior verfassten, Aufklärungsschrift namens “Der Beischlaf” an. Dass das nicht lange gut gehen kann, zeigt sich in der Schwangerschaft von Wendla, die später genauso an den Folgen einer erzwungenen Abtreibung stirbt, wie auch Moritz an der törichten und inhumanen Welt zugrunde geht. Der Dialog zwischen den Generationen hat versagt.

Es ist exakt jene scheiternde Kommunikation zwischen den Generationen, mit denen der gebürtig russische Regisseur Evgeny Titov “Frühlings Erwachen” von Franz Wedekind in die Gegenwart holt. Wedekind verfasste sein Werk im 19. Jahrhundert, in einer Zeit der totalen Unwissenheit sowie der erzwungenen Sexualität. Als reine Pornografie deklariert, wurde das Stück 15 Jahre lang nicht aufgeführt, und auch Titovs Inszenierung ist voll gepackt an Gräueltaten.

In der minimalistisch gehaltenen Bühne von Christian Schmidt riecht es förmlich nach körperlicher als auch seelischer Gewalt von “Autoritäten” gegenüber Jugendlichen – etwa die sexuelle Belästigung eines Pädagogen an einem Schüler oder die Misshandlung einer Schülerin durch ihre Eltern – und schließlich nach dem Tod selbst. Jener verfolgt in Form von Moritz´ Geist Melchior durch sämtliche Räume und lässt sich nicht abschütteln. Als das Leben selbst – personifiziert von einem vermummten Herren (Vasilij Sotke) – auftritt, entscheidet sich Melchior letztlich doch zu leben, das packend-verstörende Psychodrama findet seine Höhepunkt beim gemeinsamen Gesang sämtlicher ProtagonistInnen.

Evgeny Titov hat mit Wedekinds Durchbruchsstück eine fesselnd-verstörende Inszenierung geschaffen; ein fragiles Wesen aus zärtlichen Gefühlen, menschlichen Wirrungen und tiefen Abgründen, das von einem reduzierten Bühnenbild als auch einem dynamischen Schauspielensemble getragen wird.

Nur einen Tag nach der erfolgreichen Premiere von “Frühlings Erwachen”, wurden die Kammerspiele Linz mit Ayad Akhtars Werk “Geächtet” eröffnet. Dabei eskaliert im New York des Spätsommers 2011 ein Abendessen, bei dem die Zusage zur Teilnahme an einer Ausstellung von Emily (Theresa Palfi)  gefeiert werden hätte sollen.

Amir Kapoor (Clemens Berndorff), der Jurist in einer jüdischen Kanzlei mit Wurzeln im gegenwärtigen Pakistan liefert sich zusammen mit seiner Frau Emily, protestantische Künstlerin mit einem Hang zur islamischen Kunst, Isaac (Sebastian Hufschmidt), Jude und Kurator, und dessen Frau Jory (Diana Marie Müller), die Amir letztlich die Partnerschaft in der Kanzlei wegschnappt, eine heftige Diskussion über soziale, kulturelle und religiöse Identität. Dabei stellen sich Fragen, woher der religiöse Fundamentalismus, der Selbsthass als auch der verdeckte Stolz bei den Terroranschlägen herrühren. Am Ende, nachdem er beruflich als auch privat vor dem Aus steht, verliert Amir im Bühnenbild aus Kartonschachteln die Kontrolle.

Ayad Akhtar, selbst als Sohn pakistanischer Einwanderer in Amerika aufgewachsen, verarbeitet in seinem preisgekrönten Stück die Frage nach der muslimischen Identität, die sich nicht von ihrem westlichen Bild lösen kann, solange sie nach genau jenem fragt. Jene Problematik spiegelt sich im Protagonisten Amir wider, der seine muslimischen Wurzeln zu verbergen sowie den Schein des Vorzeige-Amerikaners zu wahren versucht, aber an beidem scheitert und sich letztlich im eigenen Portrait – das seine Frau in Anlehnung an Velázquez´Gemälde “Porträt des Juan de Pareja” fertigstellte – betrachtet. In exakt jenem Bild, das sich die “weiße” Figur (Emily) von ihm gemacht hat. Erscheint Amirs Ebenbild als schwarzer Umriss auf der Skizze, entschwindet er darin endgültig sich selbst.

Bilder: ©Christian Brachwitz

Das Theater hat etwas zu sagen – jene beiden Produktionen auf jeden Fall.
Frühlings Erwachen ist noch bis zum 22.11.17 im Schauspielhaus Linz zu sehen.
Geächtet steht bis 31.12.17 auf dem Spielplan der Kammerspiele Linz.

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