Lena: Eine Zicke wird erwachsen

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Keine 22 Jahre alt, ein Sieg beim Eurovisionssongcontest, drei Alben (das aktuellste: Stardust), etliche Hits, zahlreiche Auszeichnungen. Klar, dass sie im ersten Erfolgstaumel ab und zu die Zicken-Seite präsentierte. TICKET traf im Vorfeld der Club-Tour eine „ganz neue“ Lena…

Bist du überrascht, dass du nach der Blitzkarriere in den vergangenen drei Jahren noch immer im Geschäft und nicht wie andere nach dem Songcontest verschwunden bist?

Lena Meyer-Landrut: Überrascht nicht, aber ich bin froh und freue mich riesig darüber! Ich mache auch vieles dafür, arbeite viel und ich glaube, dass Stefan es von vorne herein nicht nur auf den ESC angelegt hat. Der Plan war, einen Künstler zu etablieren und ich habe mitgemacht. Das hat gut funktioniert. Das ist beeinflussbar, aber auch Zufall und Glück gehören dazu. Und, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Wenn die Menschen einen Künstler nicht wollen… Pech gehabt. Da hatte ich bisher Glück, es läuft gut und es macht mir riesig viel Spaß.

Wenn du auf die Lena zu Songcontest-Zeiten zurückblickst, was siehst du da?

Lena: Man wird ja jeden Tag älter und ich bin schlecht darin, mir Sachen anzugucken, die ich mal gemacht habe. Wenn ich vor einer Woche in einer Talkshow war, denke ich schon heute: „Oh Gott, was hast du denn da gesagt?“ Furchtbar, furchtbar, das würde ich heute niemals mehr sagen! Ganz so, als ob sich mein ganzer Charakter verändert hätte. Aber ich glaube nicht, dass ich mich so großartig verändert habe. Klar, von 18 bis 21 ist das eine Phase, wo sehr viel passiert, da entwickelt man sich sehr weiter. Wenn ich mir heute anschaue, wie ich damals so drauf war, denke ich, dass ich das niemals mehr so machen würde. Zu der Zeit damals war es aber gut so, und ich habe auch nicht darüber nachgedacht. Ich musste nie eine Rolle spielen, ich war immer ich selbst. Das war angenehm.

Würdest du dir manchmal wünschen, dass gewisse Videoclips auf YouTube verschwinden und die Vergangenheit verblasst?

Lena: Natürlich kriegt man alles mit was man macht, ich informiere mich auch, was über mich so geschrieben wird, aber ich google mich nicht täglich. Man kann schon alles wiederfinden, aber ich denke, man misst dem selbst einen höheren Wert zu, als wirklich der Fall ist.

Bist du froh, dass der große Medienrummel vorbei ist?

Lena: Ja. Obwohl es nicht nur belastend, sondern auch schön war. Aber es ging fernab von Gut und Böse dauernd rauf und runter. Es gab keinen Moment, in dem ich mich besinnen oder nachdenken konnte, es war eine Zeit unter Hochspannung. Eine gewisse Zeit lang ist das auch in Ordnung und ich zerbreche nicht sofort daran. Aber es ist nicht einfach. Vor allem, wenn man wie ich über Dinge auch nachdenkt.

Intelligenz ist eine Bürde?

Lena: Ja, manchmal schon! Wenn man sich nicht so viele Gedanken macht und sich um Sachen kümmert, dann hat man mit sich selbst ein leichteres Leben. Eine so riesige Medienpräsenz ist super belastend, auf jeden Fall. Ich hatte aber die richtigen Menschen um mich und ich habe nie vergessen, wo ich herkomme und wer ich bin. Es ist wichtig, dass dir auch mal jemand sagt: „So, jetzt wasch‘ deine Klamotten.“ Deshalb bin ich so normal geblieben.

Oder wieder normal geworden?

Lena: Nö, ich war eigentlich durchgehend relativ normal. In diesen drei Wochen ESC-Mega-Hype in Oslo konnte keiner normal bleiben. Aber es ging eigentlich…

Das dritte Album Stardust ist ein musikalischer Neuanfang, auch wenn dein Stil unverkennbar ist. Gab es einen dramatischen Unterschied in der Arbeitsweise? Die ersten beiden waren ja Songcontest-Alben von Stefan Raab für Lena.

Lena: Ja, so könnte man das beschreiben. Es hat einiges an Aufwand bedeutet, die Alben zu machen, denn die mussten in kürzester Zeit entstehen. Dafür hatte ich nur sechs Wochen Zeit, ich habe mir die Lieder angehört, ja oder nein gesagt, sie eingespielt und es war fertig. Beim zweiten Album war es ähnlich. Es musste eine geplante Geschichte sein, es war kein Raum für künstlerisches Ausleben oder Selbstfindung. Beim dritten habe ich mir Zeit genommen, um herauszufinden, welche Musik ich wirklich gut finde. Die Musik, die ich davor gemacht habe, war auch gut, deshalb ist es in diesem Tenor geblieben. Es hat sich sicher weiterentwickelt, ist experimenteller, erdiger geworden. Ich habe mich mit Songwritern in Schweden, in England und Deutschland zusammengesetzt und habe vieles ausprobiert. Manchmal hat es gut geklappt, manchmal katastrophal gar nicht. Am Ende war ich super zufrieden und finde das supertoll.

Mit Stardust ist Lena angekommen?

Lena: Ja! Mit Sicherheit kommt da noch mehr, im Moment ist es aber total gut.

Dein großes Ziel ist es ja, Songs ohne Hilfe zu schreiben. Ist das eine Zukunftsoption, dass du gar nicht mehr singst oder auf der Bühne stehst, sondern nur noch für andere komponierst?

Lena: Ich glaube nicht. Es ist schon mein Ding auf der Bühne zu stehen und es ist mein Ding in Talkshows zu sein. Ich bin gerne präsent, ich finde das gut und ich glaube, ich kann das auch gut. Ich kann das aber nicht dauerhaft das ganze Jahr über machen. Mir hat es total gut getan, mich dieses eine Jahr zurückzuziehen, das Album zu machen und mich auf andere Sachen zu konzentrieren. Ich bin kein Fan davon, dauerpräsent zu sein.

Du hast dich auf der Uni eingeschrieben, aber das muss nun doch warten?

Lena: Ich habe mal abgesagt. Ich habe mich für Philosophie eingeschrieben weil ich dachte, das ist vielleicht ganz gut, ich hatte richtig Bock. Ich war eine Zeit lang relativ menschenscheu, habe mich nicht getraut in Cafés zu gehen, weil ich keinen Bock hatte, dass mich die Leute anglotzen. Daran habe ich mich mit der Zeit gewöhnt, das ist gar nicht so schlimm. Man muss mit so einer neuen Situation erst klar kommen. Plötzlich gucken dich alle an, alle sprechen einen an. Wenn man das mal geschluckt hat, ist das gar nicht mehr so schlimm wie am Anfang. Da habe ich mich eben an der Uni eingeschrieben. Das war aber noch bevor ich den Plan gefasst habe, doch ein neues Album zu machen. Ich bin schlecht darin, zwei Sachen gleichzeitig zu machen, also habe ich wieder exmatrikuliert, damit jemand anderer den Platz bekommen kann und mache das lieber, wenn ich mehr Zeit dafür habe.

Wie werden die Konzerte im Frühjahr aussehen?

Lena: Es ist eine relativ kleine Band, es sind höchstens fünf Instrumente. Es gibt keine Show, wir haben keine Backgroundtänzer oder eine große Lichtshow oder Konfetti. Es wird Musik gemacht, geschrien, gebrüllt, geheult, gelacht und getanzt. Es wird wahrscheinlich laut und lustig. Ich habe Bock auf Krachmusik. Und die machen wir.

Von den großen Hallen nach dem Songcontest jetzt in die Clubs. Wäre es dir umgekehrt lieber gewesen?

Lena: Es ist der umgekehrte Weg, normaler Weise man fängt klein an und arbeitet sich hoch. Ich habe durch Glück und alle möglichen Umstände groß angefangen. Ich hatte die großen Hallen, habe von 30.000, 40.000 Menschen gesungen. Jetzt wird die Club-Tour gemacht. Und ich habe richtig Bock drauf.

Du hast beinahe alle großen, deutschen Musikpreise gewonnen. Ist der Rucksack voller Auszeichnung eine Belastung?

Lena: Ne, überhaupt nicht, eher Ansporn. Ich habe die alle 2010, 2011 gewonnen für die ESC-Geschichte. Es war alles so im Überfluss, ich konnte das gar nicht richtig fassen, sodass ich erst jetzt im Nachhinein darüber nachdenke. Was da alles für krasse Sachen mit mir passiert sind. Und das will ich nochmal! Wenn ich jetzt einen Echo gewinnen würde, würde ich mir den Arsch abfreuen. Ich merke erst jetzt, wie viel Arbeit das ist, so etwas zu gewinnen und was für eine große Auszeichnung das ist.

Interview: Alexander Haide

Zu Lena abtanzen kann man am 22. April in der Wiener Arena.

 

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