Lou Reed ist tot. Und nun? Yo La Tengo!

Lou Reed war Dichter, Sprachkünstler, Sprechsinger und Musiker, der sich nie festlegen oder schubladisieren ließ. Der gebürtige New Yorker gilt neben Iggy Pop und Clash als einer der Väter des Punk, als Verstörer. Sowohl mit The Velvet Underground wie auch auf Solopfaden verweigerte er sich jedweden Strukturen und Regeln, ließ das Ewiggestrige in die Abgründe fahren. Hierfür war auch die Kollaboration mit den Megasellern Metallica – Lulu – ein verstörendes Beispiel. Nun starb er 71-jährig und hinterlässt eine große Lücke. Gedenken wir mit Yo La Tengo.

Lou ReedEinen seiner zahlreichen Live-Mitschnitte nannte Lou Reed American Poet, und was für ein Poéte maudit er zeitlebens war! Ganz in der Tradition von Francois Villon, Arthur Rimbaud, Stéphane Mallarmé, Charles Baudelaire oder auch Villiers de L’Isle Adam tauchte Lou Reed, der schon als Kind aufgrund homoerotischer Fantasien und aufsässig-rebellischem Gebären von seinen Eltern in psychiatrische Behandlung geschickt wurde und Elektroschocks erhielt, als Avantgarde-Künstler in einen vulgären Rand der Gesellschaft ein, der sich von Provoaktion und selbstzerstörerischen Exzessen nährte. Wenn Sie denken, die heutigen Rocker leben gar wild, wenn sie Fernsehgeräte durch geschlossene Hotelzimmerfenster donnern, dann schlagen Sie einmal in Please Kill Me: The Uncensored History Of Punk nach: Vulgär ist für den Tag, der zur Nacht, die Nacht, die zum Tage wurde, erst gar kein Ausdruck. Nicht von ungefähr auch der Bandname, handelt Michael Leighs Buch The Velvet Underground immerhin vom schrägen Sexualleben der amerikanischen Mittelschicht.

Happy sexdrugs

Die Sacher-Masoch-Adaption Venus In Furs und Heroine – zwei frühe Stücke von The Velvet Underground – seien hier programmatisch, die damalige Geisteshaltung malend, genannt. „The music is sex and drugs and happy“, wird Lou Reed zitiert, und neben Musik war tatsächlich ausschließlich Platz für Sex und Drogen, alles und mit allen. Kopulation ist Kunst, Rausch ist Kunst – und der einzige, der Lou Reed darin, das Erlebte auch in Worte zu fassen und auf Papier zu bringen, das Wasser reichen konnte, ist vielleicht Jim Morrison – ebenfalls schon auf der anderen Seite angekommen.

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Sicke Lyrik

Markenzeichen von Lou Reed war sein apathisch-heruntergekühlter Sprechgesang, die Musikstücke vielmehr zu vertonten Lyrikvorträgen werden ließen. Protegiert von seinem Universitätslehrer und Dichter Delmore Schwartz machte er im libertinären East-Village-Künstlermilieu genügend drogistische, sexuelle und andere grenzüberschreitende Erfahrungen. Gemeinsam mit seinem damaligen Mitbewohner John Cale, später ebenfalls Mitglied von The Velvet Underground, lernte er schnell, dass sich die Suggestionsgewalt seiner Texte im Zusammenspiel mit Lautstärke, monotonen Beats – und filmischer Untermalung – nochmals potenzieren ließen: „Music’s never loud enough. You should stick your head in a speaker. Louder, louder, louder.“ Performancekunst, auf die schließlich auch der große Andy Warhol aufmerksam wurde – wenngleich dieser disharmonische, minimale Proto-Sound damals kommerziell wenig erfolgreich war, so zählt der Einfluss der damaligen Musikavantgarde heute prägend, über die Grenzen des Punks, des Rocks hinaus.

Lou ReedSchräg blieb Lou Reed auch nach 1970, nach seinem Ausstieg aus The Velvet Underground – was nicht zuletzt daran lag, dass er für Transformer von David Bowie unter die Fittiche genommen wurde: „Treffen sich zwei Fixer und machen Kunst.“ Rückblickend wird aber wohl alles verklärt – denn damals, zum Zeitpunkt des Entstehens, stieß nicht nur die opulente Junkie-Oper Berlin auf Unverständnis, auch als er mit Metal Machine Music die Noise-Mauer einriss, waren wohl nur die abgedrehtesten Nerds nicht vor den Kopf gestoßen. Und zuletzt auch Lulu: ein psychopathisches, ausuferndes Werk – das unterm Strich jedoch von Integrität zeugt. Von irrer und verdrehter, wohlgemerkt. Einen gelungenen Überblick über seine reiches Schaffen, seinen theatralischen Effekt gab Lou Reed erst letztes Jahr im Zuge seiner From Vu To Lulu-Performance und nicht wenige fragten sich, wie der gute Herr, der eigentlich schon total kaputt sein müsste, im Endstadium siechen müsste, noch mit einem derartigen Elan, mit einer derartigen Imposanz auf der Bühne stehen kann.

Lochgott

Doch nun ist, nach einer Lebertransplantation zu Beginn dieses Jahres, Schicht im Schacht. Lou Reed starb mit 71 und hinterlässt eine Lücke, die nicht gefüllt werden kann – und auch nicht muss. Aber ähnlich wie der Lochgott, der allwöchentlich aus den Untiefen einer lachsrosanen Tageszeitung schallt, dürfen in diesen Stunden die Todesglocken von Yo La Tengo schallen.

Yo La Tengo ist ein Trio aus Hoboken, New Jersey, das bereits 1984 gegründet wurde und trotz umfangreicher Discographie hierzulande noch mit dem Status „unbekannt“ glänzt. Und das, obwohl ihnen bereits früh von Kritikern wie Musik-Connaisseuren gleichermaßen attestiert wurde, sie hätten die Nachfolge von The Velvet Underground angetreten. Eine Nachfolge, der sie im Film I Shot Andy Warhol auch tatsächlich nachkamen.

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Nun legten zum Jahresanfang die Amerikaner mit Fade ihr 16. Album vor. Weniger Noise, weniger Experimente, mehr roter Faden ist die Devise – aber immer noch auf hohem Niveau und mit unglaublichem Charme. Man lasse sich im Wiener WUK verzaubern und trage dazu gefälligst ein abgefucktes T-Shirt von Lou Reed.

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