Magische Stunden mit den Scissor Sisters

Magic Hours ist erst das vierte Album der Scissor Sisters und U2-Legende Bono bezeichnete sie schon als „beste Pop-Band der Welt“. Längst sind die New Yorker zu einer fixen Größe im Music-Biz geworden, und können auf mehr als viereinhalb Millionen verkaufte Tonträger verweisen. Durch ihre Herkunft aus der Gay-Szene des Big Apple ist ein Auftauchen beim Life Ball eine Sache der Ehre. In diesem Jahr gab Jake Shears beim Benefiz-Happening den DJ – und fand noch Zeit, mit dem TICKET- Magazin zu plaudern.

TICKET: Es ist ja nicht dein erster Auftritt beim Life Ball?

Jake Shears: Nein, dieses Mal bin ich nur DJ, das macht Spaß. Zum ersten Mal waren wir vor vier, fünf Jahren mit dabei.

TICKET: Es geht um den Kampf gegen HIV/AIDS. Das Thema ist ja noch immer aktuell.

Jake: Es braucht noch immer eine Menge Aufmerksamkeit, vielleicht heute sogar mehr denn je. Es ist noch immer ein großes Problem, deshalb ist der Life Ball eine tolle Sache. Gleichzeitig feiert man die Individualität abseits des Mainstreams. Der Mix an Menschen ist ebenfalls erstaunlich, die österreichischen Promis, Drag-Stars aus der ganzen Welt, internationale Stars. Das macht den Event so einzigartig.

TICKET: Elton John ist immer wieder dabei und er half auch beim Start eurer Karriere. Habt ihr noch Kontakt?

Jake: Ja, er hat mich erst gestern aus Las Vegas angerufen.

TICKET: Das neue Album nennt sich Magic Hour. Ich nehme an, dahinter steckt ein tieferer Sinn?

Jake: Es war wirklich schwierig, dem Album einen Namen zu geben, denn es ist schwer, die Essenz der Songs auf einen Punkt zu bringen. Das vorige Album war eher dunkel, orientierte sich an der Nacht, hatte viele kalte Passagen. Diese Platte ist viel wärmer, es fühlt sich an, als ob die Sonne aufgeht. Das ist diese magische Stunde, kurz bevor die Sonne am Horizont erscheint und dich wärmt. Darauf bezieht sich der Titel.

TICKET: Der Stil-Mix reicht von Electro-Dance bis zu klassischem Pop. Wie macht man aus all dem eine homogene Einheit wie bei Magic Hour?

Jake: Wir sind verrückte Songwriter! Wir haben super weit gefächerte Einflüsse und Musik, die wir mögen. Ich liebe Dance-Music, gleichzeitig mag ich „echte“ Songs, und ich mag es, Sounds nebeneinander zu stellen, von denen man auf den ersten Blick nicht glauben kann, dass sie zusammen passen. Das kann sehr interessant sein. Das ist unsere Philosophie: Wir nehmen Dinge, die eigentlich falsch sind und keinen Sinn machen. Wir geben ihnen dann einen Sinn. Ich glaube, es gibt nicht besonders viele Bands, die das machen können.

TICKET: Das Album ist in kurzer Zeit entstanden?

Jake: Wir haben die Songs von September bis November geschrieben und sie im Februar aufgenommen. Das ging dieses Mal sehr schnell. Wir haben sehr konzentriert gearbeitet und hatten trotzdem eine Menge Spaß. Klar, man versucht jedes Mal aufs Neue zu beweisen, dass man ein guter Songwriter ist. Für mich ist aber nicht nur wichtig, dass die Titel gut sind, sondern auch, dass sie uns glücklich machen. Wir haben uns bei Magic Hour nicht beeilt, sondern es hat sich alles ganz natürlich ergeben, ohne dass wir je Zweifel an irgendetwas hatten.

TICKET: Bei der Single Only The Horses frage ich mich, was zuerst kommt. Die Melodie oder der Beat?

Jake: Der Beat zwar zweitranging. Babydaddy war schon zwei Wochen zuvor im Studio bevor ich dazu kam. Er hat mit diesem Track herumgespielt, der war okay. Aber da waren diese vier Akkorde nebeneinander die einfach großartig waren. Ich sagte: Schmeiß‘ den Rest des Songs weg, wir behalten die vier Akkorde und schreiben einen neuen Song um sie herum.

TICKET: Ein Titel heißt Let’s Have A Kiki – was zum Teufel ist ein „Kiki“?

Jake: Ein Kiki ist eine Party, mit Freunden abhängen. Es können nur zwei Menschen dabei sein oder auch 50 oder 500. Es heißt Spaß zu haben, egal, wo du auch bist.

TICKET: Der Song Secret Life Of Letters hebt sich vom gesamten Rest ab.

Jake: Es ist wieder ein ganz anderer Stil. Der Titel bringt dich an einen ganz anderen Ort. Unsere Alben nehmen dich auf eine Reise mit, und du hast keine Ahnung, was als nächstes passiert.

TICKET: Fuck Yeah hört sich an, als hätte es eine Menge Spaß gemacht, den Track aufzunehmen.

Jake: Ja, absolut. Es ist das erste Mal, dass ich versuche zu rappen!

TICKET: Euer Sound hat sich merklich verändert. Eine logische Entwicklung?

Jake: Als wir begonnen haben, hatten wir ja keine Idee von Produktionen. Wir haben alles improvisiert und geschaut, was dabei herauskommt. Mit der Zeit lernten wir viel dazu und bemerkten, was im Studio möglich ist. Auch mein Geschmack hat sich verändert. Ich habe keine Lust, immer die gleichen Songs zu machen. Ich muss mein musikalisches Vokabular ständig erweitern, um interessiert an neuem Material zu sein.

TICKET: Bono sagte einmal, dass ihr die beste Pop-Band der Welt seid. Kannst du dem zustimmen?

Jake: Ich glaube, er hat damit Recht. Es gibt heute nicht mehr viele Pop-Bands, es gibt Boybands. (lacht) Wir sind beinahe allein auf weiter Flur.

TICKET: Wie sieht es mit einer Tournee aus? Ihr spielt ja eigentlich gerne kleine Privat-Gigs.

Jake: Wir arbeiten an einer Tournee für den Herbst und den Winter, es ist aber alles so groß und damit auch teuer geworden. Wir werden sehen. Wir treten gerne mal spontan auf – wie vor ein paar Tagen in London. Da haben wir in einer kleinen Bar für 80 Leute nur akustisch gespielt. Wir haben getrunken, geredet. Und Musik gemacht.

Interview: Alexander Haide


Magic Hour ist am 22. Juni bei Polydor (Universal Music) erschienen.

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