Magister Mittermeier hat ein Blackout

Ein Interview mit Michael Mittermeier weckt so einige klischeebeladene Erwartungen. Und die werden auch erfüllt. Denn Mittermeier ist abseits der Bühne ein äußerst angenehmer, aber eher ruhiger und ziemlich ernsthafter Typ. Eigentlich genau so, wie man sich einen richtigen Comedian eben vorstellt …

Herr Mittermeier, Sie dürften der einzige Comedian sein, der eine Magisterarbeit über seinen Beruf verfasst hat.

Michael Mittermeier: Ja, ich habe damals Politologie und Amerikanistik studiert und habe meinen Magister über Amerikanische Stand-Up-Comedy gemacht. Ich habe ja damals schon getourt und das war eine offensichtliche Synergie. Ich habe die Ursprünge der Stand-Up-Comedy, die ja ihre Wurzeln in den USA hat, untersucht und die verschiedenen Stile einiger ihrer Vertreter – zum Beispiel den von Lenny Bruce, der ja eines meiner großen Idole ist …

Spontan hätte ich jetzt eher auf Jerry Lewis getippt, zumindest was den physischen Aspekt Ihrer Performance angeht. Ich glaube, Jerry Lewis kennt ein Großteil ihres Publikums gar nicht mehr …

Michael: Die ganz Jungen kennen den wohl nimmer. Ich durfte ja mit ihm zusammen zu seinem 80. Geburtstag eine Sendung machen und schrägerweise war das die einzige Geburtstagssendung, die er damals weltweit gemacht hat! Also ich bin sicher von ihm beeinflusst, da brauchen wir nicht drüber reden, so wie viele andere Comedians wohl auch. Lewis war der erste richtige Komiker, der mich überhaupt zum Lachen gebracht hat, und körperlich hat er einfach was vorgelegt.

Sie sind einer der wenigen deutschen Comedians, die diesen physischen Aspekt überhaupt noch haben.

Michael: In meinem ganzen Duktus war ich, glaube ich, auch immer relativ undeutsch. Ich bin eher so ein Crossover zwischen der anglo-amerikanischen Tradition und der deutschen.

Ihr Stil scheint universell zu funktionieren. Sie sind der einzige deutsche Comedian, der richtig rumkommt – von Südafrika bis Edinburgh …

Michael: Da muss man sich dann noch einmal neu entdecken, in so einem neuen Kontext. Und das ist sehr anstrengend, weil man seine Nummern praktisch aufbrechen muss, allein schon weil die Übersetzung ins Englische nicht wirklich eins zu eins klappt. Und man muss schauen, wer man eigentlich wirklich ist … viel mehr als daheim. Und wenn ich mir jetzt mein neues Programm Blackout anschaue, dann merke ich extrem, was ich da im letzten Jahr im Ausland eigentlich gemacht habe – das gewinnt durch die Erfahrungen.

Wir wollen niemandem die Überraschung verderben, aber worum geht es grob in Blackout?

Michael: Es bezieht sich auf die aktuelle Zeit, also was passiert da gerade eigentlich mit uns – wo sind diese Blackouts? Zum Beispiel die Politiker-Blackouts: Wie kann ein Bundespräsident so einem Blackout haben, dass er dem Chefredakteur der BILD auf die Mailbox labert? Es geht vom Kleinen ins Große. Wir hatten diese Blackouts in München und in Frankfurt. Was passiert da? Immer wenn es Winter wird und die Angst vor einem Strom-Blackout steigt, wird die Stimmung gegenüber der Atomkraft wieder besser, nur was ist, wenn’s da zum Blackout kommt? Wir bekämpfen eigentlich die Angst vorm Blackout mit dem Schwarzen Loch. Es ist der Wahnsinn. Oder: Was passiert beim kollektiven Blackout Oktoberfest?

Da haben Sie ja schon mal die Gegenveranstaltung „Kifferwiesn“ angedacht …

Michael: Nein, das wäre eine wissenschaftliche Studie (lacht). Also eine Veranstaltung genau so groß wie die Wiesn, aber statt Bier gibt’s Gras. So, und dann schauen wir mal wie viel Gewalt es gegeben hat, wie viele medizinische Notfälle usw. – das Ergebnis wäre ganz eindeutig …

Ein vernünftiger Vorschlag. Finden Sie, dass in einer Welt, die immer wahnsinniger wird, der Comedian eigentlich die Stimme der Vernunft ist?

Michael: Er muss nicht die Stimme der Vernunft sein, er kann auch die Stimme des Wahnsinns sein (lacht) – die dann den Wahnsinn mit Wahnsinn bekämpft. Ein griechischer Kollege und Freund hat mal zu mir gesagt: „Stand-up-comedy is the last bastion of free speech.“ Da ist was dran. Ich bin als Comedian mein eigener Diktator, ich gehe auf die Bühne und mache mein Ding. Ob ich mir damit immer Freunde mache, das ist mir inzwischen scheißegal, das muss ich mal so sagen. Beschimpft werde ich eh immer von irgendjemand. Deshalb lautet mein Motto inzwischen auch: „Diskutiere nie mit Vollidioten.“ Aber es gibt bei der Stand-Up-Comedy eben auch nichts, was du tun musst. Man kann das Politische auch raushalten. Das ist der Kern der Stand-Up-Comedy: Der gute Comedian ist frei …

Glauben Sie, dass man als Comedian tatsächlich etwas verändern kann oder siegen letztendlich doch die Volldeppen?

Michael: Die Comedy wird letztlich nichts ändern können, aber man kann zumindest Dinge highlighten, man kann Diskussionen anregen. Und dann kommt der Punkt, ob du als Comedian und eben auch als Mensch bereit bist, einen Schritt weiterzugehen und auch aktiv einzusteigen. Egal was man macht, da gibt es viele Möglichkeiten. Es ist wichtig, dass man sich auch im realen Leben engagiert und geerdet bleibt. Dann kann man tatsächlich was erreichen – nicht immer, aber es ist den Kampf wert. Ich kann ja meine Haltung nicht nur auf der Bühne vertreten und ansonsten bin ich dann ein völlig anderer Mensch, oder was …

Letzte Frage. Karl Valentin hat gesagt: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Wie viel Arbeit, oder Arbeitszeit, steckt eigentlich in einem Programm wie Blackout?

Michael: Das Problem ist ja: Wann fängst du eigentlich an, an einem Programm zu arbeiten? Es fängt jedenfalls schon lange vor dem eigentlichen Schreiben an. Das beginnt mit der Phase des Sammelns, wo Dinge einfließen, die man erlebt hat und die einen beschäftigen. Da steckt viel Zeit drin, auch verlorene Zeit, aber ich liebe das! Und das Wort „Arbeit“ ist eigentlich auch falsch, es ist ein kreativer Prozess. Und ich mache ja auch Previews, da habe ich nur vage Ideen und Fragmente und dann gibt‘s da auf der Bühne Momente, da passieren spontan die geilsten Sachen, ohne dass man drüber nachdenkt. Dann schreibst du wieder was dazu und so, aber wegen solchen Momenten mache ich das alles eigentlich …

Interview: Thomas Reitmair

In Österreich hat der gute Michl am 27. und 28. Juni in der Linzer TipsArena sein Blackout.

 

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