Marduk und die Operation Barbarossa

Marduk

Am 22. Juni veröffentlichen die schwedischen Black Metaller Marduk ihr neues Album „Viktoria“ – Kontroversen sind damit vorprogrammiert. Ihr „Feldzug“ führt sie im Gegensatz zur titelreichenden „Operation Barbarossa“ jedoch nach Wien, nicht nach Russland.

MardukAm 22. Juni veröffentlichen Marduk den mit “Viktoria” betitelten Nachfolger zu “Frontschwein” – exakt 77 Jahre nach der “Operation Barbarossa”, dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Dieser Feind damals wurde überrumpelt. Ja, er wusste nicht einmal wirklich, dass er der Feind war: Stalin und die Sowjetführung sahen nicht kommen, was sie bereits in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 traf. Dabei warnte Churchill, Hitlers Antagonist in London, den Kreml vor dem deutschen Truppenaufmarsch; der russische Spion Richard Sorge schickte sogar Beweise; selbst der deutsche Botschafter in Moskau folgte seinem Gewissen, bewies so etwas wie einen Hauch an Menschlichkeit und Anstand und informierte die sowjetischen Diplomaten über den geplanten Krieg. Alles vergeblich.

Es gibt heute nur mehr sehr wenige greise Zeitzeugen, die darüber berichten können. Wie es war, mit den Panzern über unvorstellbare Entfernungen hinweg vorzustoßen, vom Rausch immer neuer Illusionen beflügelt: Noch ein weiterer Sieg, und der Krieg sei gewonnen. Wie sich der Feldzug binnen weniger Tage schon als Vernichtungskrieg erwies, der keine Regeln mehr anerkannte: Abermillionen Soldaten auf beiden Seiten sind elendiglich verhungert, erfroren oder ermordert worden. Die apokalyptischen Dimensionen des 2. Weltkrieges – und gerade die der Paukenschlagsinfonie, die des Blitzkrieges gegen die Sowjetunion – sind bis heute nicht gänzlich begreifbar, insbesondere, weil die Außenpolitik der Deutschen nicht nur grausam, sondern zutiefst irreal war. Sie jagte in blinder Manie Visionen nach, die ein absurdes Albtraumreich zum Ziel hatten – und dafür brach Hitler sogar den Pakt mit den Sowjets, obwohl er ihm eigentlich nur Vorteile brachte. Ein Soldat notierte, nach Vorstößen bis nach Leningrad, zur Krim und bis nach Moskau, als sei derlei das Selbstverständlichste der Welt: “Die Russen werden sofort erschossen, liegen haufenweise im Straßengraben.” Tatsächlich hatte Hitler das Kriegsvölkerrecht, das Genfer Kriegsgefangenenabkommen von 1929 und die Haager Landkriegsordnung von 1907 außer Kraft gesetzt, die SS massakrierte assistiert von der Wehrmacht 27 Millionen Menschen. In der Regel wurden dabei die Menschen in großen Gebäuden wie Scheunen zusammengetrieben und mit Maschinenpistolen oder Maschinengewehren erschossen. Danach wurden, obwohl viele noch lebten, die Gebäude abgebrannt – die Opfer meist Frauen und Kinder, denn die Männer waren bei der Roten Armee oder bei den Partisanen. Das Ziel in Hitlers blinder Gier und seiner Hybris: Die Sowjetunion zu zerschlagen.

Feinfühligkeit ist Morgan Håkanssons – seines Zeichens Gitarrist, Hauptsongwriter, Gründungsmitglied und demnach Kopf der schwedischen Black Metaller – Sache ebenso selten bis nie gewesen. Von „Fuck Me Jesus“ bis hin zu „Frontschwein“ zieht sich das Spektrum der potentiellen Echauffierung feinnerviger Geschöpfe; Wo in den Neunzigern noch vorrangig die Zerschlagung des Christentums als Aufreger im Fokus stand, erschuf er mit der bestialischen Schlachtplatte „Panzer Division Marduk“ kurz vor dem Jahrtausendwechsel nicht nur eines der offensiv provokantesten, sondern mitunter auch das vielleicht radikalste Manifest nach der entfesselten zweiten Welle im Black-Metal-Kosmos, in dem noch realiter gebrandschatzt und gemordet wurde: Hitler ward sukzessive zum neuen Teufel, der einstige christraping Black Metal wucherte aus – die totale Vernichtung stand fortan (wenngleich nicht alleinig) im Fokus, Tod über alles. Dabei ist Håkansson beinah zwanzig Jahre später mit “Viktoria” – gewandet in den ikonischen Tönen Rot, Schwarz und Weiß – wohl die trefflichste musikalische Transformation gelungen, denn – und das muss gerade heute mit Vehemenz und als Kontrapunkt zur Boulevardpresse betont werden – Håkansson versteht sich als Narrator der – zugegeben vornehmlich dunklen – Perioden der Menschheitshistorie, nicht als ihr Verherrlicher. Die Geschichte ist, selbst mit beeindruckenden Zahlen und ungeschönten Fakten untermauert, eine trockene: für heutige Generationen unbelebt, da unerlebt. Wie die aktuelle Echo-Debatte rund um Kollegah und Farid Bang bewiesen hat: Einen Bezug zum 2. Weltkrieg hat die heutige Jugend nicht, es mangelt an Verständnis ob der Tragweite. Doch mit “Viktoria” macht Håkansson Geschichte erlebbar – lässt in einer seltenen Perfektion schnöde Tatsachenberichte zu Tatsachen werden: Mit “Viktoria” befinden wir uns – wenngleich nicht überrumpelt – tatsächlich mitten im Krieg: thematisch, akustisch, empathisch. Wer die Pein hier nicht fühlt, ist ohnehin entseelt.

Der Lärm auf “Viktoria” ist höllisch, vornehmlich rasend, präzise und brachial. Einzig beim abschließenden “Silent Night” und im Mittelteil “Tiger I” wird das Gaspedal nicht unentwegt bis zum Anschlag durchgedrückt und Marduk zelebrieren mit bleckendem Lächeln ihr Geschick, selbst mit einem Panzer lässig zu cruisen – wenngleich über knackendes Gebein und in der Haltungsnote “Cruise Missile”: Onkel Donald und Versandleiter Kim zeigen sich begeistert. Ansonsten dominiert donnernder Stechschritt, obzwar stets der Hast auch Rast zwischengeschoben wird: eine zweite “Panzer Division” ist der Russlandfeldzug nicht – dafür ist „Viktoria“ nicht monoton genug, zu gefinkelt ausgeklügelt – zu spitzzüngig und perfide. Dennoch: Dass sich Sänger Hans Daniel Rostén die Glottis nicht abbeißt ist eine Sache – gerade bei “Equestrian Bloodlust” überschlägt sich im japsendem Rausch seine Stimme ins Hysterische, dass man beinah um seinen Geisteszustand fürchten mag und einen Blutsturz in den Augäpfeln erahnt. Dass zudem den Instrumentalisten in den Kriegswirren nicht einem nach dem anderen die Extremitäten verlustig gehen, grenzt beinah an ein Wunder. Gerade auch durch die trockene, beinahe ruppige Produktion verströmt “Viktoria” eine peitschende Eiseskälte, die doch unvorbereitet in höllische Tiefen fährt, nach Magma giert und mit Glut um sich wirft: War doch der größte Gegner der Soldaten nicht der slawische Gegenspieler, sondern der Winter. Man marschierte, ohne zu sehen wohin, noch mit wem. Der gewaltige Sturm peitschte Massen von Schnee ins Gesicht, Luftmassen von Astrachan, die nicht bereit waren, sich auf menschliches Leben einzustellen und sich mit Gewalt ihrem Marsch widersetzen wollten. Am wärmenden Feuer verkohlte die eine Körperhälfte, während die andere im Gefrierbrand berstend riss. Auf “Viktoria” hört man zwischen den Zeilen, zwischen dem Geschrei der Verwundeten und dem Geheul der Truppen, selbst den Tod durch die Adern kriechen. Auf “Viktoria” dröhnt, im Gegensatz zu Geschichtsbüchern, selbst die Meteorologie mit – verglichen mit diesem allumfassenden Nebelgestöber aus Pulver und Schnee wirkt rückblickend sogar eine Platte wie „Frontschwein“ licht.

Der Tod, der ist bereits in der kurzen, prägnanten Eröffnung “Werwolf” omnipräsent: Marduk klingen nicht nur nach Würgeengel, sondern geleiten ihn im stumpfen Getrampel auch höchstpersönlich mitten ins Verderben. Dazwischen: Sirenengeheul. Die Introduktion verspricht blinde Raserei eines manischen Kollektives, hier regiert Masse – und Klasse, im Irrsinn vereint. Hierauf fließt der Furor des Berserkers über in den Juni 1944, zum Anfang vom Ende – es war grau und kalt, von Sommer keine Spur, Chaos auf deutscher Seite, wir hören bluttrunken taumelnde „Oooh-hooo!“-Schlachtgesänge von Rostén. Doch Håkansson führt seinen Trupp zielgerichtet über Leichenberge hinweg und durch Schützengräben, beinah vermeint man, seine Finger vergnügt und lichterloh über die Gitarrenläufe schlendern zu hören während Rostén schließlich getrieben von dannen peitscht, insbesondere die Rhythmusfraktion Andersson und Widigs zur Hast durch die Salven treibt. Dieses Gegenspiel ist beinahe königlich geraten – und führt schließlich mit Henschels Panzerkampfwagen VI “Tiger” zur Narva, an deren Brückenkopf im ersten Halbjahr 1944 eine der erbittertsten Schlachten geschlagen wurde. Ähnlich kompromisslos ist auch das dazugehörige Stück geraten, das gleich von Getrampel, einem gequälten Schrei und einer ruppigen Basslinie eröffnet wird, bevor das unheilschwangere Inferno einbricht, Bombenhagel über alles. Das Faszinosum dabei: Trotz vergleichsweise gemäßigtem Tempo wirkt gerade “Narva” tödlicher als der komplette Guss der “Panzer Division” – vielleicht auch, weil ob der zahlreichen Tempiwechsel Sieg und Niederlage hier enger aneinander stehen, sich beinahe tänzelnd aneinander schmiegen und das Darben beider Seiten gekonnt versinnbildlichen. Ein Darben, das im hierauf folgenden “The Last Fallen” zum Exzess gepeitscht wird, Aussichtslosigkeit und Verzweiflung in jedem Ton merklich sind, mit Fortschreiten das Stück immer gequälter wird – die Gitarrenläufe nicht selten in DSBM-Gefilde abdriftend – und dessen zum Trotz stets fluxer fortan stiebt. Passend, dass hierauf mit dem Titelstück ein – wohlgemerkt: wertfreies und rein assoziatives – Innuendo an einen der wohl berühmtesten Marschgesänge der SS folgt – und auch hier brilliert erneut insbesondere Rostén, der keift und geifert, gelblich triefende Galle spuckt, als hätten sich Eiterbeulen in seinem Rachen aufgetan, um miefendes Odem zu verströmen. Scheinbar spielerisch preschen auch hier Rhythmus und Lead voran, lassen mühelos erstmals die “Panzer Division” hinter sich im Staube liegen und läuten den Moment ein, zu dem der Teufel höchstpersönlich die Stille-Nacht-Gesänge ausruft: Håkanssons Trupp hat binnen gut dreißig Minuten neun Schlachten erfolgreich geschlagen, für den Hörer ist der Krieg jedoch verloren. “Viktoria” ist Marduks Büchse der Pandora – und die Büchse, sie wurde geöffnet: In uns bebt der Krieg nach.

Ja, Marduk riskieren mit “Viktoria” gerade in unseren Breitengraden gewaltig, doch vermögen sie dabei, was kein Geschichtsbuch leisten kann: Mit ihrer nahezu perfekten Symbiose aus musikalischer Kompromisslosigkeit und thematischer Verbissenheit Geschichte vor dem Vergessen und Abstumpfen zu bewahren – ohne dabei infantil wie die zuvor angesprochenen Rapper auf plakative Effekthascherei zu setzen. “Viktoria” ist im Gegenspiel klanglich und inhaltlich ein Stakkato, das Betroffenheit ob des Grauens der Geschichte nicht nur heuchelt, sondern spürbar macht – durch Mark und Bein: eine durchaus effektive Lehreinheit.

Marduk„Viktoria“ erscheint am 22. Juni bei Century Media, Vorbestellungen sind ab sofort möglich.
Besetzung: Patrik Niclas Morgan Håkansson (Gitarre) / Dan Everth Magnus Andersson (Bass) / Hans Daniel Rostén (Gesang) / Fredrik Widigs (Schlagzeug)

1. Werwolf
2. June 44
3. Equestrian Bloodlust
4. Tiger I
5. Narva
6. The Last Fallen
7. Viktoria
8. The Devil’s Song
9. Silent Night

Marduk spielen am 12. Mai am Vienna Metal Meeting. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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