Me And That Man: Über Lieben und Sterben

Mit seiner Stammband, den Polen Behemoth, pflügt Adam Nergal Darski querbeet, auf dass sodann kein Gänseblümchen mehr steht. Aber auch mit seinem Projekt Me And That Man hinterlässt er Brandnarben, wenngleich mit ruhigeren Tönen.

Me And That ManBehemoth-Frontmann Adam Nergal Darski ist wohl eine der schillerndsten und bekanntesten Persönlichkeiten der Metalszene. Das liegt nicht nur am langjährigen Erfolg von Behemoth, sondern auch an seinen außermetallischen Aktivitäten: Wenn er nicht in Kutte und Leichenfratze gehüllt Geifer und Galle spuckt, verlobt er sich mit polnischen Popstars, steht wegen Verletzung religiöser Gefühle vor Gericht, besiegt linkerhand mal eben eine kleine Leukämie, sitzt als Juror bei “The Voice of Poland”, macht Werbung für Energy Drinks, besitzt einen Nachtclub in Sopot und betreibt eine Kette von Barbershops in Polen. Doch damit nicht genug, Ende März veröffentlichte er gemeinsam mit dem britischstämmigen Landskollegen John Porter unter dem Banner Me And That Man Musik, die irgendwo zwischen Dark Folk und Death County changiert – als Bezugspunkte fallen spontan Nick Cave und später Johnny Cash ein.

Am 4. April fand im dicht gedrängten Wiener B72 die umjubelte Österreichpremiere von “Songs Of Love And Death” statt – mit den nicht minder aufregenden Niederländern Dool im Vorprogramm. Wir haben uns im Vorfeld mit John und Adam zusammengesetzt und über Lärm, Chaos, das Alter, die feinen Künste, Religion und auch über den Tod des Autors geplaudert.

 

Adam, du meintest im Gespräch mit einem polnischen Kollegen, Behemoth stünde für „Kraft“, Me And That Man für „Schwäche“. Könntest du das ausführen?

Adam: „Schwäche“ ist da vielleicht der falsche Ausdruck – „Imperfektion“ trifft es besser. Me And That Man funktioniert gegengleich zur heutigen Tendenz, alles perfekt, glatt und sauber klingen zu lassen. Wenn du über alles ProTools drüber laufen lässt und glattbügelst, saugst du der Musik ihr Leben aus.

John: Behemoth ist im Gegensatz zu Me And That Man immens vielschichtig und strukturiert, mit einem konkreten, exakten Manifest. Me And That Man funktioniert organischer, pendelt sich musikalisch auf unterschiedlichen Emotionsebenen ein, zeigt Stärke, aber auch Schwäche.

Es gibt von Nietzsche ein possierliches Zitat: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“

Adam: Ich kenne das Zitat, ich habe es selbst schon im Zusammenhang mit Behemoth öfters gebracht. Es ist eine sehr poetische Vorstellung von Kunstfertigkeit. Ich weiß natürlich nicht, in wie weit meine Interpretation mit der von Nietzsche übereinstimmt – aber mir gefiel der Gedanke so gut, dass ich ihn mir zu Eigen gemacht habe.

Denkt ihr, dass Me And That Man über die Qualität verfügt, aus dem Schatten von Behemoth zu treten und als eigenständig wahrgenommen zu werden?

Adam: Du bist unverblümt, das gefällt mir (lacht). Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht, bin aber auch kein sonderlicher Freund von Prognosen. Me And That Man ist, was es ist – und wir holen für uns das Beste dabei raus. Für mich haben beide Projekte für sich gesehen ihre Berechtigung – Me And That Man hat aber klarerweise den Status eines Nebenprojektes. Auch John zieht nebenher sein eigenes Ding durch, und ab und an überlappen wir uns – eben wie jetzt, auf der Tour.

John, hat Behemoth für dich eigentlich mehr zu bieten als nur Lärm?

John: Ich würde nicht sagen – „Lärm“. Für mich ist alles „Lärm“ und es ist eine sehr subjektive Frage, wann Lärm nicht ausschließlich pejorativ gewertet wird. Aber ja, Behemoth gibt mir nichts, ich verstehe die Sinnhaftigkeit dahinter nicht und kann die Musik absolut nicht leiden (lacht). Aber das werte ich durchaus positiv: Würde ich diese Art von Musik mögen, wären wir vielleicht Gefahr gelaufen, mehr aus diesem Genre bei Me And That Man einfließen zu lassen.

Du bist von England nach Polen gezogen, als Adam erst geboren wurde. Spielt der Altersunterschied eine Relevanz?

John: Auch das werte ich positiv. Wir greifen beide auf unterschiedliche Erfahrungen zurück und können so voneinander lernen und profitieren.

Der Vater bringt dem Sohne bei, dass Whisky gefälligst ohne Cola getrunken wird …

John: (lacht) Da bin ich leider gescheitert, das habe ich verbockt.

Adam: Ich bin ja doch ein ziemlicher Flegelknabe und ein Sturkopf (lacht). Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Unsere Beziehung funktioniert definitiv mit Geben und Nehmen, wobei ich die Altersfrage eher als peripher erachte. Ja, natürlich bestehen aufgrund der Generationenkluft unterschiedliche Spieltechniken oder technischen Vorstellungen, aber letztlich ist Alter nur das, was es eben ist: Alter, und damit hört sich auch schon die Relevanz auf. Es war David Lynch, der sagte: „In uns drinnen, da sind wir alterslos.“ Dieser Gedanke gefällt mir, und daran halte ich mich auch – wenn ich auf Menschen zugehe, stellt sich mir die Altersfrage schlichtweg nicht mehr. Entweder, man hat unabhängig davon Gemeinsamkeiten und harmoniert miteinander – oder eben nicht. Ich habe Freunde, die sind erst im Teenager-Alter, pflege aber auch Beziehungen mit Menschen, die so alt sind wie mein Vater. John ist tatsächlich etwa in seinem Alter – allerdings so agil ist mein Vater schon lange nicht mehr, das muss John auch einmal lobend gesagt werden (lacht). Tatsächlich hält er es an den Abenden länger aus als ich, während ich mich ins Hotel verziehe, hängt er noch weiter an der Bar herum. Er trinkt auch mehr als ich.

John: Ich bleibe nicht länger wach, du gehst nur früher schlafen (lacht).

Ihr habt bereits des Öfteren erläutert, dass es sich Tag für Tag abwechselt, wer das „Me“ und wer das „That Man“ im Kollektiv impersoniert. Ist durch den Wechsel vom Persönlichen ins Unpersönliche auch unterschwellig eine Hierarchie ausgedrückt?

John: Es gibt dahingehende Situationen, durchaus. Einmal befindet sich Adam im Rampenlicht, dann wieder ich.

Haben sich durch eure Zusammenarbeit eure künstlerischen Perspektiven verschoben?

Adam: Zu allererst haben wir uns einmal aufeinander einstellen müssen – so ist es klarerweise immer, wenn du mit jemand Neuem musizierst. Aktuell lernen wir uns noch gegenseitig kennen, bevor wir wirklich voneinander lernen können. Wir sind beide keine 16 mehr, wo man sich in einem kreativen Umfeld oft wie das Tier von der „Muppet Show“ gebärdet – egal, was das Gegenüber macht. Wir sind beide bereits ausgeprägte Charaktere, verfügen beide über eine gewisse Lebenserfahrung …

John: … und da ist es oft nicht einfach, andere Sichtweisen oder Herangehensweisen zuzulassen.

Gutes Stichwort: Ihr beide seid es gewöhnt, in euren Hauptprojekten vorwiegend alleine zu entscheiden, wie der Hase läuft. War es eine besondere Herausforderung, das Zepter des Diktators für eine Weile aus der Hand zu legen und nicht dem anderen über die Rübe zu ziehen?

John: Wir spielen auch in Me And That Man den Diktator, nur halt nur zu 50 Prozent (lacht). Nein, im Ernst – es ist nicht so, dass wir uns zwanghaft verstellen müssen, das wäre der Zusammenarbeit nicht dienlich. Die Songs passierten ganz natürlich, da kamen nicht einmal Gelegenheiten auf, bei denen man sich zusammenraufen hätte müssen. Visionen wurden einfach zu Ende gedacht, ohne, dass der andere sich zu sehr einmischte – beziehungsweise das Einmischen nur dadurch passierte, dass man aktiv im Stück mitwirkt, durch distinktives Gitarrenspiel oder die ureigene Stimme. Diesen Input darf man natürlich auch nicht unterschätzen, immerhin sind wir beide doch starke Charaktere, die man raus hört und denen man eben nicht exakt vorgeben kann, wie jede Note zu spielen ist – sondern ihren eigenen Weg finden. Man steuert somit natürlich immer dem anderen etwas bei, aber mit … Respekt.

Me And That Man Adam DarskiDas Spielen mit Behemoth ist zweifelsohne herausfordernd. Birgt Me And That Man hingegen für dich, Adam, auch Hürden, die ad hoc jetzt neu waren – beispielsweise der Gesang oder das Nicht-Maskieren?

Adam: Ich muss bei Behemoth definitiv stärker fokussieren, bevor ich auf die Bühne gehe – Behemoth ist auch physisch anstrengender als Me And That Man, da bin ich um einiges angespannter als hier. Wir zwei genehmigen uns vor der Show auch gerne mal einen Drink oder auch zwei, etwas, das bei Behemoth undenkbar wäre – da herrscht für jeden striktes Alkoholverbot. Alkohol würde die Stimmung auch zu sehr lockern, etwas, das bei Me And That Man wiederum durchaus dienlich ist. Behemoth, das ist reiner Sport – im Vorfeld ist die Stimmung aufgeheizt, als stünde ein Kampf auf Leben und Tod bevor. Bei Me And That Man dominiert ein Laissez-Faire.

John: Und wir tragen nur das Make-Up, das uns der Alltag zufügt.

Adam: Würdest du dich eigentlich einmal so schminken, so wie ich bei Behemoth?

John: Nein, warum zum Teufel sollte ich das auch tun? Okay, für ein Video vielleicht … Man muss künstlerisch wohl für alles offen sein – außer nackt: So renne ich nicht herum!

Gewandet seid ihr ja – noch; Diesbezüglich schriebt ihr vor kurzem im Sozialen Netzwerk, der surreale Regisseur Alejandro Jodorowsky sei eine der maßgeblichsten Inspirationen für euer Auftreten gewesen …

Adam: Rückblickend, ja. Das war nicht so zu verstehen, dass wir hingingen und bewusst Stilelemente von ihm übernahmen. Ich hätte auch Ennio Morricone erwähnen können, oder Fields Of Nephilim – es geht einfach um diesen schäbigen Westernlook. Jodorowskys Kunst ist extravagant, Me And That Man hingegen sehr minimalistisch und monochromatisch, von daher sind es auch nur einzelne Elemente, die auf unsere Begeisterung für ihn zurückzuführen sind – die Hutkrempen beispielsweise.

Wie wichtig sind die optischen Stilmittel überhaupt?

Adam: Sehr.

John: Es kommt drauf an: Es gibt Bands, die spielen wie sie aussehen. Und es gibt Bands, die sehen aus, wie sie spielen – wenn du verstehst, was ich meine. Es gibt schon Bands, die überstilisiert, aber scheiße sind. Für mich vorbildhaft waren immer schon Roxy Music zu ihren Anfängen – immens überdreht, aber trotzdem irgendwie cool. Deine Frage geht ja eigentlich noch viel weiter: Mich tangiert es jeden Tag, wie ich aussehe – egal, ob ich auf der Bühne stehe oder nicht, und zwar nicht aus narzisstischen Gründen, sondern einfach, weil ich mich wohlfühlen will und ich auch nur so die Mädels abschleppen kann. Außer die, die man nicht abkriegen will: Für die braucht man sich natürlich nicht herzurichten (lacht).

Stellt das Cover von „Songs Of Love And Death“ eigentlich eine Hommage an Willie Nelson dar? Beim alten Männchen würden eigentlich nur mehr die Zöpfe fehlen.

Adam: Diese Assoziation haben tatsächlich schon einige hergestellt, aber die Ähnlichkeit war so nicht beabsichtigt. Ursprünglich hätte es Charles Bukowski beziehungsweise sein Alter Ego Henry Chinaski sein sollen, da wir einige Referenzen zu seinem Werk in dem unsrigen haben – er war initiativ Johns und mein gemeinsamer Nenner. Unser Label fürchtete jedoch rechtliche Schritte, daher mussten wir es noch abändern lassen.

Adam, du bist ausgebildeter Museumskurator – was, würdest du sagen, unterscheidet die Musik von den anderen Künsten?

Adam: Ich glaube nicht, dass ich in der Position bin, dir da wirklich eine fundierte Antwort drauf zu geben – ich kann dir nur von meinem Standpunkt aus sagen, dass ich sie alle als gleichberechtigt erachte, auch wenn ich mich der Musik verschrieben habe.

John: Die Künste vermischen sich auch gern und gut zu einem größeren Ganzen und fließen ineinander, das geht sogar so weit, dass Menschen wie etwa meine Partnerin Anita Musik in Farben sieht. Von daher kann ich mir gut vorstellen, dass die divergierenden Wirkungsmächte der einzelnen Künste vielleicht auch nur von Menschenhand gemacht sind.

Welche Rolle spielt Kunst im alltäglichen Leben?

Adam: Ich sehe Kunst als universelle Sprache an, mittels der Kunst kommuniziert man weitestgehend ohne Sprachbarrieren. Für mich ist diese Form der Kommunikation so wesentlich, dass ich sie beinahe schon mit dem Atmen gleichsetze.

John: Hat nicht Yoko Ono gesagt: „Kunst ist mein Leben, mein Leben ist Kunst“? Was Kunst ist und was nicht ist ja auch sehr subjektiv – für den einen sind es ausschließlich Bilder in Museumsgalerien, für den anderen auch die unflätigen Kritzeleien an Hausmauern.

Adam: Kunst ist auch eine der wenigen Errungenschaften, die uns von den Tieren unterscheiden – denn die beherrschen sie nicht.

John: Eigentlich schon, nur behirnen tun sie sie nicht (lacht).

Adam, du meintest einmal, du fühlst dich nicht als Schöpfer von Kunst, sondern allein als „Medium“. Ist das in etwa die Transformation der literaturtheoretischen Strömung von Barthes, „Der Tod des Autors“?

Adam: Streckenweise. Meine Vorstellung ist schlichtweg die, dass ich Umwelteindrücke aufsauge, sie verdaue und wieder ausscheide. Ich erfinde nichts Neues, ich wiederfinde nur, recycle oder baue Versatzstücke neu zusammen – von daher geht es durchaus d’accord mit Barthes und dem Theorienkonstrukt des Poststrukturalismus. Meine Kunst entsteht wie andernorts der Kaffee: Verschiedene Ingredienzen laufen zusammen und mittels Reaktionen untereinander oder Kräfteeinwirkung von außen entsteht ein Gebräu. Und in diesem Gedankenkonstrukt bin ich nur das Medium, die Maschine.

Von wegen „Recycling“: Vielerorts wird hervorgehoben, dass der Albumtitel „Songs Of Love And Death“ eine explizite Hommage an „Songs Of Love And Hate“ von Leonard Cohen sein muss …

Adam: Warum nennt niemand „Songs Of Faith And Devotion“ von Depeche Mode? Hier folgt der Titel der exakt gleichen Formel – und ich denke es ist nicht verfehlt zu sagen, dass sie musikhistorisch ähnlich einflussreich wie Cohen sind. Würde ich nur ein bisschen überlegen, würden mir vermutlich noch 50 weitere Titel einfallen, die für unseren Albumtitel fairerweise Pate gestanden haben hätten können. Aber gut, Cohen ist natürlich eine Ikone, ein Klassiker – wie auch Depeche Mode, wohlgemerkt.

Ihrem neuen Album „Spirit“ mangelt es vielleicht an herausragenden Überhits, es funktioniert dafür als eine durchdachte Einheit, als Kontinuum hervorragend. Ein österreichischer Boulevardschmock hingegen meinte kürzlich, es sei deutlich schwächer als „The Afterlove“ von James Blunt …

Adam: Was für ein grenzdebiler Vergleich! Ich finde „Spirit“ gut – nicht außergewöhnlich, aber gut. Aber ich bin auch ein Fan – bisher fand ich noch auf jedem Album Momente, die mir gefielen. Es ist mir aber natürlich auch bewusst, dass Künstler Momente haben, in denen sie schwächeln – aber als Fan übersieht man diese, oder akzeptiert sie einfach. Ich muss es ja wissen, auch ich bin nur ein Mensch (lacht). Jedenfalls habe ich schon Karten für die Show in Leipzig – da wird es mich wieder aushängen (lacht).

Apropos Fan-Dasein: Es ist ja nicht unüblich, das Metal-Fans auch über Genregrenzen schielen und sogar Gefallen an artverwandten Künstlern wie Johnny Cash, Nick Cave, Leonard Cohen, Tom Waits oder David Eugene Edwards finden. Dennoch ging ein beachtliches Raunen durch die Szene, als angekündigt wurde, dass du ein Country-Projekt ins Leben gerufen hast …

Adam: … und man fragt mich nach wie vor, ob ich Behemoth auf Eis gelegt oder gar verlassen hätte! Ich glaube, die Menschheit muss sich wieder Lese- und Verständnisfähigkeit erarbeiten, das stand niemals zur Debatte!

John: Viele Musiker haben doch ihre Nebenbeschäftigungen …

Adam: Und natürlich könnte der Weg, den ich jetzt mit Me And That Man eingeschlagen habe, irgendwann einmal meine Hauptbeschäftigung werden, nämlich dann, wenn ich Behemoth physisch nicht mehr stemmen kann – und so meine Musikerkarriere zu prolongieren vermag. Aber das wird im Optimalfall noch einige Jahre dauern. Ja, Ozzy steht immer noch, aber der wirklich extreme Metal ist ja doch ein relativ junges Genre mit anderen Herausforderungen – da neigt sich gerade einmal die erste Generation mit Slayer, Tom Warrior, Nile und einigen anderen dem Fünfziger zu und man wird erst sehen, wie und ob das auch im höheren Alter funktioniert. An denen werde ich mich messen müssen – und bis zum Fünfziger habe ich ja doch noch ein Jahrzehnt Galgenfrist (lacht). Klar, man muss mit jedem Jahr mehr auch mehr auf sich und die Gesundheit achten, aber wenn man das tut, kann man den Peak einige Jahre noch mitziehen.

Jeff Walker von Carcass nahm mit den Fluffers ein Country-Album auf, David Vincent von Morbid Angel veröffentlichte kürzlich seine „Drinking With The Devil“-Single. Wo sind die Parallelen von Metal und Country?

Adam: Ich glaube, Metal und Country teilen sich einen gewissen Proll-Charme. Allerdings mag ich nur sehr wenig Country-Musik, etwa Those Poor Bastards, mit denen wir auch schon verglichen wurden.

John, haben dich deine Fans auch gefragt, wer dir ins Hirn geschissen hat, dass du jetzt mit diesem Satanisten auf beste Freunde machst?

John: (lacht) Nein, denen scheint es zu gefallen. Da hieß es maximal, wozu ich ihn denn nötig hätte (lacht) – aber meine Zielgruppe wird auch mit Me And That Man eher bedient als die Fans von Behemoth.

Als ihr das Video zu „My Church Is Black“ veröffentlichtet gab es einen Kommentar, der mir ins Auge stieß – da schrieb jemand, es wäre nicht Nergal, gebe es keine Nackedeis. Was unterscheidet „Nergal“ von „Adam Darski“?

Adam: Es ist wie die zwei Seiten der Münze, wobei natürlich meine Persona bei Me And That Man näher an der Privatperson liegt als die Nergal-Seite. Behemoth ist überspitzt und exaltiert – aber fußt trotzdem auf meine Charakteristika. Es ist nicht so, dass mir diese Seite völlig fremd wäre oder bloß reines Theater ist.

Polen ist eines der wenigen verbleibenden mitteleuropäischen Länder, das konstant religiös war. Denkst du, du hast es dir zumindest im Heimatland verbaut, auch von einer divergierenden Zielgruppe als Musiker akzeptiert und ernstgenommen zu werden?

Adam: Ich bekomme eher die Rückmeldung, dass ich jetzt nebenbei auch Musik mache, die man sich auch als Otto Normal anhören kann (lacht). Aber das sind nur Meinungen, und Meinungen sind wie Arschlöcher – jeder hat eins. Dass Me And That Man zugänglicher sind als Behemoth, darüber brauchen wir klarerweise nicht diskutieren: Behemoth ist nicht nur radikal, Behemoth klingt auch radikal – aber auch das ist okay, ich bin nicht da, um Kompromisse zu machen oder meine Bedürfnisse einzuschränken.

Me And That Man John PorterDie letzten Jahre hinweg verlor die Menschheit in unseren Breitengraden sukzessive den Glauben oder die Lust an organisierter Religion, doch seit der Flüchtlingskrise ab 2015 werden plötzlich christliche Werte wieder populär, während der ideologische Kampf zwischen dem Islam und der hier dominierenden Religion schwelt. Wird jemals die Vernunft die Gläubigkeit auslöschen?

John: Mein Eindruck ist, dass die Religion sukzessive an Bedeutung verliert, weil auch ihre Glaubwürdigkeit schwindet. In Punkto des geht die Menschheit zurück auf einen unverfälschteren Glauben zurück, an die Kräfte der Natur. Das Vertrauen in von Menschenhand geschaffene Ideologie-Konstrukte schwindet. Die „moderne“ Religion ist ausschließlich eine Kontrollinstanz der ihr zugehörigen Bevölkerung, Angstmacherei ihr täglich‘ Brot, um die Schäfchen fügsam zu machen. Ich denke, die Wissenschaft wird der Religion von der einen, die Spiritualität von der anderen Seite stetig den Rang ablaufen – insbesondere, da sich diese beiden Bereiche durchaus überlappen, wenn du dir beispielsweise die Quantentheorie zu Gemüte führst, oder wenn Dalai Lama meint, es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis wir Außerirdische zu Gesicht kriegen … Ich finde diese Verschiebungen in Denkmustern extrem spannend.

Adam: Es war Christopher Hitchens, der sagte: „Die Philosophie beginnt, wo die Religion endet.“ – und ich glaube, die Situation wird sich zuspitzen, die Menschheit radikalisiert sich selbst. Die wenigen Schäfchen, die noch im Garten bleiben, werden immer aggressiver.

John: Die Radikalisierung schreitet allerdings in vielerlei Hinsicht voran, nicht nur religiös, sondern auch politisch.

Adam: Wenn Religion und Politik Hand in Hand gehen, dann ist das ohnehin das größte Übel …

Verharren wir noch einen Moment bei den Kirchen: Als euer Video zu „My Church Is Black“ veröffentlicht wurde, gab es dieses eine Kommentar, Me And That Man seien ein platter Abklatsch von King Dude und das Video selbst eine reine Kopie von „Fear Is All You Know“. Andere wiederum assoziieren eure Musik als Soundtrack zu einem Roadmovie. Wie ernst nehmt ihr Kritiken, wie sehr widerstrebt es euch, eure Kunst zerpflückt zu sehen?

Adam: Wie zuvor schon gesagt – das sind nur Meinungen, und die gestehe ich jedem zu. Eine ablehnende Haltung ist mir immer noch lieber als eine lethargische Wurstigkeit.

Me And That Man polarisiert – zwar minder als Behemoth, aber doch. Dies mag vielleicht daran liegen, dass nicht nur ihr beide als Musiker, sondern auch – trotz der Simplizität – eure Musik aus gegengleichen Versatzpaaren besteht, wie beispielsweise dem lieblich-unschuldigen Kinderchor bei „Cross My Heart And Hope To Die“ …

Adam: Ich glaube, Gegensatzpaare sind essenziell, Kontraste evozieren Spannung.

John: Sie illustrieren einander gegenseitig. So überraschst du deine Hörer, ähnlich wie Haydn mit seiner 94. Sinfonie, die mit dem Paukenschlag. Manchmal braucht es dieses Wow-Effekt, und der kann mal laut, mal leise sein.

 

Für die Porträtfotos zeichnet Christoph Kaltenböck verantwortlich, für die Liveaufnahmen Stefan Kuback – die Bildgalerie des Konzertabends findet man unter diesem Link.

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