Metallica im Live-Stream

Metallica haben sich etwas Besonderes für ihre Fans rund um den Globus einfallen lassen: Sie streamen die Generalprobe ihrer “WorldWired”-Bühnenshow live!

MetallicaJames Hetfield, Kirk Hammett, Robert Trujillo und Lars Ulrich haben sich etwas Besonderes für ihre Fans rund um den Globus einfallen lassen: Unter dem Namen “Now That We’re Live” streamt die Band am 10. Mai 2017 um 3 Uhr morgens Teile der Generalprobe ihrer “WorldWired”-Bühnenshow aus Baltimore. Mit diesem Event teasern Metallica ihre bevorstehende, ebenfalls am 10. Mai 2017 beginnende Tour an und lassen sich damit ein wenig in die Karten blicken, bevor sie am 31. März in der Wiener Stadthalle gastieren.

Den Stream der massiven Produktion wird man sowohl auf der Facebook-Seite der Band, als auch auf Metallica.com sehen können.

Hardwired… To Metallica

Metallicas “WorldWired”-Tour promotet das aktuelle, reguläre 10. Studioalbum der Band, das am 18. November erschien – und uns weitestgehend überzeugen konnte.

„Gehasst, verdammt, vergöttert“ – auf keine Band passt dieser Slogan adäquater, nicht einmal auf die eigentlichen Initiatoren, die Böhsen Onkelz, die sich dieser Tage ebenfalls anschickten, mit einem neuen Album (“Memento”) an alte Glanztaten heranzureichen: Metallica, die Band, die den Metal gleichermaßen gerettet wie vermeintlich verraten hat, stellt sich nach acht langen Jahren mit ihrem 10. Studioalbum “Hardwired… To Self-Destruct” erneut seinen harten Kritikern, und das gleich mit einem ambitionierten Vabanquespiel über knapp 80 Minuten hinweg – mit einer Doppel-CD und 12 neuen Songs.

Einher geht mit jeder ihrer Veröffentlichungen – spätestens seit Anfang der Neunziger – eine Fanhysterie der Extreme, die bereits im Vorfeld das neue Material jauchzend in den Himmel zu loben oder in absolute Verdammnis zu vernichten trachtet, kein Wunder, denn wenn wir die Sache perfide betrachten, haben Metallica noch zu jedem Zeitpunkt ihrer Karriere ihr Klientel vor den Kopf gestoßen – mal mehr, mal weniger:

Das Debüt “Kill ‘Em All” war für die Metalszene wie ein Schlag ins Gesicht, zu wild und ungestüm, mit einem rigorosen Verzicht auf Melodie klang es beinahe nach Punk. Dies mag heute – im breiten Genrespektrum zwischen Bring Me The Horizon und Behemoth – unvorstellbar scheinen, aber das waren die Anfänge der Achtziger. Metallica waren damals mit die ersten, die sukzessive eine Artentrennung im zuvor kumuliert als “Heavy Metal” bekannten Genre forcierten, mit ihnen ward der Thrash Metal – von Schlagzeuger Lars Ulrich noch mit “Power Metal” tituliert – geboren.
Im Gegensatz dazu stand der Nachfolger “Ride The Lightning” (1984), auf dem mit “Fade To Black” eine Ballade Einzug ins schwermetallische Soundgewand fand – ein singulärer Fauxpas war dies bekanntlich ja nicht, denn schon im Folgejahrzehnt – nach den sukzessive fordernden Ungetümen “Master Of Puppets” (1986) und “… And Justice For All” (1988), die ihren aggressiv aufgepauschten Duktus aus der Desperation der Reagan-Ära zehrten – ward Metallica mit ihrem selbstbetitelten “schwarzen Album” plötzlich und über Nacht nicht nur zum Soundtrack langhaariger Rabauken, sondern auch deren Mütter geworden, welche die Hit-Single “Nothing Else Matters” als Haushaltsarbeitshintergrundberieselung durchaus zu schätzen wussten.
„Load“ und „ReLoad“ (1996 und 1997) – tatsächlich sträflich unterbewertete Heavy-Blues-Scheiben – forcierten diesen Progress der Salonfähigmachung des einstigen plebejischen Bahöl, bevor sich die vier Kalifornier, die sich mittlerweile zu schwerreichen Millionären – Kunstsammlungen, Autofuhrpark und Edelvillen inklusive – hochgelärmt hatten, in einer desaströsen Midlife-Crisis wiederfanden und in ihrer inneren Torschlusspanik mit dem rumpelnden Krachdemo „St. Anger“ (2003) zu kitten versuchten, was geborsten war. Und als all dies nichts half, versuchte man es mit dem übersteuerten „Death Magnetic“ (2008) noch ein Stück geräuschvoller – zu brüllen und wie wild um sich zu schlagen ist bekanntlich in jeder Diskussion das beste Argument. Die Vorgabe, nach wie vor wilde, juvenile Rabauken zu sein, wirkte in aller erster Linie unglaubwürdig, peinlich wie Väter, die mit ihren Kindern vor deren Freunden plötzlich in Jugendakronymen kommunizieren.

Das Album

“Hardwired… To Self-Destruct” befindet sich somit auf waghalsigem Terrain: Bis ans Lebensende wird Metallica an den Meisterwerken – für die einen “Master Of Puppets”, für die anderen “Ride The Lightning” – gemessen werden, und während gerade in den letzten 20 Jahren auch außerhalb des eingeschworenen Genrezirkels Zielgruppen erschlossen werden konnten, so schien gerade für das konservative Klientel der Werdegang einer Demontage zu gleichen, wirkte Metallica gleich vier Lemmingen auf einem … nun: Selbstzerstörungstrip.

Doch bereits die ersten Teaser, das an die Wut von „Hit The Lights“ erinnernde Titelstück, wie auch das ausgefeilter, aber nicht minder brachial agierende „Moth Into Flame“ machten aufhorchen – ja, über 12.000 Metalheads stimmten beim renommierten deutschen Metal-Magazin Metal Hammer überwiegend überein, das “Hardwired” nach den ersten beiden Eindrücken “top” werden könnte. Aber lassen wir doch den Konjunktiv, die zaghaft verklemmte Hure der deutschen Grammatik, und wechseln in den Indikativ – denn tatsächlich: Mit „Hardwired“ gelingt Metallica über weite Strecken, woran sie in ihrer Identitätskrise zuletzt kläglich scheiterten – ja, “Hardwired” hätte, bereits Mitte der Neunziger erschienen, nicht nur als logische und dabei sogar gute Fortsetzung von “Metallica” gegolten, sondern hätte auch als überaus hilfreiches Bindeglied zum schwerfälligen Blues fungiert.

“Hardwired” ist – insbesondere in seiner ersten Hälfte – überaus potent, oft sogar pesant geraten, und da schöpften die ersten Singles nicht einmal sämtliche Kanister aus: Näher als mit der dritten, pünktlich zu Halloween erschienenen Single “Atlas, Rise!” waren die Mittfünziger ihren Frühwerken seit Ende der Achtziger nicht mehr, und gerade der breitbeinige Chorus-Part steht dem giftigen “Back to the front”-Mittel-Keil von “Disposable Heroes” nur wenig nach. Wenn Hetfield und Hammett mit ihren Gitarren Gestein bersten machen und erster zu seiner zölestischen Beschwörung ansetzt, werden dem vorbelasteten Fan die Freudentränen in die Augen getrieben, heult man unweigerlich mit geballten Fäusten mit, während die Last von Doris tonnenschwer auf der Brust liegt, das Atmen erschwert: “Die as you suffer in vain / Own all the grief and the pain / Die as you hold up the skies, Atlas rise! // How does it feel on your own? / Bound by the world alone / Crushed under heavy skies, Atlas rise!”

Es ist natürlich ein geschickter Schachzug, jene drei Nummern als “Hardwired”-Vorboten auszuwählen, die am nähesten den Frühwerken gereichen – über die komplette Dauer können (und wollen?) Metallica dieses Level freilich nicht halten, aber dies fällt nicht sonders störend ins Gewicht: Natürlich ist kein zweites “Kill ‘Em All” mehr zu erwarten – Hetfield, Ulrich und Gefolge sind keine Asseln mehr, die im pubertären Zorn irgendwo zwischen fettdurchtränkten Pizzakartons und zerknüllten Bierdosen im ungeheizten Proberaum Hunger darbten, fröstelten und daneben ihren Unmut lautstark skandierten. Es sind nun gestandene Herren, in einem guten und wohlgeordneten Umfeld, die sich aber eines eigentlichen Glücksgriffes bedienen: Dieser liegt – neben den Ausreißern nach oben – darin, sich rückwirkend zu amnesieren, mit einem nachträglichen Puzzlestein vielleicht seine Kontinuation von der breitenwirkenden Klimax zur Radiotauglichkeit zu legitimieren, sie zu substanziieren. Denn, so gut ein Gros des Materials auf “Load” und “ReLoad” auch war, so a prima vista war der Bruch auch – selbst eingedenk der kommerziellen, dabei aber immer noch bulligen Ausrichtung von “Enter Sandman”, “Sad But True”, “Wherever I May Roam” und Konsorten: Da wurden beim Frisörmeister nicht bloß die Spitzen geschnitten, sondern die Matte in eine edle Kurzhaarfrisur verschandelt, und zudem noch gefärbt. Und das geht mal gar nicht.

Gerade die verbliebenen Nummern auf der ersten Disc vermögen, mühelos die so sträflich vernachlässigte Brücke zwischen 1991 und 1996 zu schlagen, dabei soliert Hammett – der diesmal aufgrund des Verlustes seines Mobiltelefons mit all seinen Riffideen keine Credits überreicht bekam – auf allen Stücken wie der junge Wah-Wah-Gott, der gerade klirrende Klassiker wie “Fight Fire With Fire” und “Creeping Death” dereinst maßgeblich veredelte: “Dream No More” zeigt Hetfield als wütenden Grizzly auf Streifzug, mit einer von “Leper Messiah” genährten Schwere, die sich mühelos in die Elegie eines “Memory Remains” fügt, oder auch “Now That We’re Dead”, das bereits in der Introduktion omnipotent grollt und sich langsam, aber stetig zu einem zermalmenden Bastard aufbäumt, dabei aber nicht den einlullenden Charakter der erdenschweren Blues-Phase außer Acht lässt. Apropos “aufbäumen” – insbesondere auch der mit “Halo On Fire” betitelte abschließende Teil von Runde 1 offenbart ein wiedergefundenes Geschick Metallicas: Während gerade “St. Anger” und “Death Magnetic” der Versuch war, eine möglichst umfassende Vielzahl an möglichst harten Versatzstücken wahllos aneinander zu reihen, dabei aber lediglich einen plumpen Dominoeffekt anregte und schließlich stolperte, lebt “Hardwire” von einer inneren Kontinuität, von Spannungsbögen – etwas, das Metallica bereits zu wilden Demozeiten auszeichnete und auf “… And Justice For All” auf seinen überbordenden Zenit gepeitscht wurde. Hier, auf “Halo On Fire”, täuscht Hetfield dem Erlkönig gereichend süßlich links an, bevor er zu Versende aufheult wie ein wild gewordener, angestachelter Cerberus – und rechts zubeißt.

Verglichen mit den ersten 37 Minuten fällt hierauf Runde zwei qualitativ im Schnitt einen Tick ab – gerade “Confusion” kann trotz durchaus vorhandener Qualitäten als Einstieg dem Titelstück nicht das Wasser reichen. Auch wirken die Folgenummern zu ähnlich in Gang gebracht, etwas in die Länge gezogen und so um ihre Essenz beraubt – denn wenngleich mit “Am I Savage?” und dem Lemmy gewidmeten “Murder One” (das jedoch nicht zwingend versucht, den Motörhead-Charakter zu imitieren) auch hier wieder zwei Glanzpunkte exzeptionell (und das insbesondere im Mitgröl-Chorus) aufhorchen lassen und sich den Stärken der bereits ausreichend benannten Bezugspunkte der Neunziger bedienen: Gerade die Fragestellung “Am I savage?” klang bei “Am I evil?” schon deutlich mehr nach Metallica, war dabei aber von Diamond Head. Insbesondere der singuläre Co-Beitrag von Bassist Robert Trujillo, “Man(un)kind”, wirkt bereits im naheliegenden Bassintro sperrig, und kann auch gesanglich nicht mit dem ansonsten respektablen Level mithalten. Auch “Here Comes Revenge” scheint, gerade auf den Titel bezogen, etwas zahnlos – und macht dabei an den alten Witz denken: Man kommt nicht mit einem Messer zu einer Schießerei.

Doch die Überraschung folgt zum Schluss: Mit “Spit Out The Bone” zieht Metallica noch einmal ordentlich das Tempo an, wird insbesondere Ulrich einem junggeselligen Mustang gleich über die Prärie gepeitscht, dass es nur so eine helle Freude ist – man sich noch einmal nicht nur jung wähnt, sondern sogar fühlt. Das Ergebnis ist das rabiateste Albumfinale seit “Dyers Eve”, eine zirkulative Stampede, die in ihrem Schnodder und Geifer nicht selten Erinnerungen an “Metal Militia” aufblitzen lässt.

Das Fazit

Man darf nicht den Fehler machen, Metallica nach wie vor in ihrem alten Umfeld zu wähnen, neben Slayer, Megadeth, Anthrax, Testament oder Hammetts alter Band Exodus: Dafür lief die Entwicklung zu gegengleich, dafür blieben all die anderen viel zu sehr in ihrer eigenen Vergangenheit verhaftet, während Metallica wagemutig neues Terrain beschritt. Gerade die aktuelle Testament-Scheibe “Brotherhood Of The Snake” vermag, auf den ersten Eindruck keinen Unterschied zu den Achtzigern – als das Genre noch in Ordnung und nicht gezeichnet war – entstehen zu lassen. Und auch beim polternden Ungestüm von Slayers “Repentless” merkt man vielleicht einen Qualitäts-, nicht aber einen Härteverlust.

Metallica waren dabei schon immer anders, tickten weniger verbohrt und konservativ. Erstmals gelingt ihnen jedoch auf “Hardwired”, ihre Eckpunkte “Motorbreath” und “Fuel” zu einer getriebenen Melange zu vermengen, die wie Hetfields Hotroad-Sammlung nach Treibstoff giert und schließlich in getriebener Ekstase knapp über dem Asphalt pflügt. Natürlich, die Kritiker werden auch bei “Hardwired” nicht ausbleiben. Die oe24-Leserschaft wird naturgemäß ein zweites “Nothing Else Matters” missen, dafür geriet das Album zu rigoros und alles andere als verträumt und verschmust. Andere wiederum werden – insbesondere angestachelt durch die ersten drei Singles – in ihrer Gier noch mehr des alten Duktus atmen wollen. Einige wenige werden verteufeln um des Verteufelns Willen. Das so objektiv wie nur irgendwie menschenmögliche Fazit liegt wohl irgendwo in der Mitte: Mit “Hardwired” gelingt Metallica, ihr initatives, vergleichsweise kleines Kernzielpublikum, das nach Vehemenz und Geschwindigkeit krakeelt, mit den schier endlosen Massen aus der Populärperipherie, für die zuvor Bon Jovi oder U2 das Maß aller Dinge, ganz oben an der Härteskala, waren, zu einem homogenen Ganzen zu verbinden. “Hardwired” ist die Scheibe, die die Neunziger (und dabei Metallicas Ehre) gerettet hätte.

 

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