Mikro-Größe

Ein Klanggärtner auf Solopfaden: Chris Cornell beweist auch ohne seine Soundgarden-Kollegen, dass er einer der charismatischsten und besten Sänger der Rockgeschichte ist.

 

Man mag es aufgrund der Optik gar nicht glauben, aber bereits vor 51 Jahren erblickte Chris Cornell das Licht der Welt und das an einem, zumindest musikalisch, sagenumwobenen und außergewöhnlichen Ort: Seattle.
Seattle ist für manch einen eine triste Stadt– geprägt von Industrie und teilweise schlechtem Wetter, das zwischen protzigen Wolkenkratzern hängenbleibt. Umringt wird sie jedoch von saftigen, grünen Wäldern – die Stadt ist quasi ein Oxymoron. Heißt es doch, dass sich ein Charakter einer Stadt auf ihre Einwohner überträgt oder umgekehrt, so kann im Fall von Chris Cornell durchaus zugestimmt werden: Depressiv und trist wirkt er oftmals, oder auch nachdenklich. Dennoch schafft er es mit seiner Musik in so vieler Hinsicht Glück zu verbreiten, obwohl auch diese wiederum eher in der düsteren Ecke angesiedelt ist. Der Kreis schließt sich also.
Spätestens seit dem kommerziellen Durchbruch seiner Band Soundgarden mit ihrem vierten Album, das ironischerweise mit „Superunknown“ betitelt ist, kannte man den Mann mit der imposanten Stimme und Bühnenpräsenz weit über die Grenzen der Westküstenstadt hinaus. Apropos Stimme: Er soll dazu in der Lage sein, über vier Oktaven mit ebendieser abzudecken, da kann wohl nur noch Mariah Carey mithalten – die überlappende Fangemeinschaft wird hier aber wohl verschwindend sein.

Teamplayer
Seine Zeit bei Soundgarden war geprägt von Aufs und Abs. Obwohl Kritiker die Band aufgrund ihrer instrumentalen und im Falle von Chris Cornell stimmlichen Vielfältigkeit oftmals als eine der interessantesten im Grunge-Universum auserkoren, stand sie oftmals im Schatten von anderen Genregrößen wie Pearl Jam und natürlich nicht zu vergessen Nirvana. Ihre Auflösung gaben sie schlussendlich 1997 bekannt. Die Gründe? Wie so oft angebliche interne Auseinandersetzungen, Stimm- oder Alkoholprobleme, Gerüchte gibt es viele, wissen tun es wohl nur die Bandmitglieder selbst. Wie oder was es auch immer war, das zur Auflösung führte, Fans konnten immerhin dreizehn Jahre später wieder aufatmen, da Soundgarden eine Wiedervereinigung bekannt gaben, und zwei Jahre später gab es dann auch schon ein neues, vielversprechendes
Album auf dem Markt.
Als ultimativ schade und am Rande ist noch kurz zu erwähnen, dass es Temple Of The Dog nicht mehr gibt. Für genau ein gleichnamiges Album konnte man nämlich die wohl zwei besten Stimmen der Seattler Rockmusik zusammen hören: Eddie Vedder und eben Chris Cornell, damals zwischen 1990 und 1992.
Chris Cornell war in der soundgardenlosen Zeit aber keinesfalls untätig – ganz im Gegenteil: Er schloss sich mit ehemaligen Mitgliedern der ebenfalls aufgelösten Rage Against The Machine zusammen und gründete Audioslave, die mit ihren drei Alben einige Erfolge verzeichnen konnten. Bandtechnisch macht für Chris Cornell das verflixte siebente Jahr auf jeden Fall einen Sinn, denn auch hier wurde die Band in einem 7er-Jahr aufgelöst, zehn Jahre nach Soundgarden. Ein paar Jahre später bestätigte Chris Cornell in Interviews, dass dies unter anderem an seinem immer stärker werdenden Alkoholproblem lag und er einen großen Teil zur Auflösung beitrug.

Solo
Schon zwischen Soundgarden und Audioslave widmete sich Cornell seiner Solokarriere. Musikalisch war schon sein erstes Soloalbum „Euphoria Morning“ von 1999 in einer viel ruhigeren Ecke angesiedelt, als man es von Soundgarden kannte. Sein nächstes Werk erschien mit „Carry On“ erst 2007 und hatte ein ganz besonderes Zuckerl mit an Bord: Einen Bond-Song. Obwohl Chris Cornell immer wieder angab, manche Songs so umzuschreiben, dass sie sich weniger poppig anhören und somit nicht ins Radio passen, trat er mit „You Know My Name“ zu „Casino Royale“ wohl in Siebenmeilenstiefel der Popmusik. Aber auch dafür gibt es eine Erklärung, die zur coolen Rockattitüde fernab vom Popsternchen passt: Es war der erste Bond mit Daniel Craig, der erste „coole“ Bond, der erste „andere“ Bond. Anders eben, so wie Chris Cornell sich selbst gerne gibt.
Nach dem Bond-Date folgten noch weitere zwei Soloalben, eines davon ein Livealbum, wobei beide eher mäßig Aufmerksamkeit auf sich zogen. Nun erschien heuer, obwohl angeblich auch gerade fleißig an neuen Soundgarden-Nummern gearbeitet wird, eine Solo-Scheibe, die ein bisschen kraftvoller und interessanter klingt als das zuvor Dagewesene. Also ja, es tut sich was am Cornell’schen Musikhimmel. Dass das gut ist, kann wohl jeder bestätigen, der ihn schon einmal live erlebt hat, ob mit Soundgarden, Audioslave oder solo: für die Ohren und – so sagt vor allem die weibliche Fanfraktion – die Augen ein Genuss

 

Über vier Oktaven gibt es von Chris Cornell am 12. April im Wiener Konzerthaus bei ausgezeichneter Akustik zu hören. Tickets auf oeticket.com und unter 01/96096.

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!