Mittelalter rocks!

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In Extremo mit Sänger Micha Rhein alias „Das letzte Einhorn“ stehen seit 18 Jahren an vorderster Front in Sachen Mittelalterrock. Mit dem neuen Album Kunstraub  geht’s jetzt einen Schritt weiter in Richtung Mainstream. Im TICKET-Interview philosophiert er, warum sich immer mehr Menschen in die Fantasiewelt der „Dunklen Zeit“ flüchten und in Kostümen Schlachten nachstellen, über Kunstfälscher und Kunstraube – und Micha verriet auch, dass der Toten Hosen-Hit Tage wie diese eigentlich gar nicht von ihnen stammt!

Irgendwie scheint es, als ob ihr euch weg vom Mittelalter-Sound bewegt?

Micha Rhein: Das sagen viele, dass Mittelalter immer weniger wird. Aber es sind genauso viele Mittelalterinstrumente drinnen wie in den anderen Alben auch. Es ist einfach anders verpackt.

Und es gibt viele Songs, die echte Mitgröhl-Nummern sind…

Micha: Ja, das hatten wir schon immer, das ergibt sich so. Wenn ich an den Lebemann denke… Bei Feuertaufe das „Ho, ho“ war am Anfang gar nicht drinnen. Wir haben das ganz roh eingespielt, dann lief die Melodie und unser Producer schrie „Ho, ho“ dazu! Ich war begeistert und habe das behalten.

Du hast den Producer angesprochen. Er arbeitet auch mit den Toten Hosen, die hatten mit Tage wie diese  einen Mega-Mitsingknaller.

Micha: Wenn du Titel aufnimmst, denkst du in diesem Moment nicht an so etwas. Die Hosen oder Ärzte haben solche Elemente in jedem Lied, das ist aber nicht so unser Ding.

Hat In Extremo das Potential, auch so einen riesigen Hit abzuliefern?

Micha: Wir haben solche Hits wie Vollmond, Küss mich, Feuertaufe, aber die werden von der breiten Masse nicht entdeckt, weil uns keine Radiostationen, keine Fernsehsender spielen. Man muss aber auch sagen, dass weder der Text noch die Melodie von Tage wie diesen von den Hosen stammt. Das weiß ich.

Zum ersten Mal sind alle Texte auf Deutsch, es gibt kein Latein. Ein Opfer für die Massentauglichkeit?

Micha: Es gibt einen althochdeutschen Text, der ist auf der Limited Edition. Als die Nummern für das Album feststanden merkten wir, dass da keine Mittelalter-Lyrik dazu passt. Das wäre ein Fremdkörper gewesen.

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Immer mehr Menschen finden Gefallen am Mittelalter und suchen in Verkleidungen, in Märkten und Festen Zuflucht vom Alltag. Wird das immer mehr?

Micha: Die Leute sind auch immer mehr gestresst. Wenn du von morgens um acht bis abends um fünf im Büro bist, noch zwei oder drei Stunden auf der Autobahn unterwegs bist, zwei oder drei Kinder zu versorgen hast, dann will man am Wochenende abfeiern. Das wie auf dem Dorf. Die arbeiten die ganze Woche, und am Freitag treffen sie sich im Wirtshaus und geben sich die Kante. Der eine macht Bogenschießen, der andere spielt Fußball, der andere spielt Mittelalter.

Je mehr Krise, desto mehr Flucht?

Micha: Ja, sicher! Das alte Katz- und Maus-Spiel. Das hat auch viel mit einem Freiheitsgefühl zu tun. Es gibt ganz viele Laiendarsteller, die sich am Wochenende auf den Feldern treffen und Schlachten nach spielen. Wenn du das siehst, denkst du dir im ersten Moment: Die alle irre! Aber das ist doch Klasse! Die toben sich aus, nehmen ihre Rollen ernst. Woanders schmeißen sie in ihrer Freizeit Telefonzellen ein. Was ist besser?

Kommen Texte wie bei Alles schon gesehen mit dem Alter? Wenn man drauf kommt, dass man selbst gar nicht so wichtig ist?

Micha: Absolut. Der Text kann man aus vielen Gesichtspunkten interpretieren, natürlich hat es mit Alter und Weisheit zu tun. Das kann aber auch eine Geschichte über eine Drogenvergangenheit sein. Da kannst du alles draus machen.

Bist du der Hochstapler im Lebemann?

Micha: Im Lebemann kann sich jeder wiederfinden. Es gibt einen Typen, ein sehr guter Freund von uns, sein Spitzname ist Herr Lebemann. Keiner weiß eigentlich, wovon der lebt. Der fährt immer die dicksten Kisten, reist in der Weltgeschichte rum, sitzt in den größten Fußballstadien mit VIP-Karten, aber keiner weiß, wovon der lebt.

Hast du schon einmal hochgestapelt?

Micha: Ja, absolut! (lacht herzlich) Das macht man, das passiert.

Im Titel Gaukler  geht es um Zirkuskünstler. Bist du ein Zirkusfan?

Micha: Absolut, ich hab‘ ja ewig Straßenmusik gemacht. Gaukler ist mit Abstand mein absoluter Favorit auf dem Album, ein Herzenssong. In der DDR gab es den Plänterwald, einen Vergnügungspark, der nach der Wende bankrott ging. Das Gelände gibt‘s heute noch, das Riesenrad ist total verrostet. So ist uns die Idee gekommen. Man kann da noch mehr hinein interpretieren… Orchester machen dicht, da sitzen tolle Musiker auf der Straße und spielen Bach auf der der Querflöte um dreißig Cents. Da steht ein Clown in Berlin auf dem Alexanderplatz und bettelt für Tierfutter, weil keiner mehr in den Zirkus geht. So ist der Song gemeint.

Was kannst du mit dem Thema Bildende Kunst anfangen?

Micha: Ich bin kein Kunstbanause, aber ich gehe nicht in Galerien und so. Entweder mir gefällt ein Bild oder ein Foto oder eben nicht. Was ich nicht verstehen kann ist, wenn jemand drei Striche an die Wand macht und Leute zahlen zwanzigtausend Dollar dafür. Aber egal. Es gab ja wirklich diesen Kunstraub in Rotterdam, das hätten wir sein können. Wir finden das so klasse! Dreist auch, die gehen einfach rein und klauen Millionenbeträge. Solange keine Menschen zu Schaden kommen, ist das doch der Hammer! Der perfekte Bankraub. Das wünscht sich doch jeder.

Oh, es steckt kriminelle Energie in dir?

Micha: Ach, die steckt doch in jedem. Solange keiner dabei zu Schaden kommt… den Staat schön eins auswischen, oder einem Großkonzern. Da bin ich jederzeit mit dabei! Jeder versucht doch eine kleine Lüge in seine Steuererklärung rein zu bekommen, damit er zwanzig Cent weniger bezahlt. Wer das nicht zugibt, lügt einfach.

Die Wiederentdeckung von Nazi-Raubkunst in Bayern kommt euch sehr gelegen?

Micha: Auf jeden Fall! Wenn der alle Bilder wiederbekommt, ist halb Israel am Telefon und kratzt an der Tür! Dem wahren Besitzer sollte man sie wiedergeben, das ist meine Meinung, das kann man alles durch Bürokratie klären. Letztendlich wird, egal wer das bekommt, damit Schindluder getrieben. Der Staat sollte ein Haus bauen, die Bilder dort ausstellen, dann sind sie für jeden sichtbar und alle sind zufrieden. Dem Alten, der krank ist und Jahre lang darauf geschlafen hat, sollte man zwei Bilder lassen, damit er eines verkaufen kann und nie wieder arbeiten muss.

Das Cover besteht aus sieben Rembrandt-„Fälschungen“ mit euren Porträts.

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Kunstraub ist bei Vertigo Berlin (Universal) erschienen.

Micha: Ja, gemalt von den Gebrüdern Posin, das sind drei Russen. Ihre Öffnungszeiten in Berlin sind von 20:00 Uhr abends bis Open End, das sind die anerkanntesten Kunstfälscher der Welt. Sie haben die Originalbilder, die damals in Rotterdam gestohlen wurden, als Vorbilder genommen und unsere Köpfe raufgemalt. Das sind wirklich Ölgemälde. Wir bekommen die Originale später, die sind ein kleines Vermögen wert. Die Bestellungen kommen aus der ganzen Welt, da kostet eines zwanzig bis fünfundzwanzigtausend Dollar.

 

Interview: Alexander Haide

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