Morbid Angel: Kingdoms Disdained

Morbid Angel

“Kingdoms Disdained” ist nach dem unsäglichen “Illud Divinum Insanus” der letztmögliche Versuch der Koryphäe Morbid Angel, ohne verheerendem Prestigeverlust und Affront an sich selbst wieder zu alter Stärke aufzufahren.

Morbid AngelFür Genrereferenzen, die heute nur mit Fug und Recht als „Klassiker“ gelten, ist es gleichermaßen Fluch wie Segen: Bis zu ihrem Ableben werden sie an ihren Meisterwerken gemessen werden, und bis zu ihrem zumeist um einige Jahre zu spät angesetzten Hiatus wird man ihnen genauer auf die Finger schauen als all jenen, die nach ihnen kamen – viel mehr noch: Fehlgriffe gelten gemeinhin als unverzeihlich.
Doch haben sich derartige wohl – mit exemplarischen Blick auf die floridianische Death-Metal-Schule – alle schon geleistet: Deicide haben seit „Serpents of the Light“, Malevolent Creation spätestens seit „Envenomed“ nichts Relevantes mehr vollbracht, Obituary ist erst dieses Jahr nach einer Flaute von gut zwei Jahrzehnten mit ihrem selbstbetitelten Album ein Anknüpfen an die initiative Trias gelungen – und selbst bei den ansonsten durchaus verlässlichen Cannibal Corpse hat sich spätestens mit dem aktuellen Album „Red Before Black“ so etwas wie Monotonie und Gewöhnlichkeit eingeschlichen. Dass im Back-Katalog einer weiteren Grande aus Florida, dem Genre-Namensgeber Death, kein Ausfall zu vermelden ist, liegt wohl allein begründet im frühen Tod der Band-Konstante Chuck Schuldiner – ein kauziger Egozentriker ebenso wie Landeskollege Trey Azagthoth, welcher sich hingegen mit dem Morbid-Angel-Letztling „Illud Divinum Insanus“ sehr wohl Unrühmliches geleistet hat.

Dabei standen doch die Vorzeichen auf Sturm, war immerhin Bassist und Sänger David Vincent, der nach politischen Verwirrungen seinerseits für drei Alben von Steve Tucker ersetzt wurde, wieder zurückgekehrt – eine Koryphäe, die immerhin für Klassiker von „Altars Of Madness“ bis „Domination“ mitverantwortlich zeichnete. Doch rückblickend scheint es, als hätte er – nebst Azagthoths bekannter Empfänglichkeit für Remixes – auch „Illud Divinum Insanus“ seinen mittlerweile von den unsäglichen Genitorturers verworrenen Stempel aufgedrückt, rückte Morbid Angel immerhin in ein – freundlich formuliert – experimentelleres Feld. Schwülstige Lidschatten und ein hautenges Latex-Oberkleid hätte man ihm ja noch verziehen, aber diese peinliche „neue Härte“, die vereinzelte Stärken wie “Existo Vulgore”, „Nevermore“ oder „Blades For Baal“ schwinden ließen, war maximal für das Drehbuch einer trashigen Reality-Seifenoper geeignet: Eines Tages haben sich in der hippen Vorstadt einer x-beliebigen Metropole im Proberaum ums Eck vier langhaarige Rabauken eingenistet, doch Wohlstandsmädchen Sophie findet Satanisten David zum Missfallen ihrer Eltern plötzlich irgendwie ganz doll niedlich …

Ein totes Pferd für ein Königreich

Alles neu nun mit dem Fortschreiten im Alphabet – dass zwischen dem „I“ und „K“ üblicherweise noch ein „J“ wie „Judgment“, „Jaw“ oder „Jaundice“ zu finden wäre (“Juvenilia” giltet, da Record-Store-Day-only, im Gegensatz zu “Entangled in Chaos” nicht), werden wir den Alphabet Killer Azagthoth zu einem geeigneten Zeitpunkt mitteilen: Steve Tucker, der von „Formulas Fatal to the Flesh“ über „Gateways to Annihilation“ bis „Heretic“ einen sehr wohl respektablen Job abgeliefert hat, ist erneut zurückgekehrt, während Pete Sandoval mittlerweile von Scott Fuller (Havok, Abysmal Dawn, et al) ersetzt wird. Das Resultat nennt sich epochal „Kingdoms Disdained“, der erste Eindruck „Piles of Little Arms“ – der das Album auch eröffnet – versprach nicht nur titelmäßig ein beklemmendes Ambiente, wenngleich das Covermotiv – entgegen der herrlich kantig-knackigen Produktion von ex-Engel Rutan – auch einen fahlen, generischen Beigeschmack aufkommen lässt.

Und doch ist selbiges programmatisch für „Kingdoms Disdained“ geraten, denn endlich laufen Morbid Angel wieder ungebändigt der lodernden apokalyptischen Reiter gleich Amok, lassen die Flammen gierig züngeln und die Glut verheerend schwelen. Nein, es ist freilich (knapp) kein moderner Klassiker geworden – kreative und exemplarische Höhenflüge wie zu den Anfängen der Neunziger sind aufgrund einer Vielzahl an äußeren Einflüssen wohl auch mittlerweile unmöglich –, aber dennoch ein Album, das nahtlos an die durchaus schätzenswerte Mittelphase anschließt und mühelos mit etwa „He Who Sleeps“ oder „Hellspawn: The Rebirth“ mithalten kann.
„Kingdoms Disdained“ ist ein mit Testosteron hochgezüchtetes Mammut, das in Zorn und Geifer querbeet stampft, bar jedweder Rücksicht auf Verluste, dabei nur selten kochenden Dampf schnaufend innehält (“Declaring New Law”). Azagthoth beweist allen voran erneut, dass er nicht nur ein sensationeller Solist ist (“From the Hand of Kings”), sondern es auch vermag, einen manischen, dennoch kontrollierten Rhythmus zu kredenzen – stets pendelnd zwischen der Hysterie von „Blessed are the Sick“ und dem Groll von „Domination“ – man führe sich allein „D.E.A.D.“ zu Gemüte, das insbesondere im Mittelteil wütet wie eine nach Blut gierende Wildsau. Gerade bei den geschickt pointiert gesetzten Geschwindigkeitseruptionen wird auch klar, dass nicht nur Tuckers unheimliches Gegrolle – das deicideske „The Pillars Crumbling“ schält die Nägel bis zum Anschlag und jagt selbige ins Nagelbett – letztlich dem Klang Morbid Angels dienlicher als mittlerweile Vincents ist, sondern auch, dass Fuller ein durchdachteres Spiel als noch sein direkter Vorgänger Yeung vorzulegen weiß – und somit Sandoval näher zur Seite tritt. Es sind gesangliche und spielerische Explosionen wie diese, die „Kingdoms Disdained“ über die volle Länge hinweg gelingen lassen – speziell auch weil etwa exemplarisch „Garden of Disdain“ mit einem überragenden Geschick aufzutrumpfen weiß: Es ist ein brachiales Inferno, das jedoch nicht unkontrolliert in jedwede Richtungen stiebt, sondern seinen Weg der absoluten Vernichtung mit blutunterlaufenem Blick stur nach vorne treibt. Kreationen wie „The Righteous Voice“ oder auch „Architect and Iconoclast“ beweisen letztlich, dass selbst Granden wie Morbid Angel nicht in einer Fäulnis, sich selbst wieder und wieder in absolut bekannter Ödnis wiederzubeleben, verkommen müssen, damit ihnen Wahrhaftigkeit attestiert werden kann – ein Problem, an dem viele einstige Heroen darben: Zieht man sich das Gesicht in Fetzen vom Gesicht, blickt einem erneut das altbekannte Antlitz entgegen, lediglich verzerrt durch triefenden Eiter und Schleim. Selbst morbide Romantik geht anders.

Es tut letztlich vielleicht auch Not, sich vom verklärten Jenseits zu lösen: Name und Prominenz in allen Ehren, doch wer Sandoval mit Terrorizer etwa am diesjährigen Netherlands Deathfest erleben durfte weiß, dass es um seinen Glanz und seine Glorie nicht mehr weit bestellt ist. Und ja, spätestens mit „Paradigms Warped“ macht auch Tucker klar, dass er dem juvenilen Wahn Vincents auch spielerisch mühelos das Wasser reichen kann. Das Gelingen von „Kingdoms Disdained“ fußt somit nicht nur auf dem beinah sturen Widerstreben, lediglich einen repetitiven, missgestalteten Homunkulus seiner selbst geläutert hervor zu würgen, als auch im beinah heroischen Mut, das Feuer des personellen Labsals zu durchschreiten. „Kingdoms Disdained“ steht vielleicht nicht auf einer Ebene wie das initiative Quartett, so doch Schulter an Schulter mit selbigem – und ist zweifelsohne als mit Abstand bestes Album der Vincent-losen Ära zu werten. Der Engel breitet aus seine Flügel – und schwingt sich majestätisch durchs Drommetenrot …

Morbid Angel“Kingdoms Disdained” erscheint am 1. Dezember auf Silver Lining Music. Produziert wurde es von Erik Rutan, fürs Artwork zeichnet Ken Coleman verantwortlich.
1. Piles of Little Arms 03:44
2. D.E.A.D. 03:00
3. Garden of Disdain 04:24
4. The Righteous Voice 05:03
5. Architect and Iconoclast 05:44
6. Paradigms Warped 03:59
7. The Pillars Crumbling 05:05
8. For No Master 03:28
9. Declaring New Law (Secret Hell) 04:21
10. From the Hand of Kings 04:02
11. The Fall of Idols 04:48
Gesamtspieldauer: 47:38

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