Musik ist nicht Pornographie

Nach einer kurzen Pause sind die Backyard Babies wieder zurück auf den Festivalbühnen und das mit neuem Album im Gepäck. !ticket unterhielt sich mit Nicke Nicke Borg über den Lauf der Zeit, Pferde und Streaming.

 

Das Telefon läutet und der sympathische Nicke stellt sich vor und erzählt mir, dass er gerade in Stockholm auf seiner Terrasse in der Sonne sitzt. Er freut sich, denn nun ist es endlich richtig warm (20 Grad … die Schweden haben wohl ein anderes Verständnis für Wärme) und er kann den Sommer genießen. Außerdem: Was gibt es denn Besseres als seine Pressearbeit entspannt auf einer lauschigen Stockholmner Terrasse zu verrichten? Kaum etwas, finden wir beide. Und dann geht es auch schon los, mit der Ausfragerei:

 

Nun seid ihr also wieder zurück nach eurer Pause. Wie kam es dazu?

Wir sind jetzt schon so viele Jahre im Business und ich denke mir, egal welchen Beruf du ausübst, man muss immer mal eine Pause einlegen und ich bin froh, dass wir das gemacht haben, weil wir in den letzten fünf Jahren sowohl neue Energie und eine neue Art zu denken, Musik zu machen und in einer Band zu sein entwickelt haben. Wir machen das jetzt 27 Jahre oder so … die Fans haben sich Sorgen gemacht, man hat geglaubt, wir lösen uns auf und sind keine Freunde mehr. Wir haben einfach versucht uns zurückzuziehen und die Fans waren geduldig. Jetzt sind wir wieder hier auf den Festivalbühnen und mit einem neuen Album im Gepäck, das ist wirklich cool. Das Publikum ist glücklich, wir sind glücklich und es ist alles in allem einfach ein gutes Gefühl. Das habe ich vermisst, bevor wir die Pause gemacht haben, hat es nicht mehr so viel Spaß gemacht. Man darf auch nicht vergessen, dass sich die Musikindustrie immer wieder verändert, es ist hart auf eine gesunde Art und Weise ein Teil davon zu sein. Du musst das Ganze eher von außen betrachten, um zu erkennen, wie du dich damit arrangieren kannst. Als wir anfingen Musik zu machen, hat man alles auf Kassette und Vinyl gemacht, jetzt heißt es nur noch „Streaming“. Es ist so viel passiert in den letzten Jahren. Aber, wir sind gerade so eine richtige Happy-Band.

Was ist das Positive, was das Negative an der angesprochenen Veränderung?

Mein Freund Ginger Wildheart hat letztens zu mir gesagt: „Musiker, die sich über die Industrie aufregen sollten mehr Zeit dazu verwenden, sich an sie anzupassen.“ Das ist auf eine gewisse Art und Weise richtig. Die Backyard Babies versuchen einerseits alles ein bisschen oldschool zu machen, also Alben auf Vinyl herausbringen und so.  Andererseits müssen wir uns natürlich auch an die neue Generation anpassen – es passiert einfach. Wie schnell du Menschen heutzutage erreichen kannst, ist eine sehr positive Entwicklung, das Negative bzw. das Negativste überhaupt ist, dass man ein bisschen rastlos und ungeduldig wird. Man hat sich an so viele neue Entwicklungen gewöhnt, und alles muss sofort schnell da sein, wenn du kein WLAN hast, bekommst du Panik, wenn etwas nicht sofort auf Facebook ist, oder irgendwo online, macht dich das fertig. Musik sollte aber nicht auf so eine Art konsumiert werden. Man sollte warten, bis ein Künstler eine Platte veröffentlicht, sie kaufen und langsam zuhören. Musik ist Kunst, es geht nicht um schnelle Action. Musik ist nicht Pornographie. Es ist nicht dazu da um deine Sinne in einer Sekunde zu befriedigen.

Sowas geht verloren, wenn man Musik streamt, es ist alles innerhalb weniger Sekunden da. Vielleicht liegt es aber auch nur an mir, vielleicht bin ich zu alt, vielleicht sehen die Kids von heute es ganz anders, ganz sicher. Es gibt immer positive und negative Faktoren wenn es um Veränderung geht. Menschen haben angefangen zu schreien, als Musikvideos kamen, sie dachten, es würde Musik zerstören. Wir versuchen irgendwo in der Mitte zu bleiben. Wir haben neue Fans, wir haben solche, die von Beginn an dabei sind … wir machen Rock ‘n‘ Roll, es ist der zeitloseste Musikstil, du kannst es kaufen, streamen, live sehen … ja. Oh, das war jetzt eine lange Antwort auf eine kurze Frage (lacht).

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Wenn wir von zeitlos sprechen … welche Band, die sich nach 2000 gegründet hat wird ewig währen?

Ich habe gerade eine ähnliche Frage beantwortet … wir haben über Nikki Sixx und so und über meine Helden von früher gesprochen und ich wurde gefragt, ob ich irgendwelche neuen Helden in den aktuellen Bands sehe. Nicht wirklich, ich bin mir nicht sicher, vielleicht schaue ich auch nicht genau hin … was man schon sieht, dass auch Bands diese erwähnte Rastlosigkeit und Ungeduld besitzen. Sie machen sehr schnell Musik, nehmen auf, es hört sich am Laptop super an. Wenn sie dann aber nicht gleich von einer Plattenfirma unter Vertrag genommen werden, oder sich in den nächsten Monaten kein Erfolg einstellt, dann verlässt der Sänger die Band oder sie lösen sich gleich auf. Wir haben sechs oder sieben Jahre gespielt, bevor wir einen Plattenvertrag bekamen. Die Künstler und die Bands sind zu ungeduldig und die Plattenfirmen machen es auch nicht immer richtig. Vielleicht liegt es daran, dass heutzutage alles nicht mehr so lange währt. Schau dir mal die EDM-Szene an. Ich glaube nicht, dass du hier langlebige Karrieren siehst … nicht wie bei Iron Maiden, die es 55.000 Jahre gibt (lacht). Wenn du eine Band gründest und für so viele Jahre probst, vielleicht gibst du dann nicht einfach so auf, aber wenn du sofort berühmt wirst, dann fehlt dir der Respekt. Vielleicht, ich weiß es nicht …

Wird es euch in 50 Jahren noch geben?

"Four By Four" erscheint am 28. August bei Gain Records (Sony Music)

“Four By Four” erscheint am 28. August bei Gain Records (Sony Music)

Ich glaube, die Backyard Babies werden sehr lange hier sein. Ich sehe keinen Grund, nicht zu spielen. Wir hatten eine Pause, vielleicht machen wir noch mehr und müssen es auch gar nicht als solche ankündigen. Wir werden sicher nicht jedes Jahr eine Platte herausbringen, aber ich glaube, in meiner Welt, spielen wir so lange bis wir es nicht mehr auf die Bühne schaffen. Vielleicht auch einfach nur aus Spaß, aber Miete müssen wir dann auch zahlen. Wir werden irgendwann mal U2 schlagen, als Band, die am längsten in der Originalbesetzung unterwegs ist (lacht).

Ich habe mal so eine Aufstellung gelesen, da waren U2 ganz oben, aber auch wir waren auf dieser Liste.  Wir holen auf!

Neben Musik sind ja auch Pferde dein Hobby …

Oh ja … es ist lustig, dass dir das aufgefallen ist. Kann aber auch daran liegen, dass ich ständig Fotos auf meinen Social-Media-Kanälen poste (lacht).

Eigentlich ist mir das Ganze nur zufällig passiert. Ein Freund von mir hat mich mich ein bisschen reingelegt und mir erklärt, ich müsse bei so einer Fernsehgeschichte mitmachen und ich hätte reiten lernen müssen, in verdammten sechs Wochen oder so etwas und dann bei irgendeiner Competition mitmachen. Es war eine verrückte Idee, wirklich. Irgendetwas ist passiert, nachdem ich ein paar Mal auf dem Pferd war. Anfangs dachte ich mir: „Nein, das wird niemals was … ich weiß gar nicht, was ich hier mache.“ Aber dann ist mir aufgefallen, dass mir die Pferde den perfekten Kontrast liefern. Nicht nur zur Musik, sondern zum Leben generell. Ich mag alle Tiere, aber Pferde sind einfach so wundervolle, große Kreaturen, wenn du einmal auf einem Pferderücken bist, kannst du dich auf nichts anderes mehr konzentrieren, als einfach nur zu reiten. Das ist fast schon therapeutisch, um einfach nur weg vom Alltag zu kommen. Das Leben kann ja oftmals wirklich kompliziert sein. Es ist auch ein Adrenalin-Ding, es hat mich total erwischt. Es gibt mir die Energie, in diesem verrückten Business weiterzumachen. Alles ist so ruhig, wenn du mit den Pferden draußen bist.

Die Backyard Babies spielen am 9. November gemeinsam mit Graveyard in der Arena Wien. Hier gibt es noch Tickets.

Fotos: Ville Akseli Juurikkala, Hersteller

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