Sigur Rós & Sólstafir: Musik ohne Ufer

Sigurros

Musik kennt nicht nur Schwarz und Weiß, tänzelt nicht nur spielerisch zwischen den beiden Extremen Licht und Schatten, sondern sie kann in seltenen Fällen „dissoziativ gestört“ gleichzeitig auf beiden Polen ruhen.

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Isländische Musiker scheinen dieses rare Geschick für sich gepachtet zu haben. Diese „dissoziative Identitätsstörung“, die beim Menschen selbst freilich fatal wäre, ist in der Musik ein Zauber, der weiß, jenseitige Klanglandschaften zu evozieren. Es ist ein seltenes Geschick exzeptioneller Musiker, akustisch zu doppeln – und somit ein Naturspiel nachzuahmen, ähnlich, wie wenn die flirrend-lichte Endlosigkeit des Himmels in die erdrückende Weite des Weltalls übergeht oder wenn der Ozean von seiner schillernden Oberfläche langsam in die Untiefen der Gräben hinabsteigt und somit ein unbegrenztes Kaleidoskop entwirft.

Eine überwiegende Vielzahl dermaßen Befähigter findet man auf der größten Vulkaninsel der Erde: auf Island. Man kann sich der merkwürdigen Schönheit der Landschaft, dem spröden Charme der Menschen, der kruden Seltsamkeit des sozialen Lebens und der pittoresken Puppenstubigkeit nicht entziehen, und selbst der mit Lorbeeren überhäufte Film „Málmhaus“, gewissermaßen eine Heavy-Metal-Version von Goethes „Lehr- und Wanderjahren“, ist selbst in seinen lärmenden Momenten unglaublich zart.

Jenseitige Kopfmusik

Mittlerweile auf ein Trio reduziert, schritten Sigur Rós auf „Kveikur“ (2013) direkt und „hart“ ins ungewisse, dämmergraue Nichts, dabei offenbart der „Kerzendocht“ (so die Übersetzung) doch unweigerlich allein ein Ziel, das ihm mit Anna Kims Roman „Anatomie einer Nacht“ (der allerdings auf Grönland spielt) gemein ist: das Schreiten ins Jenseits licht und nicht dunkel erscheinen zu lassen. Diese Ausweglosigkeit verdeutlicht zudem ein bisher ungewohnter Hauch von Shoegaze, der sinnbildlich Ende und Anfang gleichstellt – der Humus Marke „Kadaver: Eigenbau“. Durch eine berstende Eisschicht hindurch gräbt sich beinah erfrorenes Fleisch nach oben, dabei Haut, Muskeln und Sehnen von den spitzen Eiskristallen aufritzend – allein, um sich schließlich an der unwirtlichen Oberfläche von einem klirrenden Wind umhüllt zu sehen, der Leben aushaucht, um selbst zu atmen.

Dabei ist „Kveikur“ beileibe kein Ausnahmefall, und neben „Ágætis byrjun“ und „()“ auch nicht der exponierte Glanzpunkt ihrer Karriere: Seit Mitte der Neunziger agieren sie behutsam in einer wunderschönen, aber eigenen Welt, kreieren überschwengliche Oden an die Lebensfreude, kippen rasant in falsettierte Introspektiven über, die immer wiederkehrenden Wechsel zwischen hypnotischen Traumzuständen und Momenten nahe des Wahnsinns machen dabei den musikalischen Reiz aus. Traumlandschaften mutieren zu Albtraumlandschaften, die dramatischen Exzesse pulsieren, schreien, schweigen – Antagonist und Protagonist verzerren sich gemeinsam zu einem filigranen, aber doch eminenten Gesamtkunstwerk, Sigur Rós versetzen mit ihrem sirenenartigen Charakter in Trance, bewusstseinserweiternde Mittel werden hier obsolet. So schön kann Hässlichkeit, so wärmend die Kälte, so liebreizend die Grausamkeit sein – sollte die Welt doch schlussendlich einmal bersten, wird jenes Trio wohl den lähmenden Soundtrack dazu stiften.

Kreativität vor Disziplin

Besonders spannend bei isländischer U-Musik ist einerseits die Faszination und der beinah selbstverständliche Umgang vieler ihrer Vertreter mit klassischen Instrumenten, mit Bläsern und Streichern – ohne dabei jedoch einen klassischen Anspruch zu heucheln –, andererseits aber auch die sympathisch sture Weigerung, in klar abgegrenzten Schubladen zu denken. „Kreativität vor Disziplin“, fordert mit einem schelmischen Lächeln Þó́rarinn Guðnason von Agent Fresco.

In Island, so verrät Óskar Logi Àgústsson von The Vintage Caravan (der auch in „Málmhaus“ eine tragende Rolle übernahm), musiziert man frei jedweden Druckes und vielleicht deshalb so originell. Schlagzeuger Stefán Ari führt aus: „Electro ist oft die Grundlage, die sich dann auf ziemlich abgedrehte Weise mit anderen Genres vermengt. Es ist wie unter einer Glaskuppel, da prallen auf relativ kleinem Raum viele verschiedene Ideen zwangsweigerlich aufeinander.“

Dies offenbart sich bei Sigur Rós, bei Björks Zusammenarbeit mit dem Brodsky Quartet, sehr schön auch an Jóhann Jóhannssons „Englabörn“, beim Ambient-Pop von Ólafur Arnalds („For Now I Am Winter“) und eigentlich am signifikantesten in Hilmar Örn Hilmarssons kompletten Œuvre: Isländische Musik ist stets Populärmusik, die seriös, aber nicht zwanghaft artsy ist.

So ist es SSolstafir-new_tour_line-up-Mikio_Arigaólstafir mit ihrem fünften Album „Ótta“ erneut gelungen, fulminant den Herbst einzuläuten. Seit ihrem Zweitling, dem bittersüßen  „Masterpiece Of Bitterness“, tunken die geläuterten Black Metaller ihren ureigenen, kargen Kosmos in Entrücktheit, fabrizieren einen Abgesang auf dem Weg in Dantes Inferno: „Lasciate ogni speranza voi ch’entrate!“. Es scheint, als stünden sie stoisch an zerklüfteter Küste, langbärtig und mit vom Wind zerzaustem weißem Haupthaar, die Haut von der Gischt feucht und gegerbt – nicht unähnlich zur Figur, die das aktuelle Covermotiv ziert. Erneut geben sich die Isländer auf ihrer Pilgerfahrt ins Ungewisse, ins Nirgendwo, harsch und versöhnlich. Sie bezaubern mit intensiven Streichern und einem leisen Piano – irgendwann erbricht ein Geysir Orgien in Moll, während Aðalbjörn Tryggvason stimmlich vor sich hin leidet und inwendig in seiner Ohnmacht erbricht.

Nicht den Herbst allein, viel mehr alle vier Jahreszeiten (wenngleich in der schaurigen Stephen-King-Mutation „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“) vertonen Árstíðir mit ihrem mehrstimmigen, polyglotten, komplexen Indie-Konstrukt aus Cello, Piano, Violine und Gitarre. Es ist ein ungewöhnlicher, unikaler Mix aus komplexen und reduzierten Klängen, ein transparentes, oft zartes, immer schwebendes Klangbild, das eine magische Balance zwischen Intimität und Geheimnis hält – frappierend und mindestens so traumhaft wie die Feenlandschaft Islands. Der Höhepunkt in diesem fragilen Konstrukt sind insbesondere die perlenden Stimmen, solo oder im Satzgesang – die den Eindruck erwecken, als könne man fliegen.

Klischee

Es kommt beinah einem platten Klischee gleich, wenn Publizisten versuchen, Direktbezüge zwischen der Musik einerseits, dem Land und den Leuten andererseits herzustellen – wenngleich: In Island ist es vielleicht naheliegender als sonst wo. 2007 veröffentlichten Sigur Rós ihren Dokumentarfilm „Heima“. Dort flossen Ausschnitte von Liveauftritten nahtlos in Bilder der isländischen Landschaft ein. Und selbst ohne unbeholfen mit trivialen Assoziationen zu spielen, weckt isländische Musik nicht selten das Gefühl, als sei sie als Geräuschkulisse eines Promovideos einer Touristenwebsite gedacht – diesen nicht gänzlich unkritischen Eindruck vertreten zahlreiche Musiker Islands, unabhängig voneinander befragt. Eine Selbstanalyse fördert jedoch nicht mehr als ein ratloses Schulterzucken ans Licht, denn: Als Patrioten sehen sie sich, gerade die jüngere Generation, nicht: „Geschichte ist etwas Schönes. Jeder sollte wissen, woher er kommt und wie er zu dem wurde, was er eben ist, aber wir sind extrem weit von Patriotismus entfernt. Wir machen nichts, weil wir stolz auf das Land sind. Ich hasse das Wort Patriotismus, weil es extrem einengt, gerade politisch. Andererseits gibt es so viel Kunst, Musik und Kultur in der isländischen Geschichte, die mich sehr wohl stark inspiriert“, zieht Arnór Dan Arnarson von Agent Fresco eine klare Trennlinie.

Tatsächlich hat Musik schlichtweg einen immens hohen Stellwert im alltäglichen Leben in Island, wie Stefán erneut bestätigt: „Ich glaube, dass uns die Sonne, die Helligkeit stark abgeht. Menschen flüchten sich dann ins kreative Arbeiten, insbesondere in die Musik. Musik hilft, Depressionen zu überwinden.“ Überdeutlich spricht der isländische Charakter in der „Universalsprache“ der Musik – einmal in der Muttersprache, dann wieder auf Englisch oder gar auf Vonlenska, einer Fantasiesprache von Sigur Rós’ Jón Þór Birgisson, die auf Melodiebögen aufbaut. Denn eine Introspektive, was isländische Musik unterm Strich tatsächlich viel mehr ist als ein bloßes Abbild einer bestimmten Sozietät in einem gewissen Ambiente, muss sich nicht zwangsweise in der Landessprache ausdrücken, ist sie in ihrem Vokabular und ihrer Grammatik doch sehr komplex, und kann – wie Soundzauberer Júníus Mayvant meint – rasch sehr schroff klingen, während Óskar wiederum ihren Kitsch hervorkehrt. Wir sehen: schon in der Brust des Ausdrucks, um Goethe zu persiflieren, leben zwei Seelen mit einem wehvollen „Ach!“ – da tut es gar nicht not, auch noch die malerischen landschaftlichen Klüfte interpretativ ins Boot zu holen: Gerne würde man die Beziehung zwischen den bauschigen Klangwolken und dem Zug dichter Cumulusfelder über Fjorden ausloten, in ihren schweren Bass-Drones den traurigen Klang der furchigen Erdkruste vermuten. Nur zu gerne würde man Analogien zwischen dem stoischen Rauschen der am Strand nagenden Wellen und den Streichern finden, das Mahlen der eisigen Gletscher in den ambient verschobenen Tönen wiederfinden – oder in den stellenweise unschuldig-naiven Pop-Gebilden die unglaublich klaren, sanft mäandernden Flüsse widergespiegelt sehen. All dies wäre richtig, aber falsch zugleich. „Ja, wir Isländer haben Vulkane und Thermalquellen und all das, aber wir sind weder Eskimos noch Elfen“, echauffiert sich da Björk enerviert.

 

Sólstafir spielen am 20. Mai im VZ Komma Wörgl, tags darauf in der Wiener Arena. Bereits ausverkauft sind Sigur Rós, die u. a. mit Ásgeir am 12. Juli im Rahmen des Ahoi! The Full Hit Of Summer Festivals auf der Linzer Donaulände aufspielen. The Vintage Caravan spielen am dritten Rock In Vienna-Tag auf der Wiener Donauinsel, und Thorsteinn Einarsson am 11. Juni am Kufstein Unlimited.

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