Musik ohne Ufer

Das Wunderbare an Musik ist, dass selbige nicht nur Schwarz und Weiß, Licht und Dunkel kennt, wenn sie will, spielerisch-tänzelnd zwischen den beiden Extremen pendeln kann, sondern in seltenen Fällen dissoziativ gestört gleichzeitig auf beiden Polen zu ruhen vermag.

 

Diese „dissoziative Identitätsstörung“, die beim Menschen selbst freilich fatal wäre, ist in der Musik ein Zauber, der weiß, jenseitige Klanglandschaften zu evozieren. Es ist dies ein seltenes Geschick einiger weniger Musiker, akustisch zu doppeln, was beispielsweise die Weite des Himmels, wenn er ins Weltall übergeht, oder der Ozean, der von der schillernden Oberfläche langsam in die Untiefen der Gräben hinabsteigt und somit ein unbegrenztes Kaleidoskop entwirft, naturgegeben entwirft.

Eine überwiegende Vielzahl derer dermaßen Befähigter findet man auf der größten Vulkaninsel der Erde, irgendwo zwischen Solfataren und Fumarolen und Geysiren: auf Island. Man kann sich der merkwürdigen Schönheit der Landschaft, dem spröden Charme der Menschen, der kruden Seltsamkeit des sozialen Lebens, der pittoresken Puppenstubigkeit von Reykjavik, der überbordenden Schönheit der Musik von isländischen Künstlern nicht entziehen, und selbst der aktuell mit Lorbeeren überhäufte Film „Málmhaus“, gewissermaßen eine Heavy-Metal-Version von Goethes „Lehr- und Wanderjahren“, ist selbst in seinen lärmenden Momenten unglaublich zart.

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Jenseitige Kopfmusik

Björk, Tochter von Hildur Rúna Hauksdóttir und Guðmundur Gunnarsson, ist längst international gefeierter Star, der Titel ihres achten Studioalbums „Biophilia“ programmatisch für die Wirkungsfähigkeit der isländischen Musik, so mannigfaltig sich selbige in ihren einzelnen Künstlern von Björk selbst, über Sigur Rós bis hin zu Biogen, Siggi Ármann oder Steindor Andersen auch äußern mag. Der Name ist von Edward O. Wilsons Hypothese abgeleitet, die von einer instinktiven Verbindung zwischen Menschen und anderen lebenden Systemen ausgeht.

Haben Sie das letzte Werk von Sigur Rós vielleicht noch nachklingen? Mittlerweile auf ein Trio reduziert, schreiten sie auf „Kveikur“ direkt und gewissermaßen „hart“ ins ungewisse dunkle Nichts, dabei offenbart der „Kerzendocht“ (so die Übersetzung) doch unweigerlich allein Ziel, das ihm mit Anna Kims Roman „Anatomie einer Nacht“ (der allerdings auf Grönland spielt) gemein ist: Lichte Strahlen auf einen Massensuizid strahlen zu lassen. Diese Auswegslosigkeit verdeutlicht zudem noch ein bisher bei Sigur Rós ungewohnter Hauch von Shoegaze und Industrial, der ähnlich wie bei Kraftwerk sinnbildlich Ende und Anfang gleichstellt – der Humus Marke „Kadaver: Eigenbau“. Durch eine berstende Eisschicht hindurch gräbt sich beinah erfrorenes Fleisch nach oben, dabei Haut, Muskeln und Sehnen von den spitzen Eiskristallen aufritzend – allein, um sich schließlich an der unwirtlichen Oberfläche von einem klirrenden Wind umhüllt zu sehen, der Leben aushaucht, um selbst zu atmen.

Wiederholt im Jahre 2012 durfte das ausverkaufte Open Air-Gelände der Arena die beeindruckende Bühnenpräsenz der isländischen Naturalisten erleben – wer dabei war, ist spätestens seit ehedem behutsam mit Begriffen wie „Epik“ und „Opulenz“, nimmt selbige nur mehr mit Bedacht in den Mund. Seit Mitte der Neunziger kreieren sie überschwängliche Oden an die Lebensfreude, kippen rasant in falsettierte Introspektiven über, die immer wiederkehrenden Wechsel zwischen hypnotischen Traumzuständen und Momenten nahe des Wahnsinns machten den musikalischen Reiz aus. Traumlandschaften mutieren zu Albtraumlandschaften, die dramatischen Exzesse pulsieren, schreien, schweigen – Antagonist und Protagonist verzerren sich gemeinsam zu einem filigranen, aber doch überberstenden Gesamtkunstwerk, Sigur Rós versetzen mit ihrem sirenenartigen Charakter in Trance, bewusstseinserweiternde Mittel werden hier obsolet. So schön kann Hässlichkeit, so wärmend die Kälte, so liebreizend die Grausamkeit sein – sollte die Welt doch schlussendlich einmal bersten, wird jenes Quartett wohl den lähmenden Soundtrack dazu stiften.

 

Nicht-klassische Klassik

Spannend bei isländischer Musik, ganz gleich in welches Genre man versucht ist, einzelne Künstler zu stopfen, ist die Faszination und der beinah selbstverständliche Umgang vieler ihrer Vertreter mit Streichern, Orgeln, Bläsern – überhaupt klassisch instrumentiert Musik, die aber nicht klassische Musik ist, beziehungsweise auch nicht sein will. Dies sieht man bei Sigur Rós selbst, an Björks Zusammenarbeit mit dem Brodsky Quartet, sehr schön auch an Jóhann Jóhannssons „Englabörn“, beim Ambient-Pop von Ólafur Arnalds („For Now I am Winter“) und eigentlich am besten an Hilmar Örn Hilmarssons kompletten Oeuvre. „Pop, der seriös ist, ohne „artsy“ zu sein.“

ArnaldsBjörk und Arnalds, beides gute Stichwortgeber: Ólafur hat nämlich eine Cousine, Ólöf Arnalds, eine Multiinstrumentalistin, die wie so viele Musikerinnen ihrer Heimat neben ihrer klassischen Ausbildung im Fach Violine Hauptaugenmerk auf ihre charakteristische, elegische Stimme legt – und bereits mit Björk kooperierte. Ihr zweites Album trug den wunderbaren – und treffenden! – Namen „Innundir Skinni“ („Unter der Haut“), und ihr gelingt tatsächlich ähnlich eines Pathologen – nur weniger blutig – kunstvolle Preziosen in Miniturform unter die Oberfläche zu pflanzen, mit einer scheinbaren Einfachheit doch immens kunstfertige, verwunschene, flüchtige Mini-Dramen. Sparsam, aber abwechslungsreich instrumentiert – mit hauchigen Trompeten, Orgel, simple Gitarrenfiguren, beinahe zufällig erscheinende Begleitinstrumente.

SolstafirOder zurück zur „Klassik, die keine ist“: Sólstafir ist mit ihrem fünften Album „Ótta“ soeben erneut gelungen, fulminant den Herbst einzuläuten. So wie bisher ist – bei den ehemaligen, geläuterten Black Metallern – alles in Entrücktheit getunkt, ein Abgesang auf dem Weg ins Inferno von Dante, „Lasciate ogni speranza voi ch’entrate!“. Es scheint, sie stünden stoisch an zerklüfteter Küste, langbärtig und mit vom Wind zerzaustem weißem Haupthaar, die Haut von der Gischt feucht und gegerbt – nicht unähnlich zur Figur, die das aktuelle Covermotiv ziert. Erneut geben sich die Isländer harsch und versöhnlich, wie einleitend bereits angesprochen unglaublich reich an Graustufen, eine Pilgerfahrt ins Ungewisse, ins Nirgendwo. Hier bezaubern erneut die intensiven Streicher, ein leises Piano – irgendwann erbricht ein Geysir Orgien in Moll, während Adalbjörn Tryggvason stimmlich vor sich hinleidet, in Ohnmacht erbricht.

ArstidirVom Herbst allein hin zum Jahreszeiten-Potpourri, gegebenenfalls in der Stephen-King-Mutation „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“: Árstíðir, isländisch eben für „Jahreszeiten“, stammen aus Reykjavik und sind mehrstimmig, polyglott und mit einem komplexen Konstrukt aus Cello, Piano, Violine und Gitarre bestückt manchmal so groß wie Sigur Rós, die wohl stets als Bezugspunkt herhalten müssen, mit ihrem Indie-Folk aber doch wieder unikal. Erste Aufmerksamkeit erreichten sie, als sie im Rahmen ihrer „Falling Home“-Tour im Foyer des Wuppertaler Hauptbahnhofes a-cappella die traditionelle Hymne „Heyr Himna Smiður“ zum Besten gaben und dabei gefilmt wurden (siehe oben).
Es ist ein ungewöhnlicher Mix aus komplexen und reduzierten Klängen, ein transparentes, oft zartes, immer schwebendes Klangbild, das eine magische Balance zwischen Intimität und Geheimnis hält – frappierend und mindestens so traumhaft wie die Feenlandschaft Islands. Den Höhepunkt in diesem fragilen Konstrukt sind insbesondere die perlenden Stimmen, solo oder im Satzgesang – die den Eindruck erwecken, als könne man fliegen.

 

Eine Reise nach Island werden wir im kommenden Jahr zum berühmten Airwaves-Festival tun – und freilich darüber berichten – aber bereits im Vorfeld urlauben wir, akustisch und daheim, bereits im Norden: Ólöf Arnalds erleben wir am 25. Oktober im Wiener Chelsea, Sólstafir im November im Wiener Viper Room, im Grazer Explosiv und im Weekender Club Innsbruck. Árstíðir werden dann am 24. März kommenden Jahres in der Wiener Sargfabrik zu erleben sein (Karten über das Ticketing der Bank Austria).

 

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