NA15 sind goldgeil

na15

Bereits Goethe wusste, dass sich für beide Geschlechter nur zwei Dinge das Wasser reichen können: Geld und Sex. Die burgenländische Rapcore-Formation NA15 weiß mit „Goldstandard“ beide Eckpunkte des (Über-)lebens erstmals zu gatten.

NA152.000 Tage vergehen zwischen der Geburt eines Babys und seinem Eintritt in den Kindergarten. Während dieser Zeit entwickelt sich das Gehirn und bildet die Basis für Zukünftiges: Wird aus dem neugeborenen Goldschatz ein Geschöpf, das seine täglichen Informationen aus dem Standard oder der Österreich bezieht? Ein Menschlein, das fundierte Kritik am Alltagsgeschehen zu üben weiß, oder eines, das sich in widerwärtigstem Populismus ertränkt? 2.000 Tage vergingen auch zwischen dem selbstbetitelten Zweitling der westungarischen (sprich: burgenländischen) Rapcore-Formation NA15 und dessen brandaktuellem Nachfolger „Goldstandard“ – und ja, auch NA15 sind seit ehedem „erwachsen(er)“ geworden, ohne dabei jedoch das Kind im Mann zu vergessen, wie Frontsau Edi Mastalski im Gespräch über sowohl die Kulturtheorie, als auch Kacke beweist. Es bleibt schließlich nur eine Frage offen: Kann man aus Scheiße Gold machen?

Was macht man eigentlich ganze 2.000 Tage, der Zeitdauer zwischen „null.acht.15“ und „Goldstandard“? Anlageoptionen auskosten und nackt im Geldspeicher baden?

Wir haben tatsächlich die Zeit genutzt, um im Fernsehen aufzutreten und uns klar zu werden, dass das Business in der Form nix für uns is – nicht ergiebig genug, wenn man mal davon ausgeht, was unterm Strich bleibt. Wir haben alle unsere Ausbildungen und Studien fertig gemacht und Jobs gefunden, sind also klassisch „erwachsen“ geworden. Also im Real Life. Wir haben die Planet Festival Tour gewonnen und uns jahrelang wegen irgendeines Mittelteils in irgendeinem Song gestritten – also eh das selbe wie in den 10 Jahren vor „null.acht.15“.

Dem Unimag hast du vor einem Jahr hinsichtlich der Kommunikation zwischen Künstler und Fan gesagt: „Inzwischen sind wir so weit zu wissen: Das erwartet das Publikum, das liefern wir.“ Wie weit wird versucht, auch künstlerisch Erwartungshaltungen zu bedienen?

Naja, das Künstlerische passiert im Proberaum, das – wenn man so will – Expressive. Wir haben jetzt aber sicherlich keinen Avantgardeanspruch, den wir bewusst zu bedienen versuchen. Sicherlich nicht musikalisch, textlich ergibt es sich vielleicht hin und wieder, aber eher aus Zufall denn aus Kalkulation. Live wollen wir unterhalten, auch weil uns sehr bewusst ist, dass der Text live einfach zweitrangig ist, gerade wenn es viel Text ist, wie in unserem Fall. Da ist ein schiefer Ton zweitrangig, Hauptsache das Publikum hat eine gute Zeit. Wirklich tiefere Auseinandersetzung mit der Kunst passiert dann mit dem Album, würd ich sagen. Wobei es schon auch Zuhörer gibt, die nach dem Gig zu uns kommen und sagen: Saugeile Texte.

Die Beziehung der vier NA15-Mitglieder dauert nun schon 15 Jahre an, länger als andere zwischenmenschliche Lebensabschnittsvereinigungen. Was ist – neben gutem Sex – euer Geheimnis?

Ganz ehrlich (weil du mir den „guter Sex“-Witz vorweggenommen hast): „laissez faire“, „Hakuna Matata“ und ein Batzen Liebe. Keiner von uns ist von der Band „abhängig“, es ist ein Hobby geblieben und soll in erster Linie Spaß machen. Wir spielen schon lange nicht mehr jeden Gig nur um des Spielens willen und wir passen uns immer aneinander an. Weil wir eben – so kitschig das klingen mag – beste Freunde geworden sind. Und wir setzen uns gegenseitig nicht grundlos unter Druck. Die Banddemokratie verhindert zwar viel im kreativen Prozess, regelt aber alles andere. Und jeder akzeptiert es, wenn er einmal in der Minderzahl ist. Und gibt es ein Patt, dann wird alles ausrambolt – nein, dann muss eben ein Kompromiss her. Daher sind wir vielleicht nicht die schnellste Band, aber eine glückliche.

Wenn wir schon bei Beziehungen sind: Wie steht es um die Gewaltentrennung, die das Bandgefüge am Leben hält? Und ich frage jetzt nicht nach den offensichtlichen Aufgaben wie Gesang, Kochen, Merchandise, Bügeln, Marketing, die Kinder – sondern natürlich nach den inneren Qualitäten …

Alles herzlose Bastarde …! Nein. Ich glaube, Bassist Alex ist so ein bisschen der Treiber, ein – im bestmöglichen Wortsinn – Perfektionist, dem halt besonders wichtig ist, dass wir handwerklich-künstlerisch gut dastehen. Die Einstellung hat er in die Band gebracht und seitdem ist live alles einfach besser. Schlagzeuger Stefan ist der Kreative und Begabte, der Videos schneidet, Drucksorten vorbereitet und gute Ideen für Facebook Posts hat – und immer wieder einen Ruhepol bildet, wenn wir anderen zusammenkrachen. Gitarrist Philipp ist der wohl progressivste von uns, ein Visionär aber auch mein härtestes Korrektiv – no Bullshit halt, was ich gut find. Da kommen viele gute und kreative Ideen her, die der Rest dann versucht entsprechend anzupassen. Musikalisch, aber auch konzeptuell. Und ich bin der verkopfte Intellektuelle, den die anderen drei ausnutzen. Nein – ich meine, klar bin ich verkopft, aber ich bin halt der Frontmann, meine Aufgabe ist es, den anderen den Rücken freizuhalten und mit losem Mundwerk billige Kalauer vom Stapel zu lassen.

Jean Paul wird mit folgender schönen Weisheit zitiert: „Mädchen und Gold sind desto weicher, je reiner sie sind.“ Wahr oder falsch?

Meinst du den Dancehall Artist? Ist das aus seiner neuen Single? Ich werde dieses Patois nie verstehen.

Nein, ein anderer Froschschenkel. Aber widmen wir uns halt den Deutschsprachigen! Goethe hingegen wusste: „Für euch sind zwei Dinge // Von köstlichem Glanz: // Das leuchtende Gold // Und ein glänzender Schwanz. // Drum wisst euch, ihr Weiber, // Am Gold zu ergetzen // Um mehr als das Gold // Noch die Schwänze zu schätzen!“ Regiert Geld oder die Schönheit die Welt?

Geld. Eindeutig. Sonst hätte ich viel mehr auf dieser Welt zu sagen. Wobei bis zu einem gewissen Grad reiche Menschen auch „schöne“ Menschen sein werden. Bis auf die hypermegareichen. Denen ist es wurscht. Schönheit kann dir viel Geld bringen und dich reich und somit mächtig machen. Aber wenn du schon reich bist, musst du nicht schön sein.

Wofür lieben euch eure Groupies?

Groupies? Haben und wollen wir nicht! Kunden – ja, die mögen wir!

Es ist bei Goethe natürlich nicht nur das Weib, das nach Geld giert, auch dem Mann wird eine dahingehende Geilheit attestiert: „Euch gibt es zwei Dinge // So herrlich und groß: // Das glänzende Gold // Und der weibliche Schoß. // Das eine verschaffet, // Das andre verschlingt; // Drum glücklich, wer beide // Zusammen erringt!“ Wie glücklich macht Geld tatsächlich?

Man könnte jetzt weit ausholen und über das Konzept von Glück, etc. sprechen – aber da ist keine Zeit dafür. Geld macht nicht glücklich, glaube ich, es kann maximal unglücklich machen. Sachen, die man mit Geld kaufen kann, können glücklich machen. Aber ich verstehe Geld als Mittel zum Zweck. Wenn es zum Selbstzweck wird, ist man mittellos. Dann geht es nur mehr darum, Geld zu haben, entweder weil man es zum Überleben braucht (weil man keines hat) oder weil man immer mehr braucht um seelisch beruhigt zu sein. Das ist die Perversion des Sparens: damit man sich einmal mehr leisten kann, wenn es aber so weit wär, dreht man jeden Groschen fünfmal um, weil man das Geld so ungern ausgibt. Das hat sich mir noch nie erschlossen. Insofern: Ich glaube wir sind inzwischen alle beruflich in ganz guten Situationen, aber von „reich“ sind wir immer noch weit entfernt.

Wo auf der Skala liegt NA15 – zwischen „Hast‘ man n‘ Euro?“ und „Was Lacoste die Welt? Geld spielt keine Rolex!“?

Uff, nach einer Album-Produktion über Geld sprechen … Sagma mal so: Wir hatten ein bisschen was. Präteritum.

Wodurch unterscheidet sich das Bühnen-Schauspielern, wo liegen die Parallelen zwischen dem, was ihr zum Zwecke der Unterhaltung auf der Bühne vorgebt, zu sein und – sagen wir – einer Boyband wie Take That, einer Schlagerband wie die Ursprung Buam und einer Heavy-Metal-Band wie Amon Amarth?

Ich glaube, wir können es uns zu einem gewissen Grad leisten, wir selbst zu sein. Klar, eine überzeichnete Version von uns selbst, die nur gewisse Charakteristika zeigt. Aber das auf der Bühne, das sind wir, im „Entertainermodus“. Eine Boyband darf sich das nicht leisten, da gibt es keine organischen Rollen, da wird alles vom Management bestimmt. Ähnlich läuft es vermutlich auch in der Welt der Ursprung Buam: Die müssen sich auch in ihren Zillertaler Jancker schmeißen und kryptorassistische Songs über die Heimat bringen. Ich will ihnen nicht unterstellen, dass das nicht Marketing ist, auch weil grade die Branche die verlogenste überhaupt ist. Aber ich denke, gerade im Volksmusik/Schlager (so sehr ich es hasse zu verallgemeinern) sind Stereotypen beziehungsweise sehr fixe Rollen das Um und Auf. Deswegen find ich es gut, wenn zum Beispiel eine Hannah etwas davon singt, eine starke Frau zu sein. Nicht notwendigerweise, wie sie das tut. Aber dass sie es tut und damit Erfolg hat, sowas find ich gut.

Zu Amon Amarth: Die haben einen gesünderen Haarwuchs als wir. Nein, ich habe mich mit denen im Speziellen zu wenig auseinandergesetzt, aber ich glaube, gerade im Metal mit seinen drölfmillarden Subgenres hat man viele Freiheiten, weil man eine loyale Nische finden kann. Die versuchen wir uns ja auch zu erarbeiten. Aber da kannst du mit Corpsepaint auf die Bühne gehen und Powerakkorde spielend kreischend eine Ziege schächten und es werden Leute genauso feiern, wie wenn du jede Nummer in einem anderen ungeraden Takt spielst und zum Solieren extra einen Hocker zum Bein darauf abstellen auf die Bühne gestellt bekommst. Das zeichnet meines Erachtens nach Metal aus: Das geht von superpoppig schon rüber in die E-Musik, wo selbst Jazzer sitzen und perplex sind. Ich kenn kaum ein U-Musik-Genre, das innerhalb seiner selbst so anarchisch ist.

Der größte Unterschied zwischen uns und all denen ist, dass wir so unbekannt sind, dass wir weiterhin flexibel in unserem Auftreten sein können, weil halt (noch) keine allzu großen Erwartungshaltungen im Publikum vorhanden sind.

NA15Wie viel Spontaneität hat auf der Bühne Platz?

Das hängt wirklich vom Gig ab und der Tagesform. Spontaneität ist wichtig, damit das ganze lebendig und echt ist, aber sie muss im Rahmen der Show passieren. Es gibt fixe Abläufe, innerhalb derer sind wir aber sehr frei. Mit der Zeit haben wir gelernt, was geht und was nicht, wann man einen Zwischenruf aus dem Publikum aufgreifen soll und wann nicht, etc.

Open-Air oder Halle – was ist geiler?

Wurscht, Hauptsache motivierte Leute, die gern Spaß haben und eine Stunde mit uns feiern wollen. Ob das in einem kleinen Club oder in Wiesen ist, wir werden immer hundert Prozent geben. Das sind wir uns und dem Publikum – und sei das nur der Haustechniker – schuldig.

Du befindest dich – im Brotberuf gewissermaßen alleinherrschender Internetkoordinator – zwischen drei Lehrern. Wird da auch etwas für deine Allgemeinbildung getan?

Nein. Als Texter muss ich den größten Fundus an unnützem Wissen versammeln, da hab ich denen bissl was voraus. Vor allem: Turnlehrer, Basslehrer und Lehrer-Lehrer (also Pädagoge) – Braintrust? Na.

In wie weit lässt sich die pragmatisierte Namensbedeutung „Null Ahnung, 8 Stunden Anwesenheit, A 15 Besoldung“ auf den „Goldstatus“ der NA15-GmbH&CoKG umlegen?

Noch sind wir eine GbR, soweit ich das verstanden habe. Und wie soll man sagen: Je weniger wir es erzwingen wollten, desto erfolgreicher wurden wir. Scheint irgendwie so eine Formel zu sein, die sich ganz gut umsetzen lässt.

Wie wir alle wissen, geht der Bandname auf die gebräuchliche Redewendung, selbige auf das MG 08/15 zurück, dessen Qualität „nichts Besonderes“ war. Bei NA15 ist zwar die Feder stärker als das Schwert, aber wäre NA15 eine Waffenschmiede – was wäre das Flaggschiff eurer Entwicklungsabteilung?

Wir würden 19 Ringe schmieden, die wir an die freien Völker verteilen würden, aber heimlich einen zwanzigsten, der alle anderen beherrscht, für uns behalten. Klingt nach einem Plan, oder? Wenn nur diese Hobbits nicht wären …

Wenn ich das richtig recherchiert habe, ist bei NA15 noch kein Feature passiert. Eine bewusste Entscheidung – oder ist euch der perfekte Swinger-Partner noch nicht untergekommen?

Auf „Goldstandard“ wird es ein „Feature“ geben, allerdings kein offen aufgeführtes. Ich war selbst zweimal Featuregast: mit den grandiosen The Overalls und den bestialisch geilen Seek & Destroy, aber wir selbst hatten irgendwie noch nie die passende Idee für ein Feature, das Sinn macht. Plus: Ich teil meine Redezeit wirklich nicht gerne.

NA15, und das urteile ich von außenstehender Perspektive, haben Eier und Hirn – laut Pressetext nährt sich NA15 immerhin von der Wortgewalt des Hip-Hop und der treibenden Kraft des Metal. Welche waren hier wie dort früh prägende Künstler, aus denen, nach anfänglichen plump kopierenden Kinderschuhen, heute „Goldstandard“ geworden ist?

Plump kopiert wurden Rage against the Machine, Such a Surge und die Chili Peppers. Wenn überhaupt. Ich glaube, wir konnten recht früh unseren Sound finden, wir haben bisher erst bei zwei oder drei Gigs – allesamt überlange Unpluggeds – wirklich gecovert. Aber geprägt haben uns so viele, die aufzuzählen ist müßig. Auch endet das ja nie, das letzte Biffy Clyro Album (also „Opposites“, nicht das aktuelle), war auch Inspiration. Auch die neue Scheibe von Audio88 & Yassin, etc. Aber eines kann man schon sagen: Was so Ende der Neunziger in der alternativen Szene gefeiert wurde, hat uns sicher beeinflusst. Ich denke, die drei anfangs genannten umschreiben das schon ganz gut.

Apropos Metal: Meine Mutter meinte stets, Metal-Sänger müssen gewaltige Schmerzen plagen, dass sie so „singen“, wie sie es nun mal tun. Was sind die Herausforderungen an dich und deine Stimme beim Rap?

So gut zu artikulieren, dass wenigstens ein paar Zuhörer den Text verstehen. Atemmanagement ist live wichtig, grad wenn man ein bisserl aus der Form ist. Aber auch richtiges Atmen um bei den „härteren“ Passagen die Stimme nicht allzu sehr zu strapazieren. Nach meiner Stimmband-OP 2008 haben wir die ganz wilden Teile relativ natürlich aus den neuen Songs rausbekommen, wir waren sowieso grade dabei, unseren Sound zu ändern und weniger nach Punkrock zu klingen, da wurde das alles auch einfacher.

Würdest du den Gesang als „Instrument“ betrachten – oder als etwas Eigenständiges, divergierend agierendes Stilmittel?

Ja und nein. Ein Instrument ist leichter zu pflegen als eine Stimme. Und wenn das alte hin ist, holt man sich ein neues. Gesang ist nichts desto trotz eine Technik, wie Gitarre spielen, die man lernen kann und die in irgendeiner Form in einem Bandgemenge – wie ein Instrument – untergebracht werden muss. Das Besondere und Schöne an der Stimme ist: Jeder hat sie, jeder kann sie relativ einfach in gewisser Art und Weise kultivieren. Das hat noch nichts mit dem ernstzunehmenden Handwerk des Gesangs zu tun, aber zeigt halt, wie zugänglich „Musik“ im allerweitesten Sinne jedem sein kann. Ich habe immer in irgendeiner Form was mit meiner Stimme gemacht (meistens geredet) – da wurde ich halt “Sänger”.

Deine Texte suchen „Auseinandersetzung“, heißt es. Ist das dein persönlicher Anspruch allein oder etwas, das du auch als mit Aufgabe der Kunst verstehst – nebst der Zerstreuung?

Unbedingt. Ich will, dass der Hörer sich zu Hause hinsetzt, sich genau anhört worum es geht und es sich durch den Kopf gehen lässt. Und ich will, dass jeder Hörer etwas anderes an einem Songtext finden kann. Ist das Aufgabe der Kunst? Sheesh, ich hol‘ mal meine Kritik der Urteilskraft zwecks schöner Zitatsquelle heraus. Nein, ich glaube die Aufgabe der Kunst ist es, dem Rezipienten etwas vorzulegen, mit dem er sich beschäftigen und auseinandersetzen kann. Das kann eine sehr oberflächliche Beschäftigung sein oder eine sehr tief gehende, ich denke, die „besten“ (ekelhaftes Wort in diesem Zusammenhang) Kunstwerke lassen eine Vielzahl an Möglichkeiten zu, sich an ihnen abzuarbeiten. Aber Kunst, mit der sich in keiner Art und Weise auseinandergesetzt wird, die nicht eine gewisse Erwartungshaltung im Rezipienten antizipiert, das ist Ramsch, Kitsch oder schlicht langweilig. Und Kunst ohne Auseinandersetzung, ohne eine gewisse Form der Öffentlichkeit, das ist wie wenn der Baum im Wald umfällt und keiner ist da, der ihn hört …

Eine andere Inhaltsstoffzusammensetzungsanalyse definiert euren „Rapcore“ als zu 98% aus Hip-Hop, zu 95% aus Hardcore bestehend. Wie viel Sexappeal gibt’s als Aufguss?

Ich sag das immer wieder: Bis vor kurzem dachte ich wirklich, dass wir „Rapcore“ zu Marketingzwecken erfunden hätten, was scheinbar ein furchtbar arroganter Zugang zum Thema „Genredenken“ ist. Aufguss ist es in der Form ja nicht. Es ist ein Rapper über Gitarrenmusik. Kann man auch Crossover nennen, aber der Ausdruck geht inzwischen schon von Bands wie uns und RATM über Nightwish bis hin zu solchen Neologismen wie „Volksrock’n’Roll“. Schau: Die Leute wollen immer wissen, welche Art Musik wir machen. Wir sagen Rapcore. Dann drehen wir die Verstärker auf 11 und siehe da: Sexappeal. Der wär auch da wenn wir „Gitarrenpop“ gesagt hätten, was nach unserem Selbstverständnis auch net unrichtig wär.

Edi, du als Verkaufsgesprächsberater darfst dich jetzt einmal in mich und meine Zunft hineinversetzen und eine Schlagzeile, eine kurze knackige Headline zu euch und eurem neuen Album texten. Fangen wir einfach an: Für das JUICE.

NA15 – zu laut für Hip-Hop? Mitnichten!

Metal Hammer?

Es muss nicht immer schwarz sein, die Trendfarbe 2017 ist GOLD!

Ganz pervers: Die Österreich.

Schock! Neues NA15-Album wird im Ausland produziert!

Österreich hätte noch mindestens „seiben“ Tipp-Fehler drinnen, aber gut. Playgirl?

Ach komm, das ist bei einem Namen wie „Goldstandard“ echt zu leicht.

Na gut. Spex?

NA15: Sie feiern die Dekadenz – und sind dabei ihr größter Feind!

Stadlpost?

Dahoam is dahoam: NA15 live aus dem Geldspeicher: Wir wollen den Schilling zurück!

Einen falschen Fuffziger kannst du haben! Die Tagespresse?

Fans geschockt: „Goldstandard“ enthält tatsächlich auch nicht auf Drop-D gestimmte Gitarren. Wobei: Fast schon zu wahr um schön zu sein.

Die NA15-Garantie umfasst neben Härte und Energie auch Akrobatik – glaubt ihr laut geduldigem Internet-Zitat „nicht an die Schwerkraft“. In der postfaktischen Menschheitsepoche sind Aluhuttheorien ja in einer Vielzahl zu finden – welche speziellen Schmankerln hättest du da für uns neben nicht existenter Schwerkraft noch parat?

Wenn du aus dem Burgenland kommst, glaubst du notgedrungen, dass die Erde flach ist. Fun Fact: Zu dem Thema gibt es einen Song auf „Goldstandard“. Weil de facto gibt es sowas wie „Wirklichkeit“ ja möglicherweise nicht, nur verschieden gewertete Informationsquellen: Jene, die man nicht kennt, jene die man kennt, aber als falsch ansieht und jene, die man kennt und denen man vertraut. Das Problem des postfaktischen Zeitalters ist, dass du Leute hast, die „Lügenpresse“ kreischen, dir dann aber RT Deutschland oder die Deutschen Wirtschaftsnachrichten oder unzensuriert.at als ihre „verlässlicheren“ Quellen präsentieren.

Die Frage hinter der Wertigkeit von Wissen (das immer ein „Glauben“ ist) ist untrennbar mit der Frage nach der Wertigkeit von Quellen verbunden. Und gerade diese Wertigkeit hat im prä-postfaktischen Zeitalter aufgrund kapitalisitscher Interessen abgenommen, dazu nur ein paar Schlagworte: „Click-Bait“, „Native Advertising“ etc. So fehlt vielen Leuten das Instrumentarium, um die unendlich vielen Quellen, die ihnen das Internet näher bringt, auch auf stichhaltige und fundierte Art und Weise nach Qualität und Relevanz zu beurteilen. Und so kommt es zu einer Perversion des Wahrheitsbegriffs, der zulässt, dass man sich die Welt – frei nach Pippi Langstrumpf – macht, wie sie einem gefällt.

Ich habe irgendwie das Gefühl, ich müsste nach diesem Rant noch irgendwie etwas Lustiges bringen, dem Geiste der Frage folgend: Irgendwas mit Echsenmenschen? Keine Ahnung, schau auf die Timeline vom Felix Baumgartner, der hat sicher bessere Verschwörungstheorieschmankerln als ich.

„Morgenstund hat Gold im Mund“ ist ein weiteres Sprichwort alter Schule. Welches „Morgengrauen“ liegt euch zu frühester Stunde auf den Lippen?

Das altwienerische „Geh in Oasch“ ist bei mir so das Go-To-Ding, im privaten Rahmen natürlich nur. Allgemein gilt bei uns immer: „Scheiß auf Frühstück, gemma gleich Mittagessen!“

Das allseits beliebte, berühmte Entweder-Oder-Spiel: Goldfisch oder Goldhamster?

Goldfisch, weil a) geiler Song von Fiva und b) der Alex schlechte Erfahrungen mit Hamstern gemacht hat.

Ähm.

Nicht was du jetzt denkst!

Okay. Golden Shower oder Goldener Schuss?

Golden Shower, weil Spitzensong unserer Lieblings-Bladen Seek & Destroy.

Goldfrapp oder Frida Gold?

Goldust, weil ich mir lieber WWE anschau, als mir beide genannten Bands anzuhören.

Neil Youngs „Heart of Gold“ oder Tina Turners „Goldeneye“?

Boah, „Goldeneye“ ist ein ziemlich geiler Song, sicher in meinen Top-5-Bond-Songs. That said: Neil Young. Immer. Bei angenehmer Lautstärke und laut mitsingend. In der U-Bahn.

Apropos: „Goldeneye“ oder „Goldfinger“?

Sowohl Song als auch Film: „Goldfinger“! Alleine wegen: „Do you expect me to talk?“ – „No, Mr. Bond, I expect you to die!“ Eine der besten Lines ever.

In Punkto Märchen – „Goldesel“ oder die „Goldmarie“?

„Goldesel“. Weil ich kindisch bin. Und wir alle wissen, wie der Esel Gold produziert. Sowas finde ich lustig. Sehr. Vermutlich mehr, als jemandem über 30 mit akademischer Ausbildung tatsächlich angemessen ist.

Dem widerspreche ich aufs Empörteste: Und wie Fäkalhumor angemessen ist! Auch als studierter Mittdreißiger! Whisky oder Bier?

Wein, wir sind Burgenländer. Ich persönlich aber: Bier, je dunkler desto besser!

Honig oder Ackergold?

Honig, weil wir so süß sind.

Awww, Hüftgold oder Nasengold?

Hüftgold, hör auf mit den Dickenwitzen.

Ich darf das, ich bin selber reziprok schlank. Also: Ferrero Rocher oder Werther’s Original?

Werther’s, weil die mir schon mein Opa gegeben hat. Versteht irgendwer unter 26 die Anspielung?

Wer bis daher gekommen ist, ja. Apropos: Müsste man dich als Bandkollege und Freund in Gold aufwiegen …?

Jaja, dann wären wir alle sehr reich (lacht).

Der aktuell kursierende Goldpreis ist ja viel weniger relevant weil weltfremder für Otto Normal als der Big-Mac-Indikator. Was wäre im Soziotop NA15 ein Big Mac wert?

Nicht viel, weil die Nachfrage relativ gering wär. Eineinhalb Vegetarier, eineinhalb „Fitnessfreaks“, den würde also nur ich essen.

Schiller lässt in „Wallenstein“ verlautbaren: „Den Edelstein, das allgeschätzte Gold muss man den falschen Mächten abgewinnen, die unterm Tage schlimmgeartet hausen. Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt, und keiner lebet, der aus ihrem Dient die Seele hätte rein zurückgezogen.“ Wie bewegt sich NA15 in der heimischen Musiklandschaft, welche Reibepunkte gibt es im Burgenland oder in Österreich insbesondere, die andere (Bundes-)Länder missen lassen?

Wir versuchen, mit jedem auszukommen und ein paar haben wir besonders gern. Im Herzen sind wir halt noch Dinosaurier, uns gibt’s ja schon ewig. Wir kommen noch aus einer Zeit, in der der Konkurrenzkampf unter den Bands weit schlimmer war als er es jetzt ist. Inzwischen gönnt man jemandem auch etwas, wenn auch hin und wieder etwas zähneknirschend. Aber unsere burgenländischen Kollegen schätzen wir. Da gibt es jene, die uns sehr nahe sind, wie The Overalls und die Pann Bay Bastards – mit beiden teilen wir uns einen Proberaum -, Seek & Destroy, die uns schon viele Jahre als die Mr. Hydes zu unserem Dr. Jekyll begleiten, oder A Caustic Fate, die unsere direkte Konkurrenz bei der Planet Festival Tour waren, was uns aber einander näher gebracht hat.

Im Burgenland gab es einfach ein paar Vorreiter, die anfingen, untereinander sinnvoll zu arbeiten und die haben den Zusammenhalt dann eben kultiviert und uns da ein bisserl mitgezogen. Klar, man ist nicht mit jeder Band supereng, aber man kennt sich, man mag sich, man versucht es auf die Gigs der anderen zu schaffen. In ganz Österreich haben wir so ein paar Partien, mit denen es immer wieder eine Freude ist zusammen zu spielen, das gibt schon einiges her.

In der ersten neuen Single „Mein weißes T-Shirt“ steht selbiges exemplarisch für Markengeilheit und Kaufrausch. Wir erinnern uns zurück – vor vier Jahren rastete der ÖFB-Teamspieler Marko Arnautovic bei einer Routine-Polizeikontrolle aus und brüllte, „Ich verdiene so viel, ich kann dein Leben kaufen.“ Für welche Summe wärt ihr „zu allem“ bereit?

Gute Frage, weil „zu allem“ kann halt viel sein. Ab neun Stellen vor dem Komma ist die Chance aber hoch. Integrität ist etwas schönes, absolut – sollte also entsprechend teuer sein.

Und andersrum: Wessen Leben würdet ihr mit 788.423.000.017,16 Dollar kaufen? Das ist übrigens die Summe, über die Dagobert Duck in Taler verfügt.

Um das Geld? Keines. Viel zu viel. Ich würde einen Bruchteil davon nehmen und mir die Leben sämtlicher Celebrity-Reality-Formatdarsteller kaufen und sie zwingen, große Werke der Weltliteratur nachzuspielen und so wieder bissl Kultur in die Fernsehlandschaft bringen. Stell dir vor: Richie und Cathy Lugner in „Die Buddenbrocks“, herrlich. Auch wenn Thomas Mann vermutlich im Grab rotieren würde.

In welchem Laden werden NA15 maßlos, was habt ihr im Überfluss?

Geduld und Sneaker, da hab ich genug für alle vier. Und Bücher – wobei, da kann man ja nie zuviele haben. Und dumme Witze. Sheesh, so einen Haufen dumme Witze!

Die meisten „unnötigen“ Ausgaben passieren bei mir bei Vinyl und Merchandise – ich argumentiere immer, dass meine in Regalen gestapelten Besitztümer dafür immerhin als gute Wärmedämmung fungieren und somit nicht Geld kosten, sondern Geld sparen – zumindest im Winter. Was wäre – würde Geld keine Rolle spielen – das exklusivste, edelste, abstruseste, speziellste Merchandise-Produkt, mit dem man NA15-Fans beglücken könnte?

Auch wieder sehr einfach bei einem Titel wie „Goldstandard“: Ich meine, man muss nur einen Vokal in einen Umlaut ändern, ein A zu einem E und das D am Schluss wegnehmen! Keine Ahnung, ob Gold dafür ein geeignetes Material ist, aber bei Austin Powers war das so. Sonst: Natürlich die Goldene Edi-Götze in Lebensgröße fürs Wohnzimmer. Den Bauch streicheln bringt Glück und der Mund steht offen, so dass man damit eine Bierflasche öffnen kann. Ach, und Vinyl: Wir sind as indie as indie gets, die Produktionskosten für Vinyl übersteigen die Nachfrage so deutlich, dass wir wahrscheinlich eine 10er Auflage für 250 Euro das Stück machen könnten, um nicht Miese zu machen. Das nenn ich exklusiv.

 

Die dritte Scheibe von NA15, „Goldstandard“, wird diese Woche Samstag im Wiener Kramladen präsentiert. Eintritt sind 7 Euro, dann geht sich vielleicht auch eine Vinyl um 250 Euro aus. Mehr Infos im Facebook-Event.

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