Nazar, der Rap-Star aus Favoriten

„Irreversibel“ nennt der Wiener Rapper Nazar mit iranischen Wurzeln sein neues Album. Unumkehrbar sind auch sein Mega-Erfolg und seine Feindschaft mit der FPÖ.

nazar foto beitrag

Freiheitliche nannten ihn „Terror-Rapper“ und „Islamistenrapper“. Nazar, der heute 31jährige Star aus dem Wiener Bezirk Favoriten, ein Stadtteil mit hoher Migranten-Quote, beschimpfte wiederum FP-Chef Strache und wurde deshalb rechtskräftig verurteilt. Nach zehn Jahren Karriere ist Nazar – auch dank seines Erfolgsalbums „Camouflage“ – in der Oberliga angekommen. Einem Porsche als Dienstfahrzeug und einem Haus in Kroatien inklusive. Im Umfeld der Bundespräsidentenwahl musste natürlich Politik und Integration beim !ticket-Interview ein Thema sein.

Hast du den ersten Wahlsonntag (24. April) schon verarbeitet?

Ja klar, muss man ja. Man muss vorausschauen, vor allem, da ja noch einiges zu tun ist und wir es in der Hand haben. Da braucht man jetzt nicht die Augen verschließen. Ich versuche, das Gute im Menschen in Österreich noch nicht aufzugeben. Man darf nicht vergessen, dass beinahe zwei Millionen Menschen gar nicht gewählt haben. Ich hoffe, dass die noch ihren Oarsch bewegen und das Wahlrecht für sich nutzen. Viele wissen gar nicht, wie viel das wert ist.

Wenn wirklich alle zur Wahl gehen, dann hoffe ich, es wird sich für Van der Bellen doch noch ausgehen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass 36% der Menschen, die gewählt haben, sich für einen Hofer entschieden haben. Das würde offen aber kaum einer zugeben … Zumindest nicht in meinem Umfeld, und ich bin überzeugt, dass da einige Hofer gewählt haben.

Du hast aktiv auf Facebook zur Wahl aufgerufen. Weshalb ist dir das Wahlrecht ein so großes Anliegen?

Ich glaube, das ist bei Iranern sehr stark vorhanden, da wir ja aus einem Krieg kommen, der mit einer islamischen Revolution begonnen hat. Wir waren Menschen, die vorher ein westliches, freies Leben geführt haben … Man konnte selbst entscheiden, ob man ein Kopftuch trägt oder keines, was du isst, was du trinkst, wie du dich in der Öffentlichkeit verhältst. Durch die Revolution wurdest du gezwungen, Dinge anders zu tun. Und alle Iraner sind sehr politisch, die Iraner sind ein politisches Volk. Da ich unter diesen Umständen groß geworden bin, war es mir immer schon ein Anliegen, für Freiheit, Demokratie und für Normaldenkende zu sein. Meine Familie und ich haben es am eigenen Leib verspürt, wie es ist, wenn es in eine extreme Richtung geht.

Ich glaube, viele Österreicher können das Wahlrecht nicht schätzen. Vielleicht, weil es kaum noch Überlebende gibt aus der Zeit, als alles anders war, als Krieg geherrscht hat. Leider sind wir Gewohnheitstiere. Wir haben uns in den vergangenen Jahren an den Luxus gewöhnt in dem wir leben, und meckern auf sehr hohem Niveau.

Du stammst aus der Generation nach der Revolution und dennoch ist dein Wertebewusstsein so ausgeprägt?

Ich habe eine großartige Mutter, die uns schon sehr früh diese Werte vermittelt hat. Meine Mutter hat immer Wert darauf gelegt, dass wir uns schnell integrieren, dass wir uns schnell an dieses Land anpassen und uns vor allem auch als Österreicher sehen. Und alles dafür tun, hier nicht negativ aufzufallen, was in meinem Fall vielleicht nicht so gut gelungen ist (lacht).

Du warst vor kurzem in New York?

Ja, zum ersten Mal. Ich hab‘ dort das Video zu „Signal“ gedreht, das sehr erfolgreich ist und ich hab‘ mir damit selbst einen kleinen Traum erfüllt. Es gibt keinen Rapper, der nicht einmal davon träumt, in New York oder in Amerika ein Video zu drehen. Wir haben begonnen, diese Musik zu lieben, weil wir amerikanischen Rap gehört haben. Dann siehst du diese Gassen in Videos oder in Hollywoodfilmen … Das war schon sehr krass für mich!

Hast du eine Erwartungshaltung nach „Camouflage“? Muss „Irreversibel“ erfolgreicher werden?

Das ist eine gute Frage. Das Problem, das du als Musiker in meiner Position hast ist, dass sehr, sehr viel Geld im Spiel ist und sehr viel Geld verdient wird, und dass eine große Maschinerie dahinter ist. Bei meiner Plattenfirma Universal gibt’s bestimmt 50 Angestellte, die leben davon, dass Künstler, und damit das Unternehmen, erfolgreich sind. Es ist natürlich ein großer Druck da, weil für einen Künstler wie Nazar auch viel Geld ausgegeben wird, so wie die Reise nach Amerika mit zehn Leuten, eine Woche Aufenthalt und der Dreh von drei Videos. Wir haben für das Album insgesamt sieben Videos gedreht. Alleine die Videos waren wahrscheinlich teurer als dreißig Alben-Produktionen anderer Bands. Dieses Geld muss zurückverdient werden und noch ein Plus erwirtschaftet werden. Als Musiker hast du eigentlich nichts damit zu tun, und ich möchte auch nichts damit zu tun haben. Ich möchte nur meine Musik machen, damit glücklich sein, live spielen und eine Freude mit den Fans haben.

Gibt’s eine Decke für den Erfolg wegen der deutschen Sprache?

Österreich ist ein absoluter Brutal-Fall, schau dir die Radiolandschaft an oder auch, wie Künstler behandelt werden. Die werden nie als Musiker angesehen, außer du bist Opernsänger. Da wird gerne genörgelt, da wird verarscht und da heißt es „Geh‘ bitte, der soll die Schnauz’n halten, der kann doch nix“. Dann muss man sich nicht wundern, wenn der Rest Europas, der nicht deutschsprachig ist, keinen Respekt vor uns hat. Wenn die eigene Bevölkerung ihre Künstler nicht glorifiziert und nach oben hält … Auch deshalb ist man als deutschsprachiger Künstler limitiert.

Was ist für dich “unumkehrbar”?

Eigentlich gar nichts, nur ich bin sehr schlecht beim Titelsuchen. Deswegen habe ich irgendeinen Begriff genommen der mir in den Sinn kam und auf das Album zutreffen könnte. Denn alles, was ein Rapper sagt und tut, hat ja immer eine große Auswirkung, wie man in meinem Fall ja gesehen hat. Und das kann man nicht rückgängig machen. Der Titel hat keinen tieferen Sinn, wenn du danach suchst.

https://youtu.be/KPDgAP9eVnE

Der Song „Generation Darth Vader“ dreht sich um das Versagen der Jugend- und Integrationspolitik.

Bravo, natürlich. Ich bin kein Freund davon, politische Songs zu machen, weil ein junger Hip-Hop-Hörer ist am Tag eh schon acht Stunden in der Schule und bekommt dort die Weisheiten aufgesagt. Der hat auf dem Schulweg nach Hause keinen Bock, in den Kopfhörern auch noch von seinem Idol zu hören, wie er sich benehmen muss. Ich versuch‘ das dann mit Songs wie „Generation Darth Vader“ auf eine musikalische Art gut zu verpacken. Es ist unsere Gesellschaft, unsere Jugend, und dass da sehr viel verkehrt läuft und man sehr vorsichtig sein muss.

Weil du es ansprichst… bist du in Wien ein Idol?

Sich selbst als ein Idol zu bezeichnen ist schon ein bisschen größenwahnsinnig. Natürlich gibt der Erfolg einem recht … Dank Internet bekomme ich oft direktes Feedback. Natürlich kann ich bei der Jugend hundert Mal so viel bewegen als ein Lehrer oder ein Politiker.

Aber du nimmst dir immer noch die Zeit, selbst Postings auf Facebook zu kommentieren.

Ich möchte mir einfach die Zeit nehmen das zu tun. Leute geben sich die Mühe und schreiben mir Dinge auf Facebook, also warum sollte ich mir nicht die Zeit nehmen, darauf zu antworten oder auf „gefällt mir“ zu klicken? Diese Zeit sollte man sich auf jeden Fall noch nehmen.

Du lebst in Wien, dennoch kommen in deinen Texten die amerikanischen Hip-Hop-Klischees wie Uzis, Bomben, Drogen vor. Ist das in Wien heute schon so oder bloß eine künstlerische Übertreibung?

Beide, beides. Man kann das nicht mit Amerika vergleichen, es ist anders. Man hat österreichische Rapper Jahre lang ausgelacht, wenn sie von Ghettos gerappt haben und mittlerweile spricht man selbst von Siedlungen mit überwiegenden Problemen wegen des Migrationshintergrunds, Flüchtlingen und sonstiges … es ist anders. Man darf nicht das stereotype Bild eines Ghettos in Amerika im Kopf haben und das mit Österreich verglichen. Da kriegst einen Lachkrampf, wenn wir an unsere Mozartkugeln denken. Aber es gibt in Wien und speziell in Favoriten einige Ecken, die sich stark verändert haben und wo eine Generation jetzt am Großwerden ist, in der es definitiv rescher wird.

Du siehst also in Zukunft die Uzi im Beserlpark?

Waffen… ich bin in dieser Welt aufgewachsen. Ich bin direkt neben dem Reumannplatz zur Schule gegangen. Mit 14, 15 bin ich zum Tichy (bekanntes Eisgeschäft in Wien, Favoriten, Anm.) gegangen, dort waren unsere großen Idole und unsere Schultaschen haben als Drogenpakete gedient. Wir sind den ganzen Abend dort rum gesessen und die haben ihre Sachen bei uns gebunkert. Wir haben dafür unser Tichy-Eis bekommen und Wassermelonen und haben uns gefreut. Unsere Eltern haben gedacht, dass wir im Nachmittagsunterricht waren. Ich bin im zehnten Bezirk prinzipiell mit sehr viel Gewalt aufgewachsen.

Das Bild einer Uzi oder einer Kalaschnikow ist künstlerisch gemeint, das heißt nicht, dass ich von Menschen umgeben bin, die Waffen besitzen.

Wir schaffen uns derzeit eine große Parallelgesellschaft. Wenn man sich die Seestadt Aspern ansieht, wo einige meiner Freunde hingezogen sind: Wie die ganze Siedlung noch im Baustadium war hatte ich diesen Film „I am Legend“ mit Will Smith im Kopf, wo alles in den Oasch geht … das wäre eine super Kulisse für einen Zombiefilm. Was ich damit sagen will ist, dass man ähnlich wie in Frankreich riesige Vorstadtsiedlungen baut, die man sehr günstig anbietet. Hauptsache, bitte, weit weg vom Zentrum, dort sollen die Sozialschwachen wohnen. Das ist doch schön für die. Die Fenster sind neu, Strom gibt’s auch und alles ist gut.

https://youtu.be/TamOg70dA1k

Weshalb erinnert mich der Track „Signal“ sofort an „Out of the Dark“ von Falco?

Das ist krass! Der Song wurde wegen den orientalischen Beats auch mit „Zwischen Zeit und Raum“, meiner letzten Single, verglichen. Das ist aber ein interessanter Ansatz, vielleicht liegt es daran, dass es in dem Song, genauso wie in „Out of the Dark“, um Leere geht, um das Alleinsein, eigentlich um etwas Düsteres. Der Song soll vermitteln, dass Menschen näher zueinander finden. Egal, ob es in einer Beziehung ist oder nicht. Es geht darum, dass viele Menschen auf dieser Welt alleine sind, selbst wenn sie von vielen umgeben sind.  In sich bleiben sie allein, weil sie niemanden finden, der ihnen Gleiches zurückgibt.

Es gibt den gemeinsamen Titel „Mein Viertel“mit Sido. Willst du in Sidos Villenviertel? Oder entfernt man sich dadurch von den Wurzeln?

Ich bin mit Sidos „Mein Block“ aufgewachsen, musikalisch. Ich bin ja ähnlich wie Sido. Er ist im Märkischen Viertel aufgewachsen, ich in Bauten in Favoriten. Da ist eine Parallele. Der Unterschied ist, dass er in eine schöne Villa in der Nähe von Berlin gezogen ist und ich noch immer im zehnten Bezirk bin. Genauso ist der Song entstanden. Ich mag meinen Bezirk. Ich bin ein Künstler, der sich Gott sei Dank noch frei bewegen kann, auch in Wien. Keiner kann mir hier Probleme machen, schon gar nicht im zehnten, dort bin ich der insgeheime, kleine Bürgermeister (lacht herzlich).

Und wenn es dir nicht mehr passt, dann hast du ja ein Haus in Kroatien?

Wenn aber alles schiefgehen sollte, dann glaube ich nicht, dass man in Kroatien Menschen wie mir gegenüber aufgeschlossen ist. Sollte sich Europa wirklich so dramatisch verändern, dass sich Menschen wie ich Sorgen machen müssen, ob sie hier noch leben können oder nicht… dann wird das überall eskalieren. Kroatien ist aber nach wie vor ein Traumland, eine unentdeckte Perle.

 

Wir haben mit “La Haine Kidz (4K)” und “Generation Darth Vader” bereits zwei Vorgeschmäcker zu “Irreversibel” parat. Die Reportage zum neuen Nazar-Album „Irreversibel“ (erschien am 13. Mai bei Universal Music) gibt’s im aktuellen !ticket-Magazin (Juli/August). Nazar live gibt’s dann am 22. & 23. Juli beim „HipHop Open“ in der Ottakringer Arena Wiesen.

 

 

 

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!