Necrophobic bringen die Pest aufs Kaltenbach Open Air

Necrophobic

Vor exakt einer Woche veröffentlichten Necrophobic mit “Pesta” einen Appetizer aufs kommende Album, in exakt einer Woche rollt die Pest über das malerische Spital am Semmering.

Necrophobic PestaViele US-Amerikaner fanden, dass sie bei der Präsidentschaftswahl zwischen “dem Teufel und dem tiefen, blauen Ozean” wählen konnten, dass es letztlich ein Clown wurde, steht auf einem anderen Blatt. In der deutschen Übersetzung klingt die Wahl zwischen zwei vermeintlichen Übeln weniger romantisch und poetisch, hier wählt man zwischen der Pest und der Cholera: Die Cholera wird durch ein Bakterium übertragen, die Infektion kann zu starkem Durchfall führen, der Körper verliert viel Flüssigkeit. Das resultiert, wenn nicht behandelt, zwangsweigerlich im Tod – ausreichend Wasser und Elektrolyte gleichen jedoch den Verlust üblicherweise aus und eine Genesung ist somit beinahe gesichert. Die gute alte Pest jedoch ist ein Fiesling, ein hartnäckiger – und dazu müssen wir nicht einmal in Geschichtsbüchern blättern, denn bis dato tötet das Bakterium Versinia pestis – das zumeist über Rattenflöhe übertragen wird – jährlich etwa 2.000 Menschen, besonders heftig wütet sie in Madagaskar, im Inselstaat im Indischen Ozean, gelegen am südöstlichen Zipfel Afrikas. Das ist freilich nichts im Vergleich zur Hochphase im 14. Jahrhundert, als die Pest in nur fünf Jahren fast 30 Millionen Menschen und somit etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung Mitteleuropas dahinraffte – von London über Wien bis Budapest waren damals die Straßen gesäumt mit zahllosen Leichen mit riesigen, schwarzen Beulen, die Beulenpest fraß sich damals durch die europäische Bevölkerung wie ein Feuer durch ein Holzhaus. Zurück blieben Angst und Massengräber.

Naheliegend also, dass man als lebensbejahender Mensch – vor die Wahl gestellt – die Cholera wählen sollte. Nicht minder naheliegend aber auch, dass sich die Schweden Necrophobic der Pest zugetan fühlen – wenngleich man, dem Namen nach, ja eigentlich die Leichen fürchtet. Die Stockholmer rund um Gründungsmitglied und Schlagzeuger Joakim Sterner sind – mit Abstrichen auch Runemagick – wohl die einzigen, die es derart gekonnt vermögen, fies geifernden Schwedentod mit majestätischem Norske-Schwarzmetall zu verknüpfen, wie die unnerreichten Dissection neben ihnen. Ähnlich wie Dissection schufen sie vom lobgepriesenen Debüt “The Nocturnal Silence” über den sensationellen “The Third Antichrist” bis hin zum Letztling “Womb Of Lilithu” ein Genre-Manifest nach dem anderen, wenngleich ihnen die wirklich große Anerkennung nie zuteil ward – vermutlich fehlten bei ihnen einfach die wirklich großen Ausrutscher im alltäglichen Leben, mit Mord und Totschlag oder zwiespältigen Parolen.

Vier Jahre hat ihr “aktuelles” Studioalbum bereits am Buckel – seitdem ist aber auch ein bisschen passiert: Anders Strokirk, der bereits das Debüt einsang, ist nach einer unschönen Episode im Privatleben und dem folgenden Rausschmiss von ex-Sänger und Langzeit-Bassist Tobias Sidegård wieder mit an Bord: Hallo, Gift und Galle! Zudem sind die ehemaligen Nifelheim-Gitarristen Sebastian Ramstedt und Johan Bergebäck (auch ehemals Dismember und Amon Amarth) nach der Trennung von Fredrik Folkare (Unleashed) wieder mit von der Partie. Kein Fehler: Denn im direkten Vergleich zwischen Necrophobic am Eindhoven Metal Meeting 2015 mit nur einem Sechssaiter im Gepäck zu ihrem Auftritt am diesjährigen Stockholm Slaughter kann es nur einen Gewinner geben: Wo in Eindhoven kümmerliches Wimmern regierte und glanzvolle Arien wie “Revelation 666” in die Knie gingen, präsentierten sich die Schweden in Stockholm omnipotent in stolzem Getöse, statt vier Apokalyptischer Reiter derer eben fünf – und das macht das Drommetenrot gleich noch ein bisserl garstig-giftiger.

In diesem Line-Up – Alex Firberg am Bass sei noch erwähnt – wurde auch die aktuelle “Pesta”-EP eingespielt, die neben dem Klassiker und Titelstück des zweiten Banddemos von 1990 – “Slow Asphyxiation” – auch das titelgebende “Pesta” kredenzt. Das Ergebnis? 10 Minuten präzise Vernichtung und loderndes Inferno, mit zwingernder Kompromisslosigkeit und feuriger Eiseskälte. Necrophobic sind ja seit ehedem dafür bekannt, nicht nur mit Brachialität und filigraner Melodik gleichermaßen glänzen zu können, sondern auch mit Vielseitigkeit – und das Titelstück schafft tatsächlich, was bei halbwarmen Genrekollegen wenn überhaupt nur über Albumlänge denkbar ist: Hier fließt Folklore nahtlos in die kühl-diabolische Nord-Melodik, Mid-Tempo bäumt sich auf zur exorbitanten Hochgeschwindigkeit, bevor das Gerüst wieder zu einem stampfend-sphärischen Traumtanz zusammenbricht. Dass anschließend der – in neue, klanglich bessere Gewänder gewandete – Band-Klassiker für triefend-saftelnde Pestbeulen in der Trachea sorgt, versteht sich vermutlich von selbst. Die Schweden zeigen selbst in dieser kurzen Spieldauer die volle Breitseite ihres Könnens und ziehen alle Register, dabei freilich nicht zu sehr auf Hochglanz poliert sondern mit schroffer Eleganz, die auf einen baldig erscheinenden Longplayer hoffen macht: „Was blähst du dich auf in deinem Stolz. Staub bist du und Staub musst du werden, ein verfaulter Kadaver, die Speise der Würmer.“

“Pesta” ist limitiert auf 1.000 Einheiten und über Century Media Records erhältlich in clear (100), white (100), silver (200) und black (600) Vinyl.
Line-Up: Joakim Sterner – Drums, Anders Strokirk – Vocals, Sebastian Ramstedt – Guitars, Johan Bergeback – Guitars, Alex Friberg – Bass.

Einstweilen lockt süßlicher als der Erlkönig das gequälte Geweine vom Jesuskind auf den Semmering – spielen am Kaltenbach Open Air Necrophobic im immerhin auf internationaler Ebene hochkarätig besetzten Billing. Tickets gibt es bei oeticket.com.

Kaltenbach Open Air 2017

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