Neil Young – Psychedelic Pill

Neil Young legt gemeinsam mit seinen verrückten Gauchos ein psychedelisches Pillendöschen vor, das ausufernd, überbordend, vor allem aber divers und meisterlich geraten ist.

Die wahre Größe Koryphäen zeigt sich zumeist besonders konzentriert ungeschliffen im Frühwerk, oder umso feinsinniger, reifer im  Spätwerk. Neil Young tanzt wie so oft aus der Reihe, setzt beständig seine eigenen Akzente, in Stärken und Schwächen gleichermaßen, mal im Einst, mal im Heute. Geriet der Letztling, programmatisch mit Americana betitelt (und nach 10 Jahren erstes Lebenszeichen der Crazy Horse Band), noch unfokussiert und disharmonisch, präsentiert sich der alte Hippie mit Psychedelic Pill als letzter großer Wandersmann über Stock und Stein – weniger als Lehrjahre, wie sie noch Goethes Werther durchschreiten musste, sondern vielmehr Wandern im Sinne des Müllers Lust.

Diese Wanderung, sie ist eine lange: Anderthalb Stunden durchstreift Young ein dichtes Opus magnum, stößt dabei in Dickicht vor, das man freilich auch von früheren Veröffentlichungen her kennt, die Vergangenheit konstruiert Gegenwart. Die Akkorde sind archaisch, die Soli ausufernd, Bruchstücke überbordend  – so oder so ähnlich muss sich Captain James Tiberius Kirk auf seiner Kommandobrücke gefühlt haben, als er mit Warp-Antrieb durch unendliche Weiten pflügte. Dabei bleibt Neil Young jedoch auf den Boden der Tatsachen, geerdet kostet er die Einfachheit des Lebens aus – und das mit einer frischen Stimme, an welche sich wohl auch John Frusciante in seinem Zenit des Soloschaffens (The Will To Death, Automatic Writing) anlehnte. Hier atmet und schnauft der Geist des Ewigen, des Zeitlosen, geschwängert mit substanziellen Weisheiten älter als der Bartansatz Gottes, dabei aber schwanger mit jugendlichem, dennoch sorgfältigem Elan.

Psychedlic Pill ist ein Kulturgut, das hemmungslos, meditativ, fundamental, authentisch geraten ist, weitestgehend sogar mit dem Potenzial, sich in die Phalanx von Powderfinger oder Ordinary People einzureihen. Neil Young und seine Reiter der Apokalypse, sie sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

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