Neil Young – Storytone

… und nun mit Orchester: Nach der ultrareduzierten Platte „A Letter Home“, für das sich Young mit Jack White – anstatt über Elektro-Autos zu plaudern – in den Voice-O-Graphen begab, wird es mit dem zweiten Neil-Young-Album des Jahres etwas aufwendiger.

 
 
Der erste Vorbote wurde bereits beim Wien-Konzert im Juli mit „Who’s Gonna Stand Up“ präsentiert, als Geschenk dazu gab es T-Shirts: „Lasset uns gemeinsam und ‚ponomatisch‘ die Welt retten!“, so der eigenwillige Gaucho, und lädt sich nun nebst seiner On/Off-Stammband Crazy Horse ein 92-köpfiges Orchester samt Chor ins Studio.

Der Albumtitel ist wohl mit Hinblick auf Youngs Faible für klassische Instrumente hergeleitet von einem der ersten E-Pianos überhaupt, dem Storytone von Story & Clark und RCA (1939). Dies ist ein historisch durchaus bedeutsames Instrument, hat es doch normale Saiten und Resonanzböden, der Klang wird jedoch von Pickups verstärkt – während optisch das auffällige Art-Deco-Design Connaisseure unweigerlich vor Verzückung in Ekstase versetzen muss, alle anderen missen ihre Seele.

Den Taktstock für das Youngsche „Storytone“ schwang Chris Walden, der auch schon für Paul McCartney, Michael Bublé, Paul Anka und, man höre und staune, David Hasselhoff arrangierte. Aufgenommen wurden die zehn neue Stücke gleich doppelt: sowohl Neil Young solo auf der Akustischen als Bonusmaterial, wie eben auch mit orchestraler Verstärkung.

 

Alte-Mann-Mätzchen
Es ist dies nicht das erste Mal, dass Young auf ein Orchester zurückgreift: Insbesondere „Expecting To Fly“ und „Broken Arrow“ gemeinsam mit Jack Nitzsche („Buffalo Springfield Again“), sowie die „Harvest“-Stücke „A Man Needs A Maid“ und „There’s A World“, ebenfalls gemeinsam mit Nitsche und dem London Symphony Orchestra, dürften noch in bester Erinnerung sein. Dennoch reagierten Fans im Vorfeld etwas verschnupft, vermissten sie zuletzt bei Young immerhin etwas „die Musik“, während stets „eine Idee“, „ein Altes-Mann-Mätzchen“ exponiert wird, eine Spielerei, die (wie auch Neils Pono-Projekt) spannend oder (wie Neils Umweltfürsorge) motiviert sein mag, aber auf künstlerische Ebene allein von Exzentrik zeugt.
Im direkten Vergleich beider dargebotenen Versionen – der akustischen und der orchestralen –, zeigt sich auch tatsächlich: Das Pompös-Bombastische des Orchesters reduziert leider Youngs hemmungslos wucherndes Phalanx-Ungetüm, das Ungeschliffene, Disharmonische, Archaische – lässt zwar nicht die flirrende, dabei aber konzentrierte  Zerbrechlichkeit seiner Stimme bersten, glättet aber das Ewiglich-Unbekannte, das Young sonst anheim ist, gewissermaßen auf etwas Anti-Substanzielles, das zwar ähnlich junonisch-erquicklich geraten ist, wie taubeträufelte, streichelnde Fingerkuppen der Liebsten an der Haut, aber schließlich doch die gierenden, blutenden, nach mehr geifernden Kratzer missen lassen.

Oder anders, losgelöst vom jeweiligen textlichen Tenor: Die klassischen Stücke sprechen von einer lichten Zukunft, einem Weg aus der nebulösen Dystopie, während die akustischen Stücke immerhin den Versuch wagen, am Kern des hier und jetzt festzuhalten, in den Wunden zu graben, bis sie bersten und den Blick auf das Sehnenwerk offenbaren, wie man es eigentlich von Young gewohnt ist.

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