Nelly Furtado: Der Millionen-Darling

Unser erstes Interview fand vor beinahe zwölf Jahren statt, Nelly war gerade einmal 21 Jahre alt und brachte ihr Debut-Album Whoa, Nelly! auf den Markt. Heute ist die 33jährige Kanadierin Mutter einer Tochter, vergisst nach wie vor ihre portugiesischen Wurzeln nicht und ist, trotz Weltruhm, ein echter Darling geblieben. TICKET traf Nelly anlässlich der Veröffentlichung ihres neuen Longplayers The Spirit Indestructible.

Es ist schon erstaunlich, dich nach mehr als elf Jahren wieder zu treffen, ich habe sogar unser Interview von damals ausgegraben und es mir angehört.

Nelly Furtado: Oh mein Gott! Ich habe sicher furchtbare Sachen gesagt!

Nein, gar nicht. Aber hast du dich sehr verändert?

Nelly: Nein, nicht ganz so stark. Ich merke nur, dass ich damals, als ich meine erste CD herausgebracht habe, eigentlich noch ein Kind war. Es heißt ja, dass das Gehirn erst im Alter von 25 Jahren völlig entwickelt ist. Ich denke, das ist wahr! (lacht) Ich war ein Kid und hatte eine Menge Spaß. Meine Arbeit macht auch heute noch Spaß, sogar noch mehr. Ich genieße meinen Job mehr als je zuvor.

Der Titelsong des neuen Albums The Spirit Indestuctible funktioniert sowohl als ausproduzierter, elektronischer Track, als auch nur mit Gitarre.

Nelly: Ich liebe es, nur mit akustischer Begleitung zu singen. Ein Ding auf meiner Liste der noch zu erledigenden Dinge (die Bucket List, wie ein Song des Albums, Anm.) ist eine Akustik-CD zu machen. Das ist der Härtetest für einen Songwriter, wenn ein Titel auch nur mit Gitarre funktioniert. Ich denke, die Menschen wollen einen Song auch in einem anderen Gewand hören als sie gewohnt sind.

Es gibt in dem Song Miracles die Zeile „a Question of Faith“, eine Frage des Glaubens. Woran glaubst du heute, nachdem du in einem römisch-katholischen Umfeld aufgewachsen bist?

Nelly: Der Albumtitel The Spirit Indestructible passt zu allen Religionen und in jedes Glaubenssystem. In einer positiven Art und Weise. Ich denke, dass jede Religion, die Spiritualität und das Gute ins Zentrum stellt, eine tolle Sache ist. Ich war vor kurzem in Asien und besuchte viele buddhistische Tempel. Jeder braucht doch Spiritualität, das hilft uns. Sei es, dass man nur an die Menschheit glaubt, ist das schon ausreichend. Viele meiner Reisen nach Afrika in den vergangenen Jahren haben mich wieder dazu gebracht, an Wunder zu glauben. Hoffnung zu erleben und Hoffnung in die Zukunft zu haben.

Das passt perfekt zu deiner Aufgabe bei den Vereinten Nationen.

Nelly: Ja, ich bin Botschafterin für Free The Children. Die Idee dahinter ist, dass amerikanische Schulkinder Geld sammeln, das danach in dem Bau von Schulen in Entwicklungsländern investiert wird, in den Bau von Volksschulen und Highschools. Wir bauen gerade wieder eine Highschool für Mädchen. Ich unterstütze das auch direkt, denn alle Einnahmen aus dem Verkauft des Spirit Indestructable-Tank Tops auf meiner Website fließen in das Projekt. Es ist einfach großartig, Teil eines größeren Ganzen zu sein, und nicht nur Musik zu machen. Ich bekomme auch viel zurück. In einem Video zu The Spirit Indestruclible ist Spencer West, der im Alter von vier Jahren beide Beine verloren hat und trotzdem nur auf seinen Händen auf den Kilimandscharo geklettert ist. Den habe ich erst durch meine Charity-Arbeit kennen gelernt. Das soll junge Menschen inspirieren, die unzerstörbare Stärke in ihnen zu suchen.
Schon bei dem ersten Album wurdest du, als Tochter portugiesischer Einwanderer, zu einem Vorbild für viele portugiesische Jugendliche in Kanada. Ist das heute auch noch so?
Nelly: Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich im Fernsehen niemanden mit portugiesischen Wurzeln gesehen. Das war seltsam. Als ich meinen Durchbruch im Musikgeschäft hatte, wurde ich von Portugiesen auf der ganzen Welt sehr unterstützt. Sie sind auch heute noch sehr stolz auf mich!

Auf dem Album gibt es den Song The Bigger The Better. Derzeit scheint es ja immer mehr darum zu gehen, noch mehr zu haben, viel mehr Geld zu scheffeln. Wer braucht zum Beispiel ein iPhone 5?

Nelly: Niemand! (lacht) Das ist lustig, denn ich hatte immer eine seltsame Beziehung zu technischen Geräten. Das ist manchmal doch nur Abzocke. iPhone 10 wartet doch schon längst in der Fabrik auf uns, wir müssen sie nur ausrauben. (lacht) Kommt, plündern wir die Apple-Fabrik und holen uns das iPhone 10!

Ist es nicht schade, dass heute bei einem Konzert jeder mit dem Handy mit filmt oder Fotos macht, anstatt der Musik zuzuhören?

Nelly: Das passiert. Ich fand es aber großartig, dass das bei meinen Konzerten in Südamerika kaum Menschen Fotos oder Videos machten. Als ich vor kurzem bei einem Konzert von Sting in Lettland war, hat auch niemand mitgefilmt, alle haben andächtig zugehört. Das war außergewöhnlich.

Werden wir uns in Zukunft noch mehr mit der Technik beschäftigen müssen?

Nelly: Das frage ich mich oft selbst. Ich bin ja Mutter, und es wird viele Sachen geben, mit denen ich mich auseinandersetzen werde müssen, obwohl ich das weder möchte noch eigentlich kann. Meine Mutter hat nie verstanden, warum ich als Teenager Nächte lang telefoniert habe. Sie traf sich, als sie jung war, mit ihren besten Freunden, denn sie hatten damals keine Telefone. Wer weiß, welches Dilemma mich bei meinen Kindern erwartet.

Jede Generation hat ihre eigene Technologieabhängigkeit…

Nelly: Für mich ist es wichtig, eine Zeit lang auch ohne Technik auszukommen. Kurz bevor ich die Songs für das Album aufgenommen habe, habe ich mein Telefon für beinahe ein ganzes Monat abgedreht und ging Campen, in die Natur. Ich war in Wasserfällen schwimmen…

Und du hast ohne Telefon überlebt!

Nelly: Ja! Es war fabelhaft, ich war viel kreativer!

Gibt es eigentlich schon Tour-Pläne?

Nelly: Ja, wir kommen sicher auch nach Österreich!

Fühlst du dich in Wien wohl?

Nelly: Ich finde die Stadt fabelhaft, ich möchte unbedingt einmal hier Ferien machen! Ich liebe die Architektur und die Geschichte, Wien ist sicher eine der schönsten Städte, in denen ich jemals gewesen bin. Und ich freue mich schon heute Abend auf die Oper, denn das ist eine Premiere. Ich bin schon ganz aufgeregt!

Interview: Alexander Haide

The Spirit Indestructible ist bei Interscope erschienen.

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