Nonsens mit Konsens

Eigentlich macht Helge Schneider – ganz gleich, in welcher Umgebung er auftritt – immer dasselbe: Schabernack und improvisiertes Jazz-Geheul. Dabei riskiert er, in den Abgrund des Unsinns zu blicken und von dort groben Unfug heraufzubeschwören.

Egal, woher der Mülheimer ein Begriff ist – aus dem Kabarett, dem Fernsehen („Helge hat Zeit“), dem Kino („00 Schneider“), den Kommissar-Schneider-Romanen oder einer nicht allzu verstaubten Jazz- Veranstaltung: Sein künstlerischer Paternoster changiert stets ruckelnd zwischen den Geschoßen „U“ wie „Unterhaltung“ und „E“ wie „Ernst“, bleibt auch gern einmal zwischen den Etagen schräg oder kopfüber stecken. Helge ist souverän, amüsant und auf kauzig- verdrehte Art subversiv.

Jazz ist anders

Grundlage Schneiders Arbeit ist die Improvisation, die zur Lebenseinstellung geworden ist – vom Jazz hinaus in die Welt, und „Jazz ist anders“ wussten schon Die Ärzte. In Interviews bezeichnet er sich als einen, der „Sinn im Unsinn“ findet, Erwartungshaltungen werden nicht bedient und hemmungslos zwischen Hoch- und Subkultur, zwischen Dada und rotem Faden variiert. Helge Schneider überrascht, nicht selten nicht nur das Publikum, sondern auch sich selbst (und erst recht seine Band), denn für die Bühne ist stets nur ein Grundgerüst angelegt, was dann wie und warum wo genau darauf gebaut wird, entscheidet jeder Abend selbst. Helge Schneiders Kunstfundament ist Treibsand, und wie oft er aus selbigem in seiner mittlerweile vierzig Jahre andauernden Karriere schon die Möhrchen ziehen und die Katzenbemmerl rausklauben durfte!

Aus die Maus

Daher: Wie auch schon die letzte Tournee wird nun diese die letzte sein: „Nach der Tour kann ich endlich mal eine Pause machen“, erklärt Helge Schneider seinen Status quo, „und zwar mindestens zwei Jahre, wenn alles gut geht und ich mich nicht breitschlagen lasse, irgendwo auf einem Jazzfestival zu spielen“.
Vor dem Ruhestand darf man aber noch mal jauchzen und juchen: Die „Pretty Joe“ musikalisch und körperlich begleitenden „Dorfschönheiten“ bieten nebst Überbleibseln altgedienter Weggefährten auch ein paar nostalgische oder spannende Schmankerl. Percussionist Peter Thoms von Helges erster Band Hardcore ist diesmal mit dabei, außerdem auch zwei Drittel des legendären Spardosen-Terzetts, das bereits mit Wiglaf Droste, Ina Müller und Thomas Quasthoff gearbeitet hat. Schönheit ist für Helge jedoch nicht alles: „Ich kenne alle diese Musiker schon ganz lange, aber mit ein paar von ihnen spiele ich erst seit Kurzem zusammen. Das macht irre Spaß. Diese Band klingt so organisch, danach muss mal eine Zeit lang Schluss sein.“ Für die Zeit nach der Dernière im September im Berliner Tempodrom wünscht sich Helge jetzt schon ein Baby, sollte daraus nichts mehr werden, plant er – einem Rat von Tina Turner folgend – ein bisschen Gartenarbeit ein.

Heavy Helge

Bekanntlich darf man Helges Hirngespinsten aber nicht zu vorschnell trauen und diese für bare Münze nehmen. Denn ein ganz frischer Feldversuch legt auch noch eine dritte Option aufs Tableau: Wechselt Helge vom Jazz in den Heavy Metal?
Seine Lieblings-Hardrocker sind zwar AC/DC, verdient gemacht hat er sich nun aber bei einer Formation, die namentlich an Kiss (genauer: Paul Stanley) denken macht: Starchild.
Starchild, das ist das neue Projekt von Helges langjährigem Gitarristen Sandro Giampietro, der in der Heavy-Szene aber beileibe kein unbeschriebenes Blatt mehr ist! Er arbeitete bereits mit Michael Kiske (Helloween) auf dessen Soloalben zusammen und wütete für sein neues Produkt in der deutschen Power-Metal-Szene querbeet: Neben ihm geben sich u. a. Jens Becker (Grave Digger, Running Wild, Kingdom Come) und Michael Ehré (Gamma Ray, Uli Jon Roth, Metalium) die Ehre.
„Der Sandro kam mit einem Kassettenrekorder zu mir nach Hause und ich habe für ihn eine Tonspur auf meiner Orgel eingespielt“, erzählte Helge der Mainpost. Das Resultat: „Black And White Forever“, auf dem auch Kiske zu hören ist.
Warum also nicht ein später Frühling, eine lärmende Midlife-Crisis? „Fitze Fitze Fatze“ klingt vom Titel her eh schon einmal amtlich nach Black Metal, und die wüste Mähne macht ohnehin an den 80er-Thrash aus Altenessen denken. Ein so weiter Schritt ist der Weg von den aktuellen, waghalsigen Impro- Stunts und dem gekonnten Dilettieren im Stand-up-Stil zum wüsten Lärmen ja auch nicht: „Fitze Fatze, Fitze Fatz (Halleluja).“

 

Statt wie angekündigt, spielt Helge nun nicht in Wiesen, sondern am FM4 Frequency.

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