Not Yet Famous

Vorbands haben es hart: Keine Gage, dafür enorme Ausgaben für Tourbus und Technik vor Ort. Doch aufgepasst! Ein Blick vor die Main Acts lohnt sich.

 

Diese eine Stunde vor einem Konzert hat ihre eigene Magie. Sie ist die nüchterne Kühle vor dem heißen Sturm, ein schleichendes Getümmel, das träge Sich- Füllen der noch nackten Halle. Erste versammeln sich hinter dem Wavebreaker, die meisten hinter der Bar, andere lümmeln im Schneidersitz am Boden und essen Cornetto. Es ist die Zeit für den Abend mit Freunden, „Hast du schön gehört?“, das Selfie für die virtuelle Identität, oder schüchternes Küssen beim zweiten Date.
Wer die Vorband ist? „Gute Frage“, schmunzelt Georg. Er ist einer der schneidersitzenden Eisesser. Die Tickets für das Wien-Konzert der Sportfreunde Stiller hat er sich schon zu Weihnachten gekauft. Sein Blick schwenkt Richtung Bühne, wo auf einer großen Leinwand das Art Work der Kaiser Chiefs zu sehen ist. Georg grinst: „Naja, das werden wohl die da sein.“ Um die Vorband zu sehen, ist fast niemand früher in der Wiener Stadthalle. „Das ist für mich meistens ein Überraschungseffekt“, sagt Evelyn. Zu einem Konzert kommt sie bewusst später und hat kein Problem damit, nur 1-2 Songs der Vorband zu hören.
Eine oder mehrere unbekanntere Band vor der eigentlichen Show spielen zu lassen, ist trotzdem für beinahe jeden Künstler ein Muss: Sie durchbricht die anfängliche Schwere, glüht die Stimmung vor und schafft den Übergang zwischen Cornetto-Schlemmen und BH auf die Bühne. Der Support Act erhält dafür eine Scharr an potentiellen Neo-Fans, die nach dem Konzert den Namen der Band durch den Suchalgorithmus aus Google und Youtube schleudern. Vielleicht kaufen sie auch ein T-Shirt. Oder einen Sticker. Und ist man – anders als die Kaiser Chiefs –  eine New-Comer-Band: Wer träumt nicht davon, mit den Rolling Stones, Arcade Fire oder Justin Timberlake durch Europa zu touren?

Vorspiel ohne Romantik

„Das hört sich romantischer an, als es ist.“, sagt Alex Deutsch „In Wirklichkeit ist es knallhart.“ Er ist Manager von Anna F., Königin des Vorspiels von Lanny Kravitz und James Blunt. Deutsch weiß: Als Vorband katapultiert man sich zuerst in Rund-Umkosten. Gage gibt es keine. Außer es spielt eine größerer Support à la Kaiser Chiefs, meist unter „Special Guest“ tituliert. Manche Bands müssen hingegen sogar zahlen, um vorzuspielen. Genauso wenig werden Hotel- oder Reisekosten übernommen. „Bei Lanny mussten wir in drei Tagen 30 000 Euro aufstellen. Und das nur um die ganze Mannschaft von A nach B zu bewegen“, erzählt Deutsch. Neben dem Tourbus, müssen außerdem die Bandmitglieder, der Licht-, Monitor- und Tontechniker vor Ort sowie das Equipment bezahlt werden. Sogar für den Merchandise-Stand wird Miete verlangt, 20- 30 Prozent der Einkünfte durch CDs und Co gehen dabei an den Hallenbetreiber. „Man könnte sich um Förderungen bemühen. Das braucht aber monatelange Vorlaufzeit. Unsere Aufträge waren da zu kurzfristig“, sagt der Manager.

Wer bekommt den Vortritt?

Welche Vorband spielt, wird zwischen Künstler, Management oder Booking Agentur abgestimmt. Häufig handelt es sich dabei um befreundete Bands des Main Acts oder – im Fall von Anna F. – um Spontanentdeckungen des Künstlers. Die deutsche Alternative Band Darkhaus wurde durch dieselbe Bookingagentur zur Vorband von Subway to Sally. „Die Musikstile müssen da zusammenpassen“, meint Rupert Keplinger, Gründungsmitglied von Darkhaus. Ausgewählt werde auch ganz pragmatisch: ist der Hauptact ein Rock- Maskulinum à la Lanny Kravitz, eignet sich eine weiblich weiche Stimme als vorklingender Konterpart.
Gratis spielen? Das macht Rupert nichts aus. Ihm ist klar, dass er die nächsten zwei Jahre nichts mit der Band verdienen wird. Er sieht Support Acts als Investment, das sich in ein paar Jahren rentieren wird. Hoffentlich. „Es gibt keine bessere Promotion als ein Live-Konzert. Und wir bekommen ja etwas: das Publikum von Subway To Sally.“ Dass das Vorspiel hauptsächlich der Promo dient, merkt man mittlerweile beim Live-Auftritt der Kaiser Chiefs. Sänger Ricky Wilson gibt alles, schmeißt mit dem Mikrofonständer um sich und ruft: „Wir wollen wirklich eine größere Band werden. Dafür müsst ihr das hier kennen.“ Er singt die Zeilen aus „Never Been This Far Away From Home“ vor und bringt sogar die Menschen mit Sportfreunden-Shirt zum Mitträllern des Songs.

Aus No Name werde Hauptact

The Rolling StonesWas wollen die überhaupt? „Diese Frage sieht man teilweise in den Gesichtern der Leute“, sagt Rupert. Sie dennoch zu begeistern und zu überzeugen ist nun die Herausforderung des Supports. Jeder große Künstler, der heute Konzerthallen füllt und Karten ausverkauft rockte mehrmals auf einer Bühne, die nicht für ihn aufgebaut wurde. Und spielt vor einer Menge, die sie nicht kennt. So wie The Rolling Stones 1963 vor The Everly Brothers, The Scorpions für AC/ DC oder Queen 1974 für Mott The Hoople’s. Der Schweizer Singer–Songwriter Bastian Baker war bereits Vorband für Elton John oder Bryan Adams. Und einmal für eine Schweizer Band. „Letztes Jahr waren sie dann meine Vorband. So kann es auch passieren“, erzählt er.
Unbekannt? Das kann man von den Kaiser Chiefs nicht behaupten. Bei ihrer Nummer Eins Single „Ruby“ tobte die Menge. Darunter Eva. Sie ist schon früh in die Stadthalle gekommen. Die britische Indie Band wollte sie nicht verpassen. „Oft ist es schwierig herauszufinden, wer Vorband ist. Dann sehe eine Vorband von der Bühne gehen, die ich auch als Hauptact ansehen würde und genau DANN komme ich zu spät.“ Aus No Name werde Hauptact. Daran glaubt auch Rupert: „Wenn man diese Chance nicht nützt, kann man gleich zu Hause bleiben.“ Es lohnt sich also doch. Für die Support Band. Auch für den Fan des Main Acts.

 

Sportfreunde Stiller inklusive Kaiser Chiefs als support kann man noch am 19. Juli auf der Burg Clam live erleben. Metallica hat einen grandiosen „Special Guest“: Alice In Chains am 9. Juli in der Krieau Wien. Selbst The Rolling Stones mussten sich am Anfang ihrer Karriere als Vorband beweisen. Den weltweit begehrten Mainact gibt es 50 Jahre später: Am 16. Juni im Ernst Happel Stadion.

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