Niavarani lädt zum Dinner for one, two, three,..?

Michael Niavarani ist nicht nur ein Garant für gute, kurzweilige Unterhaltung und ausverkaufte Säle in ganz Österreich, sondern auch für pointierte Antworten zu Fragen der menschlichen Existenz und nimmt dabei auch kein Blatt vor den Mund, wenn es um mangelnde Deutschkenntnis der Rechtspopulisten geht. TICKET traf den diebischen Perser in der Wiener Stadthalle auf ein Pläuschchen.

TICKET: Seit letztem Jahr bist du als Intendant der Berndorfer Festspiele tätig, bereits im Vorfeld jubelte man über den Erfolgsgarant deines Namens. Erwartungsgemäß gestaltete sich daher auch die erste Saison – insbesondere Das (perfekte) Desaster Dinner war ein voller Erfolg. Hätte es dich nicht gereizt, dieses Jahr in einer anderen Rolle zu brillieren?

Michael Niavarani: Wir haben uns, nachdem wir privatwirtschaftlicher, weniger staatlich subventioniert als manch andere denken müssen, spontan entschlossen, etwas, dass die Leute gerne sehen wollen einfach so lang spielen, bis sie es nicht mehr sehen wollen und so kam es zur Wiederaufnahme heuer. Nachdem die Nachfrage so groß war finde ich es nur vernünftig, dass man es wieder spielt. Natürlich würde ich jederzeit gerne ein neues Stück machen, aber wir haben gerade ein erfolgreiches – also brauchen wir zurzeit kein neues.

TICKET: Was glaubst du macht den reißenden Erfolg nicht nur in Berndorf sondern auch in der Wiener Stadthalle aus? Das Thema ist ja kein Novum, Affären und kleine und große Notlügen kennt man aus einer Vielzahl an Filmen, Theaterstücken und Literatur?

Michael: Nein, es ist eine ganz alte, dumme Boulevardkomödie – dumm bezieht sich auf die vielen Pointen, die sie hat und die komischen Situationen, aber es ist eine sehr intelligente Boulevardkomödie, weil sie sehr gut gestrickt ist. Sie ist meiner Meinung nach eine der am präzisesten gestrickten Komödien, weil sich in jeder Szene die Handlung weiterentwickelt und noch eine Überraschung, noch eine Verwechslung kommt und der Erfolg liegt, glaube ich, einfach auch darin begründet, dass sich die Menschen zwei Stunden gut unterhalten können und dass es einfach um nix geht.

TICKET: Freilich macht aber auch der Name „Niavarani“ einen großen Teil des Erfolgs aus …?

Michael: Sicherlich, die Leute sind neugierig, was er jetzt wieder macht, der Niavarani – was er sich nun wieder überlegt hat, um sie zum Lachen zu bringen.

TICKET: Du hast dir mit diesem Stück ja auch einen persönlichen Wunsch erfüllt …

Michael: 1993 habe ich das Stück in England gesehen und bin damals im Theater gesessen als junger Mensch und habe mir gedacht: „Wahnsinn, sowas Blödes möchte ich einmal in meinem Leben spielen!“ Es hat 20 Jahre gedauert, bis der Wunsch in Erfüllung ging.

TICKET: Obwohl das Stück das Rad nicht neu erfindet wirkt es frisch und nicht angestaubt, fesselnd, nicht platt – und erinnert zu Ende sogar etwas an den grandiosen Inspector Clouseau aus Pink Panther, ohne dabei das Ende verraten zu wollen.

Michael: Danke! Es wurde 1993 natürlich anders gespielt und wir haben das Stück bearbeitet, die Dialoge, die Sprache sind viel moderner und die Klischees sind natürlich auch andere als in den neunziger Jahren. Das Stück ist ja ursprünglich sogar aus den sechziger Jahren und mir war es ein Bedürfnis, diese kleine musikalische Choreographie, die an Clouseau erinnert, am Ende einzubauen. Wir haben das eigentlich als Jux probiert, mit dem Hintergedanken, dass es wenn es nix wird eben nix wird, aber es hat sich herausgestellt, dass es eigentlich ein sehr cooler Schluss ist.

TICKET: Die „konservativere“ Schiene der Theaterwissenschaft kritisiert die aktuellen Entwicklung am Theater, dass vermehrt nicht tatsächliche Theatertexte als Arbeitsgrundlage für Stücke hergenommen werden, sondern auch Filmvorlagen. Mit Keinohrhasen hast du dieses Jahr ein Stück im Programm in Berndorf, das eben auf eine filmische Vorlage zurückgreift, die gleichnamige Komödie von Til Schweiger. Warum?

Michael: Claudia Jüptner-Jonstorff, die Regisseurin dieses Stückes und damals auch meine Regisseurin bei Dolce Vita und der Produzent Erich Schindlecker sind an mich herangetreten und haben mir gesagt, dass sie die Rechte für diese Stückfassung haben und mich gefragt, ob wir das nicht als Co-Produktion machen wollen. Ich habe mir gedacht, das sei eine gute Idee – es ist ein cooler Film, eine lustige Geschichte und mir ist es ein Anliegen, in Berndorf nicht nur selbst auf die Bühne zu gehen, sondern auch jungen Leuten mit neuen Projekten eine Plattform zu bieten. Freilich, jung ist der Reinhard Nowak natürlich auch nicht wirklich …

TICKET: Wie weit unterscheidet sich das Stück von der Vorlage, wie adaptiert auf den heimischen Markt ist es?

Michael: Es ist auf jeden Fall eine österreichische Version des Films! Die Fassung gibt es schon, ich habe sie auch schon gelesen, möchte aber als Intendant der Regisseurin nicht vorgreifen – also: Gehet hin und lachet selbst!

TICKET: Dieses Jahr ebenfalls in Berndorf: Neil Simons Das ungleiche Paar mit deiner Partnerin Nina Hartmann in einer der Hauptrollen. Ziehen sich Gegensätze an oder stoßen sie sich ab?

Michael: In der Physik ziehen sich Gegensätze an und im wahren Leben ziehen sie sich an oder stoßen sich ab. Wobei ja die Quantenphysik jetzt draufkommt, dass es in der Quantenmechanik Dinge gibt, wo die physikalischen Gesetze auf den Kopf gestellt sind, wo sich Gegensätze auch abstoßen können, wo ein Elektron in zwei Zuständen gleichzeitig sein kann. Es ist in der Physik dann so wie im echten Leben, das kommt immer ganz drauf an!

TICKET: Zumal: Die Liebe folgt ja auch keinen Gesetzen.

Michael: Doch, doch, die Liebe folgt meiner Meinung nach hormonellen Gesetzen, die Liebe ist in Wahrheit ein ganz primitiver biologischer Vorgang (lacht).

TICKET: Wenn wir bei der Liebe sind – wie viel Niavarani steckt in Hartmann, wie viel Hartmann in Niavarani?

Michael: Gar nichts. Wir lesen uns zwar gegenseitig die Dinge vor, die wir schreiben – sie mir ihre mehr als ich ihr meine, vor allem auch deshalb, weil ich zurzeit nichts Neues hab, nur das Best Of – aber Gib dem Model Zucker ist vollkommen von ihr. Ich habe natürlich meine Meinung, Tipps abgegeben, aber sonst habe ich mich da nicht eingemischt, das geht auch nicht. Nur weil wir zufällig zusammen sind, heißt das nicht, dass ich mich da einmischen muss – ich würd das auch bei niemand anderem machen. Wenn ich von jemand anderem ein Programm produziere, macht der das so, wie er glaubt dass es richtig ist und ich stehe nur beratend zur Seite und greife vielleicht ein, wenn es in eine komplett falsche Richtung geht, aber im Prinzip muss man junge Menschen ihre Sachen selbständig machen lassen.
Was ich aber noch zu Das ungleiche Paar sagen wollte: Das ist auch so ein Projekt, das ich schon immer machen wollte, weil ich denke, dass Neil Simon eine Version für Frauen geschrieben hat und wir haben da jetzt ein Stück, wo sechs Frauen spielen, die den Hauptschmäh haben und die Männer nur der schöne Aufputz sind. Hier besorgen die Frauen die Komödie!

TICKET: „Schöner Aufputz“ ist eigentlich das perfekte Stichwort für eine Rolle für dich …?

Michael: Die Zeit, in der ich einen 25-jährigen Spanier spielen konnte, ist leider seit ungefähr 30 Jahren vorbei (lacht). Wobei, ich hätte wohl nicht einmal mit 25 einen schönen Spanier spielen können!

TICKET: Wie viel Improvisation ist bei dir dabei wenn du auf der Bühne stehst, wie viel Situationskomik?

Michael: Beim Desaster Dinner ist es natürlich viel, viel weniger als beim Kabarett. Beim Kabarett, gerade jetzt beim Best Of ist es so, dass die Improvisation einen sehr großen Raum hat, ich immer wieder neue Sachen erfinde, beziehungsweise das ganze Material, das ich habe, laufend neu arrangiere, immer ein bisschen etwas anders mache. Das brauche ich, damit das auch für mich frisch bleibt, weil ich all diese Dinge ja schon 300-mal erzählt habe – das ist dann schon wahnsinnig langweilig!

TICKET: Mit Kalamitäten hast du ja eine weitere Beziehungsgeschichte in Berndorf am Programm. Woher dieses Jahr dieser enge und doch so breite Fokus?

Michael: Wenn man die Literatur von der Weltliteratur bis zum billigsten Schlager betrachtet ist eigentlich das einzige Thema die zwischenmenschliche Beziehung. Es hat immer mit der Liebe und dem Zusammenleben von Menschen zu tun und darum geht es auch in Berndorf: Wie lebt man mit jemand anderem zusammen, wie lebt man mit sich selbst zusammen?

TICKET: Hat ja dein Kollege Oliver Baier in seiner Schlagerschlachtung eindrucksvoll ausgeführt …

Michael: Genau!

TICKET: Was sind deine Ziele für kommendes Jahr in Berndorf?

Michael: Ich bin ja das erste Mal mit dem Staate Österreich in der Form konfrontiert und daher leidet die Administration in Berndorf sehr unter meiner Verweigerung der Planung, unter meiner Spontanität. Ich hab ihnen gesagt, es kann sein, dass ich zwei Wochen vor Probenbeginn sag: „Na, komm, spielen wir doch ein anderes Stückl, das ist gescheiter!“ Das mach ich natürlich nicht, wir sind auch schon in Gesprächen, es gibt Ideen, aber ich lasse mir da noch Zeit und warte auf die Inspiration.

TICKET: Was glaubst du, macht das Phänomen Niavarani, diesen nicht enden wollenden Zustrom aus? Der Sexappeal wird es dann wohl nicht sein!

Michael: Ich glaube natürlich, dass der große Erfolg des Lebens, das Kapital mein Körper ist! Ich werde als Sexobjekt gesehen, aber es stört mich nicht!

TICKET: Für wann ist Michael Niavarani im Playgirl geplant?

Michael: Ich war schon dreimal im Playgirl, es musste aber eingestampft werden, weil die Menschen mit Brechreiz darauf reagiert haben, weil sie so viel Schönheit auf einmal nicht aushalten!

TICKET: Bei dir ist es jedoch nicht nur Sex, Sex, Sex, sondern auch Komik. Guter Komik liegt ein scharfer Blick auf die Realität zugrunde, was ist Humor? Wenn man trotzdem lacht?

Michael: Woody Allen hat einmal gesagt, Humor ist Tragödie plus Zeit. Ich glaube, es gibt kein Thema, das man nicht humoristisch behandeln kann, man muss einfach die richtige Zeit abwarten, bis man einen Schmäh führen darf. Nach den Terroranschlägen am 11. September habe ich schon vier Tage später eine Pointe darüber gemacht, das war vielleicht etwas zu früh, aber mittlerweile ist das ein sehr komisches Thema.

TICKET: Was wärst du eigentlich von Beruf, wenn nicht Komiker?

Michael: Dann wäre ich vermutlich Mittelschulprofessor für Geschichte und Biologie …

TICKET: Hast du eigentlich in deiner Position noch Träume, die auf Verwirklichung warten?

Michael: Selbstverständlich, ununterbrochen, das ist ja das Entsetzliche (lacht)!

TICKET: Vielleicht einmal „Niavarani singt“?

Michael: Ich weiß nicht, ob das jemand hören will, ob das unbedingt sein muss …

TICKET: Gernot macht’s, Steinhauer brilliert …

Michael: Der Erwin singt auch wahnsinnig gut! Ein hochmusikalischer Mensch!

TICKET: Und du, mit deiner sonoren, angenehmen Stimme?

Michael: Nun, eigentlich keine schlechte Idee – vielleicht mache ich ein Musical! A Chorus Line (lacht)!

TICKET: Weil wir gerade bei Träumen waren – was war dein Lieblingsmärchen als Kind?

Michael: Ich habe Märchen immer schon gehasst! Ich weiß auch nicht warum, mich hat das nicht so wirklich interessiert, hat mich nie so fasziniert. Ich habe jetzt in meinem Buch Der frühe Wurm hat einen Vogel eine Märchengeschichte geschrieben, wo die Märchenfiguren in der Realität leben – da habe ich sie weil ich sie eben in der Märchenwelt nicht mag in die Realität gezerrt.

TICKET: Apropos Buch – was liegt zurzeit bei dir am Nachttisch?

Michael: Ich glaube, siebzehn Bücher. Ich habe ja jetzt zum Lesen aufgehört, ich habe so viele ungelesene Bücher, da wäre es den anderen gegenüber unfair, genau das eine zu lesen. Nein, ich lese gerade ein Buch, das heißt Die verborgene Wirklichkeit, das ist ein popularwissenschaftliches Buch von einem englischen Physiker über die Quantenphysik, die Stringtheorie.

TICKET: Du hast in Salami Aleikum auch das Thema „Ausländer“ angeschnitten – Ausländer sind immer die anderen. Wie erlebst du mit deiner Biographie die aktuellen wenn auch nicht neuen innenpolitischen Ereignisse?

Michael: Diese rechte Entwicklung ist eine, die es halt gibt und man muss überlegen, warum es jene eigentlich gibt. Ich gehe mit dem Thema um, wie ich mit jedem anderen auch umgehe: Ich habe in Innsbruck an dem Tag, an dem die „Marokkanerdiebe“ plakatiert wurden, gespielt und habe sogar in einem Hotel gewohnt, das dem Herrn Penz gehört, was ich zuerst nicht gewusst habe. Dem Herrn kann man nur sagen, was ich auf der Bühne gesagt habe und ihm auch in sein Gästebuch im Hotel geschrieben habe: Die Rechten sollten Deutsch lernen, weil Marokkanerdiebe sind nicht marokkanische Diebe, sondern Diebe, die Marokkaner stehlen. So wie Kunstdiebe auch keine Diebe sind, die Bilder malen, sondern Kunst stehlen. Ich habe vorgeschlagen zu plakatieren: „Tiroler Speck statt Nazidreck!“ Das Hotel war zwar sehr schön, aber ich habe dem Herrn Penz geschrieben, dass ich ihm aus tiefstem Herzen null Prozent bei der Wahl wünsche und habe mich als Perserdieb von ihm verabschiedet.

TICKET: Mit deinem Buch hast du eine alte Weisheit umgedreht, „niavaranisiert“. Welchen Aphorismus kannst du unseren Lesen noch mit auf den Weg geben?

Michael: Alles hat ein Ende, nur die Wurscht hat zwei.

TICKET: Moers „kleines Arschloch“ würde sagen: Mahlzeit!

Michael: (lacht) Ich habe in Wahrheit ja gar keine eigenen Weisheiten, ich verwende sehr viele Zitate, zum Beispiel von Egon Friedell. Eines meiner Lieblingszitate von ihm geht ungefähr so, dass die größte Aufgabe des Menschen wahrscheinlich darin besteht, im Zusammenleben mit anderen Menschen der Irrenwärter zu sein. Was uns zu der noch größeren Aufgabe führt, unser eigener Irrenwärter zu werden.

TICKET: Klingt nach der Türhüter-Parabel …

Michael: Kafkaesk!

Interview: Stefan Baumgartner
 
Tickets für Michael Niavarani gibt es hier! 

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