Pestilence: eine Karriere mit Missverständnissen

Pestilence

Nach einem skandalumwitterten Nicht-Auftritt im Wiener Viper Room vor einigen Jahren gaben sich Pestilence unlängst im Escape Metalcorner die Live-Ehre. Mit einem speziellen Klassiker-Set kramte Mastermind Patrick Mameli tief in der Nostalgie-Kiste.

PestilenceEnde der 80er- bis Mitte der 90er-Jahre zählten die Holländer Pestilence zu den ersten und wichtigsten europäischen Death-Metal-Bands, danach warf Frontmann Patrick Mameli das Handtuch mehrmals, kehrte aber immer wieder an die Oberfläche zurück. Dieser Tage veröffentlicht er mit brandneuer Besetzung „Hadeon“ und tourt mit einem „Old-School-Special-Set“ durch Europa. Auf seiner Station im Wiener Escape Metalcorner schnappten wir uns den 51-Jährigen, um seine lange Karriere schonungslos, offen und ehrlich zu rekapitulieren.

Patrick, mit „Hadeon“ hast du dieser Tage ein neues Album veröffentlicht, bist in Europa aber trotzdem mit einem „Old School Special Set“ auf Tour. Was hat dich zu dieser eigenwilligen Entscheidung bewogen?

Es ist gar nicht so unlogisch, wie es wirkt, denn da mein Label derzeit die alten Alben neu auflegt, kann ich den Fokus durchaus auch darauf legen. Wir konzentrieren uns auf die vier alten Klassiker und fokussieren uns erst später dann auf das neue Album. Die Promoter sind natürlich glücklich über diese Entscheidung, weil wir alte Songs liefern, die wir teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr gespielt haben.

An Klassiker bist du nicht arm, das ist bekannt. Macht es dir selbst immer noch Spaß, so tief in deiner eigenen Vergangenheit zu graben?

Das hat zwei Gesichter. Einerseits fühlst du dich wie eine Jukebox, wenn die Leute immer das alte Material hören wollen, aber aus der Fanperspektive sehe ich das ein. Wenn ich zu Slayer gehe freue ich mich auch auf die großen Klassiker von früher. Das neue Material ist natürlich näher an meiner gegenwärtigen persönlichen Präferenz, aber die Nostalgie ist etwas, die ich total nachvollziehen kann. Ich fühle mich den Neuauflagen der Klassiker jetzt bei Hammerheart Records auch näher, denn bei Roadrunner fühlte es sich so fremd an. Sie haben all meine Rechte verkauft und mich damals geknickt. Sie haben all ihre Produkte an Warner Music verkauft und die wollten das Material loswerden. So konnte ich mir die Rechte nach gut 29 Jahren wieder zurückholen und kann diese Reissues endlich herausbringen. Für mich ist das ein großer Erfolg, denn die Leute lieben mein altes Material und der Sound klingt jetzt auch viel besser. Wir haben wirklich jeden einzelnen Schritt der Neuauflagen begleitet – vom Sound über die Aufmachung bis hin zur Veröffentlichung.

Diese ständigen Kämpfe mit Roadrunner Records waren doch der Hauptgrund, warum du Pestilence 1994 das erste Mal zu Grabe getragen hast.

Das war nach dem „Spheres“-Album. Sie haben damals mit anderen Plattenfirmen die Szene mit so vielen schlechten Death-Metal-Alben geflutet und die Verträge für die Zugpferde nicht verbessert. Ich habe nicht eingesehen, warum wir gleich behandelt werden sollten wie alle anderen, denn wir waren von Anfang an dabei und hätten mehr Respekt verdient. Ich habe aus den Roadrunner-Verträgen niemals Geld eingenommen. Heute bin ich über 50 und beginne erstmals wirklich Geld zu verdienen. Das ist ziemlich traurig.

Hast du den musikalischen Stil für das „Spheres“-Album deshalb so stark verändert, weil du dich als Persönlichkeit und Musiker weiterentwickelt hast?

Nein, ich wollte einfach vom Label gefeuert werden. Das war für mich die beste Möglichkeit, dass sie mich aus den Verträgen werfen und ich endlich rauskomme. Erst danach konnte ich mich wirklich befreien und wieder richtig Künstler sein. Die Fans haben uns auch verlassen, weil alle ein weiteres Album im Stile von „Testimony Of The Ancients“ erwartet hätten. Die Fans und auch das Label mochten „Spheres“ nicht, also habe ich aufgehört und lange nichts mehr mit Musik zu tun gehabt. Ich hatte die Nase voll von der Szene und all dieser Cliquenbildung, wo es mehr um Bekanntschaften als um Talent ging. Wir haben unseren Tod nicht geplant, aber all die Dinge, die damals passierten, haben mir jeden Spaß am Metal genommen.

Als eine der ersten europäischen Death-Metal-Bands, die damals wirklich für Aufregung sorgte, habt ihr natürlich eine große Legende aus der Band geboren. Wie siehst du die Auswirkung von Pestilence aus heutiger Perspektive?

Es ist ziemlich cool, weil ich heute endlich Geld verdiene und diese Legende zu schätzen weiß. Damals war aber alles immer nur ein Kampf. Die Fans sehen dich nur bei guter Laune bei Livekonzerten, aber sie konnten nicht dahinterblicken, was alles danebenging. Damals hatte alles einen schalen Beigeschmack, aber heute, mit dem neuen Line-Up, kann ich auch die alten Songs wieder genießen.

Was hast du zwischen 1994 und dem ersten Comeback 2008 alles gemacht, als es Pestilence nicht gab?

Ich hatte einfach normale Jobs und habe ein gewöhnliches Leben gelebt, wie jeder andere auch. Es ist verdammt schwierig, ein Teil von extremer Musik zu sein und davon leben zu können. Ich habe in Bars gearbeitet, was mir wenig Spaß machte, aber als zweifacher Vater musste ich natürlich auf sie schauen.

Hast du in dieser Zeit immer Musik gemacht und für dich weitergeschrieben und komponiert?

Natürlich, ich habe nie damit aufgehört. Es ging aber nie wirklich etwas weiter, weil ich so viel Zeit mit meinem normalen Job verbrachte, dass ich damit nicht vorwärtskam. Ich habe sehr viel Zeit und Leidenschaft in die Musik gelegt, aber ich habe dann die Lust auch zunehmend verloren.

Warum hast du Pestilence 2008 dann wieder ins Leben gerufen?

Die Rahmenbedingungen haben gepasst, in dem Fall war es ein guter Plattenvertrag. Auch wenn ich oft sagte, dass ich niemals zurückkommen werde, die Band tot bleiben würde, war das nie wirklich ein Thema. Jeder kennt doch die Phasen, wo man so angepisst ist, dass man etwas Unbedachtes sagt und dann in der Retrospektive und bei genauerer Überlegung doch draufkommt, dass vieles gar nicht so schlimm war. Ich hatte neue Mitstreiter, bekam einen Vertrag und die Fans freuten sich. Die Leute haben das neue Material meist gemocht, viele waren aber auch wenig begeistert. Aber das ist ein Teil des Lebens. Du kannst niemals alle zufriedenstellen.

Die Nachfrage nach einer Pestilence-Reunion war aber immer sehr groß. Auch das Internet hat über die Jahre viel dazu beigetragen.

Das stimmt, aber was die Fans wollen und was die Labels bieten können, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Vom Death Metal zu leben ist schwer bis fast nicht möglich und mir war immer wichtig, dass alle Rahmenbedingungen für ein Comeback stimmen müssen.

Wie stark wurdest du von deiner Familie bei der Rückkehr bestärkt, welchen Anteil hat sie an deiner Karriere?

Speziell meine Eltern waren eigentlich immer dagegen und wollten mich in andere Bereiche stoßen. Ich bin aber ein Vollblutmusiker und kann nicht einfach irgendetwas anderes machen. Ich war bei jedem Album sehr enthusiastisch, aber so ging es leider nicht allen um mich herum.

Bist du mit dem ersten Feedback auf dein neues Album „Hadeon“ zufrieden? Es scheint den Leuten durchaus zu gefallen.

Ich habe sehr viel mit Acht-Saiten-Gitarren und unterschiedlichen Line-Ups experimentiert und die Songs auf dem Album sind etwas natürlicher und weniger kompliziert als ältere. Natürlich sind sie immer noch technisch, denn ich werde nie die AC/DC des Death Metal sein, aber ich bin wieder mehr zur Basis zurückgegangen. Die neuen Jungs in der Band sind extrem großartige Musiker und Typen und das erhöht natürlich die Freude, das Material zu spielen. Wir üben auch nie und müssen dadurch viel spontaner sein und können mehr improvisieren. Ich bin unheimlich glücklich mit dem gesamten Ergebnis. Ich weiß nicht, warum es so viel Magie auf dem Album liegt, offenbar sind die Sterne alle richtig gestanden. Das ist ähnlich wie damals, als wir mit der Band starteten und einen Plattenvertrag bekamen. Andere Bands waren extrem eifersüchtig darauf und ärgerten sich darüber, aber manchmal hat man wohl auch Glück – wie im Lotto.

Über all die Jahre hattest du unzählige Line-Up-Wechsel auf allen Positionen. Ist es so schwierig, mit dir zusammenzuarbeiten?

Es gab einige verschiedene Faktoren, aber ich bin wohl kein schwieriger Charakter. Chuck Schuldiner von Death hatte auch viele Besetzungswechsel und war mit Sicherheit ein schwierigerer Typ als ich. Ich habe immer 99 Prozent der Musik geschrieben und die Kompositionen gemacht. Nach der „Resurrection Macabre“ habe ich auch alle Texte geschrieben, es war immer schon meine Band und sang schon auf den Demos. Es gab immer die Vergleiche mit mir und Martin van Drunen, aber das ist mehr als 25 Jahre her. Ich will darüber nicht reden und es ist auch nicht wichtig für mich. Die Musik hat sich natürlich geändert, aber ich habe auch andere Einflüsse und wollte mich immer weiterbewegen. Der Grund des Erfolgs von Pestilence ist wohl, dass ich immer versuchte, meinen Stil zu erweitern, ohne ihn zu verlassen. Ich höre nur meine Musik und sonst nichts. Ich bin sicher kein Größenwahnsinniger, aber ich lausche gerne meiner eigenen Musik und lerne dabei aus meinen Fehlern. Andere Bands würden mich da nur verwirren. „Hadeon“ ist ein gutes Beispiel meiner Entwicklung, weil es nahe der Perfektion ist. Ich würde ihm 8,5/10 geben, weil man natürlich immer noch besser werden kann, aber ich will irgendwann ein perfektes Album schreiben. Ich glaube nicht an Kritiker, die mich und meine Musik benoten, denn die meisten sind selbst keine Musiker und gehen nur nach Gefühl. Musiker sollten sich viel öfter gegenseitig bewerten, weil das wirklich allen weiterhilft.

Perfektion zu erreichen ist aber ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit. Und wenn, dann müsstest du direkt danach auf der Stelle aufhören.

Was ich meine ist, dass ich kein Problem mit meinen Alben und den verschiedenen Kombinationen unterschiedlicher Klänge habe. Wenn ich total mit allem zufrieden bin, dann würde ich mir 10/10 geben und dann habe ich meine Mission erfüllt. Es geht da um mich und meine Einschätzung meiner Kunst gegenüber. Ich finde Vergleiche mit den alten Pestilence-Alben so lahm, das bedeutet mir nichts. Es ist an den Haaren herbeigezogen und ich bin eher darauf aus, mich mit jedem Album zu verbessern.

Was denkst du denn über deine alten, vergleichsweise doch viel stumpferen Alben aus der heutigen Perspektive, in der du technisch wesentlich besser geworden bist?

Das ist ja das Problem. Wenn ich „Out Of The Body“ spielen muss, dann würde ich ihn heute natürlich anders schreiben. Ein Song ist aber ein Polaroid einer bestimmten Zeitspanne und das kannst du nicht mehr ändern – da geht es allen gleich. Natürlich spiele ich heute anders. Ich überlege mir auch, „Spheres“ noch einmal neu aufzunehmen. Ohne die verrückten Vocals und den abgedrehten Gitarrensound, ohne Keyboards. Einfach rau und pur – wie Pestilence eben klingt. Ich glaube, das Album könnte dann wesentlich erfolgreicher sein. Ich hoffe, dass die Leute nicht nur der Nostalgie der Band nachlaufen, sondern unseren Weg auch in der Gegenwart begleiten. Man kann Songs von damals nur dann gleich spielen, wenn alles drumherum exakt gleich klingt – das ist nicht mehr möglich.

„Spheres“ neu aufzunehmen ist also definitiv ein Plan und nicht nur ein Wunsch?

Das ist ein Plan, korrekt. Ich muss noch die Möglichkeiten seitens des Labels ausloten, aber an mir wird es nicht scheitern. Man weiß nie, was am Ende rauskommt, aber ich weiß, dass das Demo vor „Spheres“ viel brutaler klang und ich diesen Sound jetzt auch auf „Spheres“ projizieren kann. Natürlich war der Schritt riskant, so ein Album zu machen, nur um aus dem Vertrag zu kommen.

Hast du dir niemals Gedanken um deine Fans gemacht? Dass du sie mit diesem Album, das nur aus Vertragsgründen so klang, bewusst verprellst?

Zahlen die Fans meine Rechnungen, Versicherungen und meine Pension? Nicht wirklich. Natürlich kaufen sie die Alben und besuchen die Gigs, aber ich habe davon nichts gesehen. Ich musste aus diesem Vertrag raus, denn wer arbeitet sich den Arsch dafür ab, dass nichts für ihn herausschaut? Ich bin eine verdammt realistische Person, der immer vorgehalten wird, so negativ zu sein. Dem ist aber nicht so. Versetz dich in meine Lage und überlege mal, wie viel Energie ich in den Band steckte, ohne irgendetwas zurückzukriegen – da ist es ein Wunder, dass ich so lang dabei war. Ich will keine Band sein wie Anvil oder andere, die irgendwann im Backstage sterben werden für 100 Euro Gage und eine Kiste Bier. Der Tourbus, mit dem wir fahren, kostet uns pro Tag 1500 Euro für drei bis vier Wochen. Warum sollte ich mich verschenken? Es ist mein Job und ich will dafür entlohnt werden – und zwar fair und gerecht. Von außen sieht das immer alles so gut aus, aber es ist verdammt harte Arbeit und im Winter sind auch die halben Leute im Bus krank und infizieren die gesunden. Du musst trotzdem auf die Bühne, denn das ist Rock’n’Roll. All die Shows sind aber ausverkauft auf dieser Tour, ohne dass wir einen einzigen neuen Song spielten, aber das ist die Belohnung und darum tut man das alles.

Könntest du heute auf Zuruf jeden einzelnen der Pestilence-Songs aus der Vergangenheit spontan runterzocken?

Ja, das würde schon klappen. Es ist ja wie Radfahren – ein paar Mal trittst du an und dann läuft es wieder. Wenn das Publikum auch mitgeht, dann gibt mir das zusätzliche Energie und ich spiele noch besser. Wir spielen viele Klassiker und erreichen auch neues Publikum, das ist grandios.

Hast du einen persönlichen Favoriten aus all deinen alten Songs?

Meinen größten Kick gibt mir „Prophetic Revelations“ vom „Testimony“-Album und natürlich ist auch „Land Of Tears“ ein großes Highlight. Ich mag diesen Song auch viel besser als „Out Of The Body“, aber da ist dieses eine Riff, wo die Leute völlig durchdrehen (lacht). Wir spielen verdammt tight dafür, dass wir vor der Tour genau zwei Tage probten. Wirklich verrückt.

Hast du als Musiknerd und Instrumentenfetischist nie daran gedacht, dich auch in anderen Musikgenres auszutoben?

Das könnte ich schon machen und ich war auch mal ambitioniert in diese Richtung, aber ich bin ziemlich stigmatisiert in meiner Rolle bei Pestilence. Die Leute wollen nichts anderes von mir hören. Ich kann mittlerweile davon leben und darauf liegt auch meine Priorität. Ich habe eben eine Freundin, zwei Kinder und Rechnungen zu bezahlen und Pestilence ist heute ein Job. Es war lange genug ein Hobby, aber heute ist es auch ein Geschäft.

Irgendwie kurios, dass du gerade jetzt, wo die physischen Verkaufszahlen rapide zurückgehen, das erste Mal wirklich etwas von deiner Leidenschaft hast …

Das stimmt schon, aber wir haben auch immer etwas Geld von den Gagen der Shows gemacht und gut Merchandise verkauft. Man muss einfach einen guten Plan haben und das tun wir gerade. Zuerst das Old-School-Set, dann die „Hadeon“-Songs, dann geht es nach Südamerika und wieder retour. Selbst wenn das neue Album floppen würde, haben wir den Backkatalog und auch das 30-Jahre-Jubiläum von „Consuming Impulse“ naht in Riesenschritten, wo wir natürlich etwas Spezielles planen. Es gibt einfach sehr viele Möglichkeiten, wie wir relevant bleiben und Geld machen können.

Kommen wir mal zum neuen Werk. Basiert „Hadeon“ auf einem bestimmten Konzept?

Alles was ich mache, ist exakt durchdacht. Es ist kein Konzeptalbum, weil jeder Song seine eigene Geschichte erzählt. Die Texte überlappen sich manchmal, aber man sie auch gut voneinander trennen. Wir haben schon früher immer so originell wie möglich zu sein, waren niemals Obituary, Cannibal Corpse oder Deicide, die immer über dasselbe singen. Ich finde es irgendwie lächerlich über Satan zu singen und Gott die Existenz abzusprechen, denn dann kann es auch keinen Satan geben. In meinen 50ern versuche ich auch die Realität zu reflektieren und zeitgemäßer zu sein, außerdem ist das Albumcover in allen Bereichen eine Hommage an unsere alten Alben. „Hadeon“ ist eine Mischung aus Hades und Eons. Wir leben in einer Zeit, wo die Technologie längst schon die Menschlichkeit übernommen hat. Das habe ich schon vor 20 Jahren gesagt, denn ohne die Kraft der Technik würde es kein Leben mehr geben. Alles wird von PCs gesteuert und die Kids können keinen Tag mehr ohne Smartphone überleben. Auch die Erwachsenen reden nicht mehr miteinander und leben nur mehr auf den sozialen Plattformen und im weiten Internet. Ich habe keine Ahnung, wie das enden soll, aber es ist sehr furchterregend und dieses Album geht stark in diese Richtung.

Als großer Deicide-Fan habe ich mich übrigens schon des Öfteren gefragt, wie du geschätzt 160 Songs schreiben kannst, die sich nur um Satan drehen und doch immer wieder irgendwie anders geschrieben sind.

Sie sind noch immer da, aber lang nicht so groß wie es scheint. In den USA spielen sie nur mehr in kleinen Bars, aber sie verkaufen sich mit ihrer Historie, was auch okay ist. Ich könnte nicht immer das gleiche schreiben und spielen. Es ist okay, wenn du das magst, aber man sollte sich zumindest ein bisschen weiterentwickeln. Das gelang Cannibal Corpse mit dem letzten Album ganz gut, weil es grooviger war und sie wieder etwas mehr in Richtung Thrash gingen. Auch bei Pestilence ist mir wichtig, neue Wege einzuschlagen, ohne die eigene Historie zu verraten. Nach all den Trends rund um Deathcore, Porngrind und dem ganzen Zeug sind die Leute wieder bereit, den ursprünglichen Death Metal zu hören. Ein Suffocation-Album klingt heute wie ein Computerspiel, da ist nichts mehr organisch, alles zu perfekt. Das ist auch eine Folge der überbordenden Technologie. Man verlässt sich zu sehr darauf und vergisst dabei sein eigenes Handwerk. Ich mag es, wenn etwas rau ist, manchmal rauscht und du Fehler heraushörst. Das ist authentisch und so sollte es sein. Viele Subgenres haben sich irgendwann totgelaufen, weil sie nicht mehr kreativ waren.

Die Trends verlaufen aber in Zirkel. Es gab einen Stoner/Doom-Hype, dann kam der 70s-Rock, jetzt ist halt okkulter Black Metal gerade in. Es dreht sich doch ohnehin alles in unregelmäßigen Abständen im Kreis.

Wir haben in Holland ein Festival mit Carach Angren gespielt, die nehmen sich aber selbst nicht so ernst mit ihrem Corpsepaint. Ich war sehr amüsiert darüber. Ich bin kein großer Black-Metal-Fan, aber ich finde es ziemlich lächerlich, wenn alle über Negatives singen – außerdem ist Make-Up für Frauen. Wenn dir das Image wichtiger ist, als die Musik, dann kann ich dich nicht ernst nehmen. Als ich 16 war, haben wir uns ganz am Anfang für ein Konzert so einen Jeff-Hanneman-Eyeliner draufgeworfen, aber das habe ich sofort wieder verworfen (lacht). Denk zurück an Destruction – damals war das cool, aber Schmier sieht heute auch nicht mehr ganz so extrem aus.

Wie verhinderst du bei deinen Kindern übermäßige Verwendung von Smartphones und dem Internet?

Gar nicht, es ist nicht möglich. Die Medien diktieren dir, welche Produkte du kaufen sollst, denn wenn du das nicht tust, bist du nicht so fortgeschritten, schön oder klug wie andere Menschen. So läuft die Welt heutzutage. Allein schon der Mist zwischen iPhone und Samsung. Die machen so viele Millionen von Dollar mit diesen handlichen Geräten, während Millionen Menschen an Hungersnot sterben. Jeder sollte sich dafür schämen, aber wenn du da drinhängst, dann vergisst du das. Da geht es jedem von uns gleich. Du kommst kaputt vom Job heim, wirfst dich vor den Fernseher und wirst von ihm manipuliert und indoktriniert. Der Wert der Menschen ist heute nicht mehr das Menschsein selbst, sondern die Darstellung derer auf bestimmten Plattformen. Jeder hat seine Meinung zu allem und schreit sie raus. Früher konntest du nur einen Leserbrief an den Metal Hammer schreiben, heute kannst du so widerlich sein wie nur möglich, ohne dass dich jemand daran hindern kann. Das Leben hat heute keine Bedeutung mehr und meine Kinder haben eine andere Realität als ich in ihrem Alter. Deshalb singe ich über „Multi Dimensional“ oder „Ultra Demons“ – da geht es nicht um herkömmliche Dämonen. Es geht darin um Bulimie und Anorexie. Du musst auch zwischen den Zeilen lesen, um zu verstehen, was ich zu sagen habe. Solange die Leute nicht wieder selbst denken und ihre eigene Meinung bilden, solange wird es mit der Welt bergabgehen. Das ist im Metal nicht anders. Hast du keine langen Haare oder keine Kutte, bist du kein Teil der Szene. Dann kamen noch all diese Subgenrekategorisierungen, es wurde immer schlimmer. Ich glaube an das Karma. Wenn du Leute schlecht behandelst, wird das auf dich zurückfallen. Sei also besser eine nette Person.

Fühlst du dich heute wohl in der Metalszene? Du bist, ob du willst oder nicht, schließlich ein Teil davon.

Ich war nie ein Teil von irgendeiner Szene und habe immer meinen Stiefel durchgezogen. Ich wurde immer dafür kritisiert. Ich lüge niemals und sage dir immer klar, was Sache ist und was ich mir denke. Ich werde aber nichts sagen, bis du mich fragst. Ich werde zum Beispiel nie etwas Schlechtes über Martin van Drunen sagen, bist du mich fragst. Aber das ist ja der große Untergang mittlerweile. Diese „Blabbermouth-Journalismus“, wo es nur mehr um Gerüchte und Schlagzeilen geht. Diese Leute sind dafür verantwortlich, dass durch diese Bashing-Subkultur der Hass unter den Menschen steigt. Früher war das nicht so, die Leute standen sich näher und konnten diskutieren. Heute gibt es nur mehr Hass und Gemeinheiten und ich bin ganz weit weg von jeder Szene. Ich höre keinen Metal, gehe in keine Metal-Pubs und kümmere mich nur um Pestilence. Manchmal höre ich mir diese holländischen DJs wie Hardwell an, weil ich finde, dass sie wirklich großartige Songs mit tollen Produktionen geschrieben haben. Ich bin kein Metaller mehr.

Aber dieses extreme Szenendenken hat sich doch auch schon aufgeweicht. Heute kannst du auch mit anderen Frisuren auf Metalkonzerte gehen, ohne blöd angemacht zu werden.

Du würdest nicht glauben, wie engstirnig alles noch ist. Ansonsten würden Websites wie Blabbermouth auch nicht so groß sein. Unlängst hat mich jemand im Netz angepisst, weil ich Shirts meiner eigenen Band trage. Der Typ nannte mich deshalb einen Trottel, obwohl ich ihn nicht um seine Meinung sagte. Ich würde niemals zu Steve Harris gehen und ihn als Deppen bezeichnen, weil er Iron-Maiden-Shirts trägt. Was soll das? Aber dieses Denken ist immer noch weit verbreitet. Die Engstirnigkeit geht nicht weg, das ist ein Irrglaube. Viele Menschen leben von dieser Negativität. Ich trage meine Pestilence-Shirts mit Stolz, weil das mein Leben ist und ich zu 100 Prozent dahinterstehe. Ich fühle mich nicht besser als andere, aber ich trage meine Shirts. Darfst du als Fußballer auch nicht mehr deinen Namen und deine Rückennummer tragen? Völlig schwachsinnig.

Vor einigen Jahren hättest du im Wiener Viper Room ein Konzert spielen sollen, ihr wart schon da, die Leute hatten Eintritt bezahlt und es fand im Endeffekt nichts statt. Was war da los?

Ein weiteres Thema, das völlig aus dem Rahmen krachte. Warum spiele ich im Escape? Hast du gesehen, wie klein die Location ist? Und ich spiele trotzdem. Es lag also nicht daran. Es gab keine PA und niemand machte Anstalten, dass sich das bis zum Konzertbeginn ändern sollte. Es gab keinen Grund für mich, dann dort ein Konzert zu spielen, wenn nicht ein bisschen Professionalität herrscht. Der lokale Promoter sagte mir auch, dass es keine PA geben würde, aber er hatte genug Zeit, das vorzubereiten. Wie soll ich dann spielen? Es waren 240 Fans, die total auszuckten und es ging alles aus dem Leim, aber du siehst ja, dass wir hier heute spielen, obwohl wir größere Hallen spielen könnten. Natürlich spiele ich nicht mehr im Viper Room, ich habe ja auch keinen Sex mit meiner Ex-Freundin. Ich bin aber in positiver Mensch und nicht so, wie alle glauben. Ich habe damals auch meinen Promoter gefeuert, weil er seinen Job auch schlecht machte – so ist das manchmal im Leben. Es geht nicht um mich, oder darum, dass ich „Mr. Pestilence“ bin, die anderen in der Band hätten damals auch nicht spielen können unter diesen Umständen. Wir haben nicht umsonst unseren Rider und brauchen ein Minimum an Technik, um unsere Show zu spielen. Es ist relativ simpel.

Dazu die Gegendarstellung von Viper-Room-Inhaber Martin Borovnik:

Wir hatten schon damals wöchentlich zwei bis drei Konzerte, die IMMER über die gleiche PA gespielt wurden. Die PA ist seit 11 Jahren fix eingebaut und wird natürlich nicht extra ausgebaut. Deshalb meine Nachricht an Herrn Mameli: Hör endlich auf, diesen Scheiß zu behaupten und gib endlich zu, dass du zu faul, oder zu fein dafür warst, dein Zeug runterzutragen. Du hattest nicht einmal die Eier, dich den Fans zu stellen, sondern bist dann auch noch ganz schnell abgehauen, damit du mit deinen Fans nicht reden musst. Die übrigens dann alle noch auf ein Bier im Club waren und Musik über die vorhandene PA gehört haben, weil sie schlicht und ergreifend IMMER im Club vorhanden ist und über die mittlerweile 5000 Bands gespielt haben. Mit einer Ausnahme: Pestilence.

Und weiterführend die damalige Berichterstattung im Metal Hammer.

Schauen wir lieber nach vorne – was planst du mit Pestilence noch alles für die Zukunft?

Ich bin überzeugt davon, dass es mit der Band noch lange weitergeht. Ich hatte immer sehr viele Ideen, aber jetzt bekomme ich auch endlich etwas dafür bezahlt. Natürlich will ich weitermachen und die Fackel der Band weitertragen. Vor allem die alten Songs kommen natürlich extrem gut an und ich bin voll motiviert, all meine Pläne künftig auch umzusetzen. Wenn junge Musiker mich um einen Rat fragen, sage ich immer: „Macht einfach gute Songs, denn im besten Fall müsst ihr diese Songs 25-30 Jahre lang spielen“. Wenn du nicht dazu stehen kannst, dann kriegst du damit ein großes Problem. Umgib dich mit positiven Menschen, die dir guttun und die dir gutes wollen. Das ist nicht immer einfach. Erfolg ergibt sich aus Talent und auch dem Umgang mit den richtigen Menschen. Das ist wichtig und wird oft zu stark unterschätzt.

Pestilence

Autor Robert Fröwein im Gespräch mit Patrick Mameli von Pestilence

„Hadeon“ von Pestilence ist am 26. Jänner bei Hammerheart Records erschienen. Das Interview wurde am 6. Februar im Escape Metalcorner geführt.
Fotos: Christoph Kaltenböck, Bearded Buck Photo

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